Die Stimme der Gosse

Lohnt es sich noch, über Jan Fleischhauer zu schreiben? Welche Erkenntniswerte stecken in einer Figur, die ihre eigene Meinung zur Faktenlage erklärt?
Wenig genug, weshalb Fleischhauer auf diesem Blog auch immer seltener behandelt wird. Sein letzter Artikel vom Donnerstag hat aber ein gewisses Potential, eine Absurdität und Sprachlosigkeit, die reizt.
»Nach dem Absurden kommt das Lächerliche.« Eine Absatzüberschrift in seiner Kolumne, der Fleischhauer vollkommen gerecht wird. Fleischhauers Bestreben, auf einer Linie zu balancieren, die man eben gerade noch als ultrakonservativ bezeichnen kann, bringt ihn regelmäßig dazu, sich für Dinge stark zu machen, die gelegentlich bei der Niederschrift seiner »Werke« bereits überholt sind. Überholt, weil diejenigen, zu deren Schutz sich J.F. aufschwingt, bereits ängstliche Rückzieher machten, was den tapferen Autor gelegentlich alleine im Kugelhagel stehen läßt. So auch hier.

Es war nur ein Frage der Zeit, bis Fleischhauer das Thema Edward Snowden für sich entdeckt.

»Wenn es um das Versprechen geht, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden, ist Datenfischen das geringste Problem, sollte man meinen.«

Eine Meinung, der sich das Bundesverfassungsgericht noch nicht zur Gänze angeschlossen hat. Und auch die deutsche Industrie reagiert gelegentlich allergisch auf Industriespionage.

»Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass ausgerechnet die russische Hauptstadt einmal zum neuen Mekka der Menschenrechte werden würde. Ich fand schon die Botschaft Ecuadors in dieser Hinsicht eine überraschende Wahl, auf Moskau wäre ich nie gekommen.«

Das liegt daran, daß die sogenannten Rechtsstaaten mittlerweile alles andere als ein sicherer Hafen für Asylsuchende sind – übrigens auch dank Mithilfe von Journalisten wie Fleischhauer. Sowohl der Schutz vor politischer Verfolgung wie auch der Schutz der Privatsphäre sind eherne Grundsätze, die jeder zu respektieren hat. Es ist der Mangel an Humanität, an Rechtsempfinden und die Aufgabe von Eigenständigkeit, die dazu führen, daß menschenrechtlich fragwürdige Staaten wie Russland oder China die letzte Zuflucht werden können. Der Tadel fällt auf den Ankläger zurück.

»Nachdem der ehemalige CIA-Mitarbeiter schon mit Andrej Sacharow und Ethel und Julius Rosenberg verglichen wurde, hat er nun endgültig das Walhalla der Märtyrer erreicht: Im „Stern […].«

Der bemüht sarkastische Unterton ist für Fleischhauers Jubelperser der Kommentarspalten sicherlich das richtige Trollfutter – das Beispiel des Ehepaars Rosenberg an dieser Stelle aber nicht uninteressant. Wenn heute in der Nachschau die Hinrichtung der beiden als herausragendes Beispiel der Kommunisten-Hexenjagt des Senators McCarthy betrachtet wird, so stellt bei Fleischhauers Überlegung

»Bleibt die Frage, was dann der Friedensnobelpreisträger Obama ist. Der erste schwarze Hitler?«

die Frage: Ist der Friedensnobelpreisträger Obama der neue McCarthy, soweit es Whistleblower betrifft? Die Gnadenlosigkeit wäre schon vergleichbar.

Um gleich in der McCarthy-Ära zu bleiben: Fleischhauers Versuch, die letzte SPD-Regierung als eigentlichen Schuldigen für die devote Zusammenarbeit mit den USA und letztlich dem NSA auszumachen, entspricht dem Stil dieses Kolumnisten. Leider wohl kaum den Tatsachen. Das Zeitalter dieses amerikanischen Senators fällt in die Ära Adenauer und der Wiederaufrüstung der Bundesrepublik. Sucht man nach den Wurzeln des treu ergebenen Vasallen: Hier wird man mit Sicherheit fündig.

Es spielt aber auch alles gar keine Rolle. Die Denunziationen Fleischhauers, sein Wahlkampfgetöse für die CDU und seine Meinung, daß das Grundgesetz grundsätzlich überschätzt wird, reihen sich in ihrer Sprach – und Argumentationlosigkeit eigenartig schlüssig in das ein, was die Bundesregierung seit Wochen von sich gibt: Die verzweifelte Suche nach einer guten Ausrede.
Warum sollte auch J.F ausgerechnet dort Antworten haben, wo die anderen stammeln.

Bleiben wir also ruhig noch ein wenig bei »Tail-Gunner Joe« McCarthy. Jener Zeit also, in der das blindwütige Vertrauen in die moralische Überlegenheit des american way of live mit der Trotzlüge des deutschen Wirtschaftswunders eine Zweckehe einging; das Ergebnis nennt man heute »deutsche Identität«.

Es war die Zeit, in welcher der damalige deutsche Minister des Inneren Gustav Heinemann (damals CDU) aus Protest gegen die deutsche Wiederbewaffnung seinen Rücktritt einreichte. Einer Geste, die im heutigen Bundestag zu Heiterkeitsausbrüchen führen würde. Heinemann tat das aus Gewissensgründen; Gründen also, deren Sinn sich im 21. Jahrhundert offenbar nur schwer erschließt.

»Das ist nicht zynisch, sondern die Wahrheit: Die Angst vor dem Datenklau ist ein Thema für Leute, die andere Probleme schon hinter sich gelassen haben.«

Nein, Herr Fleischhauer: Das ist nicht zynisch – es ist dumm.

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0 Kommentare zu Die Stimme der Gosse

  1. altautonomer sagt:

    Fleischhauer ist der Franz-Josef Wagner für Bildungsbürger. Sein Motto: „Ich hasse bullshit, aber ich werfe auch gerne damit um mich.“

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  2. pantoufle sagt:

    Moin Altautonomer
    Ja, nein, ja, nein… Wagner ist konsistenter und zwar dadurch, daß er flexibler ist. In gewissem Sinne verkörpert er tatsächlich Volkes Stimme. Die ist nämlich nie gleich, sondern genau so eine Wetterfahne wie die F.J. Wagners.
    Fleischhauer ist ein Troll mit einer Mission. Immer dieselbe Stoßrichtung, immer derselbe Gegner. J.F. versucht den Wind zu erzeugen, nach dem Wagner sich dreht. Fleischhauer ist Broder, Pyka oder Seibel deutlich näher als Wagner. »Das darf man ja wohl noch sagen« Journalismus oder wie Klaus Jarchow es nannte: Thekenjournalismus.
    Nicht, daß man Wagner nicht auch an der Theke antreffen würde – es ist freilich eine Andere. Eher die Imbissbude, während J.F. im Cafe Einstein under den Linden anzureffen ist. Der qualitative Unterschied verwischt sich nach dem 4. Drink, aber es bleibt der Unterschied in der Intension.

    P.S. Von daher ist mein Titel falsch: Stimme von der Cocktailbar.

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  3. Thelonious sagt:

    pantouffle: Es ist nur ein Geschäftsmodell. Ein ziemlich widerwärtiges zwar, aber nur eine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Mehr nicht. Fleischhauer ist ein poser. Nichts, was er schreibt, hat Belang, denn er steht vermutlich nicht einmal selbst dahinter. In seiner Kolumne ist nicht ein originärer Gedanke zu finden. Alles nur wiedergekaut, vermengt und dann ins Netz gekotzt. Natürlich mutet dies eklig an und müffelt auch – aber wirklich gefährlich ist es nicht.

    Er bedient den reaktionär-faschistoiden Bodensatz der Gesellschaft. Und diesen gab es bereits vor J.F. Es wird ihn auch nach ihm geben. Deine Befürchtung, er könne durch diese Kolumne auch andere Teile der Gesellschaft erreichen oder gar rückwärtsgewandte Diskussionen anstoßen, teile ich nicht. Denn er springt nur auf einen vermeintlich bereits fahrenden Zug auf. Manchmal, wie in diesem Falle, steht der Zug allerdings bereits an der nächsten Station. Und der arme Jan sitzt, nach seinem großen Sprung nach vorne, auf den Geleisen und reibt sich den schmerzenden Steiß.

    Vielleicht solltest du Fleishauer auf einer anderen Ebene lesen. Er hat keine Intention, zumindest nicht die, die du ihm unterstellst (und hier unterscheidet er sich meiner Meinung nach auch von Broder) Er ist nicht der Meinungsmacher des rechtspopulisitischen Stammtisches, sondern sein Epigone. Tatsächlich ist er dadurch der Chronist eines randwärtigen Teiles des gesellschaftlichen Diskurses. Unter diesem Aspekt wird Fleischhauer interessant.

    Als Feindbild taugt er jedoch nicht.

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    • pantoufle sagt:

      Schullige wegen der späten Reaktion. Wie ich in meinen Spielregen in der Kopfleiste so richtig schrieb, habe ich manchmal keine Antwort. So auch in diesem Fall. Über ein paar Dinge sind wir uns einig – was die Wirkung von J.F. betrifft und sein Einfluß auf Diskussionen am rechten Rand nicht.
      Ich würde nun gerne in epischer Breite erklären, was ich daran falsch finde, aber alle Ansätze, die ich bis jetzt gemacht habe, trafen nicht den Kern der Sache. Es gibt nun drei, vier verschiedene Versionen einer Antwort auf meiner Festplatte, die aber streng genommen Müll sind. Es sieht wohl so aus, daß ich es selber nicht genau weiß.
      Es gibt einen Reflex bei mir, der mich jedes Mal, wenn ich eine Ungerechtigkeit zu entdecken glaube, meine Ratio zum Essen schickt. Das trifft auf Fleischhauer sicherlich auch zu. Trotzdem bilde ich mir ein, daß es ernsthafte Gründe geben muß, ihn zu bekämpfen.
      Beim Spiegelfechter gibt es gerade einen Artikel über J.F. , der auf einer anderen Ebene sehr blutarm bleibt. In dieser Beziehung hast Du recht: Darüber muß ich noch nachdenken. Also keine Antwort, sondern nur das Versprechen, darüber nachzudenken.

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  4. Ex-Vermieter sagt:

    Also keine Antwort, sondern nur das Versprechen, darüber nachzudenken.

    Sehr sympathisch, wer will/kann sich das heutzutage noch leisten?
    Danke für den Artikel!

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