Die Kopisten

Albert Khan Autochromes (5)

Haben verschiedenen Nationen besondere Begabungen, Fähigkeiten oder Fehler?
Ein unausrottbarer Stammtisch-Imperialismus besteht ja nach wie vor darauf. Dort, wo im Dunst ungewaschener Männlichkeit bei billigem Fusel das durchaus ernst gemeinte Urteil kreist »… da haben es die wodkatrunkenen Russen nicht so mit… de han de Zidder! Höhöhö!« Ob das nun die kindliche Rache für Stalingrad oder ein nervöses Zittern des Restmoleküls Gehirn ist, das am seidenen Faden zwischen den Ohren schwingt…
Haben sie nun oder haben sie nicht?

Nein, natürlich nicht. Sie haben vielleicht Mentalitäten – das ist ja etwas anderes! Landschaften, die sich dem Leben widmen, dem guten Essen und edlen Wein würden ja niemals eine Revolution – wie Frankreich oder Italien zum Beispiel. Deutschland dagegen… Wie man sieht, kommt man schnell zum eigentlichen Punkt: Cui bono?

Japan zum Beispiel kopiert auch nur alles. Vom Westen natürlich – woher auch sonst? Der Japaner an sich hat Pappwände und Tapetentüren, Geishas und nadelscharfe Schwerter, mit denen man sich gegenseitig massakriert. Und den ganzen Tag spielt irgend jemand Shō. Seit rund 3000 Jahren, ein bemerkenswert altes Instrument.
Und kopiert werden dort Autos, Motorräder, Kameras, Flugzeuge, Schiffe…alles eben! Natürlich würde kein halbwegs zurechnungsfähiger Mensch so etwas heute noch behaupten. Der american way of live besteht mittlerweile darin, japanische Produkte zu kaufen. Aber es ist noch nicht so lange her, als daß man so etwas noch mit vollem Ernst behauptet hätte – und niemand hätte gelacht! Durchaus noch in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts.

Im Falle des Spätstarters Japans ist das eine bemerkenswerte Geschichte – nicht nur wegen der Kopien. Wieso ist ausgerechnet Japan das einzige nicht dem westlichen Kulturkreis zugehörige Land, daß es zu einem Weltmarktführer gebracht hat? Keine Sorge: Das soll hier nicht erläutert werden! Obwohl es angesichts von China und Indien, die erst gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts aus dem Stadium von Schwellenländern traten, eine interessante Frage ist. Vor allem unter dem Aspekt der doch spärlichen Bodenschätze dieses Landes.
Das Land, das unter der Herrschaft des Shogunats der Tokugawa (1603 – 1868) nahezu vollständig von der Außenwelt abgeschnitten war, besiegt im russisch-japanischen Krieg 1904/1905 eine große europäische Kontinentalmacht. Mehr noch: Alle Admiralitäten weltweit sehen gespannt auf das erste große Seetreffen moderner Schlachtschiffe seit Einführung der Dampfmaschine. Ausgerechnet Japan, kaum 40 Jahre nach der Meiji-Reform, stellt sich einer Großmacht und dazu noch auf See, dem Hi-Tec-Revier der damaligen Zeit.

Die Schiffe des kommandierenden Admirals Tōgō waren freilich noch in England gebaut, bei Vickers, Armstrong-Whitworth oder Thames Ironworks, er und seine Offiziere in England ausgebildet. Japan als englisches Schwert gegen die Expansionsbestrebungen Russlands im Pazifik (Diese anglo-japanische Allianz hatte ein bemerkenswert langes Leben. Sie bestand zwischen 1902 – 1923.)
Der russische Gegner umrundete für dieses Gefecht beinahe die ganze Erde. Ein Verband mit den modernsten russischen Schlachtschiffen, gebaut nach französischen Plänen auf russischen Werften unter der Führung von Admiral Sinowi Petrowitsch Roschestwenski, erreichte nach etwas 7 Monaten ihr Ziel in der Tsushimastraße. Admiral Tōgō hatte seine Zeit damit verbracht, seine Verbände zu drillen, Roschestwenski Schiffe gehörten streng genommen ins Dock. Dorthin hätte jedes Kampfschiff, gleich von welcher Nation gebaut, zur damaligen Zeit nach einer solchen Reise gehört. Unter diesen für die Japaner vorteilhaften Bedingungen gelang es Admiral Tōgō, die russischen Verbände nach Lehrbuch nahezu vollständig zu vernichten.

Mehr noch: Englands erster Seelord John Arbuthnot Fisher nahm die Ergebnisse der Seeschlacht zum Anlass, das größte maritime Wettrüsten der Geschichte auszulösen. Die Analysen dieses Gefechts bestärkten Fisher darin, faktisch alle Schiffe der Royal Navy als veraltet zu erklären und mit dem Bau des Großkampfschiffes Dreadnough einen neuen Standard zu schaffen.
Nach der Seeschlacht von Tsushima baute Japan seine Schiffe auf eigenen Werften. Man kopierte – mit kleinen Verbesserungen. Wozu das Rad neu erfinden? So wie auch all die Konstruktionsbüros in London und Le Havre einige Details bemerkt hatten, wie es besser nicht machen sollte. Ab 1914 bewegte sich der japanische Schlachtschiffbau auf internationalem Niveau.

Kopiert wurde auch an anderer Stelle.
Japan wurde kein Opfer der Kolonisierung. Genau die Kanonenbootpolitik der USA, die Landung der sogenannten schwarzen Schiffe unter Commodore Perry 1853 und eine dadurch erzwungene Öffnung Japans wenigstens gegenüber den USA, verhinderte das. Sie beschleunigte lediglich das Ende der Tokugawa-Herrschaft, ohne daß es durch ihr Ende zu einer längeren Phase größerer Instabilität kam. Die Ablösung des mittelalterlichen Shogunats durch den Prozeß der Meiji-Restauration, die Revolution der Elite, geschah erstaunlich reibungslos. Die Reformer entstammten zum großen Teil der Samurai-Kaste.
Der scheinbare Widerspruch, man hätte als Elite der Tokugawa-Zeit die Abschaffung der eigenen ständischen Privilegien vorangetrieben, erklärt sich dadurch, daß ihr Status zur Zeit des Shogunat de facto der eines bezahlten Angestellten gewesen war. Gemessen an anderen feudalen Systemen wie denen in China oder Korea hatte man wenig zu verlieren.

Der Umsturz des Schogunats und die Restauration der Monarchie im Jahre 1868 bedeutete keineswegs eine Abschaffung des feudalen Regimes, sondern seine Umwandlung in einen Absolutismus unter Tennō Mutsuhito (1853-1912). Die Territorien der Schogunate und der halb unabhängigen Fürsten gingen 1871 in die Hand der Zentralregierung über und wurden in Präfekturen neu organisiert. Gleichzeitig wurde ein modernes Heeres- und Marinewesen geschaffen. Ebenfalls 1871 wurde die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. Der Erlaß der Reichsverfassung 1889 als Kopie des preußischen Scheinkonstitutionalismus bedeutete die endgültige Konsolidierung dieses Regimes.

Anderseits wurden Beschränkungen im Handelsverkehr sowie Binnenzölle, das Gilde-Monopol abgeschafft und die Gewerbefreiheit und Freizügigkeit im Jahre 1869 anerkannt. Die Grundsteuerreform von 1873 bestätigte das Privateigentumsrecht eines Bauern, sofern er dafür eine Belastung von 3% des geschätzten Bodenwertes tragen konnte. Ab 1880 gab es, wenn auch gegen heftigen Widerstand, die allgemeine Schulpflicht – bereits 20 Jahre später besuchten 90% aller japanischen Kinder eine Grundschule. Nicht nur diese Reformen wurden rücksichtslos sowohl gegen die reaktionäre Ritterschaft wie auch gegen demokratische Volksbewegungen, Großbauern oder Industrielle nötigenfalls mit Gewalt durchgesetzt. In dieser Verfassung war das Verwaltungsrecht und die Militärhoheit dem Kaiser vorbehalten, die Macht von Parlament (vom äußeren Aufbau her eine Kopie des britischen) und Volk auf ein unvermeidliches Minimum beziehungsweise administrative Aufgaben beschränkt.

Durch die Heeresreform verloren die Samurai ihre ehemalige Hauptaufgabe der Landesverteidigung. Nachdem sie zunächst mit Pensionszahlungen in Form von Reiszuteilungen abgefunden wurden, wandelte die Regierung jene Zahlungen im Jahre 1876 in verzinsbare Schuldverschreibungen um, die durch ihre im Vergleich zu Naturalien niedrigere Verzinsung den Staatshaushalt entlasten sollten. Diese Maßnahme reduzierte ihr Einkommen schlagartig um 10 bis 75%. Ohne erbliche Privilegien war man gezwungen, nach neuen Einkommensmöglichkeiten Ausschau zu halten. Der Versuch vieler, ein Einkommen im Regierungsdienst oder als kapitalistische Unternehmer zu finden, beschleunigte die Schaffung einer dynamischen, leistungsorientierten Gesellschaft. Die industrielle Revolution ohne die Zwischenstufe des Merkantilismus, auch das ein japanischer Sonderweg. Das fast völlige Fehlen einer modernen Bourgeoisie erleichterte den Eliten den Einstieg in die neue Zeit.

Die japanischen siegreichen Schiffe mit ihren Besatzungen kehrten nach dem Sieg Admiral Tōgōs in ein Land zurück, das sich nicht nur in diesem Moment im eingeschlagenen Kurs bestätigt sah. Ein »reiches Land mit starker Armee« (fukoku kyohei), das durch die Verbindung von östlichem Denken und westlicher Technologie erreicht werden sollte. Einem Land, das festgestellt hatte, daß der wirtschaftlich-technische Vorsprung des Westens jüngeren Datums war, durchaus einholbar und vorrangig abhängig von der Modernisierung der eigenen Gesellschaft und Wirtschaft als nationaler Aufgabe.
Zwischen 1872 und 1900 ist Japans Bevölkerung von 33,1 Millionen auf 45 Millionen Menschen gewachsen, für die Zeit von 1880 bis 1900 gibt es ein Wachstum der Industrieproduktion von 5% per anno (weltweit in diesem Zeitpunkt etwa 3,5%) und zwischen 1895 und 1905 überholt man darin sogar die Vereinigten Staaten. Die fähigsten Studenten werden ins Ausland geschickt mit der Erwartung, daß sie ihr erworbenes Technik-Wissen in die japanischen Betriebe bringen und die Modernisierung vorantreiben.

Wie auch in anderen kapitalistischen Staaten ging diese Entwicklung einher mit dem Drang internationaler Erweiterungen. Im Falle Japans mit der Okkupation Koreas bereits 1876, dem ersten chinesisch-japanischen Krieg (1894-1895) und nicht zuletzt dem Russisch-japanischen Krieg (1904-1905), dessen Ende und finalen Sieg Tōgōs Erfolg über die russische Flotte darstellt. Eine exakte Kopie imperialistischer Maßregeln, wenn auch ohne die gelegentliche Altersmilde eines viktorianischen Imperiums – Englands idealer, extrem aggressiver Verbündeter im Pazifik.

Man begann sich vor Ort technisch helfen zu lassen. Überschaubare Kontingente westlicher Fachleute wurden für eine gewisse Zeit eingeladen. Aus den verschiedensten Nationen – man wollte sich keinesfalls weder technologisch noch Ideologisch binden. Niemals für lange Dauer, nie in leitenden Positionen.
Unter anderem lud 1920 einer jener Samurai, die den Sprung ins Wirtschaftsleben erfolgreich geschafft hatten, acht deutsche Optiker und Techniker unter anderem von Zeiss und Voigtländer nach Japan ein. Man kam gerne: Die Wirtschaftslage nach dem verlorenen Krieg erleichterte solche Entschlüsse ungemein.

Das spätere Industrie- und Handelsimperium (gegründet 1873) des Iwasaki Yatarō war 1917 um die Bereiche Glas und optische Instrumente erweitert worden. Eine Fusion der Firmen Tokyo Keiki Seisaku Sho, Iwaki Glass Manufacturing und Fujii Lens Seizo Sho unter dem Dach des Mutterkonzerns Mitsubishi.
Die Deutschen begannen zusammen mit 200 einheimischen Technikern 1924 mit der serienmäßigen Herstellung von Kamera-Optiken neben der natürlich deutlich profitableren Herstellung von Produkten für die Rüstung und Forschung. Dieser optische Zweig von Mitsubishi, die Nippon Kogaku Kogyo K.K. entwickelte sich bis zum Ausbruch des zweiten Weltkrieges zu einem japanischen Gegenstück der deutschen Zeisswerke. Er wurde zum größten Lieferanten von optischen Geräten für die Streitkräfte und lieferte alles vom Feldstecher für die Infanterie bis zu Entfernungsmessern auf den Schlachtschiffen Japans. Aus den 200 Mitarbeitern des Jahres 1921 waren 1945 ca. 23.000 geworden. Man kopierte fleißig alles, was kopierenswert erschien – ab 1923 nahm das erste eigene Labor für Glasforschung seine Arbeit auf. Kopieren mit kleinen Verbesserungen.

Die Geschichte des zweiten Weltkrieges Japans ergab, daß man nicht unbedingt aus Österreich kommen mußte, um unvorstellbare Kriegsverbrechen zu begehen. Man hatte es zwar graduell harmloser betrieben was die absoluten Zahlen betrifft, kaum aber an Fanatismus und Grausamkeit. Das Wort Kopie soll an dieser Stelle allerdings nicht fallen – da gibt es doch deutliche Unterschiede.
Der Sieg der Alliierten war hart erkämpft: Es waren nicht veraltete Kopien westlicher Kampfflugzeuge gewesen, gegen die man lange keine Gegenstück besaß. Die Techniker aus Deutschland der Heinkel-Flugzeugwerke hatten erfolgreiche Entwicklungshilfe geleistet wie auch andere Nationen, allen anderen voran England. Nimmt man die Kriegsdauer als Parameter für eine erfolgreiche Industrialisierung, war Japan im Kreise der großen Industrienationen angekommen. Rund 77 Jahre nach der industrielle Revolution – kein schlechter Schnitt verglichen mit dem Abendland.

Der Fall 1945 von der imperialistischen Großmacht zum okkupierten Japan war tief. Das waren sehr kleine Brötchen unter einem Sieger, der auf jede noch so winzige Kleinigkeit schiß, die dem Besiegten als traditionelle Wert galten. Vae victis, und wenn der Sieger noch so schäbig daherkommt. Die kommende Weltmacht glänzte mit schlechten Manieren – wann hatte jemals ein siegreicher Militär die Kapitulationserklärung mit fünf verschiedenen Füllfederhaltern unterzeichnen lassen, um sie anschließend ausgewählten Personen schenken zu können? Man hat diesen General später mit einem Bauwerk geehrt: Dem Douglas-MacArthur-Tunnel. Äußerst passend.

Am 16.Oktober 1945 erteilte die amerikanische Besatzungsarmee der Nippon Kogaku Kogyo K.K. die Genehmigung der Wiederaufnahme der Produktion ziviler Güter. Im April des folgenden Jahres liegt dort eine Handmuster-Serie von 35mm Kameras und man benennt die Firma erst einmal um. Aus dem sperrigen Nippon KogakuN Kogyo K.K. wird… zwar kürzer, aber bis 1951 noch mit dem diesen Effekt eliminierenden Zusatz »Made In Occupied Japan« versehen. (Das »N« kam übrigens erst später dazu.)
Damit steht man nicht alleine da. Japans Industrie und ihre Strukturen werden systematisch zerschlagen. Die Arbeitslosigkeit von mehr als 40% (30% nach anderen Quellen) wird nur dadurch gelindert, daß viele Arbeiter aus den Fabrikhallen zurück in die Dörfer gingen. Nicht nur Japans Rolle als Großmacht soll für immer beendet werden – auch den wirtschaftlichen Konkurrenten will man für möglichst lange aus dem Weg räumen. Was Japans Wirtschaft rettet, ist der Koreakrieg 1950, als Japan zum Alliierten und Truppenstützpunkt wird. Wem dieses Prinzip bekannt vorkommt, sollte den vorangegangenen Satz schnell wieder vergessen. Dieser Koreakrieg war im übrigen auch der Hauptgrund des deutschen Wirtschaftswunders; Stichwort Stahlerzeugung.

Um die knapp über Manufakturgröße arbeitenden Fabriken wieder zu beleben, baut man nach, kopiert vorzugsweise das, was gebraucht wird. Kleine Motorräder und Autos, Optik und Seide. Sämtliche deutschen Patente waren für vogelfrei erklärt worden – das ist erst einmal ein unerschöpflicher Pool für eigene Ideen. Die Firma Suzuki (seit 1887) stellt 1954 die Herstellung von Webstühlen endgültig ein und verschreibt sich dem Zweitaktmotor. Den deutschen Patenten für die Schnürle-Umkehrspülung sei Dank äußerst erfolgreich. Seit 1948 werkelt ein gewisser Sōichirō Honda mit verbissener Energie an seinen Maschinen. Er hat es mit den Engländern (sozusagen aus bewährter Tradition) und kommt seinen Vorbildern immer näher. Als sich BSA, Norton und Royal Enfield nur noch selber kopieren, beweist Honda, daß man auch 2 Zylinder/4-Takt-Motoren bauen kann, unter denen nicht grundsätzlich eine Öllache schwappt. Ein Kunststück, für das Norton noch ein paar Jahrzehnte braucht – die anderen wird es dann schon nicht mehr geben. Da baut Honda allerdings schon in ganz groß und mit vier Zylindern (ein Kunststück, an dem man sich in England die Zähne ausbiss) und könnte den ehemaligen Ideenlieferanten aus der Portokasse bezahlt kaufen.
1962 gewinnt Mike »the bike« Hailwood die Weltmeisterschaft auf einer Honda in der 250ccm-Klasse. Die Originale jener »Kopie« stehen im Museum.

Zeiss (Ikon), Leica, Voigtländer und Rollei gab es natürlich auch noch. Große Namen aus dem Land der Feinmechanik (…ja, das können sie, die Teutonen! Höhöhö). Sie lieferten die Vorbilder für das, was von den ehemalig 19 Fabriken von NIKON übrig war: 1400 Arbeiter im Stammwerk Ohi bei Tokio begannen zunächst eine erfolglose Rolleiflex-Kopie zu bauen. Mangels funktionsfähigem Verschluß (man hatte ihn von einer Firma namens Kobayashi Seiki zugekauft) wurde das zum Desaster. Man schwenkte kurzentschlossen um – so etwas wie eine Leica sollte es sein oder Contax oder irgendwo dazwischen, aber mit durchaus eigener Note.
Der Koreakrieg und der folgende Vietnamkrieg erwiesen sich als verkaufsfördernde Maßnahme für Kameras. Als dann noch der bekannte US-Kriegsphotograph David Douglas Duncan Nikkor-Objektive an seine Leica schraubte (kopierter 39mm-Mount), gab es kein Halten mehr. Nikon baute nun ebenfalls Meßsucherkameras, der erste Verkaufskatalog in den USA erschien 1951.

In Deutschland baute Leica weiter Kameras. In kleinem Stil und geringer Stückzahl für eine überschaubare Klientel aus Profis und Betuchten. Leider erlaubten es die beschränkten Produktionsmöglichkeiten im Stammwerk nicht, auch die passende Zahl an Käufern herzustellen. Und die wären dringend nötig gewesen! Der Leica-Käufer nach dem Krieg mußte nicht nur finanziell von besonderer Leidensfähigkeit sein.
Eine in der Kamera gekoppelter Belichtungsmessung (ab 1954 in Japan) freut den Photograph vor allem, wenn er etwas unbegabt ist… gar noch mit Zeitautomatik? (ca.1960, Japan) Eine Leica braucht das nicht, entschied die Firmenleitung. Autofocus? Japanischer Spielkram (1977, Japan) – das wird sich nie durchsetzen. Genau so wenig wie Spiegelreflexkameras! Als die NIKON F3 (Japan) 1980 mit quarzgenauen, elektronisch gesteuertem Verschluß zwischen B und 1/2000 schließt, baut man bei Leica mit höchster handwerklicher Präzision bis zu 30% Abweichung in das Kunstwerk. Its not a bug…
Zeitweise wurden gar keine M-Kameras mehr produziert. Man beschränkte sich auf Wartung und Abverkauf der Halden.
Und die anderen? Rollei läßt ab 1970 in Singapur fertigen, 1982 ist man am Ende wie auch Voigtländer, Zeiss-Ikon hatte bereits 1972 aufgegeben.

Während zu Beginn der achtziger Jahre die letzten Getreuen an den leise vor sich hinölenden englischen Motorrädern knien, zeigt Nakamishi auf der internationalen Funkausstellung, wie man Cassettenrecorder mit reproduzierbaren Parametern baut. Man bekommt es auch drei Nummern kleiner, um damit herumzulaufen. Dann nennt es sich Walkman… my first Sony! Wenn man Pech hatte, war das Blech unter dem gelben Taxi-Schild von Toyota, der Außenbordmotor beim Angelausflug von Yamaha.
Kopien? Der Gedanke, daß das faustisch in dunkler Nacht geschaffene, durch böse Mächte entrissene Gut in die Hände Unwürdiger gefallen war, hielt sich lange, gelegentlich bis heute.
Die völlige Überbewertung des Findens gegenüber seinem Gebrauch. Es brauchte erst die Zeit des Internets und die Firma Apple, um das Prinzip zu etablieren, daß sich durch den Gebrauch eines Gegenstandes sein Nutzen bestimmt.

»Es ist ein Artikel, der schon durch seine gefällige Form anspricht, gell? Er ist formschön, wetterfest, geräuschlos, hautfreundlich, pflegeleicht, völlig zweckfrei und – gegen Aufpreis – auch entnehmbar. Ein Geschenk, das Freude macht, für den Herrn, für die Dame, für das Kind, gell?«

Der eine oder andere wird sich an diese Prophezeiung erinnern, Herr Loriot!

Aber das würde jetzt den Rahmen sprengen!

  • Der Japaner an sich ist ja geduldig und dem Feinmechanischen durchaus zugetan, wenn auch gelegentlich brutal. Im Gegensatz zum Russen – wobei die sich bei der Brutalität nicht so viel geben… was sie übrigens mit dem Deutschen verbindet.

P.S. Den fröhlichen Rant über die verehrungswürdigen Genies, welche der Erde die M-Serie von Leica schenkten, möge man mir verzeihen! Mit wohl keiner Kamera sind so viele wertvolle Bilder gemacht worden wie mit ihr – dem Himmel und Oskar Barnack sei Dank! Bedauerlicherweise benutzt nur eine verschwindende Minderheit diese Meisterwerke ohne Belichtungsmesser um damit zu photographieren.

P.P.S. Und den Kumpels auf ihren unwiderstehlichen Nortons, klapperigen Villiers, BSAs und Truxtons bestätige ich hiermit, daß keine anderen Geräte – und schon gar nicht aus Nippon! – ihren alten Schätzchen in Charme und Ölverbrauch das Wasser reichen können!

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15 Kommentare zu Die Kopisten

  1. Gefällt mir sehr.
    Das ist großes Schreiben, lang, unterhaltsam, mal sarkastisch, mal satirisch, lehrreich und informativ allemal. Kein bißchen langweilig. Wieviel Stunden/Tage stecken da drin?
    Der Text wird kopiert und abgespeichert, nur zu privaten Zwecken, zu meiner Unterhaltung.
    Chapeau Pantoufle und ein ganz großes DANKE!

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    • pantoufle sagt:

      Ich nenne es den »Erklärbär raushängen lassen« – mit Wissen protzen, das keiner braucht, in viel zu langen Texten, die niemand liest und dann nicht mal einen knackigen Schluss finden 🙂
      Aber trotzdem Danke

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  2. Provinzbär sagt:

    Respekt !

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  3. waswegmuss sagt:

    Irgendwie muss ich jetzt an Siemens denken und Chinahandys und Elektroautos und dass Denza Daimler rausgekegelt hat. Ein Ölfleck in der Geschichte.

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    • pantoufle sagt:

      Ja, China ist seit geraumer Zeit auch so ein Kandidat. Wobei ich da so meine Zweifel habe, ob man dort die kapitalistischen Verhältnisse als so erstrebenswert betrachtet wie dunnemals in Japan. Was die Geschichte beider Länder sicher verbindet, ist die Brille, durch die der Westen dort hinblickt. Ob Menschenrechte, politische Ausrichtung oder Handelsgebaren – da mangelt es noch gewaltig am Willen zum Verständnis. (was keinesfalls ein Einverständnis zur Menschenrechtslage in China bedeuten soll!)

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  4. lattjamilln sagt:

    Ganz wunnerbares unnützliches Wissen is das. Danke dafür und ich schließe mich an: Respekt und Hutgezogen!

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  5. Fluchtwagenfahrer sagt:

    Moin Pantoufle, dem Vorredner kann ich mich nur anschließen. Respekt.
    Noch viel schöner als Peter Lustig für Alte.
    LG & gute Besserung

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  6. Danke für diesen Text! Jetzt stellt sich mir nur eine Frage: Warum haben die deutschen Firmen wie Zeiss oder Voigtländer nicht auch die japanischen Erfindungen einfach kopiert oder abgekauft? Denen fehlte doch im Prinzip nur die Elektronik, in Sachen Optik und Mechanik konnte man doch mithalten.
    Selbst heute gibt es ja noch neu entwickelte Objektive aus Japan, die auf uralten Zeiss Rechnungen von Paul Rudolph aufgebaut sind. (Ich habe zumindest den Verdacht, dass das Canon EF 40mm 2.8 ein leicht abgewandeltes Tessar Objektiv ist 🙂 )

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    • pantoufle sagt:

      Haben sie ja. Leica z.B. begann mit der R-Serie eine vernünftige Kooperation mit Minolta, um den Anschluß an Elektronik wiederzubekommen. Zeiss-Objektive werden bei Cosina gebaut und Voigtländer…
      Na ja! Sagen wir es mal so: So gute Kleinbild-Geräte wie die, die Cosina jetzt unter der Handelsmarke Voigtländer (Bessa) baut, hat es beim Namensgeber nie gegeben. *kopfeinzieh*

      Natürlich kann man in den »Ursprungsländern« mithalten – konnte man immer, wenn man nur wollte. Die Herkunft der nötigen Schlüsseltechnologien sind statistisch ausgewogen über den Planeten verteilt. Aber nehmen wir doch mal das Beispiel Internetz. Den Ausbau hat man damals der Post überlassen. Der deutschen Bundespost! Warum nicht gleich der Bundesvereinigung deutscher Aquaristik? Und der VDI bastelt den Browser dazu. Mit VDE-Zeichen und allen erforderlichen Prüfsiegeln – wenn auch leider ohne nutzbare Funktion. Das ist Hochtechnologie in Deutschland. Ich will ja nicht das Hohelied auf den Kapitalismus singen, aber gewisse Dinge sollte man einfach den Kaufleuten überlassen. Oder besser noch: Unabhängigen Enthusiasten ermöglichen, ihre Ideen zu verwirklichen.

      Was zum Teufel ist an einem Tessar auszusetzen? Rudolph hat sich das schon ganz genau überlegt und das Patent ist schon lange abgelaufen! Außerdem ist da nichts abzuwandeln: Zwei verkittete und zwei einzelne davor. O.K. Wenn das von Schneider Kreuznach kommt, werden die noch mal nachgerechnet haben. Wenn Canon das macht, haben sie sich vermutlich irgend was von NIKON aus den Sechzigern angesehen 😀 *

      * Haben die noch rumliegen aus der Zeit, als sie ihre Linsen noch bei NIKON kauften.

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    • pantoufle sagt:

      P.S. Dabei fällt mir ein, daß Yamaha so eine Art Dorf für Spinner unterhalten hat (tun die das noch?) Da wurde geeigneten Leuten mit guten Ideen ermöglicht, ungestört und vom Konzern gesponsort an ihren wirren Apparaten zu bosseln – wenn’s was wurde, gehörte es der Firma. Morgens gab’s Brötchen Reis, abends kam gelegentlich jemand vorbei und fragte, wie’s so geht. Das stelle man sich in Deutschland vor! Undenkbar! »Die leisten ja nix!», »Schmarotzer«, »Frickelheinis!«
      Schade übrigens, das der Dübel gestorben ist… äh… Fischer, benannt nach dem gleichnamigen.

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  7. Provinzing. sagt:

    Es gibt derzeit keine fortschrittsfeindlichere Welt als die doitsche Industrie.
    Ich arbeite in der Entwicklung und weiß von was ich rede.
    Gute Ideen sind immer ganz schlecht, da Sie Neid erzeugen.
    Erst recht wenn es auch tatsächlich funktioniert.
    Zumal die Auswahl der Führungskräfte nicht mehr nach Fachkompetenz sondern nach Führungsskills getroffen wird.
    Und was mag ein Alphatierchen auf keinen Fall ? Daß einer besser ist wie es selber.
    Und was ist bei einem Job in der Entwicklung / Konstruktion sehr häufig ?
    Fehler. Man macht einfach viele Fehler. Bzw. es tut eben nicht gleich.
    Man muß oft noch Monate dran rumfrickeln.
    Das will kein Mensch mehr.
    Verantwortung tragen. Drum will kein junger Ing. heutzutage noch vor’s Reißbrett, vulgo CAD. Sollen besser die Anderen machen.
    Von daher wickeln Wir Uns so langsam selber ab.

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  8. Ex-Vermieter sagt:

    Will man das (incl. Kommentare) abends lesen?
    Ja, man will. Danke!

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  9. pantoufle sagt:

    @Provinzing

    Das ist ja alles schön und gut – und nebenbei auch nicht unbekannt. Nur erklären tut es eben nichts.
    Es gibt sicherlich ein Fachgebiet, daß sich mit Unternehmenskultur, Führungsstilen und ähnlichem beschäftigt. Ich weiß nicht einmal, wie das heißt, geschweige denn, daß ich dort nachschlagen könnte. Aber es ist doch auffällig, daß es in zwei Nationen (in diesem Fall Deutschland und Japan), die einen offensichtlichen Hang zu autoritären Strukturen und Führungsstilen haben, zu solch unterschiedlichen Ausprägungen und Ergebnissen kommen kann.

    Dazu kommt ein anderer Effekt, nämlich jenen der gepflegten Vorurteile, worum es in meiner kleinen Geschichte am Rande ebenfalls ging. Aus meiner eigenen Erfahrung jahrelanger Zusammenarbeit mit amerikanischen und englischen Kollegen und Firmen habe ich gelernt, daß London erheblich dichter an Palermo liegt, als man allgemein annimmt. »Die Nichte meines Onkels kennt jemanden, der einmal Geld vom Urenkel meines Cousins… das muß so um 1256 herum gewesen sein!«
    Die amerikanische Checklisten-Mentalität unter größtmöglicher Vermeidung humanoiden Denkvermögens kann einen als Deutschen zur Weißglut treiben. Gelassener amerikanischer Führungsstil? Soll vorkommen, ist aber alles andere als typisch.
    Solange man keine griffige Beschreibung für die eigenen Fehler und Befindlichkeiten hat, ist das mit den Vergleichen immer eine wackelige Angelegenheit. Die Aufzählung der hiesigen Mißstände ist nur ein Bruchteil einer Beschreibung.

    Zu guter Letzt: Worüber reden wir eigentlich? Darüber, daß die aggressivere Durchsetzung des Kapitalismus einen größeren Ausstoß an Waren produziert? Das ist nun wirklich nicht revolutionär! Daß man dem mit aller Gewalt etwas Gutes abringen will – und sei es nur, um sich selber auf Platz drei oder fünf in dieser fragwürdigen Starteraufstellung wiederzufinden?
    Die eigentliche Frage kann nur lauten, ob es gelingt, dem etwas positives entgegenzusetzen. Und die Antwort kann nicht lauten: Lass es uns so machen wie Japan.

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  10. Provinzing. sagt:

    Kapitalismus schlecht, gut und schön.
    Wir alle leben aber verdammt gut von den Brotsamen, die der Kap. abwirft.
    Zumindest im Vergleich zu den restlichen 80% der Weltbevölkerung.
    Selbst, und jetzt, weiß ich, geht der „shitstorm“ los, ein Harzer.
    Denn er verhungert nicht. Und eine warme Bude kriegt er auch gezahlt.
    Iss so. Ich kenne genug Harzer, auch als Ing.
    ( Spiel nicht mit den Schmuddelkindern sing nicht Ihre Lieder )
    Aber das ist ja ein anderes Thema.
    Aber Stichwort amerikanische Mentalität.
    Genau das ist es ja gerade, Wir nähern Uns der amerikanischen Arbeitsweise immer mehr an.
    Die Produkte / Konstruktionen / Entwicklungen müssen immer mehr so gebaut / konstruiert / entwickelt werden, daß auch ein fachlich minderbemittelter Arbeiter das Zeug zusammenschwarten kann und später dann auch bedienen.
    Wirklich neue Ideen entstehen eigentlich nicht mehr.
    Also nix Kopierenswertes mehr.
    Wir müssen eher zuschauen, daß Wir den Anschluss nicht verpassen.

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  11. pantoufle sagt:

    Shitstorm? Aber nicht doch! Auch wenn der Hausherr und einige der Leser das vermutlich anders sehen.
    Und keine Angst: Irgend eine Systemfrage wird hier auch nicht gestellt. (Kann man natürlich auch, wenn’s denn unbedingt sein muß). Aber wenn es nur noch Rückwärts immer, vorwärts nimmer geht, darf man ja wohl mal nachfragen, ob das so gemeint war.

    Nun könnte man sich natürlich auch die Frage stellen, ob es nicht vielleicht einen Zusammenhang zwischen diesen amerikanischen Produktionsmethoden (was ich ganz genau so sehe) und einem künstlich am Leben gehaltenen HarzIV-Proletariat gibt. Sozialabgabenlose Arbeit, Ein-Eurojobs und was der Häßlichkeiten mehr sind. Das führt im Berufsalltag zu… genau dem nämlich! Entweder man hat hat es mit einer gut ausgebildeten, selbstbewußten Arbeiterschaft zu tun, starken Gewerkschaften und der Aussicht auf eine nicht nur berufliche Zukunft, oder eben dem, auf was es im Moment hinausläuft. Eine unüberbrückbare Diskrepanz zwischen Wohlstand und Armut, bei dem nur sicher ist, daß nichts mehr sicher ist.

    Es ist doch grotesk anzunehmen, daß sich in einem solchen Klima von Angst und Verunsicherung so etwas wie ein soziales Abbild einer gesunden Gesellschaft in den Betrieben bilden kann. Ich hab es an anderer Stelle zitiert und zitiere den Vorsitzenden Bundesrichter in Karlsruhe Thomas Fischer hier noch einmal:

    »Die neue Ökonomie, liebe Leserinnen und Leser, also die Weltordnung der blühenden Landschaften in der Form der Agenda „Jetzt oder Nie“, definiert die Natur der menschlichen Gesellschaft nicht nach dem Bild des Immanuel Kant, sondern nach dem des Philipp Rösler: Jeder ist zu jeder Zeit mit jedem in Konkurrenz. Nicht Gleichheit und Solidarität ist das Ziel des Menschseins, sondern Ungleichheit und Sieg. Demokratie ist keine Form der Verwirklichung von Gerechtigkeit, sondern von Marktmacht.«

    Vor der Tür marschieren Pegida und AFD auf die Straße. Die einzig rationalen Gründe, die man ihnen zugute halten könnte, sind genau diese Verlustängste, die daraus erwachsen sind.

    Wenn man den Anschluß nicht verlieren will, muß man sich in allererster Linie um einen sozialen Frieden und Ausgleich bemühen. Und man sollte auf keinen Fall annehmen, daß es sich dabei um einen Widerspruch handelt – es ist nicht voneinander zu trennen.

    »…Denn er verhungert nicht.«? Der Mensch lebt nicht vom Brot allein!

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