Die Kirche im Dorf

Redaktionkampfhund Oskar lehnt es kategorisch ab, Kirchen zu betreten. Der Trinknapf ist erheblich zu hoch angebracht, dort, wo ein gemütlicher Teppich liegt, ist das Betreten verboten und überdies ist es kalt. Die Menschen stehen auf und setzen sich wieder – aufstehen, hinsetzen… Chef: Gehen wir jetzt oder …? Doch nicht! Außerdem wird gesungen und es pfeift irgendwo von oben her! So hoch von oben, wo sonst nur Katzen und Eichhörner, die natürlichen Feindbilder eines Hundes wohnen. Das verwirrt die empfindliche Seele des Tieres. Kirchen sind keine artgerechten Hundehütten!

Mein Motorrad Grand-Prix de Weihnacht ist zu Ende – ein Rennen unter geradezu regelwidrigen Bedingungen. In stille Andacht vertiefte Autofahrer, denen sich der heilige Geist mitten auf der Kreuzung – vorzugsweise bei rot – offenbart. Lenker von beweglichen Hindernissen, die beim Anblick von „grün“ in verzückte Schreie ausbrechen: „Sieh mal, Josephine! Grün! Wie unser Baum zuhause! Genießen wir doch noch ein wenig… es ist so…GRÜN!“ Erster Gang bis 6000 RPM – das Geräusch aus dem Sebring-Auspuff sollte eigentlich auch längst verstorbene Heilige wecken. Die hier aber nicht! So lasset mich einfach in eurer Mitten durch! Wenn nicht, bringt euch der Weihnachtsmann einen schönen, neuen Rückspiegel! Gummi! Ich bin`s, der schwarze Knecht Ruprecht im Namen des Herren – und wenn du noch länger auf der Ideallinie parkst, ziehen dich hoffentlich die Stewards aus dem Verkehr!

Von der Rennleitung ist heute weit und breit nichts zu sehen: Die stehen am Ausgang der Weihnachtsmärkte und fangen die Fahrer ab, die probiert haben, ob es auch bei ihnen vergifteten Schnaps gab. Recht so… gute Arbeit, Jungs!
Auf dem Parkplatz vor dem großen Kauftempel ist heute Verwirrungsfahren: Immer in die entgegensetzte Richtung des Blinkers abbiegen! Oder gleich wie der Wahnsinnige vor mir, der konsequenterweise den Warnblinker anschmeißt und Schlangenlinie fährt. Eine Hand an der Bremse, die andere auf Habachtkupplung, die imaginäre Dritte am Maschinengewehr.
Warum kaufe ich Geschenke eigentlich immer auf den letzten Drücker! Es ist weder gut für meine Nerven noch für die Kupplung.

Unterm Baum wird abgerechnet. Eine kurze Rechnung – das Geld ist sehr knapp dieses Jahr. Die Stromnachzahlung muß bis ins neue Jahr warten und die anderen… Zu wenig Geld, um die Kinder erfolgreich zu belügen; man will auch irgend wann nicht mehr. Im neuen Jahr wird alles besser und jetzt brennen die Kerzen am Baum, Modell „tollster Baum aller Zeiten“. Sachliche Bescherung. Trotzdem war es schön. An den Feiertagen bringt der Postbote keine Post. Auch keine Rechnungen.

In der Nacht gehen wir noch in die Kirche. Leser dieses Blogs werden ahnen, das der Autor unverdächtig ist, ein Fan der abendländischen Mystik zu sein. Aber man geht trotzdem. Es ist ein sehr, sehr kleines Dorf und … nein, keine mysteriösen Anwesenheitslisten… es ist nur so, daß… Jedenfalls gehe ich mit! Ohne Hund, wie ich Eingangs schon bemerkte.

Großkampftag für die Pastorschen. Was sie sonst so über das Jahr treiben, weiß ich nicht. Vermutlich kümmern sie sich um die Alten und Siechen oder lernen die Namenslisten der Gemeindemitglieder auswendig. Na gut: Dann gibt es noch die Konfirmanden und den Singekreis der Greise, Ostern und dann ist auch schon wieder Weihnachten! Jede Menge Arbeit also! Zu diesem besonderen Datum gibt es dann auch eine besondere Predigt. Das ist die lange Rede zwischen Aufstehen und Wiederhinsetzen. Es plätschert so schön. Wenn man die Nummern an der Tafel, nach denen gesungen wird, hintereinander schreibt… ist diese Zahl prim? Wo ist mein Hund zum hintermohrkraulen?

Was wird da geredet? Es ist so banal wie ein Geschenkgutschein unter dem Baum.
Die große Idee der Erlösung der Menschheit durch das Opfer eines Einzelnen, dieser Entwurf, die Schöpfung sozusagen posthum noch als Qualitätsprodukt zu rehabilitieren. Da soll es einmal jemanden gegeben haben, der bis zur bittersten Konsequenz Verantwortung übernahm und darum starb – anstelle all der anderen, die mit dem Finger auf den Nebenmann zeigten. Diese Nacht, die uns daran erinnern soll, daß wir diese Welt nicht als Ort von Mittelmäßigkeit, von lauer Ignoranz zurücklassen sollen, die Vorgabe, das wir es mit einem Geschenk zu tun haben… sie wird verpackt in dumme Gleichnisse. Diese Gleichnisse, die mich seit frühester Jugend abgestoßen haben – eine Beleidigung der Intelligenz, ein in Worte verpacktes „nicht begreifen“. Hier ein Schäflein auf der Weide, dort ein „sind wir nicht alle…“, eindimensionale Plattitüden und die Aufforderung zum Stillhalten. Die Kapitulation vor der Macht eines wirklich großen Gedankens. Jesus kam in den Tempel und schmiss die Wucherer und anderes Gesocks raus; heute sind sie ja froh, wenn überhaupt noch jemand kommt.
Kirche: Der perfide Weg, die Idee der Erlösung in ein Instrument der Unterdrückung zu verwandeln. Jesus teilt das Schicksal von Marx und Engels.
Unsere Kirche mit dem Turm und seinem zeituhr-gesteuertem Läutwerk ist kein Ort für diese Auseinandersetzung. Jedes Dorf hat so etwas… so einen Eisenbahnwagen im Wald von Compiegne.

Die Predigt ist zu Ende. Meine Großmutter väterlicherseits starb vor etwa 35 Jahren. Die Beerdigung fand in einer kleinen Kapelle statt. Die Geschwister waren da, die Eltern – Vater. Muffiger Geruch und es war etwas schmuddelig… eine Kapelle auf dem Dorffriedhof. Trotz Sommer fröstelte mir. Mangelnder Umgang mit dem Tod. Jemand sprach ein paar Worte, eine Figur in schwarzem Talar… sie ist tot, was soll man jetzt noch sagen. Wächsernes Gesicht und eigenartiger Geruch. Aufstehen, Glaubensbekenntnis. Suchender Blick, was zu tun wäre und als Anker der Vater; Pastorensohn. Alle standen mit gesenktem Kopf und gefalteten Händen – mein Vater nicht. Mit hoch erhobenem Haupt, die Hände auf dem Rücken und ohne die Lippen zu bewegen. Wie gut, wenn wir Väter haben, an die man sich bisweilen anlehnen kann.
Dieses Jahr stand mein Sohn neben mir. Aufrecht, die Hände auf dem Rücken. Glaubensbekenntnis? Die Kirche ist kein Ort für Meineide.

6.521
Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems.
(Ist nicht dies der Grund, warum Menschen, denen der Sinn des Lebens nach langen Zweifeln klar wurde, warum diese dann nicht sagen konnten, worin dieser Sinn bestand?)
6.522
Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.
6.53
Die richtige Methode der Philosophie wäre eigentlich die: Nichts zu sagen, als was sich sagen lässt, also Sätze der Naturwissenschaft – also etwas, was mit Philosophie nichts zu tun hat -, und dann immer, wenn ein anderer etwas Metaphysisches sagen wollte, ihm nachzuweisen, dass er gewissen Zeichen in seinen Sätzen keine Bedeutung gegeben hat. Diese Methode wäre für den anderen unbefriedigend – er hätte nicht das Gefühl, dass wir ihn Philosophie lehrten – aber sie wäre die einzig streng richtige.
6.54
Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.)
Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.
7
Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.

Ludwig Josef Johann Wittgenstein, 26.4.1989 – 29.4.1951

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0 Kommentare zu Die Kirche im Dorf

  1. FF sagt:

    Sehr schönes Textlein. Ich frag‘ mich ja auch immer, wann „die Kirche“ angefangen hat, im wesentlichen Dünnschiß von sich zu geben. Zu Luthers Zeiten muß das doch noch anders gewesen sein…

    Heute jedoch: diese bis auf’s Skelett abgeklapperten Metapherchen und abgewetzten Allgemeinplätzchen treiben einem die Tränen ins Knopfloch. Verbale Inkontinenz, morbus Käßmann. Diese Dame etwa könnte ich für ihr entsetzliches Gelabere/Geschreibsel stundenlang prügeln – schon damit ihr dieses selbstgerechte, von der eigenen „Bedeutung“ durchtränkte Dauergrinsen vergeht. Dagegen ist jeder Abreißkalender Shakespeare.

    Aber ich schweife ins wenig Feiertägliche ab. Pardon. Eine gute Zeit, trotz alledem!

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