Die Dolchstoßlegende – reloaded

Die Kolumne „der schwarze Kanal“ auf Spiegel Online erscheint ja unglücklicherweise nur einmal pro Woche und so musste der Kolumnist Jan Fleischhauer zitternd vor Erregung bis gestern warten, um seine Rosinante zu satteln, sich zu spornen und die rostige Pickelhaube aufs Haupt, das Weise, zu stülpen. Jetzt aber los! Leider trug ihn der altersschwache Gaul nicht sehr weit: Bis zum Schloss derer zu Guttenberg in Guttenberg reichte es, bevor das brave Pferd sich still ergeben zu seinem rostigen Reiter umsah und wieherte: Das muß reichen!

Im Angesicht der Feste, vor dem sanftem Hügel, verweigerte das edle Tier und so war Jan Fleischhauer gezwungen, die letzten wenigen Meter zu Fuß zurückzulegen. Um nicht völlig unvorbereitet ans Tor zu schlagen, las er auf dem kurzen Weg alles, was es wissenswertes über den Adel an sich, den Marxismus und den Parlamentarismus im besonderen zu wissen gab – glücklicherweise hatte er sich vor Reiseantritt mit Journalen wie der Bunten, der Frau im Spiegel und dem goldenen Blatt versorgt.

Vor dem großen Tore, mit pochenden Herzen (einerseits der ungewohnten Bewegung, zum anderen der Aufregung angesichts der Begegnung mit echtem Adel geschuldet) klopfte er an die Tür.

„Edle Dulcinea von Toboso, ist dein Mann Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg zu Hause?“ Er war! Die Tür öffnete sich vorsichtig einen Spalt und der Freiherr flüsterte nervös von innen:„Sind sie von der Uni, den Grünen, der SPD, der FAZ, der SZ, der Gorch Fock oder gar vom Spiegel?“. „Ja, vom Spiegel schon, aber nicht so, wie sie denken, edler Herr Graf! Ich bin´s, der Jan Fleischhauer! Vertrauen sie mir: Ich weiß, was ich tue!“.

„Wer ist denn da?“ rief aus dem Elfenbeinturm die Stephanie. „Es ist nur der Jan, keine Angst!“. “Ich sehe sein Pferd gar nicht! Frag ihn nach der Parole!“. Der Adelige hatte die Tür aufgemacht und sah Jan Fleischhauer entschuldigend an: „bitte, sie will es so…“. „Raubritteradel verpflichtet“, brüllte der Angesprochene und durfte eintreten.

Der ehemalige Doktor der Jurisprudenz geleitete seinen Gast an die Garderobe, von wo das Lachen und Tuscheln einer Schaar fröhlicher Mägde zu hören war, die den Tisch für das Dinner deckte. Hauptgang heute war bigotter Fasan, die Spezialität des Hauses. Man lächelte sich zu – trotzdem war da ein Schatten, ein unausgesprochenes Wort, eine düstere Wolke. „Sie wissen, mein lieber Jan, aber schon, was dieser Spiegel, dieses ehemalige Nachrichtenmagazin, seit einer Woche so treibt? Stoßrichtung Bild, das linke Herz wiederendeckt und so? Sie behaupten, unsere Schlagzeilen wären größer als ihre… und die Unterstützung meiner Person wäre hausbacken… äh, will meinen: aus dem Hause Springer! Höchst unpassend das!“. Jan Fleischhauer schwieg und wartete, bis der Freiherr geendet hatte und mit leerem Blick durch das Fenster sah. Ja, das wäre alles sehr unerfreulich, aber da wäre ja immer noch er, der Jan Fleischhauer und seine beliebte Kolumne „der schwarze Kanal“!

Und er hätte da auch schon einen totsicheren Plot, der gar nicht fehlen könne. Eine Überschrift gäbe es auch schon…“Die Irrtümer der Guttenberg-Gegner“ oder so und man würde das genau so machen, wie der Freiherr in der Fragestunde im Bundestag. Erst ein wenig Reue, wie zum Beispiel ein Satz wie „Dabei übersehen die Kritiker, dass der Umgang des Freiherren mit den Wissenschaftsstandards typisch für die laxe Art des Adels ist“ und dann vielleicht:

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass Guttenberg gerade kein Bürgerlicher ist, wie schon ein Blick auf die Liste seiner Vornamen zeigt, vom Freiherren ganz zu schweigen. Wenn überhaupt, dann lässt der fahrlässige Umgang mit den Usancen des Wissenschaftsbetriebs ein Standesbewusstsein erkennen, wie es dem Adel seit jeher eigen ist.“

Da blicke dann sowieso keiner mehr durch – war das jetzt „das goldene Blatt“ oder die „Welt“. Als Höhepunkt der Kritik muß dann leider – Herr Guttenberg: sie werden das verstehen – das „Eine unverzeihliche Schlamperei bei den Fußnoten“ sein! Aber das haben Sie ja schon selber bei der Fragestunde angedeutet, daß zwischen dem Windelwechsel und Aufsichtsrat der Rhön-Klinik-AG ein unerträglicher Stress auf Ihnen lastete. Aber dann: Dann geht’s auf die Marxisten in der SPD, die syndikalistisch-anarchistischen Grünen und die Stalinisten der Linken. Da würde er sich auskennen, da „die meisten tief und fest geschlafen haben, als die Kritik der politischen Ökonomie an der Reihe war.“ – er aber nicht! Jan Fleischhauer war jetzt ganz in seinem Element. Nervös trat er von einem Fuß auf den anderen, ging auf Guttenberg zu, ruderte mit den Armen und sein Haar verlor langsam an Façon, so das der Freiherr unwillkürlich in seine Jackettasche griff, worin sich das Gel befand.

„Mein lieber Jan: Ich bin sicher, daß sie nur das Beste wollen! Tun sie es! Tun sie es schnell! Und tun sie es bitte nicht hier – sie verstehen, wir begeben uns jetzt zu Tische und Stephanie ist im Moment so nervös… das Internet, Bayreuth, die J.B.Kerner-Show und die Beerdigung neulich: Das war einfach zuviel für sie!“.

Jan verstand. Während er sich rückwärts zur Tür bewegte, leicht vom Freiherren gedrängt, verneigte er sich, die Pickelhaube schwenkend und durch die Tür, die krachend ins Schloss fiel.

Rosinante, die Treue, hatte sich bar der rostigen Last dazu entschlossen, ihren Ritter am Tore zu empfangen und wartete neben der Zugbrücke auf ihn. „Edles Roß: Ungestüm will ich eilen und den Artikel schreiben, denn „ außerdem ist es durchaus auch ein konservativer Wert, einem bedrängten Kameraden in schwerer Stunde beizustehen“. Und, mein teures Tier, bedenken wir doch: “Es ist überhaupt ein Missverständnis, von Konservativen ein durchgängig untadeliges Benehmen zu erwarten, nur weil sie noch Werte wie Redlichkeit und Anstand im Munde führen. Krumme Touren, Ehebruch oder Bereicherung im Amt kommen in den besten Familien vor, da machen die Rechten keine Ausnahme. Die Frage ist nur, ob man dies als tadelnswerte Abweichung betrachtet oder eher als lässliche Sünde, ja sogar lobenswerte Auflehnung gegen die repressive Bürgermoral”.Eine Melodie, diese Melodie, die in seiner Brust sang und sich Bahn brach, durch Gurgel, Hals und Mund…Wir fühlen in Horsten und Höhen, Des Adlers verwegenes Glück! Wir steigen zum Tor, Der Sonne empor, Wir lassen die Erde zurück… es sang in Jan Fleischhauer, ein Lied, dieses Lied – und der Ritt in die Redaktion, wo die tintetropfende Schreibmaschine auf ihn wartete.

Es war schon dunkel, als er die Räume der Redaktion erreichte. Schleppend langsam kroch sein Gaul am Pförtner vorbei.

“ Hey, hallo: Parole!“ Im selben Augenblick erkannte der Wächter Jan Fleischhauer und knurrte „Du weißt, das sie die Parole letzte Woche geändert haben, Jan?“

„Ja, Prekarier – natürlich! Rechts Überholen!“ Der Pförtner war Kummer gewohnt, ließ Jan Fleischhauer passieren und sang leise vor sich hin…

Die Partei, die Partei, die hat immer Recht!
Und, Genossen, es bleibe dabei;
Denn wer kämpft für das Recht,
Der hat immer recht.
Gegen Lüge und Ausbeuterei.
Wer das Leben beleidigt,
Ist dumm oder schlecht.
Wer die Menschheit verteidigt,
Hat immer recht.
So, aus Leninschem Geist,
Wächst, von Stalin geschweißt,
Die Partei – die Partei – die Partei.

Für M.S.

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