Die Diktatur der Mehrheit¹

demokratie

Bildquelle: https://www.facebook.com/coskuncokbulan

Der Taksim – Platz in Istanbul ist geräumt. Geräumt wie der Puerta del Sol in Madrid oder das Gelände rund um die Bahnhofsruine Stuttgart21. Nun herrscht wieder Ordnung wie nach dem brutalen Polizeieinsatz bei den Protesten in England 2011, bei denen es mehrere Tote gab. Bisher 4 Menschenleben kosteten die Proteste in der Türkei, die sich gegen die Wiedererrichtung einer Kaserne, die auch ein Kaufhaus beherbergen sollte, richteten. Eines Kaufhauses – man lasse sich das auf der Zunge zergehen und wenn man nur einfältig genug ist, so glaubt man auch, daß die Ursache für die französische Revolution die Getreidepreise waren.

Am letzten Mittwoch kam es zu einem Treffen zwischen dem Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan und den Protestanten. Ob Erdogan verstanden hat, worum es bei den Demonstrationen und der Besetzung des Platzes ging? Wohl kaum: Da sprach einer, der die staatlichen Machtmittel hinter sich weiß. Der Dialog als Drohgebärde, mehr die Ankündigung des Endes und ein wenig auch zur Beruhigung der europäischen Nachbarn. Der türkische Ministerpräsident kann beruhigt den weiteren Verhandlungen zum EU-Beitritt entgegensehen: Er hat verhandelt wie Stefan Mappus, David Cameron oder Antonis Samaras, um dann dem vorgeblichen Willen der Mehrheit Genüge zu tun. Die Hobelspäne dieser tollwütigen Demokratie kann von den Stadtwerken beseitigt werden, die Dosen homäopatischen Widerspruchs erledigt ein Anruf in den Chefredaktionen der devoten Medien.

Eine Mehrheit fordert ein wenig Bürgerkrieg für den gesunden Schlaf der Ahnungslosigkeit. Ein wenig Empörung überdeckt die Angst, der nächste zu sein. Auch Arroganz ist hilfreich, vorbildlich vorgelebt von denjenigen, die man sich über die Jahre züchtete, diesen Zustand zu zementieren. Inzest. Die Einheitsparteien einer angeblich schweigenden Mehrheit – warum schweigt sie eigentlich? Die Koalition der Ängstlichen hat sich ihre Herrscher erwählt, um die gehorteten Krümel von denen fernzuhalten, denen man Armut, Demut zur staatsbürgerlichen Pflicht vorschrieb.

Wer nichts zu verbergen hat, ist ein armes Schwein, dort wo Berge von Gold vor denjenigen verborgen werden, denen man die Zukunft stehlen wird. Diejenigen, die verbergen, haben auch nichts zu befürchten.
Und sie haben viel zu verbergen. Die Festplatten eines Mappus, die Entscheidungsträger, die Griechenland in einen weißverbluteten Kadaver verwandelten. »Wir haben sie gewarnt, und wir haben ihnen Zeit gegeben, zu fliehen«, so der Gouverneur von Istanbul. Er sagte »fliehen«. Fliehen wie »Flucht vor der Mehrheit«. Demut.

Eine politische Analyse? Ach, wozu denn. Vampirismus entzieht sich nicht nur erfolgreich der Ratio eines Karl Marx. Es ist der 16. Juni 2013. Es herrscht Ruhe auf dem Taksim-Platz, man fegt. Die Mütter, die Erdogan rief, damit sie ihre Kinder vor den Wasserwerfern in Sicherheit bringen, bevölkern nun die Krankenhäuser. Er wartete nicht bis zum Ablauf seines Ultimatums des Rückzuges mit dem Angriff der uniformierten Mehrheit. So standen die, die sich dann aber vor ihre Kinder stellten, in vorderster Linie – ein geschickter Schachzug. Etwas weniger Mehrheit ist durchaus zu verschmerzen, wenn man ein paar Feinde der Mehrheit mehr vor die Flinte bekommt.
Nein, keine politische Analyse, Verzicht aus Hoffnungslosigkeit.
Letzter Satz: »Die Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker« Che.

¹ Ha! Schöner Titel! Es geht doch nichts über eine gute Schlagzeile. Diese ist leider nicht von mir, sondern von Denis Yücel / TAZ. Und er benutzte sie nicht in der Kopfzeile, sondern die Bemerkung fiel mitten im Text. Eine kleine, giftige Spitze, die zusammenführt, was eigentlich jeder ahnt.

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0 Kommentare zu Die Diktatur der Mehrheit¹

  1. Der Duderich sagt:

    Sehr schöner Text!
    Hüben (Stichwort:Frankfurt), wie drüben gibt man sich gerne den Antlitz der Demokratie.
    Wenn dann aber demokratische Rechte eingefordert oder gar gelebt werden dann erscheint ziemlich schnell die Fratze der Diktatur, die sich von der Reaktion der staatlichen Gewalt ablesen lässt.

    Hier wie dort:
    Demokratie – ja gerne; solange sie nicht gelebt wird.
    Solange gewisse Interessen gewahrt bleiben.
    Solange etablierte Machtverhältnisse nicht angefochten werden.

    Schön, dass dies trotzdem geschieht – trotz aller Repressalien.
    Hier, dort, und anderswo.

    Grüße, Dude

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  2. pantoufle sagt:

    Ach, Demokratie: Die gab es auch mit Sklaven – verzeihung – gibt es… ein Wort, eine Hülse, ein Synonym. Es sind nur noch Worte.
    Aber trotzdem vielen Dank für die Blumen .-)

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    • Der Duderich sagt:

      Nun, dieses Wort steht aber für etwas, was die Regierungen nicht einlösen – obwohl sie es vorgeben. Genau deshalb wird auf die Straße gegangen.
      Es reicht m.M.n. eben nicht, wenn demokratische Werte schulterzuckend als obsolet definiert werden.
      Grüße, Dude

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  3. daMax sagt:

    Kleine Korrektur: ich hatte zuletzte was von 5 Toten gelesen, das war sogar ein Q-Medium…

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  4. altautonomer sagt:

    Solidaritätskundgebungen („Hoch die internationale Solidarität“ – oder „Hoch. Die. Internationale. Volksrandale!“) in Deutschland sind ja in Ordnung, wenn sie mit den eigenen Problemen in eigenen Land verbunden werden. Denn sonst könnten ja Merkel, Westerwelle und Claudia Roth mitmarschieren. Ist der Unterschied zwischen den Ereignissen in Istanbul und S21/Blockupy Ffm. nicht nur ein gradueller? Und sind die Verhältnisse in D. so erträglich, dass man sich den „Luxus“ von Solidaritätsbekundungen erlauben kann?

    Gibt es weniger Grund, auch in D. wie in der Türkei gegen die immer unerträglich werdenden herrschenden Verhältnisse zu demonstrieren? Gibt es zuwenig Analogien zu diktatorischen Entwicklungen in D.? Gibt oder gab es in D. keine vergleichbare Polizeigewalt? Von Günter Sare (Tod durch Wasserwerfer bei Demo in Ffm) bis Conny Wissmann (Göttinger Antifaschcistin in einer Sylvesternacht von verfolgendem Polizeiauto überfahren) gab es auch in D. Tote durch Polizeieinsätze in zweistelliger Höhe.

    Und…gibt es weniger Gründe, einen Parteitag von CDU/FDP/SPD/Grüne zu blockieren, als den der NPD? Sind es nicht die sogenannten demokratischen Parteien, die die Unterdrückung der Mehrheit der Bevölkerung in Gesetze gießen? Hat hier irgendjemand die Illusion, mit einem rot-grünen Bündnis wären eklatante gesellschaftliche Verbesserungen außer dem üblichen, kleinreformistischen Plunder (Dosenpfand, Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Partnerschaften, Kontrolle (!) von Waffenexporten, Mietpreiskontrolle) verbunden? Und die Organisation der Arbeiterklasse in Gestalt des DGB macht schon jetzt den Steigbügelhalter für die SPD. In der jungen Welt schreibt Daniel Behruzi heute:

    »Ich werde SPD wählen, ja«, erklärte Huber (IG Metall-Chef) schließlich auf mehrfaches Nachfragen. Zuvor hatte er ausgiebig das Verhalten des damaligen SPD-Bundesarbeitsministers Olaf Scholz während der Wirtschaftskrise 2008/2009 gelobt. Mit einer schwarz-gelben Regierung wären die Ausweitung der Kurzarbeiterregelung und die Abwrackprämie für Altautos (!) nicht möglich gewesen, spekulierte er. Unerwähnt ließ Huber das sonstige Agieren der Regierungs-SPD: von Hartz IV über die Ausweitung prekärer Beschäftigung bis hin zur Rente mit 67.“

    PS.: Der Taksim-Platz wurde zu einem Symbol dafür, dass Proteste/Widerstand auf der Strasse mehr Wirkung zeigen, als Wahlen.

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