Deutscher Frühling

Am 8.April 2010 erhob die Bundesanwaltschaft Anklage gegen Verena Becker. 33 Jahre nach dem Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback wurde Frau Becker wegen Beihilfe zum Mord an Buback zu vier Jahren Haft verurteilt, von denen 2,5 Jahre wegen der vorher ausgesprochenen Verurteilung zu lebenslänglicher Haft als vollstreckt gelten. Möglich wurde der Prozess allein dadurch, daß die Staatsanwaltschaft auf die vom Verfassungsschutz freigegebenen Akten zugreifen konnte. Nach 33 Jahren.

Der Haftbefehl gegen den mutmaßlichen Unterstützer des NSU, Holger G., ist vom dritten Strafsenat des Bundesgerichtshofes aufgehoben worden. Es wurde zwar als erwiesen angesehen, daß der Beschuldigte wissentlich eine Pistole an Uwe Mundlos (einen der Nazimörder des NSU) übergeben hatte, aber es ergaben sich keine tragfähigen Beweise, die eine Anklage zu »Beihilfe zu Mord« rechtfertigen würden. Zwar gilt es als erwiesen, daß Holger G. die Waffe übergeben hat, aber der Angeklagte könne glaubhaft versichern, daß er sowohl Waffengebrauch wie Gewalt im Allgemeinen ablehne.
Auch die Übergabe von Ausweispapieren könne nicht explizit als Unterstützung einer terroristischen Vereinigung angesehen werden, da sich das Trio bei ihren Straftaten immer streng abgeschottet hätte. In dem Prozess gegen Holger G. wird die Anklage deshalb wohl auf »Unterstützung einer kriminellen Vereinigung« lauten, da der Beschuldigte wusste, daß sich das Trio durch Banküberfälle seinen »Lebensunterhalt« verdient. Allerdings sind die meisten dieser Straftaten bereits verjährt.

Am 18. Oktober 1977 schloss ein Vollzugsbeamter in Stammheim die Zelle von Jan-Carl Raspe auf. Raspe blutete aus einer Schädelseite wegen einer Schußverletzung und starb einige Stunden später. Eine Prüfung der anderen Zellen ergab, daß auch die Gefangenen Gudrun Ensslin und Andreas Baader nicht mehr am Leben waren. Nur Irmgard Möller überlebte trotz mehrer Stichwunden in der Brust. Sie gab später zu Protokoll, daß sie im Schlaf überrascht worden wurde und erst am nächsten Morgen auf der Bahre wieder aufgewacht wäre. Die Art der Schussverletzungen von Raspe und Baader legen nahe, daß die verwendeten Pistolen mit Schalldämpfern ausgestattet waren, was auch erklären würde, warum niemand die Schüsse in der Nacht gehört hat.
Die offizielle Todesursache der RAF-Mitglieder wird mit Selbstmord angegeben.

Das Oberlandesgericht München hat die NSU für nicht mehr existent erklärt. Dadurch sind Hafterleichterungen für die mutmaßliche Rechtsterroristin Zschäpe nun möglich.

Die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Mitglied der NSU-Untersuchungskommission Petra Pau äußerte zum Stand der Ermittlungen in Leibzig, daß es sich bei der NSU um erwiesenermaßen um ein Netzwerk von mehreren dutzend Personen handelt, die die NSU unterstützt haben. Trotz intensiver Durchsetzung mit sogenannten V-Leuten wollen die Länderbehörden davon nichts gewusst haben.

Dem Lehrer und Antifa-Aktivisten Michael Csaszkóczy verweigerte das Oberschulamt Karlsruhe im August 2004 die Übernahme als Lehrer in den Staatsdienst, da er angeblich nicht die Gewähr biete, jederzeit für die freiheitlich-demokratische Grundordnung eintreten zu können. Das Verwaltungsgericht in Karlsruhe bestätigte im Jahre 2006 dieses Urteil und verweigerte eine Berufung.
Erst das baden-württembergische VGH hob dieses Urteil 2006 wieder auf, rehabilitierte ihn, so daß Csaszkóczy seit 2008 als Lehrer arbeiten konnte. Der Verfassungsschutz lehnte es allerdings unter Umgehung des rechtskräftigen Urteils ab, sowohl seine Daten zu löschen oder die Observationen einzustellen. Zur Begründung dafür heißt es es: Da Csaszkóczy sich gegen das Berufsverbot gewehrt habe und sich weiterhin gegen Berufsverbote einsetze, sei ein Anhaltspunkt für seine Verfassungsfeindlichkeit gegeben.

Führende Repräsentanten der freiheitlich-demokratischen Grundordnung:

Hans Filbinger (CDU) : 1933-1936 Mitglied des Nationasozialistischen Deutschen Studentenbundes, 1934-1937 Mitglied der SA, ab 1937 in der NSDAP. Verurteilte noch während der Kapitulation des Deutschen Reiches Soldaten wegen Fahnenflucht zum Tode.
Nach dem Krieg Innenminister von Baden Württemberg

Karl Carstens (CDU) : NSDAP Mitglied von 1940-45, später Bundespräsident

Hans Globke (CDU) : Kommentator der Nürnberger Rassegesetze. Nach dem Krieg Staatssekretär von Konrad Adenauer.

Kurt Georg Kiesinger (CDU): NSDAP-Mitglied seit 1933, später Propagandachef der Rundfunkpolitischen Abteilung im auswärtigen Amt. Deutscher Bundeskanzler von 1966-1969

Karl Schiller (SPD) : SA-Mitglied, NSDAP, Nationalsozialistischer Dozentenbund. Nach dem Krieg Bundeswirtschaftsminister, Bundesminister für Wirtschaft und Finanzen, Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband.

Reinhard Gehlen : General, Leiter der Abteilung fremde Heere Ost des deutschen Generalstabs unter Hitler. Kriegsverbrecher, der niemals zur Verantwortung gezogen werden konnte. Nach dem Krieg Gründung der »Organisation Gehlen«, einem freicorpsähnlichen Geheimdienst aus SS- und GESTAPO-Leuten, aus dem 1956 der Bundesnachrichtendienst (BND) entstand, dessen Präsident er bis 1968 war.
Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband.

Ein Forschungsprojekt, die diese Vergangenheit des BND dokumentieren sollte, existiert seit 2006, konnte aber bisher keinerlei Ergebnisse veröffentlichen.

Im Zuge des Untersuchungsausschusses über die NSU-Morde und die Verstrickung von Polizei, Verfassungsschutz und BKA, wurde der damalige Vizepräsident und jetzige Staatssekretär im Bundesinnenministerium Fritsche zur Aktenvernichtung in diesen Behörden befragt. Im Zeitraum von 4.11.2011 – 4.7.2012 seien trotz eines Verbots, Akten über die rechtsradikale Szene zu vernichten, 310 Ordner (anstelle von 26, von denen man bis dahin Kenntnis hatte), durch den Schredder gegangen.
Staatsseketär Fischer bemerkte dazu, daß seiner Meinung nach bestimmte Informationen wie Klarnamen von V-Leuten der rechtsextremen Szene dem parlamentarischen Untersuchungsausschusse vorenthalten werden müßten. Er sehe darin ein »Spannungsverhältnis« zwischen dem Staatswohlgedanken des Grundgesetzes und dem Aufklärungsgedanken des parlamentarischen Untersuchungsausschusses.
Der Vorsitzende des Ausschusses Edathy bezeichnete das als »interessante Rechtsauffassung

An dieser Stelle der Link zu den Namen der Toten, die zwischen 1990 und 2011 Opfer rechter Gewalt wurden

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0 Kommentare zu Deutscher Frühling

  1. Charlie sagt:

    Die Liste der Repräsentanten der “freiheitlich-demokratischen Grundordnung” ließe sich noch deutlich verlängern – siehe zum Beispiel hier.

    Die schonungslose Gegenüberstellung der reinen Fakten in Deinem Text ist wirklich extrem bedrückend. Noch bedrückender ist allerdings die lange Liste der Opfer des rechten Terrors … da verschlägt es mir glatt die Sprache.

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  2. pantoufle sagt:

    Moin Charlie
    Danke für den Hinweis – Allein: Ich halte es für wenig zielführend, sich von der Menge der Altnazis erdrücken zu lassen. Es artet zu schnell in ein reines Zahlenspiel aus – eine Gefahr, die entsetzlicherweise auch für die Liste der Opfer gilt. Für interessanter dagegen halte ich Arbeiten, die sich mit der Kontinuität beschäftigen, die sich aus der Menge der Nazis in der neuen Republik ergab. Ein Beispiel dafür ist z.B. das Buch »furchtbare Juristen« von Ingo Müller, daß sich mit der fast ungebrochenen Tradition (mir fällt gerade kein besseres Wort ein) in der Jurisprudenz über die Niederlage des Faschismus in Deutschland beschäftigt. Solche Bücher könnte man natürlich über jede Berufsgruppe schreiben…
    EIn Buch, das es meiner Meinung nach zu schreiben gilt, wäre die Geschichte der bürgerlichen Parteien nach 45’, mit Schwerpunkt CDU/CSU unter besonderer Berücksichtigung der Meinungsbildung durch das Heer von Altnazis, als deren Sammelbecken diese Parteien dienten. Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich bin ausdrücklich nicht der Meinung, daß es eine ungebrochene Linie zwischen Nazis wie Lübke oder Carstens und einem Hans-Peter Friedrich gibt. Aber die Menge derjenigen, die sich aus dem dritten Reich von einer hohen Position in die nächste retteten, können nicht folgenlos geblieben sein. Mich interessieren in diesem Zusammenhang ausdrücklich nicht Einzelschicksale, sondern der soziologische Einfluß, der Einfluß auf ein Demokratieverständnis, von Werten, mit dem die nachfolgende Generation von Politikern aufwuchs.
    Die unselige Angewohnheit unter »Linken« oder solchen, die sich dafür halten, mit Worten wie Fascho, Faschistoid, Nazi und Ähnlichem um sich zu werfen, verdeckt mehr als es erklärt. Und es ist so furchtbar leicht, solchen Vorwürfen erfolgreich zu widersprechen. Eine Person wie Erika Steinbach ist ein schönes Beispiel für ein Wertesystem, das sich fast unbeeindruckt von 1939 bis heute bewahrt hat. Will ich gegen solche Wertesysteme kämpfen, muß ich ihre Tradition in Frage stellen, nicht seine Träger.

    Ich habe eine unselige Tendenz, meine Antworten auf Post immer ausarten zu lassen; meine Entschuldigung dafür an dieser Stelle. Der Text hat Dich berührt? Das ehrt und freut mich – willkommen in einem extrem exklusivem Club. Manchmal bedrückt mich die vollkommene Nutzlosigkeit dessen, was ich hier schreibe. Da ist es gut, wenn es doch noch jemand liest. Dafür vielen Dank
    vom

    Pantoufle

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    • Charlie sagt:

      Lieber Pantoufle,

      keine Ursache – mir geht es ja genauso … auch wenn ich von der relativen Sinnlosigkeit meiner Bloggertätigkeit einigermaßen überzeugt bin! 😉

      Dennoch widersprichst Du Dir in Deiner Antwort, wie ich finde – denn eine Aufarbeitung der Geschichte der politischen Parteien in der BRD nach ’45, die ich ebenfalls für sehr dringlich halte, würde ja eine Beschäftigung mit möglichst vielen Individuen beinhalten, da sie sonst nicht aussagekräftig wäre, Mich persönlich “erschlagen” solche Listen auch nicht – ganz im Gegenteil, ich studiere sie mit zunehmendem Interesse.

      Ebenso halte ich es nicht nur für statthaft, sondern geradezu für geboten, Worte wie “faschistisch”, “faschistoid” oder “Faschisten” auch zu benutzen, wenn sie angemessen sind. Unsere unselige Zeit bietet leider schon wieder reichlich Anlässe dafür – die Vorgänge beispielsweise in Ungarn (Sinti und Roma) oder in Griechenland (“Goldene Morgenröte”, Umgang mit MigrantInnen) sind durchaus mit dem allmählichen Aufstieg der deutschen Faschisten in der Weimarer Endzeit vergleichbar. Das muss man auch so benennen – sonst werden diese humanistischen Katastrophen allzu schnell verharmlost oder – wie damals auch – in eine “normale”, wenn auch extreme politische Schublade gesteckt. “Normal” ist daran aber nichts. Hitler wurde noch wenige Tage vor seiner “Vereidigung” zum Reichskanzler 1933 in der Presse als “Karnevalsprinz” karikiert – bis zu diesem Zeitpunkt hatte ein nicht unerheblicher Teil der Menschen noch lange nicht begriffen, welchen mörderischen Psychopathen sie da vor sich hatten (vgl.).

      Es ist ja, wie Du bestimmt weißt, inzwischen hundertfach soziologisch belegt, dass in unsicheren Zeiten der Existenzbedrohung faschistisches Gedankengut stets auf fruchtbare Böden fällt – da ist es nach meiner Auffassung geradezu eine Pflicht, das auch so zu benennen und darauf hinzuweisen.

      Wenn heute ein Thilo Sarrazin frank und frei zum Thema NSU einen solchen Satz heraushauen kann: “Das ganze Geschehen wäre nicht so ausgeartet, hätten wir starke Führer an der Macht.” (Quelle), dann weiß ich nicht, welche Begriffe man da sonst verwenden sollte, um das sinnstiftend einzuordnen.

      Liebe Grüße! 🙂

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      • pantoufle sagt:

        Moin Charlie

        Ein kleines Mißverständnis: Natürlich muß ich mich auch mit den individuellen Schicksalen dieser Protagonisten beschäftigen. Ich sehe aber eine Tendenz in der Geschichtsschreibung, die persönlichen Lebensläufe in den Vordergrund zu stellen. Ob beabsichtigt oder nicht, führt das oft zu einer Vernachlässigung des Umfeldes. Das ist zum Teil verständlich: Die Beschäftigung mit einem Adolf Eichmann oder ähnlichen Personen dient in erster Linie zur Darstellung der persönlichen Schuld, dient einer Verurteilung. Da ist es zwingend notwendig, die individuellen Taten in den Vordergrund zu stellen, da man sonst Gefahr liefe, diese zu relativieren, wenn sie aus dem gesellschaftlichen Umfeld nicht herausragen würden. Das Problem ist nicht neu: es begann im Grunde schon mit den Nürnberger Prozessen, wo man vor der Herausforderung stand, individuelle Verbrechen von einem gesellschaftlichen Kontext zu trennen. »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« stand damals zum ersten Mal in dieser Form vor Gericht. Man behalf sich etwas holperig mit der Herausstellung der Verbrechen Einzelner und unterzog den Rest der Gesellschaft der sogenannten Entnazifizierung. Der Persilschein »Mitläufer«, dieser Stempel, der einen von jeder Schuld freisprach, implizierte ja schon, daß der Faschismus – oder seien wir etwas genauer: Der Nationalsozialismus – etwas von oben Verordnetes war, von dem man sich durch Passivität nachträglich distanzieren konnte. Dieser zum Teil unwürdigen Diskussion fiel dann auch der Begriff der Kollektivschuld zum Opfer. Etwas überspitzt ausgedrückt: Jeder, der irgend wann einmal über die Lebensmittelrationierung während des Krieges meckerte, verortete sich nach 45` gleich im Widerstand gegen das Regime. Die Widerstandslosigkeit gegenüber den herrschenden Verhältnissen ging ja sogar soweit, daß nach dem Krieg die reaktionären Verschwörer des des 20. Juli als Widerstandsbewegung gefeiert wurden – als hätte diese Verschwörung etwas im Auge gehabt, was ansatzweise eine parlamentarische Demokratie zum Ziel gehabt hätte. Genau das aber hatte es nicht; man könnte eigentlich von einem einem bewaffneten Machtkampf innerhalb der Elite des dritten Reiches sprechen. Als vorläufiges Staatsoberhaupt war sogar Hermann Göring im Gespräch… .
        Die eigentliche Entnazifizierung bemerkt man eigentlich erst in der Zeit des sogenannten Wirtschaftswunders, als die Gesellschaft materiellen Vorteile genießt, die sie mit der parlamentarischen Demokratie versöhnt; zu einem Zeitpunkt also, in der ein großer Teil der Eliten des des dritten Reiches in der neuen Herrschaftsform schon wieder etabliert waren.

        Was für ein Konglomerat stellt eigentlich eine CDU im Jahre 1960 dar, 15 Jahre nach Kriegsende? Der ehemalige Vizepräsident des Deutschen Kolonialvereins Konrad Adenauer ist Bundeskanzler – an seiner Seite als einflußreicher Staatssekretär Hans Globke, eifriger Verschärfer der Nürnberger Rassegesetze. Die überlebende, entnazifizierte Elite des dritten Reiches ist, soweit sie sich nicht extrem rechten Parteien anschließt oder nach Südamerika flieht, vorzugsweise in der CDU. Das ist die Ausgangslage, die so sehr gefeierte Tradition einer Partei, auf die sie sich bis heute mit Stolz beruft. Den beliebtesten Satz aus der Zeit des Wirtschaftswunders »Wir sind wieder wer« kann man auch anders lesen.

        Ich bin kein Soziologe oder begabter Psychologe – es wäre, eventuell nicht nur für mich, interessant zu wissen, wie sich solche Wurzeln auf die nachfolgende Generation auswirken. Daß es dabei zu solchen Karikaturen wie Erika Steinbach, Präsidentin des Bund der Vertriebenen und auch sonst äußerst rechts kommen kann, ist eine Sache (die Dame sitzt nebenbei auch im Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe des Bundestags – eine Berufung, die auf eine geballte Ladung schwarzen Humors der Verantwortlichen dafür schließen lässt). Aber das zu verallgemeinern, wäre nicht statthaft. Interessanter wären da Figuren wie H.P. Uhl, H.P. Friedrich, Söder und andere: Wie definieren die eigentlich ihren Konservatismus? Die Definition »wertbewahrend« wäre unter den dargelegten Aspekten mindestens erklärungsbedürftig.
        Womit sich langsam die Synonyme »faschistisch«, »faschistoid« ect einschleichen. Die von Dir genannten Beispiele wie Ungarn und Griechenland sind statthafte Beispiele, wo das Wort faschistisch vollkommen angemessen ist. Die Organisationsstrukturen, das Weltbild und die militante Vorgehensweise decken sich mit dem, was wir von den historischen Vorbildern wie der »action française« oder italienischen Vorbildern kennen. Sie decken sich sogar in einem so hohen Maße, daß dieser Neofaschismus beinahe schon wie eine Karikatur daherkommt – von den blutigen Folgen natürlich abgesehen. Es widerstrebt mir aber, einen Faschismusbegriff an solchen plakativen Einzelerscheinungen festzumachen. Noch sind es Ausnahmen; natürlich zu viele und in fast jedem Land der Erde, aber eben doch Ausnahmen ohne wirkliche politische Macht. Vereinzelte kleine Organisationen mit vereinzelten, »kleinen« Verbrechen. Dabei muß man eigentlich gar nicht lange nach den großen Untaten suchen: Die sogenannten »ethnischen Säuberungen« im Kosovokrieg, der unerklärte Krieg gegen die Kurden, Teile der israelischen Siedlungspolitik oder Kriegsgräuel in Uganda – die Liste ist endlos. Benutzt man das Wort Faschismus in diesem Zusammenhang, ist der Begriff wenigstens erweiterungsbedürftig. Er müßte unter anderem um eine religiöse Komponente erweitert werden – ein Teil, der dem klassischen Faschismus vollkommen fehlt, der aber im 21. Jahrhundert eine immer wichtigere Rolle spielt. (Man kann sich nun darüber streiten, ob das nur deswegen passiert, weil den Beteiligten die rationalen Begründungen fehlen oder ob es sich tatsächlich um Glaubensfragen handelt – ich tendiere zu erstgenannter Erklärung). Ein klassisches Merkmal des Faschismus ist unter anderem, daß sich diese Herrschaftsform durch einen ausgeprägten Führerkult, den Kult um eine einzelne Person auszeichnet. Auch dieses Merkmal ist immer weniger anzutreffen. Sieht man sich die Funktion der USA als »Weltpolizei« in den letzten 60 Jahren an, könnte man durchaus faschistoide Merkmale feststellen, ohne daß man aber von einer faschistischen Regierung sprechen kann. Vielmehr wird man im Handeln des Westens gegenüber der sogenannten dritten Welt Merkmale eines Neokolonialismus feststellen; im Grunde ein Rückfall in die Kanonenbootpolitik des 19. Jahrhunderts.
        Der inflationäre Gebrauch des Faschismusbegriffs verdeckt mehr als er offenlegt. Er kann zum Einen aufgrund seiner historischen Begrifflichkeit nur einen kleinen Teil des Geschehens abdecken und erklärt nur zu einem verschwindend kleinen Teil die Verhältnisse. Sieht man sich als Beispiel die Definition des italienischen Faschismus auf der Wikipedia an (und unterstellt nur für einen Moment einen wissenschaftlichen Charakter), so bietet diese Definition absolut nichts, um z.B. die Politik Israels gegenüber den Palästinensern mit dem Begriff »faschistisch« zu beschreiben – was trotzdem nichts daran ändert, das die Folgen dieser Politik durchaus vergleichbar mit denen tatsächlicher faschistischer Regime sind.
        Vielleicht ist der Begriff »faschistisch« einfach nur veraltet, beschreibt nur noch historische Vorgänge und rangiert damit im selben Boot wie »Aufklärung«, »Rokoko« oder »Absolutismus«. Der Begriff »Restauration« im geschichtlichen Sinne ist dagegen erheblich aktueller, beschreibt den Verlust von Bürgerrechten und die zunehmend autoritären Regierungen bei weitem besser als es der Begriff Faschismus könnte.

        Aber ich will mich nicht streiten: Es handelt sich hierbei nur um einen der Windmühlenflügel, gegen die ich mit Genuß kämpfe.

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  3. gnaddrig sagt:

    Bedrückend, das alles. Du hast recht, Pantoufle, das Altnazizählen sollte man nicht überbewerten. Auch wenn die Durchdringung Nachkriegsdeutschlands mit alten Nazis dokumentiert gehört, ist es wichtiger, sich mit den heutigen Tätern und Opfern zu beschäftigen. Der NSU war die Spitze eines Eisbergs, der noch für manches Übel gut sein wird. Gestern habe ich in der Süddeutschen einen Artikel (“Akte Eisleben” auf S. 3) gelesen, der eine Begebenheit aus dem deutschen Frühling 2012 zum Inhalt hatte. Den Sachverhalt kann man hier online lesen, aus anderer Feder, aber ähnlich ausführlich.

    Demnach hat die örtliche Polizei offenbar kein gesteigertes Interesse, Zeugen einer schweren Gewalttat zu vernehmen. Die zuständige Staatsanwaltschaft lässt sich zum Jagen tragen, schiebt die Dinge anscheinend auf die lange Bank und hält es nicht für nötig, sich auch nur den einen, einschlägig vorbestraften und auf Bewährung freien Mittäter näher anzuschauen. Da bin ich doch im falschen Film, oder? Das wäre schon vor Bekanntwerden der NSU-Geschichte ein handfester Skandal gewesen. Aber wenn die jetzt auch noch so agieren, muss man das doch eigentlich als politisches Statement verstehen, oder? Deprimierend!

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  4. pantoufle sagt:

    Moin Gnaddrig
    Du zeigst die Crux ja selber auf: Auf der einen Seite ein Erbe aus der Zeit des Nationalsozialismus – auf der anderen die haarsträubenden Folgen, sieht man sich die Art und Weise der von Dir zitierten Strafverfolgung an. Genau da sehe ich die Zusammenhänge. Da ist nichts wichtiger oder unwichtiger: Es gehört untrennbar zusammen.

    Anmerkungen zu Zahlenspielen: Der von Dir zitierte Fall steht exemplarisch für die Fragwürdigkeit der Opferzahlen rechter Gewalt. Abgesehen von offener physischer Gewalt gibt es eben noch andere Formen, in denen sich eine solche Gesinnung äußern kann. Wenn ein Innenmister Schünemann gegen jede Moral eine Iranerin abschieben will, der im Heimatland die Steinigung droht, dann taucht das in der Statistik »Rechte Gewalt« leider nicht auf. Diese Abschiebung konnte in letzter Minute verhindert werden – wieviele andere nicht und wieviele hat es das Leben gekostet?
    In der Tat: Deprimierend!

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    • gnaddrig sagt:

      Keine Frage, dass das unselige Erbe der Nazizeit und der Altnazis das Klima heute zumindest beeinflusst hat. Die mangelnde Aufarbeitung sowohl in der DDR als auch in der alten Bundesrepublik hat da nicht geholfen. Dass im Westen mit großem Pomp entnazifiziert wurde, mag zwar manchen Nazi ins Gefängnis gebracht haben, aber die vielen, die davongekommen und sogar in höchste Ämter gelangt sind, sprechen eine deutliche Sprache.

      Der Niedertracht kommt man ganz oft nicht oder nur zufällig auf die Spur. Alles, was sich nicht im Dunstkreis der Neonazi-Szene mit offen rassistisch auftretenden Gewalttätern abspielt (“Zeckenklatschen” und so), findet ja weitgehend im Verborgenen statt.

      Ähnliches lässt sich beim Mobbing beobachten, wo die Täter oft sehr geschickt vorgehen und das fortgesetzte Mobbing oft von niemandem bemerkt wird. Dass man Opfern oft nicht glaubt, gehört auch dazu (“Soll sich nicht so ansstellen”, “Pack schlägt sich, Pack verträgt sich”, “Hat noch keinem geschadet” usw.) Und wenn dann bürokratische Mechanismen greifen wie bei der verhinderten Abschiebung (und den vielen nicht verhinderten Abschiebungen), wird es vollends undurchsichtig.

      Es ist wie Krebs, der überall wuchert. Die prügelnden Glatzen sind nur die Geschwüre, sie zu entfernen würde das Elend aber nicht beenden. Das Übel sitzt tiefer.

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  5. aphrodite sagt:

    Vielen Dank für die Teilhabe an eurem Gespräch.!

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