Derzeit nicht erhältlich / Update

Bild hat auch schon berichtet. Also wird es auch Zeit für die Schrottpresse.
Wer im Moment nach CDs von von Anna-Lena Schnabel forscht, wird vermutlich den Hinweis »derzeit nicht erhältlich« finden; nicht ganz das, wonach man gesucht hat.

Anna-Lena spielt Saxophon – unter anderem. Außerdem im Bereich Jazz. Das ist nicht gerade eine Musikrichtung, in der Tonträger bis auf weiteres vergriffen sind. Daß es in diesem Falle aber doch so ist, hat mit einer Dokumentation von Jan Bäumer »Der Preis der Anna-Lena Schnabel«, den es im Moment noch in der Mediathek von SAT3 gibt.
Also erst einmal: Unbedingt ansehen. Nicht nur, daß Anna-Lena Schnabel ihren »Echo Jazz 2017« verdient; die Dokumentation ist genau so preiswürdig!

»Eines, was mich sehr beschäftigt hat, ist, daß ich keines meiner Stücke spielen darf beim Echo. Das hat mich schon sehr gewundert und getroffen, da ich ja für meine CD den Preis bekommen habe. Klar: Das Stück, was ich [auf der Preisvergabe] spiele, ist auch auf der CD, aber es ist tatsächlich das einzige Stück, was nicht von mir geschrieben wurde. Da wurde dann der Grund genannt »Tja, es ist nicht gefällig genug für das Publikum und dann schalten die Leute weg.«

Anna-Lena Schnabel

Das ist nicht die einzige Ungeheuerlichkeit, die in der Dokumentation zur Sprache kommt. Auch die Tatsache, daß die Musikerin ihr Hotelzimmer während ihrer Teilnahme an der Preisverleihung vorfinanzieren mußte und ihr Bruder ca. 70€ Eintritt bezahlt, plus 40€ extra, um einen Platz neben Mutter und Künstlerin zu bekommen… es gibt da einige Besonderheiten beim Jazz-Echo. Aber all das wird in dem Film von Bäumer sehr schön beleuchtet, ohne es freilich erklärt zu können. Wenigstens einen Teil der Erklärung liefern die Redebeiträge des Geschäftsführers Bundesverband Musikindustrie, Florian Drücker. Ein Meister des Bullshitbingos dieser Branche. Zum Thema Hotelzimmer werden denkwürdige Konstruktionen geschmiedet wie

»Diese ganze Veranstaltung kostet zwischen 150.000, 200.000 Euro. Dabei sind schon die Einnahmen abgezogen. Das ist ein Draufzahlgeschäft und die Labels sind dafür zuständig, hier dafür zu sorgen, daß der Künstler ankommt, dort versorgt wird und dort dann entsprechend auftreten kann. […] Das Spannende ist aber, daß dieses Kommunikationsproblem – ist nicht ein Kommunikationsproblem zwischen Veranstalter Echo und Künstler, sondern ist ein Kommunikationsproblem zwischen Management und Künstler.«

Florian Drücker

Verstanden? Nicht? Also noch mal im Klartext: »Seht gefälligst selber zu, wo ihr eine Matratze findet!« Und diese Aussage ist alles andere als spannend. Was unter normalen Umständen wie Konzerten oder einer Tournee durchaus zutreffen mag, ist bei so einer Preisverleihung wenigstens unpraktisch. Der Veranstalter muß bereits für Techniker, Moderatoren und VIP-Gedöns mindestens ein halbes Hotel buchen; es für die Musiker nicht zu tun, wäre an sich schon mal unökonomisch.
Der Jazz-Echo ist nicht dotiert, was gerade bei den immer klammen Jazzmusikern erstaunt. Aber die Branche nagt ja selber am Hungertuch. Bedroht vom Internet, dem Europäischen Gerichtshof und einer unfähigen Bundesregierung in Urheberfragen kämpft sie einen unbarmherzigen Überlebenskampf.

»Der Echo-Jazz ist deshalb undotiert, weil dieser Preis den Verband als Ausrichter sehr viel Geld kostet und man dann entsprechend andere Dinge nicht machen könnte. Man müßte an anderen Stellen sparen, das würde dann dazu führen, daß man sagt »ok, wo kann man denn mal anfangen…na gut, wir könnten ja mal 10m roten Teppich weniger kaufen…ok, dann kostet das 15 € weniger – wo gehen die hin? Man kann man weiterführen, ok: dann machen wir weniger Licht, dann machen wir dies nicht, dann machen wir das nicht, dann machen wir keine Aftershow-Party.«

Florian Drücker

All denjenigen, die so etwas schon mal erlebt haben oder in diesen Betrieb involviert waren, bleibt dabei die Spucke weg. Wo gehen die 15€ hin? Die werden alle paar Minuten für irgend einen Spleen oder die Planlosigkeit von solchen Produktionen zum Fenster rausgeworfen. Ca. 75% des Personals machen das zum ersten Mal oder tun wenigstens so. Auf solchen Veranstaltungen wird man nicht deswegen eingesetzt, weil man das besonders gut kann, sondern weil man mit irgend jemandem besonders gut kann.

Am schönsten ist das mit dem Licht! Das ist eine verdammte Fernsehproduktion! Genausogut könnte man vorschlagen, man entfernt einfach den Sauerstoff aus dem Veranstaltungsgebäude. Auch dann fällt diese Groteske aus.
Keine Aftershow-Party? Die ist doch hauptsächlich für den Veranstalter selbst, die Sternchen und Möchtegern-VIPs, die dort mit Getöse und billigem Sekt abgefüllt werden. Für all diejenigen, die den roten Teppich belagern, während die prämierten Künstler noch den Bühnen-Eingang suchen. (Sehr schön am Ende des Films, wo besagter Teppich von max. 2% der Künstler benutzt wird. Der Rest ist das, was die Techniker gerne als Fußpilz bezeichnen).
»…weil dieser Preis den Verband als Ausrichter sehr viel Geld kostet«. Nach eigenen Angaben hatte die Branche 2016 einen Umsatz von 1,593 Milliarden Euro bei einem Wachstum von 3%. Das Argument Florian Drückers, das lediglich »2% davon aus dem Bereich Jazz« kommen, ist dabei gleichgültig. In den Statistiken der Branche taucht Jazz nicht als Einzelposten auf, sondern läuft unter Pop.
Es wäre schon ein interessanter Vergleich, die Behandlung internationaler Künstler beim Klassik-Echo mit der beim Jazz-Echo zu vergleichen. »Spielen Sie doch lieber was gefälliges! Die Leute lieben Mozart! Stockhausen…ach, wissen Sie, die Abschaltquoten!…«. Gastgeber in der Elb-Philharmonie ist auch in diesem Jahr Thomas Gottschalk, der die Preisverleihung bereits zum vierten Mal präsentiert. Und sein Zimmer im B&B Hotel am Bahnhof zahlt er ebenfalls selber.
Der gesamte Echo-Schwindel, gleich ob Jazz, Klassik oder Pop, ist ein und dieselbe Promo-Veranstaltung der deutschen Musikindustrie und ist mit Sicherheit zu 100% von der Steuer absetzbar. Zehn Meter weniger roten Teppich für 15€ – das ist an Zynismus schwer zu überbieten.

»Das ist halt ganz oft leider so, Musiker stehen immer an letzter Stelle und alle verdienen Geld, bloß die Musiker nicht. Irgendwelche Konzerte, da hißt es immer: Ja, das ist für Promotion… das ist ein gängiges Ding, Musiker auszunehmen. Das muß aufhören! Das ist einfach zu bitter! Der Beruf könnte so viel Spaß machen. Das macht einem leider viel kaputt.«

Anna-Lena Schnabel

Man kann sich bei dieser Dokumentation gar nicht entscheiden, was interessanter ist: Diese großartige Künstlerin – meine persönliche Entdeckung diesen Jahres – oder die zynische Kaltschnäuzigkeit eines abgebrühten Juristen, der ein sicheres Auge für den Weg des geringsten Widerstands die abgetretensten Plattitüden besitzt.

»Wir habe eine große PR-Agentur hier in München engagiert. Mit denen habe ich viel darüber geredet. Ich habe gesagt, warum soll sie jetzt nicht ihr eigenes Stück spielen? »Na, hörn se mal!« Da haben die gesagt: Noch ein Wort und sie sind weg, sie bleiben weg – da kommt jemand anders hin!«

Matthias Winkelmann, Labelchef von Anna-Lena Schnabel

»Ich denke, als kleines Genre haben wir gemeinsam den Anspruch und sind gut beraten, den Preis besser zu machen anstatt ihn madig zu reden. Das ist etwas, wo wir als Verband sagen können, wir zahlen hier viel Geld und das muß man jedes Jahr immer wieder diskutieren. Wenn dann aber noch die Konsequenz ist, daß (einem) die mediale Aufmerksamkeit nicht gedankt wird, dann ist das, was eher dazu führt, daß ein solch wunderbarer Preis in seiner Nische wieder nur zerredet wird und daraus wird am Ende nichts Gutes.«

Florian Drücker

Undankbarkeit! Gegenüber einer Messe, einer Selbstbeweihräucherung der Musik-Industrie! Man sollte es nicht für möglich halten. Um es noch einmal zu wiederholen: Der Echo ist ein Preis, der nach Umsätzen des jeweiligen Künstlers vergeben wird; man hat also bereits daran verdient. Und immerhin wohl soviel, daß man das für preiswürdig hielt.
So kam es auch, daß eine Band wie Frei.Wild. 2016 den Echo in der Sparte Rock/Alternative National bekam. Auch damals stand der wunderbare Preis ein wenig in der Kritik. 2013 war diese rechte Kapelle noch aus dem Wettbewerb geflogen, weil diverse Künstler mit einer Absage an der Veranstaltung drohten.

»Wir haben in den letzten Tagen heftige Kontroversen um die Nominierung von Frei.Wild, die auf Basis der Charts-Auswertung erfolgte, erlebt, die den gesamten Echo und damit auch alle anderen Künstler und Bands überschatten. […] Um zu verhindern, dass der ECHO zum Schauplatz einer öffentlichen Debatte um das Thema der politischen Gesinnung wird, hat sich der Vorstand nach intensiven Diskussionen dazu entschlossen, in die Regularien des Preises einzugreifen und die Band Frei.Wild von der Liste der Nominierten zu nehmen.«

Florian Drücker 2013

Leute: Seht Euch die Dokumentation an, wenn Ihr sie noch nicht gesehen haben solltet. Und googelt ruhig mal ein wenig nach Florian Drücker. Ein Bullshit-Feuerwerk der besonderen Güte!

Was der NDR nicht glaubt, senden zu können. Aus der Rubrik »was die Leute am Öffentlich-Rechtlichen auszusetzen haben.«

Einsparpotential? Streicht diesen unerträglichen Moderator Götz Alsmann.

Update

Wie Meedia berichtete, gibt es mittlerweile eine Stellungnahme des NDR zu der Darstellung in der Dokumentation.

»Für die Entscheidung, welches Stück schlussendlich ausgewählt worden ist, seien mehrere Seiten verantwortlich gewesen, so Schreiber: der Bundesverband Musikindustrie als Veranstalter der Verleihungsgala, die vom Bundesverband beauftragte Produktionsfirma, das Management von Frau Schnabel und der für die „Echo Jazz“-Übertragung verantwortliche Redakteur aus der NDR-Redaktion Show, Musik, Quiz.
[…]
Der NDR sei „betroffen und entsetzt, dass Frau Schnabel die Auswahl in Wahrheit als problematisch empfunden und die Entscheidung gegen eines der anderen Stücke als ‚Verbot‘ bezeichnet hat. Im Vorfeld sei es offenbar „zu gravierenden Missverständnissen zwischen Frau Schnabel und der vom Bundesverband Musikindustrie beauftragten Produktionsfirma gekommen“, sagt Thomas Schreiber.«

Meedia

Was Anfahrt , Unterbringung und Tickets der Künstler betrifft, merkt der Bundesverband Musikindustrie an, daß

»Preisträger plus eine Begleitung beim Echo Jazz keinen Eintritt zahlen müssen. Sollten darüber hinaus weitere Tickets benötigt werden, können diese laut Verband zu einem vergünstigten Preis erworben werden. Was Anreise- und Hotelkosten betrifft, so zähle es zu den Grundsätzen der Veranstaltung, dass der BVMI die Kosten für die Veranstaltung trägt und die Labels sich um ihre Künstler/innen kümmern – und für diese auch die Kosten übernehmen.«

Geht man davon aus, daß die Geschichte mit dem Hotel unter die Rubrik »verpeilt« fällt, so wirft das »gravierende Missverständnis« über die Musik-Auswahl doch weiter Fragen auf:

  • Bei der Aufzählung der Verantwortlichen für die Musik-Auswahl fehlt Anna-Lena Schnabel.
  • Unterstellt der NDR Matthias Winkelmann eine Falschaussage?
  • Das »gravierende Missverständnis« zieht sich durch die gesamte Dokumentation – dann würde diese Unterstellung sinngemäß für alle Beteiligten gelten, die sich dazu geäußert haben.
  • Warum erscheint das Dementi des NDR nicht nach Ausstrahlung der Dokumentation von 3SAT und dem Artikel in der Zeit, sondern erst nach einer BILD-Nachricht?
  • Es ist schwer vorstellbar, daß die Verantwortlichen der Dokumentation von 3SAT (einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt) nicht im eigenen Haus nachgefragt haben, ob man mit der Darstellung so dermaßen falsch liegt.

Der BVMI äußert sich

»Den richtigen Mix zusammenzustellen sei aber “immer eine besondere Herausforderung”: Es gelte, die verschiedenen Tempi und Stimmungen der jeweiligen Stücke zusammenzubringen, die Künstler vorzustellen und dem Zuschauer das Genre Jazz nahezubringen. “Die Künstler sind in diesen Vorgang jedoch stets einbezogen. Am Ende muss im Medium TV eine Sendung entstehen, die die TV-Zuschauer erreicht und inhaltlich abholt und mitnimmt. Die Produktionsfirma und der NDR haben dabei unser vollstes Vertrauen und das bisherige Feedback der Branche auf die letzte Sendung hat uns darin in den letzten Monaten noch einmal bestärkt!”«

si tacuisses, philosophus mansisses

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4 Kommentare zu Derzeit nicht erhältlich / Update

  1. lattjamilln sagt:

    Genau so isses!

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  2. Pantoufle sagt:

    Ich kenne diesen flauen Sprüche der Veranstalter und Promoter bis zum Erbrechen. Die ewig gleichen Ablenkungsmanöver… weniger Licht, weniger roter Teppich, weniger Lautsprecher – vor allem weniger Personal! Daneben steht die Geldverbrennung durch Dilettanten, unfähiges Personal, Fehlplanung, Dummheit und vor allem Leute, die die Schwachpunkte im System kennen und ihren Reibach damit machen. Veranstalter und Promoter. Oder Intendanten.

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  3. Peinhart sagt:

    “Am Ende muss im Medium TV eine Sendung entstehen, die die TV-Zuschauer erreicht und inhaltlich abholt und mitnimmt. ”

    ‘Abholen und mitnehmen’ – die freundliche, aber gnadenlose Erklärung der Unmündigkeit des TV-Zuschauers. Wird auf allen Ebenen immer feudaler, das Ganze.

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    • Pantoufle sagt:

      Ja, das klingt sehr nach Drücker. Und ist ein praktisch unwiderlegbares Indiz dafür, wer da die Entscheidung getroffen hat.

      »Die Produktionsfirma und der NDR haben dabei unser vollstes Vertrauen«

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