Der Stuhl

Eine Erzählung, ein Gast-Artikel von Thelonious. Gerade recht für einen grauen Herbsttag wenn man die Sonne vermisst.
Vielen Dank an Thelonious für die Erlaubnis, die Geschichte an dieser Stelle zu veröffentlichen

Pantoufle

Der Stuhl

Das war es wohl. Es war abzusehen, denn geknirscht und geknackt hat er schon lange. Und heute früh ist er zusammengebrochen. Er ist auch schon alt. Ein Fremder am Tisch. Einer zudem aus einer anderen Zeit. Ich erzähle gerne seine Geschichte. Auch an die, die sie nicht unbedingt hören wollen. Der berühmteste Stuhl am Tisch. Die anderen sind nur Stühle. Er hat etwas vorzuweisen. Gut und gerne ist er 70 oder 80 Jahre alt. Ein einfacher Eichenstuhl. Nicht wie moderne Stühle, gut gepolstert oder ergonomisch geformt. Eigentlich nicht einmal besonders bequem. Oder schön. Beige-brauner Bezug. Omamäßig. Und trotzdem sind die anderen Stühle am Tisch insgeheim neidisch auf ihn. Er ist der Star. Der Stuhl auf dem schon Che Guevara saß.

Ich habe ihn Anfang der 90er geerbt. Zusammen mit jede Menge anderem Krempel. Büchern, Fotos, Manuskripten und einem Haus. In der Kabylei. Das mit dem Haus ist eine komplizierte Geschichte. Eigentlich dürfen Ausländer in Algerien keinen Grundbesitz haben. Aber solange es keiner gemerkt hat, war alles in Ordnung. Heute wohnt irgendein Parteimensch der FLN in dem Haus, aber die wichtigsten Sachen habe ich damals mitgenommen. Auch den Stuhl. Aber der ist jetzt kaputt. Hoffentlich kann ich ihn reparieren.

Am Wochenende stehe ich früher auf als sonst. Dann ist es schön ruhig im Haus. Jetzt nur keinen Krach machen und die anderen wecken. Obwohl, die beiden Söhne treiben sich auf irgendwelchen Festivals herum, sie werde ich vor heute Abend nicht sehen. Meine Frau steht auch nicht vor neun auf. Ich bin alleine und genieße es. Nicht dass mich meine Frau stört, sie weiß, dass ich die ersten Stunden des Tages nicht gerne rede. Sie respektiert das. Aber es ist irgendwie anders. Ein zweiter Mensch im Raum verändert immer die Atmosphäre. Ich bin dann nicht mehr alleine und ich weiß das.

Der Hund kommt die Treppe heruntergerannt und bekommt ein Leckerchen. Das ist sein Bestechungsgeld, er spürt, dass ich meine Ruhe haben will und lässt mich gerne alleine, denn eigentlich ist er noch müde. Aber so ein Betthupferl für die letzte Schlafetappe. Die Straße in die Träume zieht sich und so ein bisschen Verpflegung für unterwegs kann da nicht schaden. Er reißt es mir aus der Hand und verzieht sich wieder nach oben. In eineinhalb oder zwei Stunden wird er wiederkommen. Dann hilft keine Bestechung mehr, dann geht es spazieren. Aber jetzt setze ich mich erst einmal. Drehe eine Zigarette und zünde sie an. Rauchen. Dann Wasser in den Kocher, Filter auf die Kanne. Das Kaffeepulver wird nur grob abgeschätzt. Wir haben keine Kaffeemaschine. Nicht aus grundsätzlichen Erwägungen oder weil selbst gebrühter so viel besser ist. Wir sind auch keine Vertreter der Caffé-Latte, Espresso- oder Capuccinofraktion. Nein, wir haben einfach kein Glück mit den Geräten. Spätestens nach zwei bis drei Monaten sind sie kaputt. Egal ob das Billigteil aus dem Supermarkt oder das Teure aus dem Fachhandel. Stiftung Warentest-„sehr gut“-TÜV-VDE-und-was-es-sonst-so-gibt-geprüft. Nach kurzer Zeit sind die Dinger hin. Kismet. Dann brühen wir wieder von Hand auf. Irgendwann haben wir es mit den Maschinen aufgegeben. Es geht auch so.

1980 war ich zum ersten Male in Algerien. Ich hatte mit viel Glück einen Mokick-Unfall überstanden. Drei angebrochene Rückenwirbel, verschraubte Knochen, kaputte Knie und Ellbogen. Ein paar gebrochene Rippen. Mehrere Wochen Gipsbett und dann Rollstuhl. Ich wurde ein Jahr von der Schule befreit. Und dann fand meine Mutter ein wenig Haschisch in meiner Jackentasche. Es gab einen Riesenärger. Der missratene Sprössling kifft, statt zu lernen. So wird er nie Jurist. Oder wenigstens Orchestermusiker. Sobald er wieder laufen kann, muss er weg, weit weg, heraus aus dem Drogensumpf. Doch wohin?

Zu Saïd. Dem Bandarbeiter von Renault. Dem Revolutionär, dem Mann, der Che gekannt hatte. Der Freund meiner Eltern. Sechs Jahre lang, zwischen 1958 und 1964, war ihre Wohnung ein Auffanglager für französische Deserteure aus dem Algerienkrieg. Meine Eltern sind Anarchosyndikalisten.

Zu manchen der Deserteure haben sie noch heute Kontakt. Alte Männer. Manche leben noch heute unter ihrer Tarnidentität. Erst in den 80er begnadigte die französische Republik die Fahnenflüchtigen von damals. Rehabilitiert wurden sie nie. Jean-Pierre war lange Zeit Bürgermeister eines Badeortes in der Normandie. Sein echter Name lautet anders. Er hat ihn seit dem Algerienkrieg nie wieder benutzt. Er gehört zu den Honoratioren des Ortes. Ist ein geachteter Bürger. Die Leute kennen seine Vergangenheit nicht. Sechs Jahre seines Lebens hält er gut versteckt. Seinen Kindern hat er erst im Erwachsenenalter erzählt, wer diese Deutschen waren, die regelmäßig besucht wurden, oder zu Besuch kamen. Manchmal überlege ich mir, wie so ein Leben mit eingebauter Schizophrenie sein muss.

Vermittelt hatte diese Männer Saïd. Einer der Europabeauftragten der FLN. Ein Konspirationsprofi. Der harmlose Hilfsarbeiter, der in einem Vorort von Paris lebte. Verheiratet mit einer Französin. Zwei Kinder. Er versorgte die Flüchtigen mit neuen Pässen und schaffte sie über die Grenze. Im Wirtschaftswunderland wohnten sie bei Leuten wie meinen Eltern. Sie fanden schnell Arbeit und manchmal auch ein Zimmer oder eine kleine Wohnung. Dann zogen sie aus. Lebten ein legales Leben in der Illegalität. Es gibt doch ein richtiges Leben im Falschen. Adorno hatte Unrecht.

Wenn das Wetter schön ist, sitze ich in den ruhigen Stunden des Morgens im Garten und schaue der Sonne beim Aufgehen zu. Manchmal summe ich „Der Osten ist rot“ vor mich hin. Damit wird man in chinesischen Zügen geweckt. Das ist dann furchtbar. Ganz furchtbar. Aber die Melodie bekomme ich seither nicht mehr aus dem Kopf, obwohl ich sie und vor allem den Text schrecklich finde. Trotzdem erwische ich mich manchmal beim Summen. Das ist mir peinlich, hoffentlich hat es keiner gehört. Ach nein, das geht ja gar nicht. Ich wohne im letzten Haus im Ort. Danach kommen Äcker, Wiesen und Weinberge. Hier hört mich niemand außer den Vögeln und Insekten. Und die erzählen nichts weiter. Ich strecke die Beine aus und träume vor mich hin. Ich genieße. Aber heute regnet es. Es kübelt regelrecht. Träumen und genießen kann ich auch im Zimmer. Der Kaffee ist fertig und ich gieße mir eine Tasse ein. Der Stuhl wartet. Ich setze mich und nippe an dem heißen Kaffee. Dann lehne ich mich zurück.

Er macht kein Geräusch, er gibt einfach nur nach. Ich kippe nach hinten weg. Wie in Zeitlupe. Im hohen Bogen fliegt der Kaffee aus der Tasse und verteilt sich gleichmäßig über den Boden. Ich fluche. Es ist nicht weiter Schlimmes passiert, keine Verbrennungen, nur eine Sauerei auf dem Boden und ein kaputter Stuhl.

Ich lausche. Habe ich meine Frau geweckt? Der Hund steht auf der Treppe und vergewissert sich, dass alles in Ordnung ist. Ansonsten ist alles still. Her mit dem Lappen und die Brühe von den Fließen aufgewischt. Ein kurzer Blick auf den Stuhl. Ein Bein ist abgeknickt. Es war schon länger angeknackst, aber ich war zu faul, es zu reparieren. Ob ich es noch einmal hinkriege? Keine Ahnung. Die anderen Stühle scheinen sich zu freuen. Der Hund leckt die letzten Kaffeereste auf und trollt sich. Alles ist wieder ruhig. Und dann kommt die Erinnerung.

Ich bin 16 Jahre alt, stehe am Gepäckband und warte. Längst haben die anderen Passagiere ihr Gepäck eingesammelt und sind verschwunden. Ich warte. Auf meinen orangenen Rucksack. Doch die schwarze Gummilappen des Gepäckbandes sind leer. In mir steigt Panik auf. Was soll ich tun? Ich bin nicht zum ersten Male alleine unterwegs. Auch nicht zum ersten Male im Ausland. Aber beides zusammen hatte ich noch nie. Ein Polizist kommt auf mich zu und fragt, was los sei. Mühsam radebreche ich ihm, dass ich auf mein Gepäck warte. Er nimmt mich mit zum Schalter der Fluggesellschaft. Wieder die Erklärung. Das Gepäck ist nicht da. Es landete vermutlich in der falschen Maschine. Die Frau am Schalter versteht deutsch und gibt mir einen Gutschein über dreihundert Francs. Ich soll ihn in der Stadt bei der Niederlassung der Gesellschaft einlösen und mir von dem Geld Kleidung kaufen. Ein schwerer Fehler sei es. „Je suis désolée“

Hinterm Zoll stehen viel zu viele Menschen. Es ist kein bekanntes Gesicht darunter.

„Taxi?“

Etwa 20 Mann stürmen auf mich zu und reden auf mich ein.

„Taxi?“

Ich weiche zurück.

„Taxi?“

Nein, ich warte hier nur auf jemanden, ich will kein Taxi. Doch ich bekomme kein Wort heraus.

„Taxi?“

Ich weiche zurück und schreie

„Non!!!!“

Irgendwann habe ich sie verscheucht. Jetzt sitze ich da und warte. Eine Duty-Free-Tüte zwischen meinen Beinen. Inhalt zwei Flaschen Pastis und eine Stange Gitanes.

„Taxi?“

Ich schüttele den Kopf. Zwei Stunden lang immer wieder „Taxi?“ Dann gebe ich auf. Beim nächsten „Taxi?“ nicke ich bejahend. „Votre bagage?“ Kein bagage, ich will nur noch weg von hier. In der Tasche habe ich eine Notfalladresse in Algier, falls etwas schief geht. Das ist wohl ein Notfall.

Ich trotte neben dem Mann her und er führt mich zu einem alten Simca. Nie im Leben ist das ein Taxi. Ich bin einem Betrüger auf den Leim gegangen. Vermutlich will mich der Kerl abstechen, ausrauben und die Leiche aus dem Auto werfen. Man kennt sie ja, die Südländer … Er öffnet mir die Tür und grinst mich an. Ich traue mich nicht einmal wegzulaufen.

Dann lerne ich den algerischen Straßenverkehr kennen. Wenn mein Peiniger mich nur schnell absticht. Alles besser, als das hier. Wieder überholt er bei Gegenverkehr und zwingt den anderen von der Straße. Der Mann ist nicht nur ein Verbrecher, sondern auch lebensmüde und irr. Und er quasselt die ganze Zeit in einem arabisch-französischen Mischmasch. Ich verstehe kein Wort und nicke nur. In den engen Straßen der Kasbah springen die Leute zur Seite, als der Irre hupend seine Ankunft verkündet. Immer wieder fragt er nach dem Weg.

Und irgendwann passiert es. Metall knirscht auf Metall. Mein Fahrer springt aus dem Auto und hält einen großen Schraubenschlüssel in der Hand. Den hatte ich bisher gar nicht bemerkt. Nicht erstechen, erschlagen. Mahlzeit. Auch sein Gegner besitzt ein Eisenteil. Drohend stehen sich die beiden gegenüber. Zum Schlag bereit. Geschrei. Gleich wird es Tote geben. Und dann … steigen beide wieder ein. Irgendeiner wird wohl nachgegeben haben. Ich kann nur nicht erkennen, wer. Eine Machismolektion. Das habe ich mir gemerkt. Später in meinem Leben werde ich noch manchmal auf diese Lektion zurückgreifen. Das wird mir helfen.

Langsam werden die Straßen wieder breiter. Das spornt den Irren nur an, noch schneller zu fahren. Ich schließe die Augen. Und dann stehen wir. Vor einer langen weißen Mauer mit einem kleinen Tor. „Nous sommes arrivé“. „Ça fait combien?“ Wieder dieses Arabisch mit ein paar französischen Brocken. Ich verstehe nur ein Wort: „Pastis!“ Eine Flasche Schnaps erscheint mir als Lösegeld nur zu fair. Ich steige aus und mein Retter rast hupend los. Ich winke, bis er um eine Kurve verschwindet.

Ich sehe mich um. Von wegen Retter. Der Kerl hat mich einfach nur im Villenviertel ausgesetzt. Jetzt bin ich endgültig am Arsch. Was hilft es, ich muss klingeln und nach dem Weg fragen. Ein Dienstmädchen öffnet nach kurzer Zeit die Tür in der Mauer. Wieder radebrechen. Ich zeige ihr den Zettel. „Oui, entrez!“ Das kann nicht sein, hier bin ich definitiv falsch. Ich kenne Ali vom sehen. Mit Saïd zusammen hat er mal meine Eltern besucht. Er trug einen billigen Mercedes-Blousson aus Plastik. Der hat kein Dienstmädchen. Ich zeige der Frau wieder meinen Zettel. „Oui“, sie nickt mit dem Kopf und bedeutet mir, ihr zu folgen. Wir steuern durch einen Park auf eine Kolonialzeitvilla zu. In der Tür steht eine vornehme Dame, lacht und begrüßt mich freundlich. Alis Frau ist offensichtlich auf meinen Besuch vorbereitet.

Mein Gastgeber hat sie kontaktiert durch einen Brief. Er habe keine Zeit, mich abzuholen und ich würde irgendwann auftauchen. So ein Arschloch. Mir oder meinen Eltern hat er das nicht mitgeteilt. Er hat mich einfach auflaufen lassen. „Mais c’est Saïd“, werde ich aufgeklärt.

Durch seine Unzuverlässigkeit hat er mir ein Märchen aus tausend und einer Nacht beschert. Ali ist kein Hilfsarbeiter, er ist Mitinhaber einer großen Anwaltskanzlei und Geschäftsführer von Mercedes-Benz in Nordafrika. Saïd hat ihm vor Jahren sein Studium mitfinanziert. Er ließ den jungen Mann kostenfrei bei seiner Familie in Paris mitwohnen. Das hat er ihm nie vergessen. Und so werde ich umsorgt wie der verlorene Sohn. Am Abend kommt Ali und wir drei sitzen zusammen auf der mit bunten Mosaiken verzierten Terrasse. Ich muss ihm meine Geschichte erzählen und er verspricht mir, das mit meinem Gepäck zu erledigen. Er wird sein Versprechen einhalten.

Aber das ist nur Beiwerk. Es ist der Ausblick. Hier direkt über der Kasbah habe ich die ganze Bucht im Blick. Und dann geht die Sonne hinter den Bergen unter. Die Muezzins beginnen zu singen. Ich bin in einer neuen, fremden Welt. Mir fällt Camus’ Beschreibung der Bucht von Oran ein und finde, dass seine Worte viel zu schwach waren.

„Allahu akbar“ – „Gott ist groß“. Manchmal gibt es Augenblicke, an denen man fast daran glauben könnte.

Zwei Tage später holt Saïd mich ab. Er war in Frankreich und hat ein neues Auto gekauft, einen grünen R5. Ob alles gut geklappt hätte? „Geht so“ „War das Taxi teuer“. „Nur eine Flasche Pastis.“ Saïd tobt. Der Mann wäre ein Betrüger, ob ich mir die Autonummer gemerkt hätte. Und nun erhalte ich auch eine Lektion über den arabischen Sozialismus.

Alkohol ist in Algerien, anders als in vielen anderen islamischen Ländern für die Einheimischen nicht verboten. Bier und Wein sind teuer, aber irgendwie bezahlbar. Doch Schnaps ist ein Luxusgut. Der Pastis, den ich am Flughafen kaufte, ist in Algerien das Zehnfache wert. Rund dreihundert Mark kostet dort umgerechnet der ¾ Liter und das war eine Literflasche. Dafür hätte der gute Mann drei Monate Taxi fahren müssen.

Allah ist nicht nur groß, sondern auch gerecht, denke ich mir. Hätte mein Gastgeber mich nicht versetzt, dann hätte er jetzt zwei Flaschen.

Bevor wir in Saïds Heimatdorf in der Nähe von Tizi Ouzou fahren machen wir Halt in einem Vorort Algiers. Bou Merdes ist eine Trabantenstadt. Eine Plattenbausiedlung, die auch in der DDR stehen könnte. Dort hat mein Gastgeber eine kleine Wohnung. Zwei Zimmer, Klo, Küche, Bad. Aber ein exzellenter Ausblick auf die Moschee, die direkt gegenüber steht. Und der Strand ist keine 200 Meter entfernt. Ich plansche ein wenig im Mittelmeer und bin zufrieden. Abends werden wir bei einem Freund Saïds zum Essen eingeladen. Müde und glücklich lege ich mich im Wohnzimmer auf die Couch und schlafe ein.

Um fünf werde ich von einem Höllenlärm geweckt. Der Muezzin grölt zu Steinerweichen und wird durch mehrere Lautsprecher verstärkt. Ich schaue aus dem Fenster. Der Platz vor der Moschee ist leer. Keine Gläubigen, die zum Gebet kommen. Doch, einer und er hält einen langen Stab in der Hand. Was macht er denn jetzt? Er zielt. Kein einfacher Stab, ein Gewehr und er hält genau auf das Minarett. Ein Schuss fällt … Und dann ist nicht etwa Ruhe sondern der Kerl auf dem Minarett grölt weiter, als ob nichts geschehen wäre.

Ich renne ins andere Zimmer, wecke Saïd und erkläre ihm die Situation. „Kiff-kiff“. Es ist der Dorftrottel. Der macht das jeden Morgen. Aber solange Allah will, dass er nicht trifft, trifft er nicht. Saïd ist übrigens Agnostiker. Dann ist ja alles gut, aber hinlegen kann ich mich nicht mehr.

Kiff-kiff, das wird mich in den folgenden Wochen beinahe zum Wahnsinn treiben. Kiff-kiff, dafür gibt es keine Übersetzung. „Egal“ wäre viel zu schwach. „Egal“ fehlt der Fatalismus, der dahinter steht. Der Mensch ist determiniert. Kiff-kiff.

Es passiert.

Oder eben nicht.

Kiff-kiff kann man nicht ändern.

Ich erledige nur die Hälfte des Einkaufszettels? Kiff-kiff. Ich bin eben vergesslich. Irgendwann wird mir meine Frau dafür eine scheuern. Ich weiß es. Determination. Kiff-kiff.

Damals kenne ich die Bedeutung des Wortes noch nicht. Es macht mich rasend. Aber ich lerne dazu. Heute bringt mein Sohn eine vier mit nach Hause. Kiff-kiff. Ich verstehe das, nur meine Frau lamentiert. Deswegen beichtet er auch nur mir die schlechten Noten. Kiff-kiff, wir kriegen das hin.

Wir brechen auf Richtung Kabylei und der kleine dicke Algerier eröffnet mir, dass er ab jetzt nur noch französisch mit mir spreche. Ein Revolutionär müsse viele Sprachen können. Das ist wichtig. Wegen der Weltrevolution. Und es ist kein Scherz, er zieht es gnadenlos durch. Dann erreichen wir Bou Habachou.

Das Haus ist klein und könnte ebenso in der Champagne stehen. Eine blaue Eingangstür, blaue Klappläden. Vielleicht 60 oder 70 Quadratmeter groß. Zwei kleine Schlafzimmer, ein Bad mit Klo. Wohnzimmer und Küche sind ein Raum. Aber es ist das einzige Steinhaus im Ort. Luxus pur. Die Wasserhähne sind nur eine theoretische Möglichkeit. Aus ihnen kommt meist nichts. Das Wasser holen wir aus einem Brunnen im Garten.

Saïd lebt alleine hier, seine Frau hat sich schon lange von ihm getrennt. Seine Kinder sind erwachsen und „Franzosen“. Sie leben nicht mehr in seiner Welt. Das Schicksal des Untergrundkämpfers.

Neun Monate werde ich bei ihm wohnen. Er wird mir ein Französisch beibringen, das mir vielleicht hilft, in den Banlieus zu überleben. Meinen Französischlehrer wird es um den Verstand bringen. Ich lerne Auto fahren. Denn obwohl Rentner, hat Saïd nur selten Zeit, mich nach Algier oder Tizi Ouzou zu bringen. Dass ich keinen Auto-Führerschein habe? Kiff-kiff. Das wird niemand merken. Und wenn doch? Alles eine Frage der Devisen. Korruption ist Alltag in diesem Land. Er stellt mir seinen alten Käfer zur Verfügung. Irgendwann war er wohl mal hellblau, aber die Farbe ist nicht mehr so richtig zu erkennen. Das mit dem Zwischengas und dem nicht synchronisierten Getriebe lerne ich schnell.

Er wird mir beibringen, zu trinken. Kein Wunder, er ist ein Säufer vor dem Herrn. Abends werden wir die Fensterläden schließen, damit die anderen Dorfbewohner nichts von unserer Zecherei mitbekommen. Wir trinken abwechselnd Pastis oder Wein. Und dann wird Saïd erzählen. Vom Befreiungskampf der Algerier, von seiner Vision eines Sozialismus, von den Monaten im Gefängnis, als er öffentlich gegen Boumedienne opponierte, von seinem Ausschluss aus der FLN und natürlich von dem großen Tag, an dem Che in sein Haus kam und mit ihm diskutierte. Er wird mit den Armen wedeln, aufstehen und sich zu mir beugen. „Tu as compris?“ Es ist wichtig, dass ich verstehe. Er ist kein Clown, obwohl er mich ständig zum Lachen bringt.

Er ist das Kind eines kabylischen Bauern. Lesen und schreiben lernt er erst, als er mit zwölf in Frankreich als Hilfsarbeiter arbeitet. Danach verschlingt er Zeitungen und die Klassiker. Molière, Danton, Voltaire. Er lernt die Schriften Marx’ kennen und versteht sie nicht. Und er erlebt die Nazis. Er ist der „Untermensch“, der sich der Résistance anschließt. Und dort im Untergrund erhält er politische Bildung. Er sucht nach seinen Wurzeln. Îbn Khaldoun, die Mouqadima. Er begreift das Unrecht des Kolonialismus. In dem Arzt Frantz Fanon findet er später einen Mentor. Zu einer gewissen Zeit ist der Nationalismus für die Befreiung des Volkes notwendig.

Er wird Berufsrevolutionär. Nach dem Krieg arbeitet er wieder bei Renault, doch das ist nur seine bürgerliche Existenz. Er besorgt Waffen für die FLN. Es ist sein Kampf. Algerien eine Republik des Volkes. Keine Volksrepublik. Das ist ein Unterschied. „L’état, c’est le peuple!“ Er agitiert und diskutiert. „Fratérnité“ übersetzt er mit Menschlichkeit. Deswegen hilft er den französischen Deserteuren.

„Monsieur le Président
Je vous fais une lettre
Que vous lirez peut-être
Si vous avez le temps
Je viens de recevoir
Mes papiers militaires
Pour partir à la guerre
Avant mercredi soir

Monsieur le Président
Je ne veux pas la faire
Je ne suis pas sur terre
Pour tuer des pauvres gens
C’est pas pour vous fâcher
Il faut que je vous dies
Ma décision est prise
Je m’en vais déserter

Depuis que je suis né
J’ai vu mourir mon père
J’ai vu partir mes frères
Et pleurer mes enfants
Ma mère a tant souffert
Elle est dedans sa tombe
Et se moque des bombes
Et se moque des vers

Quand j’étais prisonnier
On m’a volé ma femme
On m’a volé mon âme
Et tout mon cher passé
Demain de bon matin
Je fermerai ma porte
Au nez des années mortes
J’irai sur les chemins

Je mendierai ma vie
Sur les routes de France
De Bretagne en Provence
Et je dirai aux gens
Refusez d’obéir
Refusez de la faire
N’allez pas à la guerre
Refusez de partir

S’il faut donner son sang
Allez donner le vôtre
Vous êtes bon apôtre
Monsieur le Président

Si vous me poursuivez
Prévenez vos gendarmes
Que je n’aurai pas d’armes
Et qu’ils pourront tirer

Boris Vian. Le déserteur. Dabei mag er Moustaki viel lieber: „Ich bin ein Fremder den man hasst …“

Irgendwann lernt er Deutsch. Es klingt furchtbar. Doch er wird verstanden. Der kleine Mann hat ein großes Herz und einen mächtigen Verstand.

Am nächsten Morgen brät er Chillies, dazu gibt es eine Tasse Olivenöl. „Das hilft gegen den Kater“ und ist angeblich gesund.

Unter Ben Bella ist Saïd Koordinator für die Befreiungsbewegungen in Nordafrika. Sein Schwerpunkt ist die Westsahara, die Unterstützung der Polisario. Auch Kuba unterstützt die Rebellen und so reist Guevara nach Algier und ein paar Tage später in das kleine Dörfchen in der Kabylei, um Strategien zu diskutieren und zu organisieren.

17 Jahre später sitzt ein Jugendlicher am gleichen Platz und lernt viel über Zeitgeschichte. Über Philosophie. Den Unterschied zwischen Arabern und Berbern. Er lernt auch seine Eltern besser kennen. Insgeheim ist er stolz auf sie, aber zugeben würde er das nie. Wenn er etwas falsch gemacht hat, bekommt er eine Zurechtweisung. „Tu n’es pas un révolutionaire.“ Dann folgt Schweigen und der Pastis am Abend fällt aus und ich muss mich auf einen anderen Stuhl setzen.

Die neun Monate vergehen schnell. Doch schon im darauffolgenden Jahr komme ich wieder. Nur ein paar Tage in den Herbstferien. Dann wieder in den Sommerferien. Nach dem Abitur fahre ich in die Wüste. Nach Tamanrasset. Meine Freunde mit ihren Motorrädern, ich mit dem Käfer. Das erscheint mir in Anbetracht der algerischen Verkehrsgepflogenheiten als sicherer, Feigling der ich bin. Dafür darf ich die ganzen Ersatzteile mitnehmen. Wir schweißen uns einen Dachträger und beladen ihn mit Kanistern für das Benzin und Tanks für das Wasser. Voll beladen erreicht der arme Käfer noch eine Höchstgeschwindigkeit von etwas über 60 km/h. Aber er wird die Reise durchhalten.

Ein Bekannter von Saïd, Omar, ein Tuareg in unserem Alter, begleitet uns. Auch er studiert mit der Unterstützung von Saïd. Er ist ein herrlicher Blödel und wir lachen uns kaputt, während wir durch die Sahara zuckeln. Ich bedaure nicht, dass ich nicht mit den anderen fahren kann. Er ist in der Wüste aufgewachsen. Er kennt viele Geschichten der Tuareg. Sein Vater hat sie ihm erzählt und diesem der Großvater und diesem … .

Bei jeder Panne sind wir froh, dass wir ihn dabei haben, denn er weiß was zu tun ist. Er lotst den ganzen Haufen zu seiner Familie, die noch immer als Nomaden durch die Gegend zieht. Abends werden wir ganz still, als sein Vater vom harten Leben zwischen Sand und Steinen berichtet.

Vier Wochen dauert unsere Hinreise. Kreuz und quer jagt uns Omar durch die Wüste. Hier eine Ruine, dort eine besondere Oase, und ach da hinten, hatte irgendein Heiliger eine Erscheinung. Nicht weit. Nur 500 Kilometer. Dann sind wir in endlich in Tamanrasset. Hier beginnt Afrika. Das richtige. Trotzdem bin ich ein wenig enttäuscht. Denn hier sind wir nur noch normale, schwitzende Touristen. Auch Omar ist die Gegend unbekannt.

Ich würde gerne weiter fahren. In den Süden. Längs durch diesen schrundigen, alten Kontinent, der unter der Last der Menschen und ihrer Kriege ächzt. Oder wenigstens nach Mali oder Niger, in die Ténéré, doch die anderen wollen nicht mehr. Vier Wochen Wüste sind genug. Sie haben ja irgendwie Recht. Auf dem Rückweg benutzen wir die normale Straße. Keine Abstecher und die Jungs fahren mir davon. Als ich den Atlas überquere, sitzen sie schon auf der Fähre nach Marseille. Das macht nichts, denn ich wollte noch ein wenig länger bleiben.

Zwei Jahre später bin ich in den Semesterferien wieder in der Kabylei. Aber das Land hat sich verändert. Verschleierte Frauen gehen durch die Straßen. Das habe ich dort vorher noch nie gesehen. In Algier schon. Aber dort ist man schon einen Schritt weiter. Die Frauen tragen jetzt Ganzkörperkondome. Die Stimmung gegenüber Europäern ist aggressiv. Saïd schimpft über die FLN, die die Revolution verraten hat und über die Islamisten. Vor allem über die Islamisten. Ich traue mich kaum mehr aus dem Dorf.

Ende 1990 bin wieder in der Kabylei. Ich helfe Saïd, seine Sachen zu packen. Er hat Leberkrebs und will sich in Paris behandeln lassen. Die beiden Pastis-Flaschen leeren wir trotzdem. Am Morgen brate ich Chillies an. Das hilft bekanntlich gegen den Kater. Aber gesund ist das nicht. Trotz Olivenöl. Das sehe ich ihm an. Der Käfer wird verschenkt. Der R5 verkauft. Wir fliegen nach Paris, wo meine Eltern warten und ihren Freund ins Krankenhaus begleiten.

1991 stirbt Saïd. Er hat das Krankenhaus nicht mehr verlassen und ich ihn nicht mehr gesehen. Er wollte es nicht.

Wochen später erreicht mich ein Brief von Ali. Saïd hat mich in seinem Testament zu einem Erben erklärt. Ich bekomme das Haus und alles was darin ist, wenn ich dafür sorge, dass seine Freunde, wann immer sie wollen, darin wohnen dürfen. D e n Gefallen tue ich ihm gerne, aber zuerst will ich noch einmal selbst dorthin. Zusammen mit meiner Freundin. In Algier mieten wir uns ein Auto und fahren in die Kabylei. Im Gepäck habe ich die üblichen zwei Flaschen Pastis und die Gitanes. Meine Freundin hat das Gleiche bei sich. Das sollte reichen.

Wir richten uns ein und wollen ein paar schöne Wochen erleben. Ich zeige ihr das Dorf. Seit ein paar Monaten hat es sogar eine Moschee und einen eigenen Muezzin. Ob wohl der Dorfdepp …?

Abends sitzen wir im Garten neben dem Zitronenbäumchen und trinken Tee. In einer Stunde werde ich die Läden und die Tür schließen. Dann werde ich ein Gläßchen Pastis auf meinen Freund trinken. Ich werde mich auf einen Stuhl setzen. Und meine Freundin auf den von Che. Und dann werde ich ihr erzählen von dem großen Revolutionär, den ich kennen gelernt habe. Ich werde fuchteln und durch das Zimmer laufen. Vielleicht werde ich ein „tu as compris“ einflechten. Manchmal liebe ich große Auftritte. Aber es kommt anders.

Während wir unseren Tee schlürfen kommt der Dorfvorsteher. Wir unterhalten uns, wir kennen uns. Er fragt mich ob ich verheiratet wäre. Ich blicke ihn verständnislos an. Ansonsten wäre unser Verhalten unschicklich und meine Freundin solle bei ihm im Haus schlafen. Und außerdem solle sie ein Kopftuch tragen. Ich werfe den Alten raus und rufe ihm hinterher, dass sein Islamfaschist selber kommen solle, wenn er sich traut.

Dann hole ich den Pastis und Saïds Schrotflinte aus dem Haus. Ich habe keine Ahnung, ob sie geladen ist. Manchmal hat Saïd damit auf wilde Hunde geschossen wenn sie im Garten waren. Umgehen kann ich damit schon gar nicht. Aber es macht Eindruck. Machisissimo. Der Muezzin lässt sich nicht blicken. So saufe ich die Nacht durch und höre laut Moustaki. Ich benehme mich unmöglich. Denn ich bin sauer. Ich weiß, nach dieser Aktion werde ich mich nie mehr hier blicken lassen können. Es ist mir egal. Heute Abend kämpfe ich für die Rechte der Frau und den gepflegten Alkoholismus.

Traut euch! Kommt her! Hier wohnte ein ganz Großer und ich werde sein Erbe verteidigen. Ach, ich mache mich lächerlich. Niemand ist zum Schwanzvergleich bereit. Sie wissen, ich habe den Kürzeren. Der Muezzin kommt nicht. Ich bin nur ein poser und ich weiß das. Kiff-kiff. Der Lauf der Welt ist determiniert. Kiff-kiff, ich habe verloren. Kiff-kiff, ich gebe auf und verziehe mich ins Haus.

Am nächsten Morgen packe ich. Ein paar Bücher, Saïds Manuskripte, er wollte eigentlich noch ein Buch schreiben. Einen Bilderrahmen, den ich ihm geschenkt hatte. Revolutionskitsch. Zwei gekreuzte AK47 aus Filz mit Pailletten besetzt. Dazwischen ein Portrait von Boumedienne. Das Bild hatte ich ausgetauscht gegen ein Schwäbisch Haller Schwein. Saïd hängte es ins Wohnzimmer. Der Präsident braucht schließlich einen würdigen Rahmen. Und Ches Stuhl. Den sollen die Arschlöcher nicht behalten. Den Hausschlüssel gebe ich einer Nichte Saïds, sie kann mit dem Haus mehr anfangen als ich.

Wir fahren zurück nach Algier und buchen eine Überfahrt nach Marseille. Der Krempel ist erstaunlich leicht zu verzollen. Nichts Wertvolles. Und dann ist da noch der Pastis. Drei Flaschen können die gesamte Zollbehörde Algeriens ruhig stellen.

Kurze Zeit später trennen sich meine Freundin und ich. Sie will nicht mit einem gemeingefährlichen Irren zusammen sein. Sie hat nie verstanden, dass ich genauso reagiert habe, wie es in einer Machogesellschaft üblich ist. Nur den Schnaps hätte ich mir sparen sollen.

Ich war nie wieder in Algerien. Ich liebe dieses Land und die Menschen, die dort wohnen, aber ich mag nicht dahin gehen, wo Faschisten und Islamisten sich um die Macht balgen. Saïds Traum ist zu Ende geträumt. Würde und Menschlichkeit sind schon lange Engstirnigkeit und Hass gewichen. Seine Ideen und die von Che sind vergessen. Überholt von der Wirklichkeit. Nur eine Reminiszenz an eine Zeit, in der es anders laufen hätte können, wenn es anders gelaufen wäre. Es gibt doch kein richtiges Leben im Falschen.

Ob es wirklich Ches Stuhl ist. Ich weiß es nicht. Die vier Stühle am Tisch sahen alle gleich aus und ich habe oft erlebt, dass sie nach dem Putzen vertauscht wurden. Auf jeden Fall ist es der Stuhl, der auf dem Platz stand, an dem Ches Stuhl einmal gestanden hat. Das ist doch auch was wert und für einen Stuhl eine steile Karriere.

Übrigens das mit Rettung aus dem Drogensumpf war ein Schlag ins Wasser. In Algerien wächst das Zeug wie Unkraut. Man muss es nur pflücken und rauchen. C’est tous.

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0 Kommentare zu Der Stuhl

  1. Wolfgang sagt:

    Starke Geschichte… mehr davon 🙂

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  2. Stony sagt:

    Vergebens, aber nicht vergeblich. Oder umgekehrt: vergeblich, aber nicht vergebens? Wahrscheinlich je nachdem. Wie auch immer. Danke, nochmal.

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  3. Publicviewer sagt:

    Très bien…. ca ma touchéz l’âme…
    C`est l`afrique…

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  4. Pixelfix sagt:

    Sehr gut und schön bildhaft geschrieben,Grüße.

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  5. Pingback: Kurze Unterbrechung | die Schrottpresse

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