Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.

Welcher namenhafte Journalist hat gesagt »Ich bin nicht nur zu jeder Dummheit, ich bin auch zu jeder Geschmacklosigkeit bereit.« Nein, nicht gedacht, sondern auch laut gesagt. Sonst wäre es ja zu einfach und man könnte sich vor Namen kaum retten.

Das kleine Karlchen sitzt auf der Schulbank und denkt nach. Menno! Warum der Lehrer aber auch heute wieder so schwere Fragen stellen muß? Gedacht hat er das selber ja schon des Öfteren, aber sowas sagt man doch nicht. Obwohl – irgendwie klingt es auch bedeutend und sehr mutig. So anders eben. Und wenn man es erst einmal über die Lippen gebracht hat, kann man ungestraft jeden geschmacklosen Blödsinn erzählen. Karlchens winziges Gehirn rotiert.

Wer allerdings richtig rotiert, ist der tatsächliche Zitatengeber in der schönen Zeitung die Welt. Henryk M. Broder, die Wunderwaffe gegen den Antisemitismus. Heute aber geht es nicht gegen völlig neu entdeckte Israelkritiker, was in der kleinen Wunderwelt Broders gleichbedeutend mit Antisemitismus ist, sondern man titelt:

»Starkes Deutschland germanisiert Europa«.

Eine starke Zeile! Herrlich geschmacklos. Kein Sinn – nur Geruch!

»Jetzt kommen sogar Fachkräfte aus Bulgarien und Rumänien. Aber wie qualifiziert sind sie wirklich, und wer bezieht Sozialleistungen? Echte Zahlen dazu gibt es nicht – oder sie werden zurückgehalten.«

Wer nach dieser gekonnten Einleitung wegen aufkommenden Brechreizes die Lust verloren hat weiterzulesen, verpaßt etwas: Qualitätsjournalismus in Zeiten des NSU-Prozesses und den Toten von Lampedusa.
Daß Broder dieses Mal nicht Initiator der Kampagne ist – geschenkt! Er springt eben lustvoll auf den fahrenden Zug auf, der da heißt »Festung Europa«. Belastbare Zahlen, nach denen er scheinheilig fragt, kann man da ignorieren. »Mit Statistiken läßt sich alles beweisen«. Das seien nur »Haarspaltereien und Zahlenspiele«. »Als gäbe es keine Slums in Duisburg oder Mannheim«.
Argumente für seine Parole kann Broder natürlich nicht liefern. Der EU-Betritt besagter Staaten ist zu frisch, als auch nur ein Personenzug in dieser Zeit Deutschland erreicht haben könnte; zudem die Sozialämter über den Jahreswechsel geschlossen hatten.

Das Motto, dem sich Broder zusammen mit NPD und CSU anschließt, nennt sich Präventiv-Paranoia. Und schon seit geraumer Zeit verschwindet selbst der Gedanke an die Festung Europa zugunsten des Bunkers Deutschland. Die Rückkehr des Gedankens des Nationalstaates durch die Hintertür, die Balkanisierung Europas. Dann wird auch schon mal eine Polizei-Sonderkommission »Bosporus« zur Aufklärung der »Döner-Morde« gegründet, man wartet gespannt auf das Ende des NSU-Prozesses – hatte die rechte Terrorbande wirklich ausländerfeindliche Motive?
Wer sich fragt, was die überfällige Entdeckung der NSU-Mörder im Bewußtsein der Menschen hinterließ, bekommt langsam eine sichere Antwort: Nichts! Jedenfalls nichts, was den Ausbau neuer Feinbilder und Bedrohungsszenarien bremsen würde. Broder spricht von einer »quasi physikalische Tatsache«, daß Flüchtlingsschicksal grundsätzlich gleichbedeutend mit Armutsmigration ist – das darf man in Deutschland auch nach den NSU-Morden ungestraft schreiben. Wenigstens dann, wenn man vor Zeiten verkündete, daß man zu jeder Dummheit, zu jeder Geschmacklosigkeit bereit wäre. Quod erat demonstrandum. … Es geht natürlich auch, wenn man Vorsitzender einer kleinen bayrischen Partei mit christlichem Anspruch ist.

Es reicht die Behauptung: Ob die NSA fünf, fünfzig oder gar keinen islamistischen Anschlag verhinderte – es zählt die Angst, die man verbreitet. Wer hält sich da mit nackten Zahlen auf? Jedenfalls kein Henryk M. Broder. Zumal dann die konkrete Gefahr bestünde, sich mit Zusammenhängen befassen zu müssen: Seine Art von populistischer Lyrik wäre nur dann mit Erfolg zu verteidigen, ginge man davon aus, der Reichtum Deutschlands wäre auf einem weit entfernten Planeten geschaffen worden.

Karlchen kaut immer noch an der schweren Frage seines Lehrers. Neben ihm sitzt Ercem. Ercem ist Islamist. Wahrscheinlich. Er und seine Familie betreiben andere Verehrungspraktiken als Karlchen. Deswegen hat Karlchens Papi auch energisch gegen den Bau einer Moschee demonstriert. Erfolgreich. Und seine Schwester trägt ein Kopftuch. Immer. Fremde sind irgendwie bedrohlich. Das sagt selbst der Qualitätsjournalist Henryk M. Broder! Der muß es schließlich wissen. Aber wer zum Teufel mag nur »Ich bin nicht nur zu jeder Dummheit, ich bin auch zu jeder Geschmacklosigkeit bereit.« gesagt haben?
Hoffentlich klingelt es bald…

Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher.

(Berthold Brecht, von dem auch die Überschrift stammt)

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0 Kommentare zu Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.

  1. der Doctor sagt:

    Hut ab,ertreägst gleich nach dem Jahreswechsel schon den Broder.Das die Springer-Presse der CSU bei ihrer rechtspopulistischen Kampagne beispringt,wundert mich nun nicht unbedingt,das aber eine ganze Reihe von Nachrichtenagenturen diesen Rotz der blöd-Zeitung ungeprüft übernimmt ist schon ein ziemliches Armutszeugnis.
    http://www.stefan-niggemeier.de/blog/kein-kindergeld-fuer-bulgaren-und-rumaenen-agenturen-fallen-auf-bild-rein/

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  2. pantoufle sagt:

    @Doctor
    Schönes Neues erst mal! Siehste: So weit war ich noch gar nicht. Ich bin nur bis zu Welt gekommen, beziehungsweise dem Biedermann und Brandstifter.
    Daß die Kindergeldmeldung kalter Kaffee ist, stand letzte Jahr schon irgendwo. Da war ich nur zu träge, das rauszukramen. Das hätte dem Text kein wesentliches Detail dazugetragen; sachliche Argumente will man ja ausdrücklich nicht hören. Dann will ich auch nicht. Man kann Broder ungestraft in die Ecke mit den gefährlichen Demagogen stellen. Die Munition dafür liefert er ja bereits selber.
    Die TAZ hat da auch noch was beizutragen – da stehen ein paar Zahlen. Verglichen mit den ca. 500.000 einwohnern Duisburgs scheint es sich um ein lösbares Problem zu handeln.
    Wenn man denn wollte.

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  3. Der Duderich sagt:

    Broder sollte ignoriert werden. Oder so gelesen werden, wie Du es schreibst.

    Die wenigsten in unserer Bevölkerung kennen Broder überhaupt.

    Geh mal in irgendeine Fußgänger-Zone und frage, wer Broder ist.

    Die wenigsten werden ihn kennen – und die meisten davon werden Nichtwähler sein.

    Er ist gleichzeitig belanglos – und gefährlich.

    Schon schlimm genug, dass wir in einer Gesellschaft leben müssen, in dem Personen, wie dieser Broder, Gehör findet.

    Und die, die ihn kennen, lesen dummerweise nicht die ‚Schrottpresse‘ sondern den SPIEGEL, die ZEIT, die FAZ und die WELT.

    Ach, geheiligte Scheiße auf Toast und mit Käse überbacken!

    Entweder keinen Bock überhaupt irgend etwas zu raffen, oder keinen Willen dazu.

    Frohes, neues Jahr, übrigens!

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  4. Charlie sagt:

    Ich schließe mich dem Duderich an: Broder ist es schlichtweg nicht wert, dass man sich intellektuell mit seinen Ergüssen auseinandersetzt. Sobald dieser Kasper sich an die Tastatur setzt, ist doch ohnehin klar, dass etwas Hirnzersetzendes oder zumindest Schmerzverursachendes dabei herauskommt. Da kannst Du Dich genausogut gleich mit dem BLÖD-Wagner oder ähnlichen Hohlbirnen und Huren der kapitalistischen „Elite“ befassen – es ist nicht schwer, deren Unsinn bloßzustellen, aber das findet bei denen, die derlei Blödsinn ernsthaft lesen, ohnehin kein Gehör. Da geht es nicht um Logik, Fakten oder Sachverstand, sondern um die Bekräftigung und Bestätigung von Ideologie.

    Liebe Grüße und willkommen im nächsten Jahr des Abstiegs. 🙂

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  5. piet sagt:

    Ich hatte den Artikel vor wenigen Tagen auch …. hmmm… gefrühstückt. Ehrlich, ich mußte lachen. Broder beklagt fehlende Fakten und Zahlen. Ich schrub dann, daß es einer Ironie nicht entbehrt, wenn dies der Großmeister des ins Blaue raten von sich gibt. Es ist aber wirklich egal. Broder schreibt für´s Broderiat, und das ist selig, wenn nur die Ölaugen ihr Fett wettkriegen. UnHEILbar.

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  6. pantoufle sagt:

    Moin @all

    Broder: Das der nicht halb so wichtig ist, wie er selber glaubt, ist der eine Teil. Daß sein Erguss nicht in seiner Hauspostille der Rechtsschwadroneure »Achse der Guten« erschien, ein anderer. Es war immerhin die Welt, was durchaus gelesen wird. Vor allem von denen, die ins selbe Horn tröten wie die Kameraden der CSU auf ihrem Feldzug gegen Rumänen und Bulgaren.

    Grund genug also, ihm einen Text zu widmen. Was in sofern auch recht einfach ist, weil man sich nicht mit dem Inhalt beschäftigen muß. Wo nichts ist…
    Im Übrigen finde ich es äußerst amüsant, wie dieser ganze Clan und ihre Häuptlinge krampfhaft ihre Beißhölzer zerkauen, um der Versuchung zu widerstehen, »Zigeuner« herauszuschreien. Denn darum geht es, das ist genau das, was Broder mit »Slums in Duisburg und Mannheim« meint.

    Lohnt es sich? Mit der Frage werde ich regelmäßig konfrontiert – das letzte Mal bei meinem Text über Fleischhauern… der Flatter fand das auch völlig überflüssig. Fleischhauers Erguß dieser Woche ist dabei höchst aufschlußreich: Weil ihm nun gar nichts mehr einfiel, hat er mal wieder die Stimmen gegen ihn gesammelt und abdrucken lassen. Das macht er ja gelegentlich – diesmal ein lustige Twitter-Sammlung.
    Man hätte auch argumentieren können: Wer liest diese Twitter-Dingsbums? Immerhin der Jan in seiner Eigenfleisch-Hauer-Beschau; auch eine Art Ego-Googeln. (Was sich mir dabei übrigens aufdrängt: Was ist eigentlich mit dem Leistungsschutzrecht? Nur fremde Inhalte und dafür auch noch Geld bekommen?)
    Mein Lieblingsleserbrief auf diesen Artikel ist übrigens dieser:

    »Herr Fleischhauer, Sie sprechen mir aus der Seele und ich möchte mich für Ihre Kolumnen des Jahres 2013 recht herzlich bedanken. Die Kritiken der ganzen Gutmenschen, Sozialpädagogen, Forderer und Sozialleistungsbezieher sind mir völlig unverständlich! Bitte machen Sie weiter, wie bisher!
    Herzliche Grüße H. Schenk«

    Was den Broder nun betrifft, so werde ich mich mit ihm weiter auseinandersetzen wie auch mit Fleischhauer oder anderen Rechtspopulisten. Immerhin bringt es der Cicero fertig, beide in der Liste der »wichtigsten 500 Intellektuellen« unterzubringen. Fleischhauer immerhin auf Rang 432. Broder weiter vorne… sehe selber nach, wem danach ist.
    Auf diese Nonsens-Liste will ich hier gar nicht weiter eingehen – das ist auf Carta bereits hinreichend geschehen – aber der Hut will einem dann doch hochgehen.

    Auch wenn der tiefere Sinn, sich über diese Panzergrenadiere der Philosophie den Mund fusselig zu reden, oft bestritten wird – nur ein kleines Gedankenspiel:
    Gesetzt den Fall, man wäre Bürger der Weimarer Republik und würde sich ein paar Nazis rauspicken, um über sie zu schreiben. Heinrich Himmler: Was für eine Niete! Adolf Eichmann: Eine Knallcharge, die am liebsten Eisenbahnwaggons am Bürotisch zusammenstellt. Julius Streicher: Ein degenerierter Schreiberling.
    Jeder für sich genommen ein hohler Pfosten, im Verein aber fürchterlich. Wer weiß wirklich, wohin dieser Dampfer treibt? Über das Merkel schreiben? Vielleicht ist sie ja im historischen Sinne vergleichbar mit einem Heinrich Brüning, der sich als unbeliebter Quasi-Steigbügelhalter der Nazis erwies? Nein: Jetzt nicht googeln, sondern aus der Erinnerung sagen, wer und was er genau war – seht Ihr? Mit Heinrich Himmler klappt das viel besser. Die Geschichte bügelt gelegentlich einige Namen zur Unleserlichkeit platt und bläst andere auf. Wer will das schon im Vorfeld ahnen?

    Der deutsche Europaabgeordnete Elmar Brok (CDU):

    »Zuwanderer, die nur wegen Hartz IV, Kindergeld und Krankenversicherung nach Deutschland kommen, müssen schnell zurück in ihre Heimatländer geschickt werden […] Um Mehrfacheinreisen zu verhindern, sollte man darüber nachdenken, Fingerabdrücke zu nehmen.«

    Whos the fuck is Elmar Brok?

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  7. piet sagt:

    Elmar Brok ist der Martin Schulz der ChristenUnion und wird im allgemeinen als einer der zahlreichen Frühstücksdirektoren der europäischen Wertegemeinschaft wahrgenommen. Wen, oder was er dort vertritt ? Nicht ersichtlich. An Abstimmungen scheint er sich nicht oft zu beteiligen und als Beruf gibt er Journalist an. Das passt ja dann auch irgendwie wieder. Wahrscheinlich lief das so ab, daß sich die Christendemokraten eine Antwort auf die CSU haben einfallen lassen müssen, die möglichst keinen weh tut. Also nicht die SPD vergrätzt, als auch nicht die ressentimentgestählte, eigene Basis. Deshalb durfte erst Laschet pro Einwanderung sprechen und ein bißchen die CSU ärgern, während Brok den Auftrag bekam via Springer noch eine Schüppe nachzulegen, aber als MdeP weitestgehend aus der innerdeutschen Schußlinie ist. So, denke ich, läuft doch die Politikke hier. Brok ist in letzter Zeit eher als U-Boot der EU in der Ukraine unangenehm aufgefallen.
    Und bitte knall Broder, Fleischhauer und den anderen Schmalspurtribunen weiter einen vor den Latz. Erstens lese ich das gern, zweitens besteht ja immerhin auch noch die Möglichkeit, daß der ein oder andere Broder-Jünger dabei zufällig hier aufschlägt und so in den Genuß einer anderen Sicht kommt.

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