Der Militär-Seelensorger

„Die Feldgeistlichen sollen den Soldaten ins Gewissen reden und ihnen den Militärdienst als eine unvermeidliche, für den Bestand des preußischen Staates wichtige Sache erscheinen lassen“.

Friedrich II, genannt der Große.

Die Zeiten haben sich geändert – die Sitten nicht. Jedenfalls lässt der Vortrag von Bundespräsident Gauck vor der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg darauf schließen.

„Die Bundeswehr auf dem Balkan, am Hindukusch und vor dem Horn von Afrika, im Einsatz gegen Terror und Piraten – wer hätte so etwas vor zwanzig Jahren für möglich gehalten?“

Wohl wahr – und was hätten erst die Väter des Grundgesetzes gesagt, wenn man ihnen den Vorschlag gemacht hätte, daß die Bundeswehr die Grenzen Deutschlands ebensogut am Hindukusch oder am Horn von Afrika verteidigen könne? Vermutlich hätten sie denjenigen, der sich so etwas vorstellt, aus dem Saal entfernen lassen. Seit der deutschen Wiederbewaffnung hatte man andere Sorgen. Ob gegen die Aufrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen, Proteste gegen den Vietnam-Krieg oder der Nato-Doppelbeschluss: Es gab und gibt in Deutschland eine mächtige Opposition gegen jede Art von Militarismus, gegen den Gedanken „der Fortführung der Politik mit anderen Mitteln“.

All das ist an Joachim Gauck offenbar rückstandslos vorbeigegangen, sonst hätte er sich kaum zu der Behauptung „[…] daß es wieder Deutsche Gefallene gibt, ist für unsere glücksüchtige Gesellschaft schwer zu ertragen.“ gesteigert. Um so etwas zu sagen, muß man schon mehr als die momentane öffentliche Diskussion über die Einsätze der Bundeswehr ignorieren. Es ist eben nicht so, daß „manche Freiheit (…) mit Gedankenlosigkeit, Gleichgültigkeit und Hedonismus (verwechseln)“. Wer solche Behauptungen in die Welt setzt, beleidigt jeden kritischen Demokraten, der die Rolle der Bundeswehr immer wieder neu hinterfragte, den Wehrdienst verweigerte und dafür im Zweifelsfalle auch auf die Straße ging.

Daß der Einsatz der Bundeswehr wie auch der Verbündeten in Afghanistan gescheitert ist, leugnen nicht einmal mehr die größten Befürworter dieser Katastrophe. Der sogenannte „Kampf gegen den Terror und für Menschenrechte“ ist offensichtlich nicht mit Armeen zu gewinnen. Wenn Gauck behauptet, daß wir nicht „behelligt werden (möchten) mit dem Gedanken, dass es langfristig auch uns betreffen kann, wenn anderswo Staaten zerfallen oder Terror sich ausbreitet, wenn Menschenrechte systematisch missachtet werden“, so verrät das Mangel an Information. Das Gespräch darüber findet seit langem statt – es ist schon eine bemerkenswerte Leistung, das zu ignorieren. Daß der Tenor dieser Auseinandersetzung zunehmend dahin geht, die Rolle von Armeen in Frage zu stellen, den „Krieg gegen den Terrorismus“ als postkoloniale Wirtschafts-Politik zu erkennen, passt Gauck offensichtlich nicht ins Konzept.

Wenn sich ein Bundespräsident vor die Führungskader der Bundeswehr stellt und behauptet „die Bundeswehr ist […] zu einem Friedensmotor geworden. Sie befördert das Wir, ohne das ein dauerhafter Friede nicht möglich ist“, so spricht er dabei nicht für die große Mehrheit der Bürger. Dann spricht er für ein Weltbild, das seit 1945 überwunden sein sollte, für die Interessen des drittgrößten Waffenexporteurs der Welt. Die Verbindung der Worte Armee und Friedensmotor ist bestenfalls kindlich – naheliegendere Adjektive sind durch die Pressefreiheit leider nicht mehr gedeckt.

Frieden ohne Waffen ist mehr als eine fixe Idee. Es ist eine Idee, die von den meisten Menschen befürwortet und unter anderem von großen Teilen der Kirche mitgetragen wird. Es ist eine große, dem Humanismus verpflichtete Idee. Gaucks Aussage, daß militärische Gewalt „[…] solange wir in der Welt leben, in der wir leben – notwendig und sinnvoll sein kann, um Gewalt zu überwinden.“ ist in erster Linie Eines: Kriegspropaganda.

Es hätte dem Präsidenten eines der reichsten Länder der Erde besser angestanden, Wege zu formulieren, wie man das Elend der Welt endlich durch andere Mittel als den Einsatz von Armeen vermindert. Joachim Gauck redet sehr viel von Freiheit – die Freiheit, nein zum Krieg zu sagen, hält er für gedankenlos, gleichgültig und hedonistisch. „Freiheit ist ohne Verantwortung nicht zu haben“, sagt Gauck. Dieser Verantwortung ist er in Hamburg aus dem Wege gegangen.

Not my President

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0 Kommentare zu Der Militär-Seelensorger

  1. der_emil sagt:

    Meiner ist er auch nicht. Er steht ein für die Gewaltspirale: Gewalt kann nur mit Gewalt besiegt werden … Dabei haben Mahatma Gandhi und wir doch gezeigt, daß es genau anders funktioniert!

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  2. … oder, um Marx zu zitieren: “Militärische Intelligenz ist ein Widerspruch in sich.”

    (Groucho, nicht Karl. :-))

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    • pantoufle sagt:

      Karl Marx hat auch ein paar interessante Sätze zu diesem Thema beigetragen … nach wie vor aktuell!
      Pfaffen und das Militär sind seit jeher die unappetitlichste Mischung, die die westliche Kultur hervorgebracht hat. Was ich am Vortrag Gaucks vermisst habe, ist die Frage, wie man in Zukunft gedenkt, mit Deserteuren umzugehen … man wird ja noch fragen dürfen…
      Na denn: Helm ab zum Gebet!

      Liebe Grüße
      Daniel

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  3. Pingback: Links 2012-06-13 | -=daMax=-

  4. lattjamilln sagt:

    Miau!!!!!!

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