»Der Kapitalismus basiert auf der merkwürdigen Überzeugung, daß widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Motiven irgendwie für das allgemeine Wohl sorgen werden« John Maynard Keynes

Die gute Nachricht zuerst: Bei den Präsidentschaftswahlen in der Ukraine erreichte die extreme Rechte nur niedrige einstellige Ergebnisse – der Populist Oleg Lyaschko von der Radikalen Partei landet auf Platz drei abgeschlagen hinter Julija Tymoschenko und dem neuen Präsidenten Petro Poroschenko. Nach ersten Prognosen erhielt Lyaschko zwischen acht und neun Prozent der abgegebenen Stimmen.

Gibt es eine schlechte Nachricht? John Maynard Keynes hat sie vor langer Zeit auf seine Weise formuliert, man kann es getrost im Hinterkopf behalten.

Das Missfallen am Wort »Oligarch«

Das Wort ist nicht eben neu: Es kam im späten 19. Jahrhundert auf, verschwand aber aus kosmetischen Gründen irgendwann in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg. »Tycoon« als äußerstes der Gefühle, man bevorzugt es »Wirtschaftslenker« oder »Magnat« genannt zu werden. Besser noch ein bescheidenes »Geschäftsmann«. Warren Buffett ist Großinvestor oder Unternehmer, aber keinesfalls ein Oligarch! Oligarchen: Diese Spezies ist nun vorzugsweise in Russland beheimatet oder in den ehemalig zur Sowjetunion gehörigen Staaten.

Oligarchen üben durch ihr Geld Einfluß auf die Politik aus, nehmen Einfluß auf Massenmedien, bereichern sich illegal und bar jeder sozialen Verantwortung. Das würde ein Wirtschaftslenker wie Rupert Murdoch oder Donald Trump selbstverständlich niemals tun – Oligarchen kommen für Jahrzehnte ins Gefängnis, wenn sie politisch anrüchig wurden, Wirtschaftslenker maximal drei Wochen auf die Pflegestation im Altersheim; das markiert die aktuelle Höchststrafe im zivilisierten Westen.

Die Wähler der Ukraine haben also Ferdinand Piëch oder die östliche Spielart eines Berlusconi zum Präsidenten ernannt. Was genau, wird sich in Bälde zeigen. Verfolgt man die aktuelle Nachrichtenlage in Deutschlands Qualitätspresse, so scheint man das für so normal zu halten, als hätte man Josef Ackermann am vergangenen Sonntag zum Bundeskanzler gekürt.
Diese Zurückhaltung ist andererseits durchaus angebracht nach den Erfolgen rechter Parteien bei der Europawahl: Daß alleine die faschistische Goldene Morgenröte in Griechenland als drittstärkste Partei hervorgeht und mit drei Sitze im EU-Parlament vertreten sein wird; von der Katastrophe mit der Front National in Frankreich ganz zu schweigen. Bei aller dümmlich-selbstzufriedenen Gemächlichkeit, mit der die arrivierten Altparteien ihr »weiter so!« feiern: Die Zeiten, wo man sich die Realität schönreden konnte, sind langsam, aber sicher vorbei. Dazu paßt dann auch die Nachricht, daß ca. 20 Neonazis am Wochenende in Dortmund versuchten, das Rathaus der Stadt zu »stürmen«.

Dagegen herrscht in der Ukraine geradezu Sonnenschein, wenn man einmal von etwas Bürgerkrieg absieht. Aber das kann eine wahrhaft demokratische Wahl nicht stören. 1000 OSZE-Beobachter sahen jedenfalls keinen Grund, die Legitimität der Wahlen in Zweifel zu ziehen. Warum auch? Das (EU-konforme) gewünschte Ergebnis trat ein und vielleicht sind die Ukrainer mit diesem Ausgang auch gar nicht so schlecht beraten. Es ist in gewisser Hinsicht konsequent und bringt bis auf Weiteres etwas Ruhe.

Zeit also, sich wieder dem Inhalt des europäischen Assoziierungs- und Freihandelsabkommen zu widmen, in dem so viel von militärischer Einflußnahme die Rede ist. Das Land ist bankrott und ob die Bedingungen des IWF langfristig viel Freude am Ergebnis dieser Wahl aufkommen lassen, ist fraglich.
Wie sich so etwas darstellen kann, könnte das griechische Volk gut beantworten. Aber das gehört zu der Art von Fragen, die man keinem Volk stellt.
Nicht einmal alle vier Jahre

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0 Kommentare zu »Der Kapitalismus basiert auf der merkwürdigen Überzeugung, daß widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Motiven irgendwie für das allgemeine Wohl sorgen werden« John Maynard Keynes

  1. Flori sagt:

    Die deutschen Oligarchen?
    Ferdinand Piëch ist Österreicher, Josef Ackermann ist Schweizer.
    Wie wär’s mit Friede Springer, Liz Mohn, Hubert Burda, Götz Werner, Carsten Maschmeyer etc. etc.
    Suchen Sie sich ein paar aus: Wikipedia/Liste der 500 reichsten Deutschen.
    Über die Oligarchendichte in D hört man selten was.

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    • pantoufle sagt:

      Ferdinand Piëch ist Österreicher? Ja, stimmt! Hatten wir schon mal!

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      • gnaddrig sagt:

        Ja, aber er lenkt eine bundesdeutsche Firma. Ditto Ackermann (naja, nicht mehr, aber im Prinzip). Die beiden sind/waren also ungeachtet ihrer Herkunft eher in Deutschland große Figuren als in Österreich bzw. der Schweiz.

        Ob die Ukraine mit Poroschenko gut bedient ist, wird sich zeigen. Mich freut aber, dass Frau Timoschenko nicht gewonnen hat. Die hätte dem Land sicher nicht gutgetan. Von dem Radikalen mal ganz abgesehen.

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  2. LaGioconda sagt:

    Götz Werner fänd ich gut…

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  3. pantoufle sagt:

    @Gnaddrig

    Daß die genannten Namen für einen Typus stehen und nicht für die jeweiligen Personen – soviel Differenziertheit traue ich meinen Lesern einfach mal zu. Und wie Flori so richtig schrub, kann derjenige, der sich einen ganz besonderen Oligarchen wünscht, ja die Wikipedia quälen.

    »Ob die Ukraine mit Poroschenko gut bedient ist,…

    …ist gar nicht die Frage: Die Frage ist doch vielmehr, ob die Demokratie an sich gut beraten ist, die Lobbyisten direkt in hohe und höchste Ämter zu setzen. Nun erwartet niemand (mehr), daß irgendwo unter solchen Umständen so etwas wie Demokratie entsteht, wenn Wahlen stattfinden; die Bedeutung liegt in der Ukraine hauptsächlich darin, daß das Parlament den Ruch der Illegitimität verliert. Daß sich an den Problemen nichts geändert hat, ist die eine Sache, eine andere, daß eben dieses Totschlagargument wegfällt.
    Es bleibt die Feststellung, daß Italien mit Berlusconi schlecht gefahren ist; daß es auch noch verschiedene andere Wege gibt, den Karren in den Dreck zu fahren, ist eine andere Geschichte.

    @LaGioconda

    Ich habe von dem Mann ebenfalls eine recht hohe Meinung. Das ändert aber nichts am Gesagten, wie ich das Gnaddrig gegenüber formulierte. Natürlich ist es auf der einen Seite so, daß jeder unbescholtene Bürger in ein beliebiges Amt gewählt werden kann.

    [so, und an dieser Stelle überlegte Pantoufle sehr, sehr lange, warum er den Mann eigentlich nicht in einem politischen Amt sehen möchte. Eigentlich eher ein Gefühl, die Idee, daß sich so etwas »nicht gehört«. Sieht man sich die Geschichte demokratischer Systeme an, ist das gar nicht ungewöhnlich und muß auch nicht verkehrt sein. Auf der anderen Seite hat das System des Kapitalismus auch die Anschauungen der Individuen beeinflußt: Man kann sich kaum noch vorstellen, daß ein Milliardär ein moralisch sauberer Mensch geblieben ist. Damit wird ein Gerechtigkeitssinn gefordert, den die Kaste der Superreichen vollständig verspielt hat.
    Gar nicht so einfach. Ich muß darüber noch mal nachdenken.

    Der Säzzer]

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