Der gute Onkel der Republik

Karl Carstens (SA-Mitglied seit 1934, NSDAP 1940-45, danach CDU) Bundespräsident 1979-84: „Ich fordere die ganze Bevölkerung auf, sich von der Terrortätigkeit zu distanzieren, insbesondere den Dichter Heinrich Böll, der noch vor wenigen Monaten unter dem Pseudonym Katharina Blüm (??) ein Buch geschrieben hat, das eine Rechtfertigung von Gewalt darstellt.“
Das Amt des Präsidenten wackelte, aber es widerstand.
Auch einen KZ-bauenden Heinrich Lübke, dessen skuril-komödiantische Auftritte sogar auf Schallplatte erhältlich waren, überlebte das Ansehen dieses Amtes ohne anhaltenden Schaden.

Es waren wohl die Amtszeiten Gustav Heinemanns, Richard Weizsäckers oder eines Johannes Rau, die diesem Titel einen Nimbus verliehen, den man heute automatisch mit den Begriffen wie „Ehre“ oder „Überparteilichkeit“ verbindet – oder mit dem geheimen urdeutschen Wunsch, endlich wieder einen König zu haben. Rational ist das erstaunliche Ansehen dieser Funktion jedenfalls nicht zu erklären.

Vergisst man einmal für einen Moment den Titel Christian Wulffs, bleibt ein dubioser Kredit, der zum Bau eines – gemessen an der exorbitanten Bausumme von 500.000€ – unglaublich tristen Hauses benutzt wurde. Eine Tupperdose der Architektur, die vor allem eines verrät: Die vollkommene Abwesenheit von Geschmack. Selbst die Urlaubsbesuche in den Luxusvillen bei Wulffs reichen Freunden haben offenbar zu keinerlei Anstößen geführt, was Geld in Verbindung mit einem guten Architekten bewirken kann. Anstelle eines Aufschreis der Architekten gibt es nun einen Orkan der Moralapostel. Ginge es um die Würde eines Amtes, wären Innenminister Friedrich, Angela Merkel, Kristina Schröder, Kauder, Uhl und viele andere Gegenstand der Schlagzeilen.

Aber nein: Man stürzt sich auf den Bundespräsidenten. Warum eigentlich? Wegen seiner Gewöhnlichkeit und Provinzialität? Wegen der Erkenntnis, daß der pofelige Filz zum normalen Tagesgeschäft mutiert ist – gleich einem Handschlag beim Betreten einer fremden Wohnung? Wegen dieser trivialen Wahrheit brauchte es diesen Sturm der Entrüstung wahrlich nicht; da gäbe es leuchtendere Beispiele.

Es ist riecht alles etwas nach verletzten Gefühlen: Der gute Onkel, der so freizügig Bonbons verteilt und Babys auf den Arm nimmt – dabei so viel Würde ausstrahlt – ist wohl doch nur ein ganz normaler Mensch im Feinripp, der vor dem Fernseher sitzend rülpst.
Ein verzweifeltes Rückzugsgefecht frustrierter Demokraten: Die letzte Bastion der „guten“ Politiker ist am Wanken! Rettet wenigstens dieses Amt! Bei allem Verständnis für solche Bemühungen – wenn selbst einem Heribert Prantl die Argumente ausgehen und er es in der Süddeutschen mit einem weinerlichen Appell an Integrität und Ansehen des hohen Amtes bewenden lässt… dann ist der Kampf um einer der letzten Bastionen demokratischen Selbstverständnisses wohl verloren. Oder glaubt noch irgend jemand, das ein Appell an höhere Werte einen Empfänger finden – es ist nicht nur eine marktkonforme Demokratie: Es sind eben auch marktkonforme Politiker.

Zurück zum Amt. Christian Wulff ist ein Bundespräsident von Merkels Gnaden. Alleine das diskreditiert ihn. Die Peinlichkeit begann mit seiner Wahl und findet nun seine Fortsetzung. Das ist keine wirkliche Überraschung – das passt ins Bild.
Die Energie, die vielerorts gegen Wulff mobilisiert wird, wäre im Kampf gegen ein „System Merkel“ besser verwendet. Im Kampf gegen eine Regierung, die es in weniger als 24 Monaten geschafft hat, nicht nur die Ämter, die sie bekleiden, zu diskreditieren, sondern das gesamte parlamentarische System als Peinlichkeit ersten Ranges zu brandmarken.

Wulff verkörpert die höheren Weihen des Hannoveraner Filzes – wer sich daran reiben möchte, kann das gerne machen: Aber dann bitte nicht mit einem religiös – moralisierenden Unterton der Entrüstung. Das gibt das Sujet nicht her.

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0 Kommentare zu Der gute Onkel der Republik

  1. Daniel sagt:

    Ich finde, wenn schon Bananenrepublik dann bitte so was wie Silvio Berlusconi als Aushängeschild. Aber Spaß bei Seite, mein Vorschlag wäre Bushido.

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