Der Feind im Inneren

nelke

Das Militär wollte der amtierende Innenminister Winston Spencer Churchill nur im äußersten Notfall einsetzen. Die Erinnerung an den »bloody sunday« von 1887, wo der Versuch, einen Streik auf dem Trafalgar Square mit Hilfe des Militärs aufzulösen, in einem Blutbad endete, war noch zu präsent. Bei den Tonypandystreiks im Jahre 1910 bediente man sich daher berittener Polizeitruppen. Nach der endgültigen Niederschlagung des Streiks wurde der Ausnahmezustand verhängt, Tonypandy militärisch besetzt und 13 willkürlich verhafteten Bergarbeitern der Prozess gemacht. Die Miner in Wales gingen an ihre Arbeitsplätze zurück – zu den Bedingungen der Grubenbesitzer.
Die blutige Niederschlagung des Streiks in Südwales ist auf ewig mit dem Namen Winston Churchill verbunden. Die Gewerkschaft der Bergarbeiter ging gestärkt aus diesem Konflikt hervor.

Im Juni 1984 schlugen wieder berittene Polizisten auf streikende Bergarbeiter ein, es kam zu – wie es in konservativen Kreisen gerne genannt wird – bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Zusätzlich prügelten Polizeitruppen regelrecht Streikbrecher in die Betriebe, die 20.000 eingesetzten Polizisten bekamen eine »Gefahrenzulage« in Höhe von 500 Pfund Sterling. Den Streik, der sich mittlerweile landesweit ausgebreitet hatte, konnte aber auch das nicht beenden. Premierministerin Margaret Thatcher bezeichnete die Streikenden als Feind im Innern, den Gewerkschaftsvorsitzenden Scargill als »marxistisch« und sprach allgemein von einer »faschistischen Linken«.
Trotz der Solidarität nicht nur im eigenen Land (es gab Geldspenden von den Gewerkschaften mehrerer Länder, unter anderem auch vom deutschen FDGB) brach der Streik im März 1985 zusammen. Er hatte insgesamt 10 Tote und über 3000 Verletzte gekostet, etwa 11.000 Streikende waren wenigstens vorübergehend in Haft. Die Kosten für den Streik wurden mit drei Milliarden Pfund Sterling beziffert.

Die Premierministerin ging gestärkt aus dem Konflikt hervor. Nicht nur die heimische Presse hatte in ihrem Sinne gearbeitet. Das, was später als »Thatcherismus« bezeichnet wurde, begann seinen Siegeszug: Deregulierung, Privatisierung, die Zerstörung des Sozialstaats, Zerschlagung der Gewerkschaften und der Ruin des nationalen Gesundheitswesens. Der bewusst herbeigeführte Konflikt mit den Gewerkschaften und ihre Entmachtung war der sichtbare Beginn der Einführung eines neoliberalen Marktsystems in Großbritannien.

Diesen »Sieg« verdankte Margaret Thatcher in erster Linie einer Popularität, den sie einem der der stumpfsinnigsten Kriege der Neuzeit verdankte: Dem um die Falklandinseln. 1982 hatten britische Marine- und Luftstreitkräfte sich ein Scharmützel – etwas euphemistisch Krieg genannt – mit argentinischen Streitkräften geliefert. Argentinien unterlag erwartungsgemäß und die Premierministerin Thatcher ging innenpolitisch gestärkt aus dieser Theaterinszenierung hervor. Kriegerische Glorie und England sind ein besonderes Thema; die Befindlichkeiten der britischen Seele in diesem Zusammenhang entziehen sich erfolgreich der Ratio, weshalb an dieser Stelle nicht eingehend darauf eingegangen werden soll. Nach diesem Ereignis saß die »eiserne Lady« wenigstens fester im Sattel, als man es vom ersten weiblichen Premierminister hätte erwarten können. Sie hatte sich in der männlichen Domäne des Kriegführens bewährt.
Andere Dinge verzieh man der eisernen Lady nicht, was ihrem politischen Erfolg allerdings wenig Abbruch tat.
Bei den Unterhauswahlen 1992 trat sie nicht wieder an, die Ära, die später ihren Namen tragen sollte, war vorüber – nicht aber ihr politisches Vermächtnis, das bis heute andauert.

Margaret Thatcher steht für die Zäsur, die den endgültigen Schnitt zwischen der Zeit des zweiten Weltkrieges und der eines geeinten Europas macht. Die Zeit eines Englands, das als einzig verbliebener Gegner den Kampf gegen die braunen Horden weiterführte, als der Rest Europas militärisch besiegt am Boden lag. Jenes Englands, das die Zeit danach ausgeblutet und hoch verschuldet ertrug, in der man Schokolade nur auf Bezugsscheine bekam wo man beim ehemaligen Gegner das »Wirtschaftswunder« bejubelte. Die Bilder der Arbeiterviertel Ende der sechziger Jahre glichen vielerorts noch denen der späten dreißiger – danach ist alles anders. Obwohl sie bei Weitem nicht allein für diesen Schritt verantwortlich war, wird man ihren Namen immer damit verbinden: Den Rückfall in frühkapitalistische Verhältnisse, die Errichtung eines Staates, der seine Bürger auch in den verborgensten Winkeln beobachtet, der erfolgreich das gesellschaftliche Gemeinschaftsgefühl zerstörte.

Margaret Hilda Thatcher (*13.10 1925), Baroness Thatcher of Kesteven LG, OM, PC starb nach langer, schwerer Krankheit an einem Gehirnschlag am 8. April 2013.
Friede ihrer Seele, nicht aber ihrem Andenken.

P.S. Wie bekannt wird, soll Margaret Thatcher mit militärischen Ehren beerdigt werden. Ein klassisches Beispiel dafür, das Salutschüsse zu spät und in die falsche Richtung gefeuert werden.

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