Der Comandante ist tot

Gehen die Uhren nun für einen Moment langsamer in Venezuela, gibt Trauer außerhalb dieser Landesgrenzen? Ist sein Tod mehr als eine Einladung für die Gegner seines sozialistischen Weges, sich verlorengeglaubtes Terrain wiederzuholen?
Wenigstens die Medien, die sich so lange erfolglos an Hugo Chávez abgearbeitet haben, verbreiten Aufatmen statt Trauer. Der Präsident verdanke seine Erfolge lediglich einer erdrückenden Propaganda, die sich darin geäußert habe, daß er immer wieder in die Armenviertel ging, daß er dort zuhörte wo seine Vorgänger die Armee aufmarschieren ließen, daß er sich als Anwalt seines Volkes verstand. Daß er versuchte – und das wird man ihm niemals verzeihen – dem Raubtierkapitalismus dadurch entgegenzutreten, diejenigen Konzerne zu verstaatlichen, denen sich andere Staatenlenker nur auf Knien zu nähern wagten; die Hände voll mit Geldbündeln und betend. Verstieß einer dieser Unternehmen gegen die Interessen des Volkes, wurde es kurzerhand zum Volkseigentum. So einfach ist das? Ja: So einfach!

Das wird man ihm nicht verzeihen. Niemals. Man wird ihm seinen aufrechten Gang dort vorwerfen, wo andere nur stimmenlose Befehlsempfänger sind. All das nennen seine Gegner »mächtige und einflussreiche Propaganda der dominierenden staatlichen Medien«. Es sei Propaganda, in die Armenviertel zu gehen, Propaganda, wenn man zuhört.
Chávez ist noch nicht begraben, da wird schon unverhohlen gedroht: In den USA ist von »einem neuen Kapitel« und der » Unterstützung des venezolanischen Volkes« die Rede, der kanadische Ministerpräsident Harper hofft für die Venezolaner auf eine „bessere, glänzendere Zukunft gründend auf den Prinzipien Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Respektierung der Menschenrechte“. Offener kann man eine Kriegserklärung im 21. Jahrhundert kaum aussprechen – mindestens aber nicht die Ankündigung eines erneuten ferngelenkten Staatsstreiches; »Demokratie und Menschenrechte«: Verordnet aus Washington, DC.

Getrauert wird in Südamerika, dem der Comandante neues Selbstvertrauen und ein Gefühl der Einheit gegeben hatte; eine Stimme, die sich deutlich gegen den Westen, insbesondere die arrogante und selbstverliebte Außenpolitik der USA richtete. Sind die Chancen Venezuelas auch recht gering, daß es einen Nachfolger von Chávez gibt, der mehr als eine Imitation des Revolutionärs darstellt, bleibt zu hoffen, daß die neue gemeinsame Stimme der vielen südamerikanischen Staaten nicht verstummt.
Die Erdölvorkommen des Landes liegen wie Brocken rohen Fleisches vor der Tür eines bankrotten, korrupten Rauptieres. Die denkbar schlechteste Voraussetzung für einen sozialistischen Weg Venezuelas: Man braucht keinen Salvador Allende, sondern einen Pinochet. Der wird sich genau so finden wie diejenigen, welche die Geschichte des »Comandante Chávez« still und leise so umschreiben, daß eine Marionettenregierung von Washingtons Gnaden als erneuter Sieg von Freiheit und Menschenrechten im Regal liegt.

»Chávez ist nicht tot, er lebt in uns weiter.« Wenn dieses Gefühl der trauernden Venezolaner die Zukunft des Landes bestimmen könnte, hätte Chávez unendlich viel erreicht. Kuba, Nicaragua und andere südamerikanische Staaten sind stark abhängig vom Öl und Geld Venezuelas – die Versuchung, genau dort einen Keil ansetzen zu können, wird für die USA zu verlockend sein, um nicht genau dort »Einfluss geltend zu machen«. Dann hat Südamerika einen Allende mehr – das Gedächtnis der Menschheit ist kurz, die Geschichtsbücher liegen offen für all diejenigen, die ihre Korrekturen dort anbringen wollen.

Hugo Chávez, * 28. Juli 1954, † 5. März 2013, Ende einer Hoffnung.

Der österreichische Standard über den Tod von Chávez.
Link via Mechtild Mühlstein

Eine ausführliche Einschätzung auf scharf links (Raul Zelig)

Warum Chávez so wichtig war (Darwing Fuentes)

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0 Kommentare zu Der Comandante ist tot

  1. susannegerdom sagt:

    Oh. Wie. Traurig.

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  2. juergengerdom sagt:

    Viele turbo-kapitalistische Panameños zeigen klammheimliche Freude; haben doch viele unter ihnen venezolanische Freunde, die das Land verlassen “mussten”, weil sie sonst etwas von ihrem Geld hätten abgeben müssen.
    Die Mehrheit aber trauert, und ich trauere mit ihnen. Und ich sehe auch einen positiven Aspekt, der über Venezuela der letzten 12 Jahre hinausgeht – lateinamerikanische Regierungschefs haben gelernt, wie es ausgehen kann, wenn man die Armut gänzlich aus den Augen verliert. Chávez hat mehr verändert in Lateinamerika, als offensichtlich ist.
    Im Weißen Haus und vor allem in Langley wird man nun auf dem Reißbrett die Region neu sortieren, ja. Mir wird schlecht, wenn ich dran denke.

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  3. pantoufle sagt:

    Ich glaube, ich weiß was Du meinst: Es ist der eigenartige Klang des Worte »Exilkubaner«; mehr – ein Dreiklang: Kuba, Exil, Schweinebucht.
    Was aber aus meiner Sicht die wirkliche Katastrophe darstellt, ist die Funktion, die Chávez innerhalb Lateinamerikas besetzte. Hoffentlich ist der Leim schon trocken genug, diese Belastungsprobe auszuhalten.
    Warten wir ab, wie sich Nicolás Maduro entwickelt – und hoffen wir, daß sich die Trauer in einem Ja zu Chávez Vermächnis auswirkt; hoffen, daß Maduro mehr als nur loyal ist. Chávez ist kurzfristig nicht ersetzbar, aber es besteht immerhin eine kleine Chance, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen.
    Interessieren würde mich nebenbei auch, wie man in Lateinamerika, innerhalb des ALBA-Bündnises die Gefahr einer US-amerikanischen Einflußnahme beurteilt. Der Guardian zitiert:

    »Robert Menendez, chairman of the US Senate foreign relations committee, called for free and fair elections to replace Chávez. “Hugo Chavez ruled Venezuela with an iron hand and his passing has left a political void that we hope will be filled peacefully and through a constitutional and democratic process, grounded in the Venezuelan constitution and adhering to the Inter-American Democratic Charter.«

    Das klingt nicht gerade danach, als würde man die Zukunft Venezuelas so einer unsicheren Sache wie freien Wahlen überlassen.

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