Der Blick ins Regal

Ach… das erste Mopped, die erste Freundin, der erste Vollrausch und die erste lauffähige Linuxinstallation! Das sind echte Bojen im Fahrwasser des Lebens. Sach ich mal so.

Der Blick ins Regal verrät es: Pantouflen träumt von früher. Als Männer noch Männer, CP/M ein Betriebssystem und Pascal noch eine lebendige Sprache war. Telephone hatten eine Wählscheibe, wogen mindestens ein Kilogramm – Ja! Man konnte sie mit sich herumschleppen: Soweit die Schnur reichte – und komplette Entwicklungsumgebungen wurden auf sogenannten „Disketten“ verkauft. Davon gab es drei verschiedene Größen im Handel. Normale (5,25“), kleine (3,5“) und die, die nur in Schneider CPC`s passten (3“). Die Wikipedia gibt die Lebensdauer dieser Datenträger mit 5 – 30 Jahre an; es handelt sich dabei allerdings um die feuchten Träume der Hersteller. Erfahrungsgemäß waren es 5 – 30 Wochen. Das Wort „Sicherheitskopie“ war nicht die euphemistische Umschreibung einer Straftat: Sie war ausdrücklich erwünscht und erforderlich.

Pantoufle hatte den Sinclair ZX81 mit einer 10cm Schraube an die Tür genagelt, den CPC verstoßen, heulend am Grab von CP/M gestanden und sich fassungslos angesehen, was Bill Gates unter einem OS verstand. Pantoufle konnte das, denn er hatte „Apple][“. Heutzutage, wenn Pantoufle schlechte Laune hat, weil er sich wieder über die Apple-Fanboys mit ihrer Guantanamo-Software aufgeregt hat, träumt er davon, das sich diese Penner armen Verwirrten auch nur einen Tag mit dem sogenannten Betriebssystems eines Apple ][ auseinander setzen müssen. Der Apfel des Logos war noch bunt, der Monitor war es nicht. Wischgesten? Ja: Gegen die Fliegen. Und dann will ich sehen, wie sie hysterisch kichernd zusammenbrechen, wenn sie versuchen, eine Netzwerkverbindung zu facebook herzustellen!
Vorbei, vergessen, die ungewaschenen Windeln des Heimcomputers.

Apple entschloss sich, Hard – und Softwareknäste für betuchte Benutzer zu basteln und da Pantoufle nicht begütert war, blieb nur die Zwangsheirat mit der hässlichen Tochter von Mother Blue. Und die war wirklich hässlich! 3.11 für Workgroups. Kann sich jemand an diesen Witz erinnern? Das war zu Zeiten, als Atari und Apple schon echte Betriebssysteme hatten. IBM hatte Windows 3.11. Eigentlich wollte IBM OS/halbe, aber da war Bill schon desertiert. OS/halbe war gar nicht so verkehrt: Es konnte Dinge, die Windows bis heute nicht wirklich hinbekommen hat. Es war stabil, es war für Netzwerkanbindung konzipiert und es war benutzerfreundlich. Deswegen gibt es das nicht mehr. Von Microsoft gab es Win95. Unstabil, netzwerkfeindlich und durch bekannte humanoide Rassen nicht benutzbar. Jedes OS bekam sein Logo: Apple das Obst, freeBSD den Teufel und Microsoft die allgemeine Schutzverletzung. Was genau da verletzt wurde, weiß wahrscheinlich nicht einmal Bill Gates. Mit Sicherheit aber der gute Geschmack und die Intelligenz.

Aber da gab es ja noch ein uraltes, wenn auch hochaktuelles System, das schon auf Rechnern seine Tauglichkeit bewiesen hatte, die noch mit einer Kurbel an der Seite ausgestattet waren: UNIX! UNIX, ganz gleich in welchem seiner dutzenden von Derivaten, hatte eine Gemeinsamkeit: Es war schweineteuer. Nicht ein wenig zu teuer oder viel zu teuer, sondern echt unverschämt teuer. Sozusagen unbezahlbar.

Glücklicherweise gab es genügend Menschen auf der Welt, die das genau so sahen – glücklicherweise war einer davon Linus Torwalds. Linus schuf LINUX. Software von Menschen für Menschen und keine plumpen Erpressungsversuche für Amöben (ich liebe meine differenzierte und unvoreingenommene Betrachtungsweise).

Linux war geboren, ich war hochgradig interessiert und leider vollkommen ahnungslos, auf was ich mich da eingelassen hatte. Bezahlbares UNIX.
Die ersten Schritte in diese Richtung verschweige ich. Ja: Ich hatte absolut keine Ahnung! Ich wusste auch nicht, was ein X-Server ist! Ich war kurz davor, mir einen zu schreiben. Hätte ich wohl auch, wenn ich gewusst hätte, welche Bibliotheken dafür existierten. Ich trat an mit dem Bewusstsein, daß sich mit Turbo-Pascal jedes Problem lösen lies und traf auf LINUX, das mir schmerzhaft all das zeigte, was ich von Computern NICHT wusste. Darin ist LINUX ganz besonders gut.

Das Handbuch ist dein Freund (wenigstens, solange es nicht von Microsoft ist … fragen sie ihren Arzt oder Systemadministrator…). SUSE hatte nicht nur dutzende Disketten – es waren, glaube ich, elf – sondern auch Handbücher. Die Handbücher waren gar nicht einmal sooo schlecht. Vor allem der Duktus, in dem diese Schriftstücke abgefasst waren, überzeugte. Es kam nirgendwo „fragen sie ihren Systemadmin“ vor. Die Formulierungen lauteten eher „Frag dich selber: Bist du gewillt, dieses Problem zu lösen?“ Psychologisch gar nicht schlecht gemacht! Die Frage bestand zu Recht. Deswegen wird ja auch bis zum heutigen Tage der Quellcode der Programme mitgeliefert.

Außerdem – und das war wichtig – kam SUSE-Linux mit Prozeduren, die den Gebrauch von ISDN ermöglichten. ISDN (die Älteren werden sich erinnern) war das Zahlungsmodell, das es gewissenlosen Providern ermöglichte, monatliche Rechnungen zu schreiben, die selbst einen Chuck Noris zum Suizid getrieben hätten.
Meine Telephonrechnungen aus dieser Zeit belegen unwiderlegbar, daß ich das mit der Netzwerkverbindung geschafft habe.
YAST (das Installations – und Administrationswerkzeug) hat mir unzählige Rechner zerhauen. Stabil waren die Systeme tatsächlich: Einmal Mist bei der Administration gemacht und der Fehler saß stabil bis zur Neuinstallation im Getriebe. Die sicherste Möglichkeit, seine Installation zu zerstören, war die Standard – Prozedure unter LINUX, die Scripte mit einem Editor zu bearbeiten. Dann sagte YAST: Ich bin ein extrem benutzerfreundliches graphisches Admintool – aber eben auch extrem eifersüchtig, wenn jemand zur Kommandozeile greift. Ach…

Was wollte ich eigentlich sagen?

SUSE hat Geburtstag! SUSE-LINUX wird 20 Jahre alt. An dieser Stelle meinen aufrichtigen Dank und ganz herzliche Glückwünsche. Seit mir nicht böse, daß ich mittlerweile Debian benutze. Das liegt am Alter – ich suche heute noch die Scheibe auf dem Telephon. Und die Kurbel. Aber ohne Eure Handbücher hätte ich es nicht geschafft, ohne Eure Disketten und der „Profi-Boxedition“:
Die Erkenntnis, daß ich mir niemals wieder einen Apple-Produkt kaufen werde.

P.S. War das Applebashing? Könnte sein.

Sinclair-Spectrum Kunst via DaMax

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0 Kommentare zu Der Blick ins Regal

  1. da]v[ax sagt:

    😀 alter Sack. Auf deinem Weg durch die verschiedenen OSse haste das coolste, hübscheste und grünste verpasst: Atari TOS. Das war ja so geil. Und mit Biene. Love it. Wenn’s so ein Skin für KDE oder Gnome o.ä. gäbe, würde mir der Umstieg auf Linux wesentlich leichter fallen XD

    Davon habe ich mir tatsächlich mal ein Theme für mein Handy gebastelt hihi:
    http://todamax.kicks-ass.net/blog/2011/mein-neues-altes-handy/

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  2. Pantoufle sagt:

    Nennt mich alter Sack…. sowas aber auch! Liebe Frau – Hol mir mal den Rollator; ich muß mal computern. Ins Internetz… du weißt! Der hat „alter Sack“ gesagt.
    „Vergiss aber nicht, deine Pillen zu nehmen! Und wehe, ich erwische Dich, wie du die wieder zerkleinerst und mit dem Geldschein durch die Nase… dann gips keinen Cognac“
    Frauen aber auch immer!

    Stimmt: TOS habe ich verpasst. Das lag aber nicht am OS, sondern eher daran, daß ich irgendwann mühevoll Z80-Assambler gelernt habe. Der Apple ][ hatte die Z80-Karte, damit lief CP/M und die selbstgebaute Hardware bezog sich weitgehend auf Z80. Dafür war der Apple unschlagbar. Die Layouts für die Platinen konnte man wegen der gefühlten 5mm Abstand am Buslayout auch mit leicht angeduseltem Kopf freihand zeichnen und überhaupt war die gesamte Plattform DIE Einladung, selber etwas dafür zu bauen und zu programmieren. Das erledigte sich dann mit dem MAC.
    Die Entscheidung IBM war völlig rational: Preis, offene (dokumentierte) Busse, billige Software. DR-DOS war eine gute Grundlage – wenn auch ein gefühltes Lichtjahr hinter CP/M – aber es ging. Der Prozessor sprach irgendwie auch Z80, mit ein wenig Glück funktionierte die Interrupt-Verwaltung und es gab Compiler für Pascal. Was will man mehr.
    Leider ging der Trend zu Windows und API`s waren nie mein Ding. Ja, ich weiß – alles eine Frage der Gewöhnung, aber da schob sich ein Layer zwischen meine Ideen und die Hardware, die ich als störenden Eingriff empfand, als Gängelung.
    Die Verführung 68000 war schon groß, aber zu dem Zeitpunkt war bereits klar, das Atari das Rennen verlieren würde.
    Ich kann mich an unzählige Diskussionen unter den Kollegen erinnern, die darüber geführt wurden, warum man die schlechtere Plattform wählen muß, um auf Dauer sein Produkt zu verkaufen. Heutzutage hat jeder einen Computer – dank IBM. Nicht Apple! Die starteten mit der Idee, das jeder einen haben sollte. Sie endeten damit, das jeder Designer einen Apple benutzen sollte. Krasse Fehlentscheidung, wenn Du mich fragst. Der Volkswagen machte das Rennen vor dem Lancia.

    Ich entstamme einem verlorenen Zweig dieser Evolutionskette: Aus philanthropischen Gründen halte ich eine CPU als Automat in einer Waschmaschine für würdiger, als zum Gebrauch von facebook.
    Wie gesagt: Eine sterbende Gattung.

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  3. Pantoufle sagt:

    Spectrum: Der konnte Farbe!!einzelfzig!!!
    impressed!

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  4. Pantoufle sagt:

    Da bist Du ja fast selber schon ein alter Sack… ich muß mir den Kram erst mal in Ruhe durchsehen. Das sind ja schlimmste achtziger!

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  5. Pantoufle sagt:

    Upps: Das sah in den Neunzigern immer noch so aus? Da muß ich irgend was verpennt haben…

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  6. Der Emil sagt:

    Oh, ich erkenne mich wieder 😉

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