Der 38. Breitengrad

Toter chinesischer Soldat während des Koreakrieges

Toter chinesischer Soldat während des Koreakrieges

Genau: Korea! Korea ist weit weg, schräg links über Japan und zerfällt in zwei Teile. Nordkorea (die Bösen) und Südkorea (die Guten). Der Krieg, der zu dieser Teilung führte, begann am 25. Juni 1950 und wurde am 27. Juli 1953 durch die Unterzeichnung eines Waffenstillstandes beendet. Dieser Krieg kostete etwa 3 Millionen Zivilisten das Leben. Es starben 36.000 US-amerikanische, 500.000 koreanische und 400.000 chinesische Soldaten. All diese Angabe beruhen auf mehr oder weniger präzisen Schätzungen. Gerade die Zahlen über die Toten unter der Zivilbevölkerung werden sich nie genau ermitteln lassen; die Opfer von Hunger und Frost waren unter den damaligen Kriegsbedingungen nicht erfassbar.

Der vergessene Krieg

Korea blickte zu diesem Zeitpunkt auf eine Geschichte zurück, die maßgeblich durch Fremdherrschaft geprägt war, eine Tatsache, die für diesen Krieg eine nicht unwesentliche Rolle spielte. Während der chinesischen Quing-Dynastie wurde Korea 1637 ein tributpflichtiger Vasallenstaat Chinas. Dieses Protektorat endete erst 1897 durch die Niederlage Chinas im Japanisch-Chinesischen Krieg. Es folgte eine kurze Periode der Selbständigkeit unter König Gojong, dem Gründer des Königreiches Groß-Korea. Dieses autarke Königreich endete bereits 1910 mit der von Japan erzwungenen Abdankung des koreanischen Herrschers. Bis 1945 war Korea offizielle Kolonie Japans, ein Zustand, der erst mit der Niederlage des japanischen Kaiserreiches am 15. August 1945 beendet wurde.

Eine Regelung unter den damaligen siegreichen Alliierten besagte, daß die Einflusszonen von durch den 38. Breitengrad getrennt würden. Gebiete nördlich davon wurden unter russische Verwaltung gestellt, die südlichen von den USA vereinnahmt. Korea war erneut in einen kolonialähnlichen Zustand zurückgefallen, diesmal mit einer willkürlich festgelegten Teilung des Landes. Russland begann den ihm zugesprochenen Teil Koreas im Stil kommunistischer Vasallenstaaten als Puffer gegen ein von US-amerikanischen Interessen wiedererstarktes Japan aufzubauen. Die Verhandlungen über die Unabhängigkeit und Wiedervereinigung Koreas zogen sich bis 1947 ergebnislos hin. Der nach einer UN-Resolution geforderte Abzug fremder Truppen aus Korea wurde nur einseitig von Russland 1948 erfüllt. US-Truppen dagegen blieben im südlichen Teil des Landes stationiert. Um die Präsenz der US-Truppen durch eine pro-westliche Regierung zu legitimieren, wurden 1948 Wahlen in Südkorea abgehalten. Von freien Wahlen zu sprechen, verbot sich unter den damaligen Umständen. Die Opposition boykottierten die Teilnahme und auch die endgültige Auszählung der Stimmen ließ Manipulationen vermuten. Dem damaligen Wahlsieger Rhee Syng-man gelang es, sich bis 1960 mit ebenfalls manipulierten Wahlen an der Macht zu halten.

Der Norden des Landes beantwortete dies mit der Gründung der Demokratischen Volksrepublik Korea am 9.September 1948. Erster Präsident Nordkoreas wurde Kim Il-sung. Beide Regierungen beharrten auf einen Alleinvertretungsanspruch über Korea, den sie notfalls auch mit militärischen Mitteln erzwingen wollten. Die militärisch dem Süden überlegenen Truppen Kim Il-sung überschritten am 25. Juni 1950 die Demarkationslinie nach einer längeren Reihe vorausgegangener Grenzverletzungen.
Der nun folgenden Kampfhandlungen mutierten schnell zu einem Stellvertreterkrieg, der das endgültige Zerwürfnis zwischen Stalin und den USA aufzeigte. Der kalte Krieg war zu einem heißen geworden. Die dadurch entstandene weltweite Angst vor einem dritten Weltkrieg beschleunigte unter Anderem auch maßgeblich die Wiederbewaffnung Deutschlands.
Der Krieg tobte drei Jahre mit brutaler Grausamkeit, um am 27. 7.1953 genau dort zu enden, wo er begonnen hatte: Am 38. Breitengrad. Das Ergebnis war ein Waffenstillstand – zu einem Friedensvertrag kam es nie. Nach dem Zerwürfnis zwischen China und Russland 1962 schlug sich Nordkorea formal auf die Seite Maos, was nicht die letzte Abspaltung vom Gedanken des Sozialismus bleiben sollte.

Geliebter Führer Kim Il-sung

Nordkoreas Alleinherrscher Kim Il-sung und die Nachfolger des Familienclans verwandelten das ehemals kommunistische Land in ein perfektes westliches Feindbild. Mit der Verfassungsänderung 1977 wurde Kim II-sung nicht nur praktisch zum Herrscher auf Lebenszeit ernannt, sondern auch jeder Bezug auf den Marxismus-Leninismus aus der Verfassung gestrichen. Ersetzt wurde dieser durch die Chuch’e-Ideologie, die ab 1980 den angeblich historisch überholten Marxismus-Leninismus als alleingültige Theorie in Nordkorea ersetzte. Eine der Kernthesen dieser Theorie – die der »geliebte Führer« eigenhändig erschuf – ist die Feststellung, daß »nur der Vater der Volksmassen zum Führer werden könne«. Daß der »Vater« mit dem amtierenden Präsidenten bereits inthronisiert war, versteht sich dabei von selber. In wie weit man nach mehrfachen Verfassungsänderungen noch von einem kommunistisch orientierten Staat sprechen kann, bleibt offen. Es blieb die Symbolik; bescherrscht wird Nordkorea seither von einem kaiserähnlichen Familienclan.

Extreme Autarkiebestrebungen und ein absurder Führerkult wurden bestimmende Leitlinien – vor allem aber die Entstehung einer grotesk überzogenen Militarisierung. Zum heutigen Tage sind Land- und Luftstreitkräfte die zweitgrößten im asiatischen Raum nach der Volksrepublik China. Dem Unterhalt dieser Armee hat sich alles unterzuordnen, was unter anderem auch zu schweren Hungersnöten zwischen 1994 bis 1999 führte, denen Schätzungen zufolge zwischen 600.000 und 1 Million Menschen zum Opfer fielen.
In der Rangliste der Pressefreiheit belegte das Land zuverlässig seit Bestehen dieser Liste den letzten Platz, eine Einstufung, die es es seit 2007 immerhin um einen Rang verbessern konnte. Es gibt Konzentrationslager, Folterung, öffentliche Hinrichtungen, dafür aber kein freies Internet (außer für einige Privilegierte) oder kommunikationsfähige Mobil-Telephone.
Wirtschaftlich blieb das Land nach seiner Isolation Ende der 60. Jahre fast vollständig am Boden. Die Situation verschlechterte sich weiter mit dem Zusammenbruchs des Ostblocks.  Als einziger zuverlässige Handelspartner seit dieser Zeit bleibt China, auf dessen Wohlwollen man auf Verderb und Gedeih angewiesen ist.
Der Beitritt Nordkoreas als Mitglied der Vereinten Nationen erfolgte 1991, der zum Atomwaffensperrvertrag 1985. Der Austritt aus dieser Vereinbarung 2003 verband sich unter anderem mit Forschungen an atomaren Langstreckenraketen, mit denen seither oft und gerne gedroht wird.

Die Ächtung Nordkorea gilt mittlerweile weltweit. Selbst der alte Verbündete China sieht eher gequält auf das ungeliebte Anhängsel. Ohne nennenswerte Bodenschätze, einer verrotteten Industrie und Infrastruktur ist das Land nicht einmal mehr als potenter Waffenkunde von Interesse; der einzig wahren Bankrotterklärung gegenüber den »Märkten«. So schätzt man auch die militärische Stärke der verwendeten Waffentechnologie als eher »ersatzteilbedürftig« ein; die potentielle Reichweite von Fernlenkwaffen wird mehr durch außenpolitische Interessen der USA definiert als durch technische Parameter.

Eine Türschwelle

Als Musterkind erwies sich Südkorea. Nach längerer Durststrecke gilt das Land als wirtschaftlich potent, hält sich an die kapitalistischen Spielregeln und duldet nach wie vor US-amerikanische Truppenkontingente. Auch dürfte Chinas Interesse weit näher an der südkoreanischen Realität angesiedelt sein als am wirtschaftlich und politisch abgewirtschafteten Norden des Landes. Die ideologische Barriere am 38. Breitengrad hat ihre Rolle ausgespielt – China arbeitet an seiner neuen Rolle als führende Wirtschaftsmacht und in Nordkorea gibt es keine kaufkräftigen Kunden. So einfach kann sich die Realität manchmal darstellen.

Kim Jong-un, Nachfolger seines Vaters Kim Jong-il seit 2011, ist unter Zugzwang. Der »oberste Führer der Partei, des Staates und der Armee« hat außer unlösbaren Problemen nur eines: Eine Armee. Seit der Auflösung des Ostblocks ist man abgeschnitten von billigem Öl, Nahrungsmitteln und Waffen. Sowohl Russland wie China würden das Benötigte liefern, aber eben nur gegen das Geld, was man nicht hat – niemand schreibt mehr für Nordkorea auf den Bierdeckel, wo es nicht einmal für die erste Zinsrate reicht. Vor der Haustür des jungen Alleinherrschers liegt alles, was das Land benötigt.

Was geblieben ist, ist die Demarkationslinie am 38. Breitengrad. Seit seiner Einführung zum Auseinanderdividieren japanischer Kriegsgefangener hat er eine beeindruckende Karriere als ideologische Barriere gemacht. Die Zahl innerdeutscher Mauertoten verblasst zu einem Nichts, sieht man sich die Dramen an, die sich seit 1953 an dieser Grenze abspielen. Genaue Zahlen gibt es nicht: China erklärte, allein in den letzten 15 Jahren etwas 100.000 Menschen zwangsrepatriiert zu haben, wenn sie als Wirtschaftsflüchtlinge eingestuft wurden. Wird man nicht an der Grenze erschossen, kommt man als Verfehmter zurück – im schlimmsten Fall in eines der Konzentrationslager oder als Opfer einer der öffentlichen Hinrichtungen.
Daß sich die westliche Propaganda nicht entgehen lässt, beständig genau darauf hinzuweisen, kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Grausamkeit nicht nur gegenüber diesen Flüchtlingen seit Jahrzehnten jedes Maß übersteigt.

Die regierungsbeauftragten Menschenhändler, die mittels staatlich verordneten Lösegeldern Menschen freikauften, gab es so wenig wie ernstzunehmende Sanktionen der Vereinten Nationen. Man hatte sich mit der Existenz zweier koreanischer Staaten in weit höherem Umfang abgefunden als mit dem real existierenden Sozialismus der ehemaligen DDR. Gut genug für Thema bei James Bond, wenn man ein völlig verrottetes System benötigte, im Übrigen aber aus der Sicht der Weltöffentlichkeit weitgehend verschwunden.
Der 28jährige Kim Jong-un übt sich im Säbelrasseln, wo ihm das Klimpern mit Goldstücken unmöglich ist. Daß just in diesem Moment gemeinsame südkoreanische und amerikanische Manöver abgehalten werden: Zufall, aber eine gute Möglichkeit, Bomber und moderne Kampfflugzeuge in die Region zu befördern. Ein paar Kriegsschiffe können auch nicht schaden, denn Nordkorea besitzt so gut wie keine Marine. Der letzte Verbündete Nordkoreas schweigt und wenn er doch etwas sagt, so schließt sich China dem Bedauern von Japan und Südkorea in der Ablehnung über die atomare Aufrüstung im Norden an. Auf dem Papier mag China noch als Rückendeckung existieren, aber der tatsächliche Kriegsschauplatz für das Reich der Mitte hat sich längst geändert. Man ist dabei, die Welt zu erobern – Nordkorea stört dabei eigentlich nur.

Unfreiwillig lieferte das Regime im Norden etwas, was heutzutage kaum noch im Handel ist: Einen ernstzunehmenden Kriegsgrund. In einer Zeit, in der eingebildete Chemiewaffen niemand hinter dem Ofen hervorlocken und unfassbare Menschenrechtsverletzungen schulterzuckend zur Kenntnis genommen werden, liefert man das Szenario einer atomaren Bedrohung. Dabei spielt es nur eine untergeordnete Rolle, wie hoch die Reichweite der atomkopfbestückten Rakete tatsächlich ist: Atom ist das Reizwort, nicht Interkontinental.

Der brüchige Frieden

Was den Frieden – wenn man diesen Zustand von Nichtkrieg so nennen mag – letztlich sichert, sind Chinas vitale Interessen im westpazifischen Raum. Solange Peking Nordkoreas Theaterdonner mit Schweigen kommentiert, ist es der Noch-Weltpolizei USA unmöglich, auch nur einen Fuß auf nordkoreanisches Territorium zu setzen. Die kommende Weltmacht China wird keinerlei Provokationen direkt vor ihrer Haustür dulden sowenig wie die USA ein Infragestellen ihrer Hegemonie im westpazifischen Raum. Für diese gegensätzlichen Interessen bietet die alleinige Existenz Nordkoreas keinerlei Lösung – schon gar nicht als konstanter Unruheherd dieser Region. Die schwache Hoffnung sicherlich beider Seiten auf eine wie auch immer geartete Revolution, die das Regime Kim Jong-uns stürzt, wird Hoffnung bleiben – dafür sind keinerlei Anzeichen auszumachen. China weiß nach der langen Zeit unter Mao selbst am besten, daß sich einige Revolutionen über Jahrzehnte entwickeln, eine Entwicklung, die in Nordkorea ebenfalls nicht am Horizont steht.
Der Handlungsspielraum der beiden großen Kontrahenten ist begrenzt, eine Tatsache, die Kim Jong-un im Moment noch in die Hände spielt. Das wenigstens solange, wie China den festen Glauben daran nicht verliert, die die Vorgänge des Landes unter Kontrolle zu haben.
Die jetzt wieder hochgefahrenen Atomanlagen in Yongbyon unterminieren die Bemühungen Chinas, die festgefahrenen Gespräche über atomare Abrüstung Nordkoreas wieder in Gang zu bringen. Chinas Generalität wird das zu Recht als Schlag in Gesicht empfunden haben und genau diese Generäle bestimmen im Augenblick Chinas Kurs an der Ostgrenze. Der Kollisionskurs gegen die Weltgemeinschaft von Kim Jong-un richtet sich damit auch gegen seinen einzigen Verbündeten, für den eine unkontrollierbare Atommacht an seiner Grenze genau so inakzeptabel ist wie für Südkorea.
Eine friedliche Lösung scheint nur auf Initiative Chinas möglich, Sanktionen der UN haben sich als wirkungslos erwiesen. Wirtschaftlich hat der Steinzeitsozialismus Nordkoreas keinerlei Chancen zum Überleben – wenigstens nicht solange eine monströse Armee als Fass ohne Boden alle Recourcen bindet. Bleibt also nur zu hoffen, daß diese Pattsituation nicht zu einem finalen Befreiungsschlag führt; einer Neuauflage des »totalen Krieges«.

Der letzte Krieg gegen Nordkorea fand in dem James Bond-Streifen »Stirb an einem anderen Tag« statt. Ich erinnere mich nicht mehr genau… waren da nicht auch Manöver an der Grenze des 38. Breitengrades?

Nordkorea wird in der Berichterstattung gerne als »stalinistisch« beurteilt. Eine Einstufung, die einer näheren Überprüfung nicht standhält. Das Fehlen des Marxismus-Leninismus und die geradezu religiöse Erhöhung der Erbfolge-Herrscher seit 1948 ist nicht einmal mit der eines Mao zu vergleichen. Einen alleinigen Staatszweck, eine möglichst schlagkräftige Armee zu unterhalten, hat es in der Zeit Stalins niemals gegeben wie solch extreme Autarkiebestrebungen. Das System Nordkoreas hat mittlerweile mehr Züge eines Ständestaats nach dem Muster des italienischen Faschismus, gepaart mit Merkmalen des Nationalsozialismus. Attribute, die man im weitesten Sinne als »kommunistisch« bezeichnen könnte, fehlen fast vollständig. Selbst aus der Verfassung ist jeder Hinweis darauf verschwunden wie auch die alten Denkmäler und andere Erinnerungen an diese Tradition systematisch vernichtet werden. Der ausdrückliche Verweis auf die Chuch’e-Ideologie in der Verfassung Nordkoreas beendet alle Traditionen zum klassischen Marxismus; das propagierte religiös anmutende Führerbild weißt auf die Diktatur eines Führers, nicht einer des Volkes.

Unüblich für die Schrottpresse enthalte ich mich – soweit möglich – einer Wertung sowohl der wenig überraschenden geplanten Intervention der USA als auch über das System in Nordkorea. Bei den Recherchen zu diesem Text ist weder Redaktionskampfhund Oskar noch mir etwas unter die Augen gekommen, was das Regime der »geliebten Führer« seit 1948 irgendwie zu rechtfertigen vermag. Es ist die traurige Geschichte einer langen Reihenfolge von Desinteresse, der Lust am Krieg und Menschenverachtung. Von allen beteiligten Seiten. Ich bin es müde, die Schuld der einzelnen Protagonisten gegeneinander aufzuwiegen, an einer friedlichen Lösung scheint auch niemand wahrhaft interessiert zu sein… Es ist zum …

Links zum Thema:
The Constitution of Kim Jong Il
Harnisch: Die Krise Koreas /etwas älter, aber eine gute Einführung.
DRadio: Drohungen aus Nordkorea
DRadio: Der Spuk wird wieder vorübergehen

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