Denkmal im Dienst der real existierenden Demokratie

Welche Erinnerung darf es denn heute sein? Im Fall der Neuen Wache in Berlin war die grobe Stoßrichtung eigentlich schon festgelegt. In seiner Funktion als Kranzabwurfstelle hat das Bauwerk, das nach Entwürfen des Architekten Schinkel 1818 fertiggestellt wurde, eine längere, aber weitgehend konsistente Geschichte. Unter Friedrich Wilhelm III. erinnerte sie an die Gefallenen der Napoleonischen Kriege, 1931 an die des ersten Weltkriegs und nach ihrem Wiederaufbau 1960 als Mahnmal für die Opfer von Faschismus und Militarismus.
Das Ende der DDR brachte auch der alten Wache eine neue Gedenk-Aufgabe: Von da an wurde der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft gedacht, wozu mit etwas Phantasie auch die des Faschismus zählen dürfen. Allzu genau wollte man sich aber offenbar nicht festlegen.
Seit einiger Zeit ist wieder eine Umwidmung im Gespräch. Ob es bei der Denkmalsdichte in Berlin einer solchen bedarf, sei dahingestellt. Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur – immer auf der Suche nach repräsentativen Objekten – hat nun den Schinkel-Bau ins Visier genommen. Das wäre an sich nicht weiter bemerkenswert, würden sich die daran interessierten Protagonisten nicht geradezu mit Gewalt um Geschichtsklitterung – oder besser: Geschichtsschreibung im Sinne der Sieger – bemühen.
In Zukunft würde man hier gerne den Opfern kommunistischer Gewaltherrschaft gedenken. Das wäre etwas, worunter sich jeder etwas vorstellen könne und nicht so diffus wie » Krieg und Gewaltherrschaft«. Das es solche Opfer gegeben hat, steht außer Frage. Die Evolution von »Faschismus und Militarismus« zu » Opfern kommunistischer Gewaltherrschaft« stimmt dagegen nachdenklich, genau wie die Namen derjenigen, die sich dafür einsetzen.

Im Graben der vordersten Kampflinie ragt der Helm eines wackeren Kämpfers gegen den Kommunismus besonders weit aus der Deckung: Rainer Wagner. Der rechtskonservative evangelische Religionspädagoge, der Allah als »heidnischen Götzen« wahrnimmt, die Bibelübersetzung »Bibel in gerechter Sprache« als »gotteslästerlich« und vom »Satan aufgebrachte Irrlehre« versteht. Derjenige, der Juden, Heiden und Atheisten als Knechte Satans bezeichnet und der – um die Aufzählung mittelalterlichen Gedankengutes abzurunden – selbstverständlich Kreationist ist.
Die Begründungen Wagners für die Umwidmung der neuen Wache überraschen da wenig.
Das Denkmal soll daran erinnern, daß der Kommunismus »Blut an den Händen gehabt« habe, wenn er mit seiner Planwirtschaft »zwangskollektiviert«, »zwangsausgesiedelt« und in »Jugendhöfen gequält« habe. Der Platz für ein solches Denkmal »”in der Nähe der politischen Entscheidungsträger« sei genau der Richtige, damit man sich »nie mehr auf sozialistische Experimente einlassen« würde.
Herr Wagner ist Vorsitzender der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG). Wo Wagner exorziert, stößt man todsicher auf Hubert Knabe, den wissenschaftlichen Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Der Geistesverwandte von Arnulf Baring tutet ins selbe Horn, wenn auch der Tonfall ein wenig moderater ist: Ein solches Denkmal sei überfällig.

Ist das Denkmal überfällig? Wankt man beim Stadtbummel in Berlin nicht von einer Opfergruppe zur nächsten? Warum eigentlich nicht wieder den Rückgriff auf »Opfer von Faschismus und Militarismus«?
Nur weil eine handvoll Rechtskonservative einem Antikommunismus der späten 50. Jahre Ausdruck geben müssen?

Deutsche Soldaten kämpfen mittlerweile in der ganzen Welt für die neokolonialistischen Interessen der »Märkte«, in Ungarn erstarkt ein verrotteter Faschismus mit all der alten Symbolik, derer man sich in Deutschland nur ungern erinnert – und schon gar nicht mit allzu auffälligen Gedenkstätten. Es gäbe genügend Gründe, auf die Widmung der DDR zurückzugreifen:
Zum Gedenken der Opfer von Faschismus und Militarismus

D-Radio zum Thema

In diesem (sozialistischen) Sinne: Ein fröhliches Osterfest, dieser netten heidnischen Sitte mit den bunten Eiern im Tiefschnee.

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0 Kommentare zu Denkmal im Dienst der real existierenden Demokratie

  1. Bei dem thema geht mir regelmäßig »der hut hoch«. Opfer des Kalten Krieges waren auf beiden seiten der mauer zu beklagen. Es ist falsch, einseitig nur die ostseite zu betrachten. Geschichte aufarbeiten kann man nur, wenn man die schäbigkeit der westseite hinzunimmt – und das findet, den selbstgerechten pfaffen sei es gedankt, nicht statt.

    Welcher »kommunismus« soll hier denn irgendwas an »den händen kleben haben«? »Kommunistische gewaltherrschaft«. Absurder begriff. Mir ist keine region der welt bekannt, wo es mal etwas wie Kommunismus gegeben hätte, der begriff »gewaltherrschaft« ist verrückt. Herrschaft ist grundsätzlich gewalt. Der kommunismus allerdings hat zum ziel, die herrschaft abzuschaffen.

    Es soll nicht mehr regiert, sondern nur noch verwaltet werden.

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  2. pantoufle sagt:

    Moin Mechtild
    Vom Unsinn der ganzen Denkmalerei einmal ganz abgesehen: Wo sind wir eigentlich? Altes Kaiserreich, wo an jeder Ecke ein Bismarck grinst oder der Helden von Sedan gedacht wird?
    Die Instrumentalisierung des Begriffs »Kommunismus« ist offensichtlich. Da ist eine Generation wie die von dem unsäglichen Gauck, die die Geschichte des 20. Jahrhunderts auf den Fall der Mauer reduzieren. Geschichte ist bei diesen Leuten nur ihre eigene – was Gauck und Wagner unter anderem dazu benutzten, um im Westen Karriere zu machen.
    Es geht nicht um irgend ein stupides Denkmal. Man übergibt aber die Deutungshoheit irgend einem Pietisten, einem fundamental-christlichen Säulenheiligen – man überlege sich nur: Der Mann ist Kreationist! Die Politik hört sich das Gezeter von diesen Leuten leicht genervt an, winkt es dann ab damit sie nur endlich Ruhe geben mögen und wieder einmal steht eine weitere Fußnote im Kapitel »Kommunismus=Massenmord«.
    Es ist Geschichtsschreibung, die eine angebliche Alternativlosigkeit des Kapitalismus in die Geschichtsbücher der Schulen schreibt und die Straßen mit dazu passenden Denkmälern verschandelt.
    … es ist an sich kein großes Thema, nur einer dieser kleinen Stolpersteine, bei dem ein Fundamentalchrist vor der Nase Berliner Abgeordneten eine große Warntafel anbringen will: »Nie wieder sozialistische Experimente«.

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    • Dieser Wagner war mir bisher kein begriff. In Berlin gibt es genug gedenk- und erinnerungsstätten, die an die zeit der teilung, die nicht im interesse der Sowjetunion war, erinnern.

      In der Bernauer Straße ist ein stück mauer erhalten (das ist nicht die East Side Gallery, für die vor kurzer zeit fleißig demonstriert wurde). Vor jahren war das ein kleines stück mauer, das stehengeblieben war, inzwischen ist im ehemaligen grenzgebiet einiges entstanden. Im ehemaligen »todesstreifen« ist allerhand »kunst« aus dem boden gestampft worden, nebst »dokumentationszentrum«, das inzwischen auf zwei gebäude erweitert wurde. All das soll klarmachen, weches »unrecht« geschah.

      Und das ist bei weitem nicht alles. Es gibt auch noch die gedenkstätte Hohenschönhausen und die ehemalige zentrale in des MfS in Lichtenberg, ganz zu schweigen diversen anderen gedenkorten, die rund um den ehemaligen mauerverlauf vorhanden sind. Es reicht.

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  3. pantoufle sagt:

    Die Denkmalhäufung ist schon auffällig und auch die Rcihtung, die damit verfolgt wird. Eine Frage, die sich mir langsam aufdrängt, ist, ob in Deutschland so etwas wie eine religiöse Rechte entsteht wie in den USA. Die Häufung von Pfaffen in diesen Vereinen wird langsam unheimlich.
    Besagter »wissenschaftlicher Direktor« von Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, war schon einmal Gegenstand eines Artikels bei mir, als er im Stil eines Guido Knopp, dem Sensationshistoriker des ZDF, durch die deutsche Geschichte trampelte.

    Wenn sie wenigstens begabt lügen würden! Aber sie beleidigen nur unsere Intelligenz.

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