Denker des Abendlandes

sokratischer Elenktik

»Die Dinge sind heute bei der Veranstaltungen von Götz Kubitscheks »Antaios«-Verlag auf der Buchmesse sehr eskaliert. Und zwar von links. Die erste Veranstaltung mit Caroline Sommerfeld-Lethen, Martin Lichtmesz und dem gewiss provokant eingesetztem Björn Höcke konnte nach anfänglichen, lautstarken Protesten in Antifa-Manier kurz stattfinden, die mit Sellner wurde aber so massiv niedergebrüllt, daß es nicht mehr ging.

Ich hab alles live mit angesehen, und so sehr sich manche über meine Worte aufregen mögen (bzw. das auf Twitter bereits tun), so ernst meine ich: DAS geht nicht. […]
Die Auseinandersetzung mit den Rechten läuft über das Argument. Und da hat das nicht-rechte Denken alle Karten für sich. Man muß die Debatte offensiv führen. […]«

Liane Bednarz – hat alles gesehen.

Wer so friedlich mit Nazis leben will, sollte sich erst mal Gedanken über seinen eigenen Standpunkt machen. Und was hat ein» gewiss provokant eingesetzte(r) Björn Höcke« auf der Frankfurter Buchmesse zu suchen? Literarisch fiel Höcke  bislang nur durch eher plumpe Manipulationen von Buchtiteln auf. Aber vermutlich war einer der Gründe seiner Anwesenheit, mit Frau Bednarz in einen konstruktiven Dialog zu treten.

Auch der Deutschlandfunk berichtete:

»Das Buch “Mit Linken leben” habe Sommerfeld gemeinsam mit Martin Lichtmesz geschrieben, der ebenfalls vor Ort war, erklärt Flaßpöhler. Ihr Ton sei zunächst ruhig gewesen und es sei immer wieder gesagt worden: “Wir wollen mit den Linken leben und auch mit ihnen reden, aber die Linken sind die Verblendeten und wir sind die, die auf dem Boden der Wahrheit stehen.”«

Der Boden der Wahrheit – allzutief fallen kann man dann ja nicht mehr. Auch die Hessenschau ist voll der Wahrheit, jedenfalls einer, mit der man sich keine Feinde schafft unter den 12,6%, die nun die Morgenröte sehen:

»Auf der Frankfurter Buchmesse ist es am Samstagabend zu Tumulten bei einer Podiumsdiskussion des rechten Antaios-Verlags gekommen. Demonstranten versuchten, die Diskussion durch lautes Gebrüll zu stören. Es kam in der Messehalle 4.2 zu heftigen Wortgefechten und einzelnen Handgreiflichkeiten.
Die Polizei musste einschreiten und trennte die Gruppen. Redner auf dem Podium waren zunächst der Thüringer AfD-Landtagsfraktionschef Björn Höcke, Verleger Götz Kubitschek und die Autoren Caroline Sommerfeld und Martin Lichtmesz, die ihr Buch “Mit Linken leben” vorstellten. Anschließend gab es einen Talk mit Antaios-Autor Akif Pirinçci. […]
Dabei ging offensichtlich der Frankfurter Stadtverordnete Nico Wehnemann (Die PARTEI) zu Boden. Bislang sei dazu noch keine Anzeige erstattet worden, sagte ein Polizeisprecher. Der Stadtverordnete selbst schrieb auf Twitter, er sei weggeschickt worden, als er die Anzeige aufgeben wollte.[…]
Ganz in der Nähe feierte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels eine Messe-Party unter massivem Polizeischutz. Das Motto: Für Freiheit und Vielfalt – gegen Rassismus.«

Ja, Akif Pirinçci ist der rechtskräftig wegen Volksverhetzung verurteilte Schriftsteller – hat also wenigstens schon mal ein Buch geschrieben. Da die Zahl der Psychiater bei dem »Tumult« überschaubar gewesen sein wird, weicht die Hessenschau der Frage aus, was genau man mit ihm diskutieren wollte. Genau wie dem Denkspiel, der Stadtverordnete wäre nicht nicht Mitglied DER PARTEI, sondern von der CDU gewesen. Die Partie fand übrigens ohne Nico Wehnemann statt: Parteigenosse Wehnemann bekam von den Veranstaltern Hausverbot.
Unter »Sieg Heil«-Rufen der Nazis begleitete die Polizei die »linken Störer« zum Ausgang.

»Eine freie Journalistin, die für SPIEGEL ONLINE vor Ort mit ihrem Handy filmt und dann die Demonstranten nach draußen begleitet, darf daraufhin nicht mehr auf das Messegelände zurück: Ein Polizist verweigert ihr den Zutritt, trotz Ausstellerausweis, trotz Angebot, den Presseausweis zu zeigen. “Er sagte nur, er habe mich doch in der Gruppe der Demonstranten gesehen.”«

So schnell kann es gehen, vor allem wenn man die Gruppe als links verortet.
Bleibt eigentlich nur noch der Veranstalter, um eine klärende Stellungnahme abzugeben. Es geht immerhin um Kultur und Literatur – nicht gerade die Kernkompetenz von AFD und anderen Nazis.
Hätte er doch besser geschwiegen!

»Statement zu den Vorfällen auf der Frankfurter Buchmesse

„Die Frankfurter Buchmesse lebt von der Vielfalt der Meinungen und ist ein Ort des freien Dialogs. Das ist die unveränderliche Haltung der Frankfurter Buchmesse und des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

Während der letzten Tage gab es auf der Frankfurter Buchmesse gezielte Provokationen, Sachbeschädigungen und tätliche Übergriffe zwischen linken und rechten Gruppierungen. Bei Veranstaltungen von Verlagen der Neuen Rechten kam es zu Handgreiflichkeiten, die von der Polizei aufgelöst wurden.

Wir verurteilen jede Form der Gewalt. Sie verhindert den Austausch von politischen Positionen. Wir werden sie als Mittel der Auseinandersetzung nicht zulassen.“

Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, und Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels«

Vor allem lebt sie von den Verkäufen von Büchern. Die Ethik kommt bestenfalls an zweiter Stelle. Und aufgelöst wurde außer der Gegendemonstration eben nichts – eine mehr als naive Vorstellung von Lösung.

»Der “Partei”-Vorsitzende Wehnemann erhebt Vorwürfe: “Die Polizei hat uns nicht genug geschützt, sondern die Rechten.” Bei dem Angriff auf ihn habe die Polizei danebengestanden und erst eingegriffen, als er “lautstark um Hilfe rief”. Wehnemann sei dann abgeführt worden, er habe einen Platzverweis erhalten, sagte er SPIEGEL ONLINE. Als er dann eine Anzeige erstatten wollte, habe man ihm auf der Messe-Wache gesagt, dass dies nicht möglich sei. Man habe vor allem mit Taschendieben genug zu tun. Es seien aber überall Kameras, er könne morgen Anzeige erstatten.
In der Pressestelle der Polizei Frankfurt war am Samstagabend niemand zu erreichen.«

Spiegel Online

Nach der Gosse und dem Bundestag nun also die Frankfurter Buchmesse. »Wir sind jetzt auch Intellektuelle!«

»Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muß den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf. Sie ruht erst, wenn sie alles unter sich begraben hat.«

Erich Kästner

fisch und fleisch zum Thema

Hooligans Gegen Satzbau

Deutschland sagt danke. Danke, für die Frankfurter Buchmesse. Zum Abschluss möchten wir mit euch allen den feierlichen Abschluss zelebrieren. Es gibt deutsches Liedgut und Stockbrot für die Kleinsten. Heute um 20 Uhr wird es heimelig. Bringt Fackeln mit. #fbm2017

Seid dabei.
#HoGeSatzbau

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5 Kommentare zu Denker des Abendlandes

  1. An sich habe ich fast nichts davon mitbekommen, daß buchmesse war. Aber dieser rotz von den selbsternannten, rechten »opfern« schien plötzlich überall zu sein. Da haben womöglich manche linke aktivisten der sache gegen rechts einen bärendienst erwiesen.

    Grundsätzlich bin ich dafür, politische gegner nicht niederzubrüllen, sondern ihnen mit argumenten entgegenzutreten. Aber wie ernst ist wohl ein »diskussionsangebot«, das mit »Wir wollen mit den Linken leben und auch mit ihnen reden, aber die Linken sind die Verblendeten und wir sind die, die auf dem Boden der Wahrheit stehen« beginnt?

    2+

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    • Pantoufle sagt:

      Moin Mechthild

      Die Sache mit dem Bärendienst ist wohl wahr. Aber auf der anderen Seite: Welche Aktionen von links haben überhaupt noch eine Chance, als produktiv wahrgenommen zu werden? Das beginnt doch damit, daß bereits ziviler Ungehorsam bereitwillig von den Medien und ihren Konsumenten kriminalisiert wird. Von den braun durchtränkten »sozialen Netzwerken« ganz zu schweigen. Auf der Buchmesse waren einige Aktionen, die schlicht schwachsinnig waren; vor allem aber unorganisiert. Im Gegensatz zu den Nazis, die ihre Provokationen von vornherein erfolgreich so planen, daß sie am Ende als Opfer dastehen.

      Niederbrüllen mag ich auch niemanden. Nur sehe ich Nazis nicht als politische Gegner. Moralisch, ethisch, weltanschauliche ja, aber nicht politisch. Das würde bedingen, daß sie ein gesellschaftlich konsensfähiges Wertesystem besitzen, mit dem man sich auseinandersetzen könnte. »Politik ist gesellschaftliches Handeln, welches darauf gerichtet ist, gesellschaftliche Konflikte über Werte verbindlich zu regeln.« (Gerhard Lehmbruch). Sind solche Werte nicht erkennbar oder werden grob verletzt, spricht man von Kriminellen, nicht aber von einem politischen Gegner.
      Faschismus ist eben keine »Meinung«. Nazis sind Kriminelle.
      Und wie ich bereits in meinem Text andeutete: Wer glaubt, »auf Augenhöhe« mit Nazis diskutieren zu wollen, läuft Gefahr, seine ethischen Werte zur Disposition zu stellen. Das aber, was diese Nazis vertreten, ist keine politische Verhandlungsmasse. Da hilft tatsächlich auch kein Brüllen.

      Außerdem müßte mir die Frankfurter Buchmesse mal erklären, warum sie ausgerechnet den Erben der Bücherverbrennung diesen Spielraum einordnet.

      »Wir verurteilen jede Form der Gewalt. Sie verhindert den Austausch von politischen Positionen. Wir werden sie als Mittel der Auseinandersetzung nicht zulassen«

      Die Anwesenheit ultrarechter Verlage auf einer Buchmesse ist per se eine Form der Gewalt gegen Andersdenkende. Ihnen eine Stimme zu geben, macht die Verantwortlichen zu Mittätern.

      Meine zwei Cent

      2+

      • Salü Pantoufle,
        mit der auffassung, daß »faschismus keine meinung, sondern kriminell« sei, stehst Du mit sicherheit nicht allein da. Ein argument gegen die rechtsextremen ist das schlechterdings nicht. Ich kann Dir sogar beipflichten, daß man mit figuren wie Kubitschek oder so nicht diskutieren kann. Allerdings würde ich das eher pragmatisch sehen: dem sein weltbild ist fertig.

        Also gibts da nichts zu reden. Für mich ist ethik als begründung ausgeschlossen, auf die bürgerliche sittenlehre möchte ich als kommunist mich eher nicht berufen. Ob man die nazis nun leiden kann oder nicht: bei denen zählt moral eine ganze menge. Ohne moral käme niemand auf die idee, seinen arsch für die nation zu opfern und was denen sonst noch an unsinn einfällt.

        Leider habe ich keinen blassen dunst, wie aktionen von links gestaltet werden könnten, damit sie als »produktiv« wahrgenommen werden. Wenn ich davon eine ahnung hätte, wäre ich aktivist und nicht blogger. Ein anfang ist für mich der allerkleinste rahmen: im vorfeld der bundestagswahl gab es auch in meinem umfeld leute, die aus wut auf die derzeitige politik AfD wählen wollten. Die habe ich nicht als »nazis« beschimpft oder sie ausgelacht, sondern ihnen zugehört. Und weil ich zufällig das parteiprogramm etwas besser gelesen hatte als sie, konnte ich sie überzeugen, daß die AfD ihre probleme garantiert nie lösen wird. Immerhin sagen die jetzt im brustton der überzeugung, daß die AfD für sie nichts ist. Ich habe die nicht mit linken parolen vollgestopft, sondern ihnen einfach bloß das parteiprogramm erklärt. Auf argumentativer ebene kann man durchaus menschen erreichen.

        Auf der PRebene macht das allerdings überhaupt nichts her.

        1+

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  2. Pantoufle sagt:

    Moin Mechthild

    Du bist ja eine Nachteule! Ich hab’s gestern um 3:00 noch gesehen, war aber doch etwas zu müde.

    »…auf die bürgerliche sittenlehre möchte ich als kommunist mich eher nicht berufen.«
    Ich verstehe Ethik nicht als bürgerliche Sittenlehre, sondern eher als Fragestellung im Sinne von Kant „was soll ich tun“, was er mit dem kategorischen Imperativ beantwortet. Und der Satz »Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.« ist meiner Meinung nach unabhängig vom Parteibuch.

    Daß Du andere mit Argumenten und Wissen davon abgehalten hast, sich diesem Verein anzuschließen oder AFD zu wählen, ist sehr gut. Das sollte jeder von uns wenigstens versuchen: Beim Nachbarn, auf dem Schützenfest, einer Party oder bei jeder anderen Gelegenheit, wo man offen und freundschaftlich miteinander reden kann. Ob das immer etwas bringt, sei dahingestellt. Aber es ist letztlich die einzige Chance, in der eigenen kleinen Welt etwas zu verändern, zu beeinflussen.

    Und um mit einem kleinen Missverständnis aufzuräumen: Für mich war das Thema Nazis und was ich dazu anmerkte ganz klar auf die Situation der Frankfurter Buchmesse gemünzt. Darauf bezog sich darauf und ähnliche Gelegenheiten. Und wie Du ja selber sagst: Deren Weltbilder sind fertig! Und was ich vehement bestreiten würde, ist das Bedürfnis solcher Leute, eine Diskussion zu führen. Allein in einer Diskussion »siegen« zu wollen, diskreditiert den Begriff. Das ist kein Fußballspiel. Beleidigt aufzustehen um das Fernsehstudio zu verlassen oder einen Satz wie »aber die Linken sind die Verblendeten und wir sind die, die auf dem Boden der Wahrheit stehen« abzusondern, ist keine Gesprächsbasis.

    Ich muß kein »Aktivist« sein, um die Fragwürdigkeit von Aktionen wie Bücherregale auf der Frankfurter Buchmesse zu beschmieren oder leerzuräumen als Unfug zu sehen. Leider fällt mir auch nichts vernünftiges ein; das ist eine Domäne vom Peng-Kollektiv und den Yes-Mann: Die haben sich auf produktive Aktionen spezialisiert.

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    • Von Peng! hat es einige ganz gute aktionen gegeben, aber beispielsweise die tortung von frau von Strolch war abgeschmackt. Irgendwie nicht unbedingt ein neuer einfall und politische aussage gleich null. Vor einiger zeit fand ich einen videoschnipsel, wo die von Strolch von Thilo Jung gefragt wird, was sie denn über den menschengemachten klimawandel denke und da erklärt sie, daß sie daran nicht glaube und daß das wohl eher mit der sonne zusammenhinge. Auf nachfrage sagt sie ernsthaft, daß man der sonne verbieten müsse, so heiß zu scheinen. So etwas beklopptes hätte man sich kaum ausdenken können. Das ist richtig gut, wenn man diese figuren dazu bringt, sich selbst zum heinz zu machen. Dafür muß man allerdings ihre ansichten kennen und mit ihnen reden. Deren weltbild wird man damit nicht ändern, aber vielleicht kann man zweifelnden menschen damit nahebringen, daß in diesem milleu ziemlich verschrobene ansichten unterwegs sind.

      Die autorin Caroline Sommerfeld war mir bisher unbekannt. Die hat übrigens über Kant promoviert »wie moralisch werden?«, weshalb ich es bevorzuge, auch weiterhin von der moral abstand zu halten. Dumm ist die mit sicherheit nicht. Die buchmesse ist kein rechtsradikales lauschestündchen und da hätte man ihr in aller öffentlichkeit peinliche fragen stellen können.

      Keine ahnung, was man sonst tun könnte.

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