Das Volk will die Todesstrafe

verhaftet

»Man sollte auch die Erklärungen der Banken hören: Wir haben die Osman-Gazi-Brücke eingeweiht, am 26. des Monats werden wir die Sultan-Çeyiz-Brücke einweihen. Also ein wunderbares Bauwerk! Und Anfang Dezember gibt es dann die zweite Untertunnelung des Bosporus. Auch die wird eingeweiht. Das ist die Situation der Wirtschaft in der Türkei!
[…]
Überall in der ganzen Türkei kommen die Menschen zusammen um sich bis spät in die Nacht zu versammeln. Und jeder in der Türkei tritt für die Demokratie ein. Und wenn Sie jetzt sagen, in der Türkei gäbe es ein Problem mit der Demokratie, dann wäre das bedauerlich und falsch.«

Recep Tayyip Erdoğan

Bei so vielen Brücken von Demokratiedefiziten zu sprechen, wäre in der Tat falsch. Und wenn schon nicht neu gebaut, so aber mit neuem Namen: Die Bosporus-Brücke heißt nun »Brücke der Märtyrer des 15. Juli«. Blutzeugen also, Gefallene und Opfer der Bewegung.
An der Wortwahl könnte man noch mal arbeiten.

Aber das ist natürlich ein Problem, wenn man kein Türkisch beherrscht und auf den Übersetzer vom ARD angewiesen ist. Hat er das wirklich genau so… ?
Der türkische Präsident Erdoğan gibt dem ARD ein Interview und man sondersendet es zu später Stunde. Nicht nur türkische Nachrichtenredaktionen übernahmen die Aufzeichnung und der Vorwurf, dem Diktator eine mediale Plattform zu bieten, stand schnell im Raum. Das kann man natürlich so sehen, genau wie den Vorwurf an den Interviewpartner, den Chefredakteur des Bayrischen Rundfunks Sigmund Gottlieb, der bei einigen Fragen nicht energisch genug nachgehakte.

Das sieht die Redaktion der Schrottpresse anders, allen voran Redaktionskampfhund Oskar: »Laß ihn einfach reden – bloß nicht unterbrechen!« Und das kluge Tier hat natürlich vollkommen recht.
Mit geschlossenen Augen und ohne Synchronsprecher hätte man sich nach wenigen Augenblicken gefragt, über welches Land dieser Präsident eigentlich spricht. Ganz sicher nicht über die Türkei. Und von Minute zu Minute wurde es surrealistischer. Bloß nicht unterbrechen! Die Türkei zerfällt in zwei Teile: Märtyrende Demokraten und  Terroristen. Wahrhaft pluralistisch!  Die PKK als Quelle des Terrors in Europa, wo bleiben die drei Milliarden Euro Schmiergeld für den Flüchtlingsdeal? Und natürlich Brücken. Probleme? Aber doch nicht in Ankara, vielleicht bis auf die Aufräumarbeiten in einigen zerbombten Parlamentszimmern. Präsidentenzimmern. »Eine solche Situation hat der Palast noch nicht erlebt!« Stimmt: Der Schwarzbau steht aber auch erst seit 2014.
Gottlieb fragt, der Präsident antwortet – nur nicht auf die jeweilige Frage oder besser: Seine ureigenste Interpretation davon. Die Umdeutung der Begriffe, wesentliches Merkmal einer jeden Diktatur, in Echtzeit. »Sie« sind alle Gegner Erdoğans. Terroristen als ein buntes Gemisch aus Journalisten, Lehrern, Professoren, Militärs, Verwaltungsbeamten, Kurden – »Sie«! Demokratie! Das Volk will die Todesstrafe! Der rasende Mob will vieles, wenn sich das Blut in den Genitalien sammelt. »Wenn sie es doch aber unbedingt wollen?« Wer ist er denn, daß er nicht auf die Stimme des Volkes hören würde? »Ich bin kein König! Ich bin nur ein Staatspräsident.«

Endlich die marktkonforme Demokratie! Hartz IV statt sozialem Gemeinwesen. Das Bundesverfassungsgericht muß endlich mit mehr parlamentshörigen Richtern besetzt werden! Ach nein: Das sind ja wir.
Die Redaktion bittet um Entschuldigung!
Nun kann niemand mehr sagen, er hätte den Realitätsverlust Erdogans nicht bemerkt.
Falsch!
Der Präsident leidet nicht unter Realitätsverlust. Er weiß genau was passiert – er hat es selber in Gang gesetzt. Er muß es nur noch irgendwie verkaufen und wer bemerkt schon die kleinen Unterschiede? Frankreich hat auch einen Ausnahmezustand, die USA einen Präsidenten (wie Hitler) und Deutschland kann sich vor Demokraten kaum noch retten.
Alles eine Frage der Zeit.

War noch was? Ach, die Visafreiheit. Die sollte man allerdings zügig unter Dach und Fach bringen! Wegen den Twitternachrichten aus dem Header und für die, die jetzt in der Türkei verfolgt werden. Vielleicht (hoffentlich) schaffen sie es noch rechtzeitig außer Landes, die Demokraten auf der Flucht.

»Man kann mit demokratischen Wahlen einen Faschismus an die Macht bringen, den man hinterher nicht abwählen kann»

Robert Misik zum Militärputsch in der Türkei

»Und wenn Sie jetzt sagen, in der Türkei gäbe es ein Problem mit der Demokratie, dann wäre das bedauerlich und falsch.« Hier hat der Präsident tatsächlich recht! Kein Problem! Man kann nur mit existierenden Dingen ein Problem haben.

 

Kleiner Nachschlag:

Nur für diejenigen, die immer noch nicht begriffen haben wie das funktioniert. Schlagzeile und Untertitel aus der Zeit.de:

Religionsbehörde entlässt Prediger und Koranlehrer

Mehr als tausend Mitarbeiter der türkischen Religionsbehörde sind entlassen worden. Die Mehrheit der Türken macht Gülen für den Putschversuch verantwortlich.

So einen Schwachsinn kann man sich gar nicht ausdenken. Genau: Der Gülen war’s! Stand ja von Anfang an fest. Schuld an defekten Klima-Anlagen, verstopften Toiletten, ranziger Butter und Aufständen.

Man muß es nur oft genug wiederholen, damit es auch wirklich jeder glaubt. Ach ja, und die Mehrheit der Türken ist übrigens auch für die Todesstrafe… spätestens in vier Wochen.

Dieser Beitrag wurde unter der Untergang abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Kommentare zu Das Volk will die Todesstrafe

  1. Fluchtwagenfahrer sagt:

    Moin Pantoufle,
    Gratulation dem Redaktionskampfhund bzw. der Redaktion.
    Wie schaffen die das immer wieder, mit Eloquenz und einem bisschen Süffisanz,
    klare und wahre Dinge so gelassen auszusprechen?
    Vorsicht du walten lassen musst, wenn in die Zukunft du blickst, Oskar.

    0

  2. derda sagt:

    Ein lupenreiner Demokrat! Was gut fürs Geschäft ist kann doch nicht schlecht für die Menschen seyn.
    Weitermachen!

    0

  3. pantoufle sagt:

    Ich komm da überhaupt nicht drüber weg: Man kann doch nicht nicht unkommentiert die Umfrageergebnisse irgend eines türkischen Stimme-des-Volkes-Instituts abdrucken und drüberschreiben »64,4% glauben, daß es Gülen war, 81% sind für seine Auslieferung«

    87% aller in KZs inhaftierter Kommunisten sagen, daß Adolf Hitler knorke ist.
    92,7% aller Inhaftierten finden die Verpflegung in Guantanamo spitze!
    34% der linksradikalen militanten Terror-Widerstandskämpfer bestätigen… »Nein, nicht die Fingernägel… bitte nicht!!!«

    Vernebelt, verdunkelt sind alle Hirne

    0

  4. waswegmuss sagt:

    Das Schöne an Idioten ist, dass sie sich immer selbst outen.

    0

  5. rainer sagt:

    …..der Alkoholiker hat ja auch MIT Allkohol keine Probleme…

    0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *