Das schlechteste italienische Restaurant der Welt

Kann es das überhaupt geben? Nun ja. Man soll ja vorsichtig sein mit solchen vollmundigen Aussagen. Aber wenn es einen Anwärter auf diesen Titel gibt – ich habe ihn gefunden. Oder besser : Es hat mich gefunden. Die Taliban der Kochkunst.

Man muß nicht einmal lange suchen : Man begebe sich an einem schönen, sonnigen Tag im Frühling ins Seebad Brighton. Bevölkert von ca. 250.000 seebadhungrigen Londonern, die es sich an diesem Freitag nicht nehmen lassen, die abgebrannte zweite Pier Brightons anzusehen, an einem versteckten hübschen Fischereimuseum vorbei zu flanieren – setzt euch an den Kiess-Strand und trinkt ein Ale!
Liegestühle : 2,5£ die Stunde, danach gibt es Rabat. Das heißt : Es wird teurer. Fast so teuer wie das Bier an den unzähligen Erlebnisstätten mit Auschanklizenz an diesem wohl hässlichsten Strand Englands.
Aber es ist herrlich. Der Frühling hat endlich seine winterliche Fratze abgelegt und es regnet auch fast gar nicht. Streng genommen sogar überhaupt nicht und es ist eine Lust, in Brighton zu lustwandeln. Ein fabelhafter Sonnenuntergang und 200.000 sturzbetrunkene Jugendliche verbreiten Feierabendstimmung; Autoschlangen wälzen sich zähe verkehrsberuhigend durch die Straßen. Wenn es stimmt, das England dazu tendiert, in Zeiten großer Krisen vom Bauwahn gepackt zu werden, dann steht der Untergang der Insel unmittelbar bevor. Es wird also gebaut, was das Zeug hält und deshalb ist lustwandeln deutlich schneller als Verbrennungsmotore. Außerdem führt es den hungrigen Frühlingsgast an Lokalitäten vorbei, die er mit dem Auto glatt übersehen hätte.

So auch mich. Die Innenstadt ist ein Muß! Für die Dame von Welt oder auch der halben gibt es Schmuckläden wie in Brüssel und für den Herren das wohl herrlichste Waffengeschäft der Europas. Von den frühesten Anfängen des blutigen Soldatenhandwerks, als noch ordentlich der Kopf mittels scharfen Stahls vom Rumpf geschnitten wurde bis hin in unsere glorreichen Zeiten, wo nur noch ein großes Loch übrig bleibt, ist alles käuflich zu erwerben. Die Preisgestaltung sowie eine natürliche Furcht vor den Kontrollen auf dem Flughafen Heathrow ließen mich vor dem Kauf eines Maschinengewehrs des renommierten Herstellers „Maxim“ ebenso zurückschrecken wie vom Erwerb der fabelhaften „Mauser 98“, einer echten Gentlemanwaffe, die unter anderem auch Sir Winston Churchill in der Schlacht von Ondurman 1898 das Leben rettete. Als kleine Fussnote sei angemerkt, daß in dieser Schlacht auch das besagte „Maxim“ zum ersten Mal bei der englischen Armee im Kampf eingesetzt wurde. Nur der Vollständigkeit halber…
Wie sich später erwies, hätte weniger Zurückhaltung beim Waffenkauf dem späten Abend eine erheblich amüsantere Note verleihen können – aber wer vermag schon in die Zukunft zu blicken!

Hätte ich mal…

Von Aussen sah es gar nicht so schlecht aus – trübe Täuschung ist aller äusserer Schein. Natürlich sollte ein Restaurant Stühle haben. Es sitzt sich einfach bequemer als auf dem nackten Boden. Auch Tische sind praktisch, damit die Teller nicht umkippen, man beide Pfoten zu essen frei  hat und auch eine Bedienung weiß zu gefallen, damit man sich den Fraß nicht selber herbeischaffen muß. All das war da!
Damit war die Ähnlichkeit zu einem Restaurant auch schon erschöpft. Zur Tarnung und um einen ordentlichen Geschäftsbetrieb vorzutäuschen, hatte man arme Schüler und Schauspielstudenten angeheuert, die für einen erbärmlichen Stundenlohn von schätzungsweise 17 Cent die Stunde reguläre Gäste mimen sollten. Wer, wie der Verfasser dieser Zeilen, darauf hereinfiel, konnte durchaus dem Eindruck erliegen, ein Gasthaus betreten zu haben.
Wann wird der Gast stutzig? Wieviel Ironie erlaubt die Gastronomie und wieviel Selbstbetrug ist gerade noch heilbar?

Eine Flasche Wein und etwas zu Essen. Lamm wäre genehm und auch gar nicht so teuer. Das mit dem Wein stellt sich als kompliziert heraus. Chianti haben sie nicht: ist aus! Das eine oder andere,nach dem mir der Sinn steht, ist auch aus. Aber Merlot hätten sie noch. „Der würde immer wieder gerne genommen“. Dieser Satz ist meiner Erfahrung nach der finale Rettungsschuß, den man einem Wein geben kann – wobei man in diesem Falle sagen muß, daß sich der Merlot diese zweifelhafte Ehrung redlich verdient hatte, weil es ja nichts anderes gab.

Na ja, und so ist er dann auch, dieser Merlot. Ein betörender Geruch von zertretenen Weintrauben, die blassrote Farbe und der panische Blick auf das Ettikett, ob da wenigstens Alkohol drin ist – ja, ist…reichlich hoffentlich! Der Wein kanns gebrauchen!

Was macht eigentlich den Reiz aus, alleine in einem Restaurant zu sitzen? Ich weiß es ehrlich gesagt gar nicht genau. Vielleicht die ungeteilte Aufmerksamkeit der Bedienung oder die scheelen Blicke der Tischnachbarin? Ich habe gleich 2 Stück davon. Das Eine sieht sehr nach Transvestit aus – ich bin sicher, es ist ein „Es“ – die andere ein junges, blasses Mädchen. Beide so schlecht angezogen, wie man es nur in Brighton an einem Frühlingsabend sieht. Sie sehen so skuril aus, das ich Mühe habe, sie nicht fasziniert anzustarren. Und das wäre jetzt gar nicht gut, denn sie gucken schon! Oh Gott, es lächelt! Schnell zurücklächeln und sich dann dem „Wein“ widmen. Wieviel hat ihnen der Geschäftsinhaber gezahlt, das sie so angezogen dasitzen und mich anzugrinsen?

Träumereien am Esstisch: Das BKA hat den ultimativen Hinweis bekommen und stürmt ein Yuppie-Cafe. Im Hinterzimmer lauert der Terror! Beherzt die Türe eingetreten und der Anblick von Fleischhauer, Sarrazin und Gutemberg mit gerolltem 100€ Schein in der Nase, wie sie sich gerade eine Line so breit wie die Bremsspur von einem LKW reinrüsseln. Blitzlichtgewitter, Presserummel. „Nein, diese Scheine würden gewaltig trügen! Man mache nur Feldstudien über den Geruch des Geldes… und könne bestätigen, das es tatsächlich nicht… Fleischhauer würde am Montag einen genauen Bericht über die ersten Ergebnisse auf SpOn …“
Richter „gnadenlos“ Schill aus Hamburg unvergessenen Gedenkens.

Irgend jemand hat von meinem Wein getrunken! Un-ver-schämt-heit! Das kann ich doch nicht alles getrunken haben – ich doch nicht, nicht dieses Zeug… Das waren die Uppsfliegen, die sich im Glas gesammelt haben! Die haben das gemacht, sind jetzt besoffen und dürfen nicht mehr fliegen. Dürfen sie nicht – basta! Militant, wie es nun einmal meine Art ist, will ich gerade einen unbarmherzigen Vernichtungskrieg gegen die Schmarotzer beginnen, das kommt auch schon, immerhin nach ca. 40 Minuten, das Essen.

Hat die Kellnerin gerade gefragt, ob ich noch einen letzten Wunsch habe? Meine Kenntnis der englischen Sprache ist immerhin begrenzt – ich habe das wohl falsch verstanden. Ein Blick auf den Teller: Ich habe doch richtig gehört.

So etwas habe ich noch nicht gesehen. Ein grau-brauner Haufen liegt dort feucht schillernd im Neonlicht: Es grinst der Tümpel und läd zum Bade! Ich sehe fasziniert auf dieses Stilleben, das optisch nichts, aber auch gar nichts mit „Lamm“ oder einem ähnlich edlen Tier gemeinsam hat, als mir erschreckend klar wird, daß diese Erlebnisgastronomie interaktiv ist. Interaktiv? Nicht bekannt? Das heißt, daß man nicht nur hingucken soll: man muß auch noch etwas machen! In diesem Falle besteht die Aufgabe darin, die 750ml Soße am weglaufen zu hindern. Panische Momente eines Restaurantbesuchs : Wo bekomme ich jetzt eine Plane her? Oder eine Schaufel. Oh Gott, es fliest, alles fliest….Pantha Rei!

Hier ist jetzt der ganze Mann gefragt! Eine klitzekleine Probebohrung in der Mitte des Tellers verrät: Hier ist noch Platz für ein vorläufiges Endlager! Eine schnelle, überlegt ausgeführte Operation und die Flüssigkeit verzieht sich in die Mitte des Gerichts, des jüngsten. Alles fließt, jetzt aber in eine harmlose Richtung. Das war knapp!

Jetzt ist Zeit zum angucken. Also : Da hätten wir als provisorischen Schutzwall gegen die Soßenflut einen löchrigen Wall aus verbrannten Kartoffeln. Dazwischen tummeln sich Brocken von Gemüse – diese milden, sanften Farben bekommt es nur, wenn man es sehr, sehr lange kocht. In siedendem Wasser mindestens 4 Stunden. Dazwischen und mit der Funktion von Sandsäcken bei Dammbrüchen liegen noch ein paar Tomatenscheiben herum, die nur durch Zufall der Spaltung in Tomatenatome entgangen sind. Irgendwo muß doch noch das Lamm zu finden sein… oder gibt es das als aufpreispflichtige Beilage? Angeln wir doch mal im See in der Mitte! Siehe da! Diese Brocken müssen wohl vom Tier sein. Das wollen wir jetzt probieren!

Den Bissen zum Munde geführt und jetzt bin ich doch ehrlich überrascht. Nach was schmeckt das? Irgend etwas in meiner Erinnerung riecht so wie das hier schmeckt. Was war es nur? Ein Geruch – weit entfernt in meiner Jugend oder was das war… was nur? Während ich verträumt auf einer misshandelten Kartoffel kaue, fällt es mir ein: In der Druckerei, in der ich arbeitete, roch es so – in dem Raum, in dem die großen Pläne der Architekten kopiert wurden… das war Amoniak! Amoniak! Schnell noch mal probiert: Zähe und sehnig wie…wie heißen hundertjährige Bergziegen? Lämmer?… und Amoniak.

Was ist das hier? Das ist das Pearl Harbour der italienischen Küche! Nach dem Angriff, wohlgemerkt. Es raucht und die Leichen liegen noch auf der Pier. Eine Kriegserklärung wäre angemessen, nicht Bezahlung. Das ist eine vorsätzliche Provokation!

Was macht man nur? Aufessen kann man das nicht – Krieg ist nicht meine Profession. Und dann bin ich wieder bei meiner Lieblingsbeschäftigung beim Alleinsein in Restaurants.

Nachdenken, träumen…da war doch noch diese schöne alte japanische Sitte, wenn das Essen nicht geschmeckt hat, wickelt man das Messer in eine weiße Serviette – sorgfältig gesäubert – und legt es quer über den Teller.

Die Bedienung kommt, will abräumen. Sie stockt mitten in der Bewegung, ihr Gesicht wird starr. Verzweifelt sucht sie den Blick des Gastes. Aber der sitzt stocksteif auf seinem Platz, regungslos, unbarmherzig knurrt er unverständliche japanische Worte. Akira Kurosawa besucht Brighton.
War da eine Träne, die über das Gesicht der verhärmten, abgearbeiteten Jungfer floss? War da doch mehr zwischen ihr und dem Koch außer einem flüchtigen „guten Morgen“ oder den wie unbeabsichtigten Berührungen bisweilen? Das Messer, in das schneeweiße Tuch gewickelt – das Ende! Nie würde sie die Worte von ihm hören, auf die sie so lange gewartet hat, nie. Das Ende, alles zu Ende!

Das Messer!

Sie trägt mit ungläubiger Miene das Geschirr zur Anrichte und die Zurückgebliebenen hören diesen entsetzlichen Schrei des Kochs. Der Genugtuung erheischende Gast (also ich) steht gemessen langsam auf, überprüft sorgfältig den korrekten Sitz seiner Kleidung und schreitet langsam in Richtung der Küche, dem Ort des Grauens, begleitet nur von seinem treuen Schwert, welches er zieht, als er die Türe erreicht.

Der Verursacher dieses traurigen Zeremoniells steht gesenkten Hauptes an der Stätte des Verbrechens. Ein letzter Blick, diese stumme Bitte um Gnade – umsonst. Der Gast ist kein Unmensch, aber was zuviel ist…und man muß ja auch an die Kinder denken! Die einzige mögliche Antwort auf die unterwürfige Verbeugung kann nur ein Wort sein : „Lamm!“

Natürlich ist der „Tod des stumpfen Essmessers“ alles andere als angenehm, aber als letzten Liebesdienst wird die Qual durch einen geschmeidigen Schwertstreich beendet, den der gnädige Gast dem Verurteilten angedeien läßt, tunlichst bevor die Eingeweide den Boden beschmutzen. Der Koch hat sich in sein Schicksal gefunden – er hat seine letzte saubere Schürze angelegt, weiß wie Kirschblüten und sich auf das Geschirrtuch gekniet, welches als letzter Liebesdienst von seiner Kellnerin tränenbenetzt auf den Boden gebreitet. Alles ist nun sehr, sehr still und feierlich, als der Deliquent auf einem Abreißzettel mit dem Kugelschreiber ein letztes Haiku schreibt und der Dame seines Herzens reicht :

Lamm, Du
weidend auf frischer Au
mit Karbol

Tapfer ist der Mann – das muß man neidlos anerkennen. Nur ein kurzes Knurren, als er es nach 14 Minuten doch schafft, sich das Messer in den Leib zu bohren und es ruckartig nach rechts zieht. Das geht nicht ohne Mühe und so säbelt er hilflos wie vorher der Gast an seinem Essen nun an seinem Bauch. Das scheint doch recht unangenehm zu sein und er stöhnt ein wenig, während ich mir mit dem Schwert die Fingernägel reinige. Da ich erst beim Ringfinger der rechten Hand bin, muß der Koch doch noch ein wenig warten – na ja, man ist ja Kulturmensch und so beschließe ich, dieses edle Schauspiel zum Abschluß zu bringen. Ein Schlag – upps, nicht die Schulter! Also nochmal und dann ist es auch schon fast überstanden!
Dankbare Blicke der Angestellten sind mein schönster Lohn.
Es ist vollbracht. Ein Lamm ist gerächt!

„Was? Nein, danke.. es war nur zuviel! Nein – alles gut, danke Bestens!“ Ich bin aufgewacht, die Kellnerin hat mich aus meinem Traum gerissen. Haben sie einen Grappa? Den brauche ich jetzt. Wie – Nein! Ein Italiener ohne Grappa? Den muß der Koch ausgesoffen haben. Restlos!

Der Angriff ist vorüber, die Bomber auf dem Weg zum heimatlichen Flughafen. Der Rauch verzieht sich langsam und man beginnt zaghaft aufzuräumen. Auch ich schleppe mich heim in mein wunderschönes Hotel, „Royal York“ mit den niedlichen kleinen Zimmern, dem freundlichen Personal und einem doppelten Hennesey XO. Mein kleiner Bunker, mein Zuhause. Morgen früh aufwachen und dann ein unitalenisches Frühstück: Bratwurst, Eier, Bohnen, Pilze und verbrannte Blutwurst.

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0 Kommentare zu Das schlechteste italienische Restaurant der Welt

  1. Fanny sagt:

    JA !!! Diesen Text kannst Du mir immer wieder servieren. Ein wahrer Genuß !
    Gruss. Fanny

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  2. pantoufle sagt:

    Na denn: Guten Appetit!

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  3. opalkatze sagt:

    Ohh nä! Du Ärmster. Aber: Tapfer. Sehr tapfer.

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  4. Fanny sagt:

    Aber nach Ethanol überhaupt nicht ??!

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  5. pantoufle sagt:

    Die Wahrheit ist im Wein;
    Das heißt: In unseren Tagen
    Muss einer betrunken sein,
    Um Lust zu haben, die Wahrheit zu sagen.

    (Friedrich Rückert)

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  6. Pingback: Glanzlichter 65 « … Kaffee bei mir?

  7. adi sagt:

    man gebe ihm ein spesenkonto und lasse ihn schreiben

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  8. Klicka Klacka sagt:

    Es hätte gerechtigkeit geschehen müssen… Aber sonst sehr tapfer

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    • pantoufle sagt:

      Oh, mein Oh-Wehchen schreibt wieder mal! Hat Dir die Geschichte gefallen? Dann must Du erst mal die von den tausenden Imbisswagen lesen, die sich einmal im Jahr an einem Freitag bei Vollmond versammeln. Auf Westerland folgen sie dann einem, der sie mit dem Ruf “fettfreiheit für alle” über die Klippe ins tiefe, tiefe Wasser springen läßt, wo sie alle gotteserbärmlich ersaufen!
      …Ach, habe ich ja noch gar nicht geschrieben…

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