Das Recht auf Vergessen

Der von der Schrottpresse sehr geschätzte Heribert Prantl schreibt heute in der Süddeutschen zum Thema Bettina Wulff – oder genauer gesagt zum Recht auf digitale Amnesie. Was als weiteres Statement zum Thema „die Wulffs“ daherkommt, wendet sich aber schnell zum Ruf nach der Justiz im Internet.
Nein, Herr Prandtl: Ich bin diesmal nicht Ihrer Meinung.

„Diese Internet-Lawinen ersticken und erdrücken ihre Opfer nicht unbedingt, sie ruinieren aber ihren Ruf, ihr Ansehen, ihre Lebensleistung. Internet-Mobbing ist die wohl unabänderlichste Form des Mobbings.[…] Bettina Wulf hat das erlebt. Sie wurde, ihr Mann war in dieser Zeit Bundespräsident, als angebliche ehemalige Prostituierte denunziert; politische Gegner ihres Mannes waren offenbar die Betreiber und Verbreiter dieser Gerüchte.“

Daß die Gerüchte mit hoher Wahrscheinlichkeit von Wulffs politischen Gegnern gestreut wurden, ist naheliegend, die dafür infrage kommende Personengruppe aber so unübersehbar groß, daß auch Prandtl sich nicht detailierter auf Vermutungen einlässt. Schade eigentlich: Gerüchten zufolge könnten sie ursprünglich aus dem Kreis der Koalition gekommen sein.

Interessant wäre auch zu wissen, wodurch sich solche Rufmordkampagnen von denen der Vor-Internetzeit unterscheiden. Ruf, Ansehen und Lebensleistung wurden zu allen Zeiten ruiniert, wenn sich die Möglichkeit ergab. Das scheint auch Prantl aufzufallen: Er zitiert ausführlich den Fall Philipp Fürst zu Eulenburg-Hertefeld zu Beginn des 20. Jahrhunderts, bei dem der Journalist Maximilian Harden vorexerzierte, was der Sensationsjournalismus anrichten kann ,wenn er nur mit genügend Nachdruck betrieben wird. Ziel der Kampagne von Harden war, einen bestimmten politischen Kreis am Hofe Wilhelms II durch den Vorwurf von Homosexualität zu diskreditieren. Um es kurz zu machen: Es gelang vorzüglich.

Unzählig weitere Beispiele solcher Schmutzkampagnen ließen sich in der Yellow-Press des gesamten 20. Jahrhunderts mühelos finden. Leider legt er nicht dar, warum der Fall Harden weniger verheerend gewesen sein soll als ein Shitstorm im Netz.

„Es gibt keine Paragrafen, die das potenzielle Opfer schützen, es gibt keine Hilfstruppen, die ausrücken, um das Opfer freizuschaufeln. Man hat bisher auch nicht davon gehört, dass ein Datenschutzbeauftragter Bettina Wulff geholfen hätte.“

Den Paragraphen gab es im Fall von Eulenburg auch nicht. Zwar gab es in der Folge eine Menge Prozesse, bei denen viel schmutzige Wäsche gewaschen wurde, nicht aber ein Verbot solcher Affären.
Im Prozess Molte – Harden wurde der Journalist zu 6 Monaten Haft wegen Verleumdung verurteilt, in einem späteren Prozess noch einmal zu einer Geldstrafe, aber der vermutliche Selbstmord von 6 Offizieren, die die Affäre kompromittiert hatte, blieben dabei unerwähnt wie das vorzeitige Karriereende einiger, die das Spektakel nach sich zog. Das widerwärtige Spiel Hardens in seiner Gesamtheit war damals wie heute nicht justiziabel.

Und Bettina Wulff? Die ehemalige PR-Assistentin für eine Internetagentur? Hat sie denn gar nichts dabei gelernt? Frau Wulff ging ohne Not an die Öffentlichkeit, nachdem sie sich ein großes Schild um den Hals gehängt hatte, auf dem das Wort „Zielscheibe“ geschrieben stand. Der Vergleich Eulenburg – Wulff hinkt nicht nur ein wenig. Harden war ein bedeutender Journalist, Eulenburg ein bedeutender Politiker, Bettina Wulff… eine Gattin. Ihr Mann: Der Bundespräsident mit der kürzesten Dienstzeit seit 1945.

„Die schweinische Kampagne gegen sie (Frau Wulff) hat wohl den Rücktritt ihres Mannes als Staatsoberhaupt mit befördert.“

Schweinische Kampagne: Ja! In der Tat widerwärtig! Nur ging das im Getöse um das unwürdige Verhalten des Präsidentenpaares geräuschlos unter. Hat das beim Rücktritt wirklich jemals ein Rolle gespielt? Und welche Rolle spielte das Internet? In meiner Wahrnehmung eher die des Archivs, daß dafür sorgte, daß man die Affäre nicht unter den Tisch kehren konnte: Ein kollektives, schnell reagierendes Gedächtnis.

„Es geht dabei letztlich um die Frage, wer im Internet das Recht setzt: Gesetzgeber, Gerichte oder Internet-Konzerne wie Google. Es geht darum, ob im digitalen Zeitalter Persönlichkeitsrecht und Datenschutz noch etwas gelten. Es geht nicht um ein Auftrumpfen des Rechts, sondern darum, ob und wie es im Internet wirksam werden kann. Dagegen kann niemand etwas haben. Eine Welt ohne Recht ist friedlos.“

Verzeihung, Herr Prantl: Hier purzeln Ross und Reiter, Äpfel und Birnen wild durcheinander. Stichwort Datenschutz: Der Datenschutzbeauftragte Peter Schaar wollte für seine Behörde den Quellcode des Bundetrojaners einsehen. Bei der zuständigen Firma Digitask stellte man dafür lächerlich hohe Geldforderungen und verlangte Stillschweigen über die Ergebnisse. Das wäre eine Frage, wer hier „das Recht setzt“.
Ein nur oberflächliches Studium der Seite Netzpolitik.org zeigt überdeutlich, von welcher Seite aus Persönlichkeitsrechten und dem Datenschutz Gefahr droht.
Eine Welt ohne Recht ist friedlos“ ist die untalentierte Umformulierung der Behauptung des „rechtsfreien Raumes Internet.“

Man sollte sich eigentlich darauf einigen können, daß das Internet im Fall Bettina Wulffs schlecht als Beispiel für sicher notwendige Verbesserungen taugt. Ob unwürdiges oder lächerliches Verhalten auf Papier oder im Forum kommentiert werden, ist belanglos. Vielleicht könnte man sich auch darauf einigen, daß das Ehepaar Wulff nicht durch das Internet geschasst wurde – es war das Verhalten der Wulffs. Und ein auf Knien um Aufmerksamkeit bettelndes Weib, das mit intimen Details um sich wirft, darf sich über die Aufmerksamkeit des Bodensatzes in den Foren nicht wundern.

Wenn Sie, Herr Prantl, der Meinung sind, daß die selbstgestrickte Mohrenwäsche der B.Wulff in Form von Büchern, dilettantischer PR und missglückten Talkshows ein Werk des Internets sind, stehen Sie mit dieser Meinung vermutlich ziemlich alleine da.

In Erwartung Ihres nächsten wieder guten Artikels verbleibe ich

Hochachtungsvoll
das Pantoufle

Und nimm das, Luke Skywalker: LINK

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0 Kommentare zu Das Recht auf Vergessen

  1. Pingback: Links 2012-09-16 | -=daMax=-

  2. Publicviewer sagt:

    Nur mal zur Info.
    Netzpolitik.org zensiert auch kritische Beiträge, ist m.E. „Grünenkonform“.:-(

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  3. FF sagt:

    Hach, der Herr Prantl. Schon komisch, daß immer ein heiliges Fieber durch die Knochen von betagten, (ehedem) klugen Print-Journalisten rast, wenn sie irgendwo das böse I-Wort erspähen. Michael Spreng (sprengsatz.de) weist eine ganz ähnliche Symptomatik auf. Erinnert an die frühen Eisenbahnkritiker, die Ohnmachten, schwerste „Neurasthenie“, Verdauungsstörungen und Herzattacken ab Tempo 45 prophezeiten…

    Das „Buch“ von Bettina W.? Kommt wie ein halbgutes Scherz-Fake einer Kabarettistin daher – diese monströsen Banalitäten und entsetzlichen Belanglosigkeiten (rettungsschwimmende und fitnessbudenbesitzende-Ex-Lover namens „Torsten“, dazwischen Exkurse über „Hautrötungen“, den Einbau von Dunstabzugshauben, das „Pimpen“ [sic!] von Staatsgattinnen-Garderobe, bis hin zum Proll-Tattoo, das natürlich „nichts Bestimmtes“ bedeute… Bitte, das kann doch alles nur schlecht erfunden sein?!

    Fassungslose Grüße, FF.

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    • pantoufle sagt:

      Herr FF! Sie habe doch nicht dieses … äh… Werk der Bettina F. vom Bahnhof Hannover gelesen? (Na gut: Und wenn, schreiben Sie mir bitte, was drinsteht!)
      Was den Prantl angeht, so bin ich in der Tat fassungslos. Ich dachte, ich lese nicht richtig! Wenn es nicht so vollkommen absurd und zusammenhanglos gewesen wäre… bis ich H.P. kritisiere, muß schon einiges passieren.
      Ich glaube ja nach wie vor an einen Ghostwriter, H.P.Friedrichs Schergen haben irgend etwas gegen ihn in der Hand. Zeit für Verschwörungstheorien.

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  4. FF sagt:

    Danke der Nachfrage, Monsieur pantoufle. Habe Bettinchens Opusculum mal schnell durch’s Daumenkino gejagt – und warne schärfstens vor argloser Nachahmung.

    Dummerweise sind es ja gerade die allergrößten Plattheiten, die sich gnadenlos ins Hirn brennen – geistlos dahergeplapperter sprachlicher Sondermüll mit der Halbwertzeit von Uran 235. Mindestens.

    Dennoch: wie zur Hölle kann das passieren? Meine Vermutung: ein solcher GAU widerfährt Leuten, die Bücher weder mögen noch lesen, geschweige denn verstünden – aber plötzlich fehlgeleiteten Autorenehrgeiz entwickeln und selber „schreiben“ (lassen) wollen.

    Also Vorsicht! Toxisch! Finger weg, Augen weg! Geistige Antimaterie!

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  5. Ihr erhebt doch hofentlich nicht dn Anspruch Journalistenkollegen zu sein. Auch Kabarett kann man das nicht so recht bezeichnen, doch wohl eher als üble Umweltverschmutzung. Besser als Frau Wulffs Unbotschaften kommen Eure Zeilen jedenfalls nicht daher.

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    • pantoufle sagt:

      Nö. Schlicht Blogger und Kommentator. Das geht aus dem Zusammenhang aber auch eindeutig hervor. Überflüssig also, es einem Journalisten / Agraringenieur noch einmal zu erklären.

      Und? Wie geht es Ihnen sonst so?

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