Das schreckliche Geräusch beim Umblättern der Seiten

Am 26.1.2012 fragt in der jüdischen Allgemeinen Zeitung Philipp Engel den Literaturkritiker und Überlebenden des Warschauer Ghettos Marcel Reich-Ranicki, ob es rückblickend eine gute Entscheidung war, nach Deutschland zurückzukehren.”

“Am liebsten wären wir nach dem Krieg in die Schweiz übergesiedelt. Aber wir hatten damals kein Geld, man hätte uns dort nicht aufgenommen. Ob es richtig war, nach Deutschland zu gehen und nicht etwa nach Israel oder in die USA? Darüber möchte ich hier und heute nicht sprechen. Ich habe keine Kraft mehr. Haben Sie Nachsicht mit mir. Ich bin ein alter Mann. Adieu.”

Einen Tag später steht der Interviewpartner von Engel am Rednerpult des Deutschen Bundestages und redet zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus.

Ist er alt? Ja, er ist alt geworden. Einundneunzig Jahre ist Reich-Ranicki und erscheint neben dem Herrn Lammert, der ihn zum Podium geleiten, ganz klein. Nein, es ist kein Podium. Keine Treppen, keine Stufe, dafür ein Stuhl.
Sehr geehrter Herr Bundespräsident, sehr geehrter Herr Bundestagspräsident
Er begrüßt sie alle, endet mit den Gästen. Nicht als Historiker sei er gekommen: Als Überlebender des Warschauer Ghettos sei er hier.
Jeder hat das Bild in einem Geschichtsbuch gesehen. Kinder, Frauen, Menschen werden aus einem Haus getrieben. SS-Leute – Deutsche – stehen neben dem Eingang mit Waffen im Anschlag, die Verängstigten mit erhobenen Armen, in der Mitte ein kleiner Junge. Alle haben eine Tasche bei sich, einen Wäschesack – irgend etwas. Und jeder hat an seiner Kleidung den Judenstern.
Davon erzählt Reich-Ranicki, von einem Tag im Warschauer Ghetto, dem 22.Juli 1942. Während er erzählt, beginnt der Junge wieder zu gehen, hinter ihm seine Mutter – ist sie es? – und auch die anderen laufen, getrieben von den Kommandos ihrer Mörder.
Er selber rennt hastig zu einem Zimmer, durch heruntergekommene Flure in den anschließenden Raum, in denen sich die selbsternannte Herrenrasse versammelt hat. Ein paar Offiziere, eine Schreibmaschine. Wahrscheinlich steht irgendwo etwas zu trinken – Schnaps, Wein; der deutsche Soldat im Ghetto mordet noch lieber, wenn er betrunken ist. Aus dem Hof tönt Musik.
Reich-Ranicki blättert die Seite seines Manuskripts um. In der leise erzählten Geschichte wirkt es, als würde er die Seite zerreißen. Weg damit.
Nein, er soll nicht erschossen werden. Man braucht einen Übersetzer, jemanden, der Lesen und Schreiben kann, die Schreibmaschine steht auf dem Tisch. Er soll das Dokument aufsetzen, mit dem die „Räumung“, die Deportation im Warschauer Ghettos beginnt. Es ist das Jahr 1942. Bis zu diesem Zeitpunkt sind mindestens 1,5 Millionen Juden ermordet worden und es nicht so, daß niemand davon weiß. Vielleicht nicht wie und wo, aber getötet wird vor der Haustür – man braucht nur in den Gang hineinzusehen, wo gelangweilte Soldaten herumstehen. Die töten. Jederzeit und jeden.
Der damals einundzwanzig jährige muß mitschreiben, wer getötet werden soll. Jeder soll getötet werden, aber alles hat seine Ordnung. Die Arbeitssklaven haben eine Galgenfrist. Wer sich wehrt, wird erschossen. Wer nicht will, wird erschossen, wer nicht weiß, warum er Vater, Mutter oder die Geschwister allein lassen soll, wird auch erschossen. Die Juden sollen Ruhe bewahren, damit man sie vergasen kann. Oder erschießen. Es nur eine Frage der Zeit. Das alles schreibt der junge Mann mit und nun erzählt er davon. Man riecht es, sieht durch die dunstigen Scheiben und friert mit vor dieser Eiseskälte.
Die nächste Seite zerreißt. Bitte lesen Sie nicht weiter, ich will raus hier, weg von diesen Uniformen, dem Gestank ungewaschener Männlichkeit, dem Kasino-Ton, mit dem über das Leben von Menschen entschieden wird.
Nein, die Geschichte geht ja noch 3 Jahre weiter und hier wird nur von einem Tag berichtet nur 24 Stunden aus dieser Zeit des Mordens.
Es wird gebrüllt, geflucht, geschossen, als man die Menschen zusammentreibt. 6000, 7000. Es muß diese Zahl sein, damit die Viehwaggons, in denen man sie abtransportiert, gut gefüllt sind. Allein die Reise ist für viele schon der Tod. Der Deutsche Soldat handelt effizient.
Daher kommen die Bilder. Erhobene Arme, die abgerissenen Kleider der Kinder. Warum sieht man nie Tränen? Ist das die Qualität der Bilder oder ist das Grauen und die Angst so groß, daß niemand mehr weint. Der Vorsitzende des Judenrates des Ghettos Adam Czerniaków beendete sein Leben am 23. Juli 1942. Es gibt kein Gewissen, das es erträgt, all diese Menschen in den sicheren Tod zu schicken.

Marcel Reich-Ranicki beendet seine Erzählung. Der lange Vortrag hat ihn angestrengt, seine Stimme wurde im Verlauf der Rede immer leiser. Einige Worte, Sätze im Laufe der letzten halben Stunde hat er wiederholt, einiges fast unverständlich. Das Grauen und die Angst sind nicht fort, nicht nach dieser kurzen Zeit. Wer kann das beschreiben?
Die Parlamentarier und die Gäste haben sich erhoben und schweigen, während die letzten Worte im Raum stehen geblieben sind:

„Die in den Vormittagsstunden des 22. Juli 1942 begonnene Deportation der Juden aus Warschau nach Treblinka dauerte bis Mitte September. Was die “Umsiedlung” der Juden genannt wurde, war bloß eine Aussiedlung – die Aussiedlung aus Warschau. Sie hatte nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck: den Tod.“

Die SPD scheitert im sächsischen Parlament am 26.1.2012 mit einem Antrag, gemeinsam mit CDU/FDP gegen den Naziaufmarsch in Dresden zu demonstrieren.

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0 Kommentare zu Das schreckliche Geräusch beim Umblättern der Seiten

  1. FF sagt:

    Ach, es ist so ein schwieriges Thema, mit so vielen Facetten – trotz der furchtbaren historischen Eindeutigkeit.

    Ich zum Beispiel konnte mir Ranickis Rede nicht anhören. Natürlich hat er mit jedem Wort recht. Aber kein Mensch kann da mehr echte Betroffenheit von routinierter Heuchelei unterscheiden.

    Was mich bei R. immer gestört hat: daß er sein Schicksal auch ganz gern (und keineswegs selten) kalkuliert eingesetzt hat, um (berechtigte) Kritiker mit der Antisemitismuskeule aus dem Feld zu schlagen. Nach dem Motto: wer mich kritisiert, der kann nur ein Judenhasser sein.

    Andererseits: wer wollte es ihm verdenken?

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    • pantoufle sagt:

      Vielen Dank, daß Sie es gelesen haben.
      Ja, ich weiß, was Sie damit meinen. Ich würde gerne versuchen, Ihnen zu erklären, warum ich es geschrieben habe. Eines der bedeutensten Bücher für mich, das ich besitze, ist “der SS Staat” von Eugen Kogon. Es ist ein altes Buch, eine Erstausgabe. Der Einband fehlt, die Seiten sind gelb, aus der Bindung gefallen; recht zerlesen, würde man sagen. Ich besitze es schon sehr, sehr lange. Wie viele Male ich es gelesen habe? Ich weiß es nicht. Hunderte von Male und jedesmal, wenn ich im Bett lag und das Buch vor der Nase hatte, bekam ich Hunger. Ich konnte es nicht lesen, ohne dabei zu essen. Wie ein Staat, nein: Eine Kulturnation so verkommt, diese dünne Tünche der Zivilisation, bei der ein Kratzer mit einem kleinen Oberlippenbart reicht, um so ein entsetzliches Tier zutage zu fördern. Lag im Bett, stopfte irgend etwas in mich hinein und fürchtete mich vor den Schlägen. Ich wollte alles darüber wissen, wie es dazu kommen konnte, um die Bilder von mir fernzuhalten: Wissen gibt dir Macht über deine Träume. Also las ich wie krank alles, was mir in die Finger kam (bis zum heutigen Tage). Das alles ist viele Jahre, Jahrzehnte her, aber es hat nicht funktioniert. Die Träume, angeheizt von den Bildern im Fernsehen, den Titelzeilen der Zeitungen ernähren diesen Horror täglich aufs Neue. Die Berge der Leichen aus Majdanek, Buchenwald, Dachau oder Treblinka sind nicht verschwunden. Biologisch vielleicht, der Mensch muß vergessen, um zu überleben und das Fleisch der Opfer vermodert. Aber jedes Mal wieder, bei einem Bild oder einem Politiker, dessen Erinnerung an die Geschichte vermodert ist, der gegen den freien Willen spricht, der die Freiheit für die besagten Silberlinge verkaufen will: Dann kommt das alles wieder zutage. Es schaudert mich dabei, ich werde wütend – meine Artikel ungenießbar; das ist wohl der Grund, warum ich so ein lausiger Analytiker bin.
      Marcal Reich-Ranicki hat nun im Bundestag gesprochen, einer der letzten Überlebenden des Warschauer Ghettos. Sie sterben aus, diese letzten Lebenden, die uns wahrhaftig erzählen können, was passiert, wenn Moral und Kultur vollkommen abgeschafft werden. Haben wir nicht genug Führer, die in ihrer Blindheit genau dahin laufen, wovor ein Reich-Ranicki als lebendes Mahnmal noch warnen kann? Wer kommt nach ihm? Das große Vergessen? Die selige, verlogene Amnesie der gefälschten Geschichtsbücher? Sind Sie sicher, das die Wahrheit in den Büchern stehen wird? Sie sagen es selber: “Wer wollte es ihm verdenken”. Das könnte man als Einverständnis darin sehen, daß Sie selber nicht recht daran glauben. Da hat ein alter Mann vielleicht das letzte Mal die Stimme vor einem großen Publikum erhoben. Es war sehr leise, eine sterbende Stimme. Lasst uns doch bitte zuhören – nur noch dieses eine Mal!
      Was immer Marcel Reich-Ranicki mit dieser Rede bewirken wollte, so ist es für mich ein persönlicher Appell gegen das Vergessen gewesen, ein Appell, den Kampf nicht aufzugeben, wenn die Nazihorden mit behördlicher Genehmigung schon wieder durch die Straßen ziehen und sich die Herrschenden weigern, dagegen auf die Straße zu gehen. Nicht einmal dazu reicht es. Ein Bild der Schande und der Heuchelei.
      Das ist der Grund, warum ich so und nicht anders darüber geschrieben habe.
      Hochachtungsvoll
      das Pantoufle

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  2. FF sagt:

    Ja. Das berühren Sie eine Menge Punkte, die ausführlich reflektiert und diskutiert werden müßten. Der Kern ist Ihre Frage – nämlich, wie es zu diesem Höllensturz kommen konnte.

    Dieser monströse Zivilisationsbruch! Während gleichzeitig nebenan die “Zivilisation” ungerührt weiterlief. Menschen lebten ihre Leben, verliebten sich, gebaren Kinder, sparten für Weihnachten, gingen einkaufen, lagen in der Sonne, fuhren Auto, saßen im Biergarten, trieben Sport, plauschten mit ihrem Bäcker, lasen Zeitung, tanzten, machten Musik, sammelten Briefmarken, gingen abends ins Kino, Theater, in die Oper.

    Und nur paar Meter weiter wurden Millionen Menschen – die vorher selbstverständlich zu dieser Gesellschaft gehört hatten – aus ihren Wohnungen gerissen, in Züge gepfercht, in Lager gekarrt und vergast. Einfach so. Sechs Millionen, vielleicht mehr, vielleicht weniger. Keiner weiß es genau. Kinder, Frauen, Männer, Junge, Alte. Arbeiter, Lehrer, Anwälte, Ärzte, Musiker, Professoren…

    Und keiner nahm Anstoß daran. Das Leben ging einfach weiter.

    Ich kann’s nicht erklären. Niemand kann das.

    PS.: Ich habe meine Zweifel, ob es gerechtfertigt ist, die “braunen” Spinner, die sich da in ihrer Dummheit der Symbolik des “Dritten Reichs” bedienen, überhaupt “Nazis” oder “Neonazis” zu nennen.

    Natürlich sind sie’s, gleichzeitig aber auch wieder nicht. In erster Linie sind sie fehlgeleitete Dummköpfe, die den Provokationswert dieser Symbolik und dieser Parolen ausnutzen, um Randale zu machen und “ernst genommen” zu werden.

    Diesen Gefallen tut man ihnen schon mal, wenn man sie “Nazis” nennt. Gleichzeitig jedoch verharmlost man damit die “richtigen”, die historischen Nazis.

    Hitler, Heydrich, Himmler, Goebbels, Bormann, Eichmann und Konsorten – die waren das Böse in Menschengestalt. Was da heute in Springerstiefeln über die Straßen stolpert, ist nicht in erster Linie böse, sondern nur entsetzlich dumm.

    Das ist ein großer Unterschied.

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  3. pantoufle sagt:

    Es muß eine Erklärung geben – wir dürfen niemals aufhören, nach ihr zu suchen.

    Ihre Zweifel teile ich voll und ganz. Als Ablenkungsmanöver sind die glatzköpfigen Kohorten unbezahlbar – nun ja: Wie der Verfassungsschutz und andere beweisen, durchaus mit vergleichsweise bescheidenen Beträgen am Laufen zu halten. Wenn es nur nicht so zum Speien wäre…

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