Das gelbe Hotel

Sperrmüll an der Straße ist ja was zu schönes. Rustikal Eiche neben Kleiderständer und Babywagen. Ein Blick in die Wohnung der anderen – so hat es da also einmal ausgesehen. Edelster gelsenkirchener Barock. Es fehlt nur noch der Ford Granada oder ersatzweise ein Capri. Hinter dem Müll wohnt ein trauriges Haus mit einem Zaun davor, damit niemand durch die Fenster sehen kann. Wie es wohl jetzt in der Wohnstube aussieht, jetzt, wo dieses Wahrzeichen Gelsenkirchens geschreddert werden soll? Gladbeck. Nicht Gelsenkirchen. Alle 800 Meter eine Autobahnabfahrt und jedes Mal ein anderer Städtename. Nimmt man die Landstraße, sind es 600 Meter.

„An der Rezeption können Sie Eintrittskarten für viele Attraktionen erwerben! Zum Beispiel für das Grusellabyrinth Bottrop!“ Pantoufle war vollkommen entgangen, daß das Betreten der Fußgängerzone dort kostenpflichtig ist.
Das ist ein freundliches Hotel, auch wenn die an der Rezeption angepriesenen Sensationen etwas skurriles haben. Aber was soll man machen? Im Ruhrgebiet. Die Anfahrt ist reisefreundlich; von der Autobahn herunter und gleich 150 Meter danach einen Waldweg herein. Für den Weg zurück auf die A2 braucht man kein GPS. Dafür reicht das Gehör.

Und am 9. Tag schuf Gott aus purer Bösartigkeit Hähnchen, deren monströsen Knochen von einer pergamentpapierdünnen Schicht Fleischimitat überzogen waren.
„Und die schicke ich ins Crew-Catering. Jeden Tag!“ dachte er hämisch grinsend. Es wurde einer der wenigen vollkommenen Dinge seiner Schöpfung.
Das Festival, auf dem Pantoufle arbeiten muß, ist von dieser Vollkommenheit weit entfernt. Aber das hat ja auch kein Gott, sondern eine irdische Produktionsfirma geschaffen. Wenn diese Erschaffung vorüber ist, beschäftigt diese Firma sich wieder mit der Herstellung von Pralinen. Oder der Aalzucht – man weiß es nicht. Jedenfalls irgend etwas ohne tonnenweise Licht, Lautsprecher und Stromgeneratoren.
Außerdem findet die Erschaffung nicht durch die Produktionsfirma, sondern durch die Techniker statt, die sich jetzt mit diesen Mutationen des Tierreiches abmühen. „Reichst Du mir mal das Salz, den Pfeffer, Paprika und diese Chilli-Sauce rüber?“ Irgendwie muß man doch Geschmack in den Pfusch bekommen! Den Nudelsalat kenne ich bereits. Gestern hieß er Spaghetti Carbonara.

Die Soundpolizei klärt auf! Über die Gefahren erhöhter Schall-Emissionen. Bei Frau Trine, die mir ihren Lebenszweck erläutert, hat es nicht zum BWL-Studium gereicht. Dafür aber für die Volkshochschule zum Thema „Schall und seine verheerende Wirkung auf die Menschheit“.
„Kinder und Jugendliche sind ja manchmal vollkommen überrascht davon, daß es bei Veranstaltungen zu so hohen Emissionen kommt, wie Sie sie erzeugen! Es kommt zu Tinnitus und in gelegentlichen Fällen zum Versagen des Gehörs. Schwindel und Gleichgewichtsstörungen sind die Folge! Bedenken Sie doch: Gibt es etwas wichtigeres als unsere Gesundheit?“ Vor uns hinter der Absperrung lümmeln sich ein paar von Kopf bis Fuß tätowierte und warten auf Limp Bizkit. Pantoufle kontert: Ja, es gäbe wichtigeres! Freiheit zum Beispiel. Auch die, etwas Unvernünftiges zu tun. Es, das Pantoufle, hätte jedenfalls nicht vor, als gesunder Sklave zu sterben. Und er würde das auch niemand anderem empfehlen.
Frau Trine dreht sich empört zu ihrem lachenden Schall-Emissions-Polizei-Chef um. H. aus H. kennt Pantoufle bereits und ist gar nicht so übel. Man kann mit ihm reden und er redet mit einem. Nicht wie mit einem vertrottelten Bio-Tomatenbauern, sondern als Techniker. Im Vorfeld der Veranstaltung fiel die Zahl von 86dBa LAeq10: Das entspricht in etwa der Lautstärke einer schwungvoll zugeworfenen Autotür. Daß man damit kein Festival machen kann, ist allen klar.
Nur Frau Trine hat das noch nicht begriffen. Sie würde ihr Kind jedenfalls nicht solchen Untermenschen wie mir zum Fraß vorwerfen. Pantoufle würde mit Frau Trine auch einiges nicht… und wenn sie die letzte Frau auf Erden wäre – aber das ist eine andere Geschichte.

Es war zur Blütezeit des gelsenkirchener Barocks, in der dieses Hotel entstand. Zeiten also, als Optimismus noch nicht von oben verordnet wurde, Niki Lauda noch beide Ohren hatte und Herrenoberhemden zwingend aus stinkendem Mischgewebe mit hohen Kragen bestehen mußten.

Jetzt haftet am Hotel etwas gelbes. Wie an den wenigen überlebenden Hemden dieser Zeit auf dem Trödelmarkt. Da wären zuerst einmal die Gardinen. Gelblich. Und die Wände. Hier sind sie sind auch dann gelblich, wenn sie rot sind. So rot in Kodak-Color wie das Gesicht des Hotel-Gründers in der Lobby. Schwarz-weiß Photographie hat etwas Vorteilhaftes für den Abgebildeten. Man hält Bluthochdruck und sichtbaren übermäßigen Alkoholkonsum eher für Charakter.

Nach einem ausgedehnten Absinth-Frühstück hatte sich der Hotelgründer mit seinem Architekten (einem polizeilich gesuchten Heiratsschwindler und Hochstapler) zum Cognac zusammengesetzt und architektet. „Und hier noch eine eine schöne Halle mit Flachdach und einer Glaskuppel zum wegschieben, damit Sonne und Luft und so… Hier will ich noch einen Erker und drumrum einen durchgehenden Balkon, damit sich meine Gäste gegenseitig besuchen können.“ Der Hochstapler schwieg ergriffen und notierte fleißig. „Sie werden in Massen kommen und die Aussicht auf die schöne Autobahn genießen wollen.“ Der Heiratsschwindler wimmelte Ehefrau Nummer zwei ab und schickte sie zusammen mit dem Pudel einkaufen. Frau Pudel war ein klein wenig schwanger und wußte davon noch so wenig wie darüber, daß es bei ihre zukünftige Tochter nicht einmal zum BWL-Studium reichen sollte.
Hier winkte das Geld. Großes Geld, wenn man nur fleißig Cognac nachschenkte. „Massen!“, wimmerte der Hotelgründer, während er sich an die Tischplatte klammerte. „Deswegen bauen wir auch noch da links ein drittes Stockwerk drauf. Dann können die Gäste über die A2 bis zur A42 sehen! Staunen werden sie, so wie über die Säulen im Foyer mit Kuhfell-Imitat. Haben wir eigentlich schon einen Swimming-Pool?“

Der Hochstapler wühlte sich durch den Berg Notizen, die vor ihm lagen. Der Teil des Hauses mit dem Flachdach lag 2 Meter tiefer als alles andere und würde früher oder später zwangsläufig dazu werden. Aber einen dedizierten Pool gab es noch nicht. „Pool! Teuer! Keinesfalls vergessen!“, notierte er.
„Kommen wir jetzt zur Bar!“ Hier unterbrach ihn der Heiratsschwindler. „Hotelgründer: Wir brauchen eventuell noch Parkplätze für die Massen – nur für den Fall, daß sie mit dem Automobil kommen.“ Der Angesprochene nahm einen Stift und malte ein Fußballfeld zwischen das Grand-Grandhotel und die Autobahn. „Und jetzt die Bar!“

Nun sind es 99dBa LAeq10 geworden. Streng genommen 100 derer, aber die Warnung 99 hat psychologische Gründe. Ein aberwitzig teures Schallgutachten schreibt eine Abstrahlrichtung von ca. 20 Grad zur Bühnenvorderkante vor. Das sieht nicht nur scheiße aus – das klingt auch so. Warum man dann nicht die Bühne gleich 20 Grad dreht… nun ja: Das kommt weder bei Aalzucht noch bei Pralinen vor. Der Feind in Form von Anwohnern sitzt im Industriegebiet 800 Meter entfernt bei offenen Fenstern und wartet darauf, einen Hauch Festival zu hören. In einer Hand das Strafgesetzbuch, Abteilung Erschießung, in der anderen das Telephon. 110. Anwohner im Industriegebiet? Der Hausmeister mit seiner Brut, dem Terrier und den Brieftauben unterm Dach. Kein kein Geräusch außer den fickenden Brieftauben nach 18:00 Uhr!

Tag Zwei. Die Tonpolizei fragt, ob das Pantoufle die Lautsprecher nicht vielleicht doch wieder grade… der Wind hätte gedreht. Pantoufle auch – nämlich am Rad, aber nicht an dem tonnenschweren PA. Das geht nämlich nicht. Das wäre so ähnlich wie „Würdest Du die Mauer in der Einfahrt mal eben zwei Meter nach rechts schieben?“
Die Menge, die da zu den erlaubten 100dba tobt, ist überschaubar. Pantoufle nimmt den Bodensatz an Zuschauern zufrieden zur Kenntnis. Der Nachfolger für „Rock am Ring“ ist ein Wasserschlag erster Güte. Rock am Ring: Das war Rock ´n Roll. Das hier ist ein besserer Kindergeburtstag. „…und das nächste Mal nehmen wir eine Turnhalle!“

Mit dieser Veranstaltung, dem Rockavaria in München und Rock in Vienna plante die börsennotierte Deutsche Entertainment AG (Deag) einen „massiven Eintritt in den Festivalmarkt“ und damit einen „Wachstumsschub“, so hieß es in einer Erklärung vom vergangenen November. „Einen profitablen Zusatzumsatz von 30 Millionen Euro im Jahr 2015“ versprach sich der Konzern aus Berlin.

Süddeutsche Online/ „Familienfreundliche Festival-Idylle

Jeder der Techniker hat seine Lieblingsveranstalter, seine favorisierten Hallen, seine Wurzeln. Das ist so und die von Pantoufle haben mit dem Namen Marek Lieberberg zu tun. Dem hat man übel mitgespielt und nun fällt der Regen.
Und so ist es dann auch; ein kurzer Moment der Zufriedenheit. Beim Abbau schüttet es wie aus Eimern. Der Headliner des letzten Tages muß 3dB leiser spielen als der Opener. Wer soll das noch erklären? Die Soundpolizei ist da ganz zuversichtlich: „Da kommt die Produktionsfirma und regelt das!“ Auch das ist natürlich eine Lüge. Frau Trine gibt ihr Bestes: „Du please make es nicht so loud!“ Der Tonmann sagt einfach nur „no!“ Mit ihm hat offenbar niemand vorher gesprochen und im Rider der Band Hard-Rock-Band stand nichts von familienfreundlicher Festival-Idylle. Als zweite Garnitur kommt ein Pimpf, dessen Funktion unklar ist. Auch er macht Gebrauch von seinem Schulenglisch, worauf der Mischer nur lacht. Zehn Minuten später – ungefähr so lange, wie der Pimpf von FOH zur Bühne braucht, klingelt das Intercom. „Pantoufle, hier ist Pimpf: Sag Du es ihm – auf uns hört er nicht!“

Über das kurze Gespräch zwischen Pantoufle und seinem Kollegen und die Umarmung danach wird kein Detail gesprochen werden – nicht hier und nirgendwo anders. Es blieb im „erlaubten“ Rahmen und H. aus H. rechnete das Ergebnis legal passend. Von dieser Stelle aus meinen Dank dafür.
Das Licht von der Bühne hat einen leicht gelblichen Schimmer. Wie die Gardinen, nur eben in dem strömenden Regen, in dem Pantoufle zum zweiten Male auf dieser Veranstaltung sein Funkgerät verlor, das aber wiedergefunden wurde.

Die Holzverschalung unter den Überdachungen des Balkons löst sich langsam durch die Feuchtigkeit des Flachdaches. Eine letzte Zigarette auf dem unendlichen Balkon und eine Flasche Beck´s. Die Glaskuppel über dem großen Saal ist seit Jahren mit einer Plane abgedeckt. Des Regens wegen. Also nicht wegen dem Regen, sondern der Glaskuppel ihrer Durchlässigkeit desselben. Auch der Türgriff zur Tür ist gelblich; so wie die Hand des Barkellners im Overload, als mehr wie die erwarteten 12 Gäste nachts an der Bar sitzen.
Seine Hand zittert, als er mir den Automaten für die Bezahlung mit Plastikgeld herüberreicht. Trotzdem lächelt er, wenn auch wie unter einer Qual, vielleicht dem Alter geschuldet. Wenigstens aber den Massen, die heute Abend die Bar bevölkerten. Der amerikanische Club der fettleibigen „Ich habe meinen Schwanz seit Jahren nicht mehr gesehen – nicht mal im Spiegel!“ mit den kreischenden Ehefrauen hält ihn in dieser Nacht am Laufen.

Aber trotzdem macht er einen zufriedenen und freundlichen Eindruck. Die Jahre im Gefängnis wegen Hochstaplerei und Heiratsschwindel sind auch vorbeigegangen. Sein verstorbener Hotelgründer hat im Testament hinterlegt, daß er in der Bar eine lebenslange Stellung innehaben sollte – es hätte schlimmer kommen können!

Manchmal besucht ihn seine Tochter Trine. Aus ihr ist immerhin etwas geworden. Und mit ihre gelblichen Gesichtsfarbe hat sie etwas vertrautes für ihn.

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0 Kommentare zu Das gelbe Hotel

  1. derda sagt:

    Schöne Geschichte. Ich denke daß Open Air Veranstaltungen zukünftig nur noch irgendwo im Off auf der Wiese laufen werden. Nicht im Wald, da stehen Tierschützer vor.

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  2. waswegmuss sagt:

    Erinnert ich etwas an ein Open-Air des Sportvereins SV 1919 Schöllkrippen. Da hatten sie die komplette B-Mannschaft der volkstümlichen Volksmusik eingekauft um ihren Rasenplatz zu finanzieren. Keine Sitzplätze. 20 zahlende Gäste.

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  3. Fluchtwagenfahrer sagt:

    Moin Schluffen,
    super tolle Geschichte incl. klasse Clip.
    Endlich mal wieder was zu lachen.
    Grüße aus Hetwig-Holzbein

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