Das Gegenteil von…

»Das war ein Nervenspiel, ich habe so gezittert und gebebt und mich gefragt: Wo ist die Mannschaft, die Brasilien mit 7:1 niedergemacht hat?«
J. Gauck, zur Zeit Bundespräsident

Manchmal blitzt ein Sternchen Wahrheit durch den Nebel der Euphemismen. Mit dem Bajonett niedergemacht oder der Kugel? Natürlich meinte der ehemalige Pastor nicht »niedermachen« im Sinne von abschlachten. Ein Versprecher, im Moment der Spannung, der stolzen Freude – der Bundespräsident eines Rechtsstaates schlachtet natürlich nicht ab. Aber was ist das schon… Worte!

Und überhaupt: Ist das Gegenteil von Rechtsstaat ein Unrechtsstaat? Der wissenschaftliche Dienst des Bundestages Fachbereich Geschichte, Zeitgeschichte und Politik verneint:

»Eine wissenschaftlich haltbare Definition des Begriffs „Unrechtsstaat“ gibt es weder in der Rechtswissenschaft noch in den Sozial- oder Geisteswissenschaften.«

Damit sollte das Thema eigentlich vom Tisch sein. Ist es aber nicht, denn es geht ja nicht darum, ob die DDR ein Unrechtsstaat war (was sie nicht sein konnte, weil dieser Begriff als Definition gar nicht existiert), sondern um eine Ergebenheitsadresse gegenüber den durchaus fragwürdigen Errungenschaften der Bundesrepublik. Dabei wird davon ausgegangen, daß es sich bei der BRD um einen sogenannten Rechtsstaat handelt. Hierzu bemerkt der wissenschaftliche Dienst in der selben Stellungnahme:

»Eine allgemeingültige Definition des Begriffs des Rechtsstaates ist trotz der umfangreichen wissenschaftlichen Diskussion über diesen Begriff bis heute noch nicht verfügbar. Der Rechtsstaat ist nämlich ein vielseitiges, ganz unterschiedliche verfassungsrechtliche Aspekte zusammenfassendes Rechtsprinzip, in dem zahlreiche heterogene Unterprinzipien zusammengefasst werden. […] Angesichts der Schwierigkeiten, den Begriff des Rechtsstaats allgemeingültig zu definieren, verwundet es nicht, daß es auch keine haltbaren Definitionen des Begriffs „Unrechtsstaat“ gibt.«

Mit einer fast gleichlautenden Argumentation dürfte sich die DDR (wenn es sie noch gäbe) mit Fug und Recht einen »sozialistischer Staat der Arbeiter und Bauern« nennen. Die Suche nach einem Weg, die Partei »DIE LINKE« in einen Trauergottesdienst zur Aufarbeitung des Stalinismus umzuwandeln, läßt sich natürlich nicht von solchen Marginalien beeindrucken:

»Viele ehemalige SED-Genossen sehen in dieser Kategorisierung der DDR aber eine Abwertung ihrer eigenen Lebensgeschichte. Das dürfte auch bei Gregor Gysi so sein. Als Vorsitzender der DDR-Anwaltskammer war er Teil des DDR-Justizsystems.
Der Begriff „Unrechtsstaat“ geht eben an die Substanz. Er unterstreicht, daß die Willkür im realen Sozialismus nicht im Vergehen von Einzeltätern begründet lag.«
die WELT

Hoppla! An dieser Stelle feiert die historisch unhaltbare (aber nicht nur vom Bundespräsidenten mit Nachdruck betriebene) Gleichstellung von Nationalsozialistischem- und DDR-Unrecht ein unerwartetes Hochamt. Die Willkür lag nicht im Vergehen von Einzeltätern? Dieser Konsequenz, der man bei der Aufarbeitung des Dritten Reiches erfolgreich aus dem Wege ging, bekommt nun eine Wiederauflage im Falle der DDR. Oder um bei Joachim Gauck zu bleiben: Dieser Schlußfolgerung würde selbst er nicht folgen; aus naheliegenden Gründen – so gefestigt ist seine Position als »Widerständler« nun auch wieder nicht. Die Kreuzigung der Linken ja, aber nicht das Bad mit dem Kinde. Immerhin hätten 98% der DDR-Bürger niemals für die Staatssicherheit gearbeitet, so die Behörde, die Gaucks Namen trägt. 10 Jahre lang (1990-2000) leitete Gauck diese Aktensammlung, über die der Willy-Brandt-Kreis e.V. 2005 urteilte:

»Die Unterlagenbehörde habe bewiesen, daß sie für die Aufarbeitung der DDR-Geschichte ungeeignet sei. Sie sei nicht als neutrale wissenschaftliche Einrichtung angelegt, sondern habe die politische Bestimmung, die DDR zu delegitimieren. […] Wenn heute in Westdeutschland und im Ausland das Bild der DDR als das eines reinen Unrechtsstaates vorherrscht, in dem alle Bürger entweder bei der Stasi gearbeitet oder von ihr beobachtet wurden, so hat die Behörde ihren Auftrag erfüllt.«

Unterzeichner dieser Erklärung waren unter anderem von Egon Bahr, Peter Bender, Peter Brandt, Christine Hohmann-Dennhardt, Günter Grass, Oskar Negt und Friedrich Schorlemmer.

Man würde die Person und den Einfluß Gaucks unrealistisch überschätzen, ließe man ihm den Ruhm, den unnützen, inhaltslosen Kampf um Begriff und Deutungshoheit allein initiiert und gewonnen zu haben. Die Unrechts-Pornographie eines Gaucks bewegt sich auf der selben moralischen Stufe wie Youtube-Video einer öffentlichen Hinrichtung – sie wird kaum Eingang in die Geschichtsbüchern finden. Und zum Wohle aller wird er auch nicht ewig sein jetziges Amt bekleiden. Ein alter, verbitterter Mann, der seine persönliche Geschichte für die der Welt hält. Ein Turnvater Jahn, dessen Mitstreiter sich nach einiger Zeit peinlich berührt abwandten. Eine Klamotte.

War die DDR ein »Unrechtsstaat«? Ist die BRD einer? Oder Griechenland? Die Frage ist nicht durch Bundespräsidenten zu beantworten, sondern von denjenigen, deren Lebensentwürfe dabei auf der Strecke blieben. Die Verfassung und Gründungsdokumente der DDR zeigen die Idee einer gerechten Gesellschaft in der Tradition der Arbeiterbewegung – ein Anspruch, dem man nicht gerecht wurde. Das diskreditiert nicht die Idee, sondern lediglich seine Ausführung; vielleicht auch die Zwänge der Nachkriegszeit. Immerhin war diese Idee so erfolgreich, daß sie einen Antikommunismus ohne Verfallsdatum erschuf – auch eine Leistung!
Der Kampf – oder besser das Gezänk – um den Begriff »Unrechtsstaat« oder »Opfer des Stalinismus« besticht vor allem durch seine unerträgliche Kleinkariertheit. Er hat keine Größe: Kein Reinhard Heydrich, keinen Pol Pot, keine killing fields. Er dient allein in unerträglicher Schlichtheit zur Ausschaltung einiger weniger Personen, eine Denunziationkampagne von erschreckender Geistlosigkeit. Und vielleicht auch ein klein wenig dafür, einen fassbaren Begriff von Rechtsstaat zu erlangen. Das Gegenteil von…

Die neokolonialen Kriege der Gegenwart sind ein Beleg dafür, für wie wenig attraktiv man anderswo das Gebrauchsmuster »Rechtsstaat« hält.

Nachtrag: Weiteres zum Thema Rechsstaat drüben bey Flatter. Muß ich ja wohl nicht verlinken oder?

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0 Kommentare zu Das Gegenteil von…

  1. Joachim sagt:

    Nebel der Euphemismen? Wäre Gaucks Aussage nicht besser als perfekter Kakophemismus zu bezeichnen? Wen soll so eine Aussage denn erheben? Maximal erhebt es den Aussagensteller selbst.

    Und das ist nun nicht sprachliche Kritik am Artikel – im Gegenteil!. Das ist das, was Gauck ausmacht, in unzähligen Beispielen. Was nicht in seine Blümchenwelt passt, das wird in naivem schwarz/weiß-Denken nieder gemacht. Gaucks Welt wirkt auf mich, wie ein Spielzeug. Starwars im Kinderzimmer. Alles wird in gut und böse streng geteilt. Glaube ist gut, Unglaube ist böse. Dieses “Gute” muss mit Deutschlands Rolle in der Welt verbreitet und durchgesetzt werden.

    Es ist die Sehnsucht der Deutschen nach Regeln, nach Fassbarem, weil von oben auf instruiert und für “Gut” (ein Gut oder einfach nur gut?) erklärt. Der Begriff Rechtsstaat passt wunderbar. Per Definition, durch die Nutzung eines abstrakten Begriffs, erklären wir uns für gut und unterstellen denen, die nicht sind wie wir “Unrecht”. Große Erklärungen werden so nicht mehr benötigt. Die Welt ist einzig schwarz und weiß. Wie wahr, “eine Denunziationkampagne von erschreckender Geistlosigkeit”. Die ist notwendig, den Unsinn glauben zu machen. Für mich sind solche Begriffe wie Rechtsstaat ohne Bedeutung, wenn sie ohne oder in manipulierendem (oder naivem) Kontext genutzt werden.

    Ich meine, unser Rechtsstaat funktioniert wirklich schon gut, gar kein Zweifel. “Uns geht es gut”. Natürlich nur, wenn man nicht alleinerziehende Mutter ist, wenn man Arbeit hat oder besser ein (un-) “anständiges” Erbe, wenn man aus unerklärlichen Gründen das 100-Fache seiner Arbeiter verdient, wenn man die richtige Farbe hat, politisch wie biologisch und keinesfalls den falschen Glauben oder die falsche Herkunft. Man könnte sagen, den Luxus uns Rechtsstaat zu nennen beziehen wir auch aus dem Unrecht, etwa Bodenschätze, Fischgründe und Lebensgrundlagen auszubeuten. Wundert es, dass sie, die uns unser “Recht” ermöglichen, so zu Unrechtsstaaten werden? Das müssen sie, denn sonst fiele die Legitimation schwer. Gut existiert ohne das Böse nicht, es gibt nicht einmal einen Unterschied. Unser Rechtsstaat, im Idealfall Blind und unbestechlich, absolut und unnachgiebig weil oberstes Prinzip, nur ein Sein für sich, schafft den Unrechtsstaat wenigstens unbezweifelbar anderswo. Der Begriff Rechtsstaat wäre ohne Unrechtsstaaten einfach nicht notwendig – und umgekehrt.

    Warum ist Gauck so wie er ist? Nun, weil er genau nach diesen Kriterien ausgesucht wurde. Ich finde, nicht er trägt die Verantwortung, sondern die, die ihn instrumentalisierten. Letztlich sind wir das. Letztlich machen wir uns zu Untertanen.

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  2. pantoufle sagt:

    Moin Joachim

    Also erst mal: Auf den Gauck wollte ich mich gar nicht einschießen… erst mal. Er bot sich an, als Prototyp der Gewöhnlichkeit.
    Auch als Blaupause des Typus, der sich in diesem Rechtssystem – und um ein solches handelt es sich in erster Linie – sicher und geborgen fühlt. Das archetypische daran liegt für mich in der Historie Deutschlands, in der dieses Gefühl eben auch dafür steht, daß man jetzt wieder auf dem Boden des Rechts steht, es jetzt wieder ohne Reue genießen kann. Das dritte Reich ist ja erst einmal das kollektiv schlechte Gewissen. Nicht das nach 45 – das davor! Görings »Wenn wir jetzt den Krieg verlieren, reißen sie uns den Arsch auf«: Das beschreibt ja die Gefühlslage einer ganzen Nation. Da gab der Dicke zum Besten, was ein jeder mehr oder weniger insgeheim dachte. Der Kater der Niederlage ist ja nicht die Aufdeckung all der Verbrechen, sondern das Gefühl des Erwischtwerdens. Natürlich hat man die Zeit zwischen 33 und 45 genossen, wenn auch wohlwissend »auf Pump«.

    Die Sehnsucht, zu den Gewinnern zu zählen, ohne das Trauma der Kollektivschuld eingehen zu müssen… das hält dieses Land seit Jahrzehnten auf Trab. Wenn schon einer von den Guten, dann der Beste.
    Nun ist nach den fast 70 Jahren »das Reich saturiert«, um die Beschreibung Bismarcks zu benutzen. Mit H.Kohl ist es das spätestens seit der Wiedervereinigung der Fall. Das Biest ist besiegt, es liegt am Boden. Das Gespenst des Kommunismus zerstoben, die letzte Gefahr, vielleicht doch nicht zu den wirklich Guten zu gehören, gebannt. Nun erst – und das ist der Punkt, an dem ich nicht zur Gänze mit Dir übereinstimme – lassen sich wieder die Begrifflichkeiten in malerisches schwarz-weiß einteilen, steht die Analyse auf dem Abstellgleis. Der Unrechtsstaat steht den blühenden Landschaften gegenüber, in einer Dramatik, wie es 1990 z.B. noch nicht möglich gewesen wäre. Man stelle sich nur einmal vor, kurz nach der Wiedervereinigung hätte jemand dem Begriff »Kollektivschuld« in diesem Zusammenhang das Wort geredet.

    Ja, die »Sehnsucht der Deutschen nach Regeln, nach Fassbarem…« ist sicherlich richtig gesehen, aber ich stelle eine fatale Tendenz fest, daß sie sich innerhalb von sehr kurzer Zeit auf eine reine Propagandaebene zurückentwickelt hat. Das hin- und wieder beklagte Fernbleiben der Intelligenz aus diesen Diskussionen ist ein Merkmal (wer immer diese Intelligenz mittlerweile auch sein mag – die Menge der Diskutanten sind es nicht). Folgt man dem Wirbel in den Medien zur Zeit, könnte man den Eindruck eines »Historikerstreites ohne Historiker« bekommen.
    Das »…weil von oben auf instruiert und für “Gut” (ein Gut oder einfach nur gut?) erklärt.« ist es eben nicht mehr! Das wäre ja noch nachzuvollziehen, erklärbar. Aber mittlerweile darf ja ein Jedermann zu jedem Thema mittun: Von »Neger raus aus Taka-Tukaland« bis selbstverordneter Fahrradhelm; der vorauseilende Gehorsam in der Maske der Vernunft überschreitet jedes Maß. Solange das nur die selbst auferlegte Geißelung mit der angeblichen political correctness ist, mag das noch eine humoristische Note haben; geht es aber um historische Einordnungen, die durchaus spürbaren Einfluss auf langfristige Politik haben, wird es gefährlich. Was bei Gender-Unsinn und Nanny-Wahnsinn gerade noch durchgeht, ist aus dem Munde eines Bundespräsidenten oder der Kriegsministerin eine Katastrophe.

    Der Wahnsinn eines Gaucks ist hauptsächlich wegen des Mangels an kompetenten Gegenstimmen unzumutbar. Genau hier ist der Bundespräsident nur einer von vielen, das ist seine Gewöhnlichkeit.

    P.S. Wachstum! Auch so ein schönes Wort. Die Tagesschau vermeldet gerade, daß Griechenland wieder rosigen Zeiten entgegenkriecht. »Der private Konsum soll Aufschwung tragen. […] Das wird die Beschäftigung ankurbeln, die Arbeitslosigkeit drücken und den Lebensstandard für alle Einwohner erhöhen«. Der psychedelische Effekt dieser Satzkonstruktion ergibt sich, wenn man sich auf ein paar Kernworte konzentriert:

    private Konsum
    Aufschwung
    Beschäftigung
    ankurbeln
    Arbeitslosigkeit
    Lebensstandard
    drücken
    erhöhen

    private Konsum
    erhöhen
    Aufschwung
    Beschäftigung
    Arbeitslosigkeit
    ankurbeln
    Lebensstandard
    drücken

    u.s.w. und dann wieder von vorne

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    • Joachim sagt:

      pantoufle, nun habe ich ein Problem. Du willst mir unbedingt widersprechen. Nein, nicht das ist das Problem, “Gott sei Dank” widersprichst Du mir.

      Nur, Du drückst hier ganz genau das aus, was ich meine und tatsächlich noch ein wenig mehr. Dazu noch wesentlich besser und weit begründeter, als ich es kann. Etwa, wenn Du sagst, was ich für mich übersetzen würde mit Gauck sei nicht das Primärproblem sondern ein Ausdruck davon.

      Es ist eine Schande, dass Du Dich hier ein wenig versteckst und, um es noch schlimmer zu machen, ich verstehe selbst das, kann Dir zu nichts anderem raten – außer vielleicht zu Gastkommentaren irgendwo, wenn mal gerade keine Selbstzerstörung stattfindet.

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      • pantoufle sagt:

        Ach Joachim: Ich widerspreche doch gar nicht… ich reagiere ja nur. Dafür existieren die Apokryphen für mich, deshalb – und weil ich meine Kamikaze-Reflexe nur schwer unter Kontrolle bekomme – in meiner Hundehütte.
        Hättest Du Deinen Kommentar nicht geschrieben, hätte ich nicht versucht, meine Gedanken über das Thema in Worte zu fassen – so einfach ist das und dafür bin ich sehr dankbar. Eine Kneipe oder einen Bekanntenkreis, in dem ich das machen könnte, habe ich nicht. Also hier, aber bitte in Ruhe und der Gewißheit, daß ein bestimmtes Maß an Privatheit gegeben ist.
        Eine Schande? Das sind die Kommentare, die man gelegentlich beim Kiezneurotiker lesen muß oder woanders. Das ist schändlich. Schändlich (und kriminell) sind die Stalker wie Herr Karl, sind die mit Scheuklappen versehenen Opas wie Klaus Jarchow, die sich vor jeden noch so fadenscheinigen Kriegskarren spannen lassen. Schändlich ist, was ein paar Größenwahnsinnige bei Carta mit Vera und Wolfgang getrieben haben und schändlich ist die Existenz von Blogs wie »Achse der Guten«. Das ist schändlich. Mein Ekel dagegen ist eine läßliche Sünde wenn Du mich fragst.
        Aber das nur nebenbei.

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  3. pantoufle sagt:

    Aber mal eben was ganz anderes – oder vielleicht auch gar nicht so anders. Da gibt es einen Artikel in der FR über ein Buch, das ich wohl unbedingt mal lesen möchte. Der ziemlich gut geschriebene Artikel weckt jedenfalls Interesse. Vielleicht was für Dich?

    http://www.fr-online.de/rhein-main/deutsche-geschichte-der-jude-mit-dem-hakenkreuz,1472796,28650720.html

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    • Joachim sagt:

      was für eine Geschichte. Schon nur der Artikel darüber wirft mich zurück in die Welt meiner Kindheit und den grauen Staub der Bundesrepublik im Teen+ Alter. Zu Anfang des Artikels hatte ich mich gefragt, wie Fritz Beckhardt nur am Neuanfang der Bundesrepublik zerbrechen konnte. Wir hatten das Grundgesetz, das Wirtschaftswunder, Demokratie und Freiheit. Die USA war der Retter und das Vorbild mit den unendlichen Möglichkeiten. Und wir hatten sogar ein wenig TV. Wir hatten das, woran Merkel, Gauck und die restliche Politik immer noch glauben, dass es Werte seien.

      Meine Kindheit schmeckte dagegen schon mal seltsam. Nazis waren für mich als Grundschüler nicht so sehr die Massenmörder, ich hatte durchaus von den Schornsteinen gehört, denn das war nicht fassbar für mich. Sie waren mehr ein abscheuliches Lebensgefühl aus Diskriminierung, Ungerechtigkeit, Willkür, Egoismus und Machtstreben. Mein Großvater weigerte sich, mir etwas zu erklären und so begann ich das kleine Nazitum der Menschen, der Lehrer, Trainer, Vorgesetzten, Vermieter, Beamten, Straßenbahnfahrern – alles Erinnerungen, die mein kindliches Denken so einordnete – zu “erforschen”, ohne überhaupt zu ahnen, worum es sich an den geschichtlichen Fakten gemessen handelt. Die oftmals nicht gerade “netten” Konsequenzen säten eine erheblichen Portion Zweifel in mir, was normal ist. Sie verstärkten meine Suche nur, besonders wo lange nicht jeder so war. 9 Jahre war ich alt und die Menschen landeten auf dem Mond oder in Woodstock. Meine älteste TV-Erinnerung war, direkt nach Kasperle, mit meinen drei Jahren die Ermordung Kennedys.

      Sorry für den Ausflug. Doch wie hinterlässt man das Gefühl eines Kindes, wo ein Kind noch viel zu klein ist? Nun, ich bin immer noch zu klein, die Nazi-Zeit und die Auswirkungen bis heute wirklich zu begreifen.

      Wie auch immer, an dieses Gefühl von damals erinnert mich diese Geschichte. Sicher, das Buch wird ganz anders sein. Ich denke, ich muss das lesen, was mein Großvater mir verschwieg und was für mich immer noch unvorstellbar ist.

      Danke für den Tipp.

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  4. Stony sagt:

    Darf ich auch eine kleine Empfehlung ans Herz legen? Ich tue es einfach mal:

    Sergio Larrain*

    »Not to photograph news, or inform. But just to photograph reality as it is.«

    Ich habe hier den retrospektiven Band über sein Leben neuerdings im Regal. Großartig gelesen habe ich darin noch nicht, bin noch im Stadium die Seiten zu ‘streicheln’, ganz verzaubert von der Magie seiner Bilder. Gelinde gesagt.

    (*hinter dem Namen verbirgt sich eine Bilderstrecke)

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  5. waswegmuss sagt:

    Ohne jetzt den durchaus bildenden Diskurs stören zu wollen. Eine Frage zur aktuellen Lage:
    Könnte es sein, dass einige Grüne in Thüringen ganz gerne mit der CDU koalieren möchten?

    Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass Herr Gauck, wie Herr Lübke und auch mein Vater an Demenz erkrankt sind. Bei worterprobten Menschen dauert es recht lange bis es öffentlich bemerkt wird.

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    • pantoufle sagt:

      Stört gar nicht, gar nicht…

      »Könnte es sein, dass einige Grüne in Thüringen ganz gerne mit der CDU koalieren möchten?«

      So gesehen: Keine Ahnung! Ich hab mich bisher mit der Nummer in Thüringen überhaupt ganz und gar nicht beschäftigt. Die Unrechtsstaatdebatte hatte ich aus einer ganz anderen Ecke wahrgenommen – von daher… (?????)

      Aber mal so gesehen: Wenn im Landtags-Wahlergebnis ein 38%(CDU) gegen ein 28,5%(LINKE) und ein 12,4%(SPD) steht, liegt die Versuchung nahe. Die SPD rangelt sich nach katastrophalen Verlusten mit dem AFD um Platz drei – der Rest außer diesen Vieren spielt keine Geige mehr.

      Nach der Logik rechtsstaatlicher Wahlen tendieren die Parteien vorzugsweise zu Konstellationen, die der Wähler ums Verrecken nicht wollte. Was also liegt näher als Ganzrot-Schwarz? Nach besagter Logik käme auch der AFD unter dem Druck der Macht des Faktischen in den Genuß der Koalitionsfähigkeit – Koalitionsaussage hin- oder her.
      Entweder verfängt die dümmliche Unrechtsstaatdebatte und diskreditiert die LINKE als Koalitionspartner nachhaltig (was ziemlich unwahrscheinlich ist) oder sie stellt in Thüringen den Königsmacher. Das kann zusammen mit dem Fallobst SPD und Grüne sein oder eben nicht. Dieses »eben nicht« würde zwar vordergründig den Verlust des Ministerpräsidentensessels bedeuten, alternativ aber auch den Beweis der allgemein bezweifelten Regierungsfähigkeit ermöglichen. Und das ausgerechnet mit der CDU.

      Das wäre die eine Lesart, die man einigen Pachulken der LINKEN durchaus zutrauen könnte. Und dann steht da noch die unübersehbare Drohung Sahra Wagenknechts: »Jetzt liegt es an der SPD, ob sie ihren Niedergang an der Seite der CDU fortsetzen will oder ob sie den Mut zu einer sozialeren Politik unter einem linken Ministerpräsidenten aufbringt.« Diesem Halbsatz Wagenknechts, hinter dem ein unausgesprochenes »…sonst…« schwebt.

      Aber all das fragst Du einen überzeugte Nichtwähler, der zwar an freie Wahlen glaubt, die aber durch die grundsätzliche Unwählbarkeit der Parteien konterkariert werden.

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    • Joachim sagt:

      Wie die Koalition in Thüringen mit dem Thema zusammen hängt wurde mir erst hier klar. Thx.

      http://www.heise.de/tp/artikel/42/42967/1.html

      Allerdings ist es nicht richtig, dass Gauck an Demenz erkrankt ist, auch wenn es – und das soll jetzt Satire sein – kennzeichnend für Demenz ist, dass man sich an früher erinnert und nicht im Jetzt lebt.

      Ja, ist nicht lustig, ich weiß. Wollt ihr lieber Comedy? So wie der, um den es hier geht:

      Selbst wenn es so wäre (dass Gauck Dement wäre), seine Reden lässt von Profis schreiben, die auch schon mal gegen Satire vorgehen, falls die dummerweise mal eine “Wahrheit” sagt. Ist ja dann wirklich auch wirklich kein Witz mehr. Medienprofis wissen nun mal, wie es geht.

      http://www.heise.de/tp/news/Realsatiriker-Josef-Joffe-gibt-Zugabe-2412743.html

      Wäre also Gauck krank, so würden wir es nur erfahren, wenn es jemandem nutzt.

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