Das Beneficium des Wulff

Abfallentsorgung, Wachstumspause, Synergie-Effekt, Verschlankung, Ehrensold. Kann sich noch jemand daran erinnern, daß man einmal Müll weggeschmissen hat? Synergie stellt Arbeitsnehmer dem Markt zu Verfügung, damit sich das Humankapital beruflich neu orientieren können.
Die Frage nach dem Sinn solcher Worte stellt sich aber schon lange nicht mehr. Sie – die Worte – haben über den Tatbestand gesiegt. Diejenigen, die sie verbreitet haben, taten das im Bewusstsein, die Tatbestände durch Umbewertung aus der Diskussion herauszuhalten – ihre Etablierung im Sprachgebrauch entzieht sie dem kritischen Zugriff.

Der Entsorgungspark liegt vor der Haustür des Ehrensolds. Mit diesem Salär ist gut wandeln im Park. Wer fragt dann noch nach Sinn und Unsinn dieser Regelung. Es ist eine Frage der Ehre. Und wer will einem alten Kampfgenossen, diesem tapferen Soldaten, schon seinen Sold nehmen, diese Entlohnung der Söldner?

Die Diskussion über den Ehrensold endet in dem Augenblick, wo sie gewährt wurde. Wenn die Ehre , die diesem Begriff innewohnt, nicht mehr zur Disposition steht, wird es sinnlos, darüber zu streiten. Das Gesetz  über die Ruhebezüge des Bundespräsidenten stammt aus den fünziger Jahren. Eine Neuregelung der Auszahlungsmodalitäten – so begrüßenswert sie auch wäre – geht an einem entscheidenden Punkt an der Realität vorbei. Die Bewertung des Begriffs, sein verschrobener emotionaler Gehalt, ist nur dann fassbar, wenn man den Begriff zusammen mit der Person betrachtet. Gewährt man die Auszahlung, geht ein Teil der Bedeutung auf den Empfänger über; entzieht ihn der Kritik.

Was C.Wulff bis an sein Lebensende bezieht, ist eben nicht das „Gesetz über die Ruhebezüge des Bundespräsidenten“, sondern der „Ehrensold“; dieser Begriff, der das Gesetz aus der Schusslinie hält. Die Macht des Faktischen liegt sanft schlummernd unter der Daunendecke des Euphemismus. Wo ist denn die Ehre des Präsidenten? Sie ist wenigstens fragwürdig geworden, sogar in einem Umfang, das seine Immunität als Staatsoberhaupt aufgehoben wurde. Ein einmaliger Vorgang in der Geschichte der Bundesrepublik. Den „Sold“ als Entlohnung für einen Söldner, der seinen Herren gut gedient hat, ließe man ja noch durchgehen (wenn sich die Gerichte auch damit beschäftigen müssen, wer diese Herren eigentlich waren).
„Ich habe die Ehre und den Sold: „Ich wünsche allen Bürgerinnen und Bürgern, denen ich mich vor allem verantwortlich fühle, eine gute Zukunft“.

Wer wird den Sold des bewährten Haudegens in Frage stellen. Sicher nicht diejenigen, deren „Aufwandsentschädigungen“, „Diäten“ und „Ruhegelder“ nur andere Begriffe für eine unselige Praxis sind. Eine groteske Überversorgung im Rentenalter, eine berufsbedingte Vorteilsnahme-Mentalität. Wie Michael Spreng auf seinem Blog feststellt:

Der Fall Wulff ist der Dreh- und Angelpunkt für das gesamte System der staatlichen Altersversorgung von Politikern. Wer einen Stein herausbricht, gefährdet das ganze Haus.

Der frühere Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) wird seinen wohlverdienten Ruhestand vermutlich mit einem monatlichen Salär von ca. 14.000 € verbringen. Der verdiente Lohn für 35 Jahre unermüdlichen Einsatzes für’s Allgemeinwohl. Die Krankenschwester – ebenfalls zuständig für das Wohl der Gemeinschaft – müsste, den Höchstsatz für die gesetzliche Rentenkasse vorausgesetzt, immerhin etwa 230 Jahre für diesen Betrag ansparen. In diesen zwei Jahrhunderten sollte sie allerdings besser nicht auch nur vorübergehend Hartz IV-Empfängerin werden; die Rente würde sich dramatisch reduzieren. Wer also seit 1782 regelmäßiger Zahler ist, sollte bereits in früher Jugend zusätzlich private Vorsorge für das Alter betreiben: In diesem Fall böten sich Anlagen in Form von Antiquitäten an.

Die Frage, ob die monatliche Rente eines Politikers des Bundestages von durchschnittlich 7000 € monatlich angemessen sei, ist in Zeiten von Hartz IV nur mit einer Definition von „Ehre“ zu beantworten, die dem Normalbürger schwer zu vermitteln ist. Den vom Dienst für die Allgemeinheit verschlissenen und mental zerstörten Kämpfern für die marktkonforme Demokratie wird wenig anderes übrig bleiben, als wieder einmal den Euphemismus-Generator anzuwerfen, um dem hässlichen Baby einen schönen Namen zu geben.
„Pflegegeld“, „Wiedergutmachung“, „Sterbehilfe“ … ach so, man muß natürlich darauf achten, das es die Begriffe nicht schon gibt. Auch die deutsche Sprache bietet nur begrenzte Möglichkeiten von verklebten Substantiven.

[ Beneficium: Anderes Wort für Lehen]

Angst vor Altersarmut: Hans Eichel
Hartz IV im Alter: Süddeutsche

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0 Kommentare zu Das Beneficium des Wulff

  1. Kein Kommentar. Mir steht nämlich die Kotze bis Unterkante Oberlippe …

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    • pantoufle sagt:

      Ach, Susanne. Das wollte ich nun auch nicht. Aber ist es nicht eigenartig, wie unverständig manche Worte benutzt werden? Der twitternde Zeitgenosse hat keinen Sinn mehr für eine Melodie in der Sprache – und schon gar nicht, wenn sie mehr als 140 Zeichen überschreitet. Und die Worte, in denen wir denken sollen, werden uns von den selben Leuten vorgekaut, die für unsere Ernährung und Rente zuständig sind. Was, wenn wir nun den Worten vertrauen? Die Renten sind ja sicher – die Worte wahrscheinlich auch.

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  2. opalkatze sagt:

    Extra für euch: https://twitter.com/#!/beratersprech
    Ob wir es wollen oder nicht: Das ist auch eine Form der Auseinandersetzung mit Sprache.

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    • pantoufle sagt:

      Könntest Du bitte solche Links so plazieren, daß man sie nicht vor der ersten Tasse Kaffee liest. Genehm wäre ab 20:00 Uhr oder später. eventuell auch zeitdynamisch, so daß sie zwischen 2:00 und 11:00 zero visibility haben.
      Na gut: Lesbar ist es ohnehin nicht, aber trotzdem Danke. Mein Gott: Was für Schnösel!

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  3. Oh.Mein.Gott. Da werd ich auf meine alten Tage noch katholisch.
    Schauder.

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