Da mache sich jeder selbst seinen Reim drauf

Das klassische Gedicht

1968, Text: Georg Kreisler

GK: Meine Damen und Herren, an dieser Stelle unserer Fernsehsendung wollte ich Ihnen ein aktuelles Chanson bringen, dieses ist aber mittlerweile von den Ereignissen überrollt worden und ich habe nun fünf Minuten freie Zeit. Sie wissen ja, daß eine Fernsehsendung nicht vor der Zeit und nicht nach der Zeit enden darf, ich werde Ihnen also zur Abwechslung in diesen fünf Minuten ein schönes klassisches Gedicht aufsagen. So etwas wollte ich im Fernsehen schon lange tun und jetzt ist die beste Gelegenheit dazu.

Meine Damen und Herren: Der Erlkönig

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind.

TK: Herr Kreisler?

GK: Ja, wer spricht mit mir, wo sind sie?

TK: Sie können mich nicht sehen, ich bin in der Tonkabine.

GK: Ach so.

TK: Ich bin die Sekretärin der Sekretärin der Sekretärin des Intendanten und ich bin beauftragt, auf Sie aufzupassen.

GK: Was, die Sekretärin der Sekretärin der Sekretärin des Intendanten hat das Recht, auf Sendungen aufzupassen?

TK: Auf unwichtige Sendungen schon.

GK: Hmm.

TK: Wenn ich Sie recht verstanden habe, so wollen Sie jetzt vom vorbereiteten Manuskript abweichen und ein Gedicht bringen, das unserer Rechtsabteilung nicht vorgelegt worden ist?

GK: Ja schon, aber das ist ein klassisches Gedicht, Fräulein, ich bin sicher, niemand hat etwas dagegen.

TK: Oh, wir wollen natürlich keinerlei Zensur auf Sie ausüben, aber ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß Sie von Millionen Menschen gesehen und gehört werden, darunter vielen Jugendlichen.

GK: Ja über die Jugendlichen brauchen Sie sich schon gar keine Sorge zu machen, dieses Gedicht lernt man ja schon in der Schule.

TK: Wie Sie meinen. Entschuldigen Sie die Unterbrechung.

GK: Bitte schön. Entschuldigen Sie.

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind.

TK: Herr Kreisler, welcher Vater und welches Kind?

GK: Was heißt: Welcher Vater und welches Kind? Irgendein Vater und irgendein Kind.

TK: Irgendein Kind? Also nicht sein eigenes Kind?

GK: Aber natürlich sein eigenes Kind.

TK: So natürlich ist das heutzutage nicht. Wie viele Kinder hat er denn gehabt?

GK: Das weiß ich nicht, das ist in diesem Fall auch ganz egal.

TK: Ja, das sagen Sie. Und wir kriegen dann wieder Anrufe und Briefe, warum der Vater geritten ist, warum er sich nicht ein Taxi genommen hat, warum das Kind denn überhaupt in der Nacht so spät …

GK: Ja, ist gut, ist gut, ja, Fräulein, schaun Sie, lassen wir das, ich sage ein anderes Gedicht auf, in dem kein Vater, kein Kind, ja, in dem solche Probleme gar nicht erst zur Sprache kommen, gut?

TK: Bitte, Herr Kreisler.

GK: Danke schön.

TK: Wir wollen natürlich keinerlei Zensur auf Sie ausüben.

GK: Das ist mir klar, ja. Ich spreche eine anderes Gedicht.

Festgemauert in der Erden, steht die Form, aus Lehm gebrannt.
Heute muß die Glocke werden …

TK: Moment, Herr Kreisler, Sie bringen sich ja selbst in die allergrößten Schwierigkeiten.

GK: Ich? Sie bringen mich … Wieso, mit wem bringe ich micht in Schwierigkeiten?

TK: Mit der Gewerkschaft natürlich. Sie sagen: Heute muß die Glocke werden. Das lässt sich doch keine Gewerkschaft gefallen. Können Sie das nicht ändern?

GK: Aber ändern, ich …

TK: Sie können doch zum Beispiel sagen: Nächste Woche sollte eventuell die Glocke werden oder so etwas Ähnliches.

GK: Aber nein, na wie stellen Sie sich denn das vor? Ich will mich nicht auf Argumente mit Ihnen einlassen, mir fällt ein anderes Gedicht ein, in dem solche Schwierigkeiten vermieden werden, ja?

TK: Wie Sie meinen, Herr Kreisler.

GK: Danke schön.

TK: Wir wollen natürlich keinerlei Zensur auf Sie ausüben.

GK: Ja, ich weiß, ich weiß, ich weiß. Ich sage Ihnen ein sehr berühmtes und sehr harmloses Gedicht auf, gut? Entschuldigen Sie, meine Damen und Herren.

Es war ein Kind, das wollte nie zur Kirche sich bequemen …

TK: Herr Kreisler, glauben Sie nicht, daß Sie diese Art von Polemik lieber der Sendung “Wort zum Sonntag” überlassen sollten?

GK: Aber was hat das denn damit zu tun? Das ist ein klassisches Gedicht von Goethe.

TK: Wenn Sie dieses Gedicht rechtzeitig eingereicht hätten wie es Ihre Pflicht war, dann hätte sich unsere Rechtsabteilung die Sache angesehen, es gäbe jetzt keine Verzögerung.

GK: Ja, ist gut, ist gut. Wissen Sie was, mir fällt grade ein Gedicht ein, ein Gedicht, da werden Sie lachen, da werden sogar Sie nichts daran auszusetzen finden, ein ganz harmloses Gedicht, das auf der ganzen Welt bekannt ist, ja?

TK: Wie Sie meinen, Herr Kreisler.

GK: Danke schön, ich werde es jetzt aufsagen.

TK: Wir wollen natürlich keinerlei Zensur auf Sie ausüben.

GK: Ja, selbstverständlich nicht, ich weiß schon.

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten …

TK: Wenn Sie schon nicht wissen, was es bedeuten soll, was soll dann unsere Rechtsabteilung denken? Nein, mein Lieber, so etwas kann ich nicht durchgehen lassen.

GK: Bitte sehr, bitte sehr, ich bin ein mutiger Kabarettist, jetzt fängt die Sache erst an, mir Spaß zu machen. Ich kann Ihnen hier stundenlang Gedichte aufsagen, wenn ich will, bis Sie eins genehmigen.

TK: Wie Sie meinen, Herr Kreisler.

GK: Danke schön.

TK: Wir wollen natürlich keinerlei Zensur …

GK: Zensur, ich weiß, ich weiß es zu schätzen.

GK: Zu Dyonis dem Tyrannen schlich
Damon, den Dolch im Gewande,

TK: Herr Kreisler?

GK: Was ist denn?

TK: Sie können doch nicht ernsthaft derlei Gangstergedichte in alle Welt hinaustrompeten.

GK: Gangstergedichte? Das ist von Schiller.

TK: Vom Minister Schiller?

GK: Aber nein, von Friedrich Schiller.

TK: Das hab’ ich mir gedacht. Nee, Herr Kreisler, von Tyrannen und von Dolchen und Sachen im Gewande können wir hier nicht reden. Sitzen ja schließlich auch Kinder vor dem Apparat.

GK: Bitte sehr, aber …

TK: Ich verstehe gar nicht, warum sie immer wieder ein neues Gedicht anfangen.

GK: Weil Sie mich immer unterbrechen.

TK: Es wäre doch viel einfacher, ein altes zu ändern, das machen wir doch bei diesen klassischen Schinken die ganze Zeit schon so.

GK: Gut gut, bitte sehr, ich werde es ändern, werde das Gedicht einmal ändern, wolln mal schau’n:

Zu Dyonis dem Lebensmittelhändler schlich
Damon, eine Tafel Schokolade im Gewande,
ihn schlugen die Häscher in Bande.

TK: Warum bitte?

GK: Ja, da haben Sie Recht. Das erste Mal, daß Sie Recht haben. Eine Tafel Schokolade ist kein Anreiz für einen Häscher, das sehe ich ein.
Ich werde das auch ändern … in …

er kam mit den Häschern zu Rande.
Dann holte er sich seinen Bürgen,
einen sehr netten Mann namens Jürgen,
und sie spielten zusammen im Kaffeehaus Skat,
eine Stunde lang, bis Dyonis bat:
ich sei, gewährt mir die Bitte,
bei eurem Skatspiel der dritte.

TK: Sehen Sie, Herr Kreisler. Das ist ein anständiges Gedicht. Sie müssen schließlich bedenken, daß Jugendliche vor dem Apparat sitzen. Ich verstehe gar nicht, warum Sie dieses Gedicht nicht gleich am Anfang gesagt haben. Wir wollen natürlich keinerlei Zensur auf Sie ausüben. Aber wir haben unsere Gesetze und unsere Pflichten und wir können nicht dulden, daß die Verbrecherquote, die in unserem Land ohnehin schon ganz bedenkliche Folgen angenommen hat, durch ein mutwillig gesprochenes …

In den Zeitungen wurden die von den Zensoren beanstandeten Stellen durch Striche angedeutet. Ludwig Börne nannte sie Leichensteine.
Heinrich Heine

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2 Kommentare zu Da mache sich jeder selbst seinen Reim drauf

  1. RuePoe sagt:

    ja, und der Herr Kreisler schrieb auch diesen schönen Liedtext, eine Strophe daraus lautet:

    Menschenaffen
    die in Dein Fenster gaffen
    das merke dir
    die sind ein Kuß von mir.

    Damit meinte er wahrscheinlich nicht die aktuellen VW-Affen/-Menschen.

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