Cleeverbecks moralische Momente

Es ist heiß und wenn es nicht heiß ist, gewittert es. Dazwischen gibt es nichts. Cleeverbeck schlägt einen Ausflug zum Yachthafen vor. Da sitzt man am Wasser. Am Wasser sitzen sei kühl und entspannend. Meinen Einwand, daß man da mindestens eine halbe Stunde auf sein Bier warten muß, lässt er nicht gelten: Für den Fall der Fälle hätte er etwas eingepackt, um die Wartezeit zu verkürzen! Außerdem ginge Bier schnell im Gegensatz zu Wein, den man dort sowieso nicht trinken könne… „damit kannst Du deine Negative entwickeln – das Zeug gibt es bei Lidl unter drei verschiedenen Handelsnamen; einer davon ist ein Fliesenreiniger!“

Der Yachthafen ist eine Art kleiner See am Mittellandkanal, durch einen schmalen Durchbruch von diesem getrennt und wer irgend etwas hat, was im weitesten Sinne mit Wassersport zu tun hat, parkt seinen Besitz hier. Als Treffpunkt dient ein Lokal mit Speisen und Getränken – wer genügend Zeit mitbringt, auf diese zu warten, ist hier gar nicht einmal so schlecht aufgehoben. So lohnt sich der Besuch auch, wenn man kein Bootsbesitzer ist.

Cleeverbeck hatte sich für Kaffee und Beck`s vom Fass entschlossen. Die Bedienung kam verdächtig schnell zurück und stellte 2 kleine Schälchen mit Salzigkeiten ab. „Die zwei Kaffee sind auch für uns!“ erklärte Cleeverbeck und nahm die Tassen von ihrem Tablett. Nach dem Gesicht der Kellnerin zu urteilen, waren die durchaus nicht für uns gewesen – die Selbsthilfe meines Begleiters raubte ihr etwas die Fassung, was Cleeverbeck generös übersah. „Vergessen sie unsere Biere nicht“ Er nickte ihr freundlich zu und wandte sich wieder zu mir.

„Wie ich deinen Schreibereien entnehmen kann, beschäftigst du dich gerade mit Strauss-Kahn. Und böse Leserbriefe hast du auch!“ Ich gab zu bedenken, daß jene von Emil seien, sozusagen einem guten Bekannten, und er nur die Gerechtigkeit einforderte, die ich in meinem Artikel etwas vernachlässigt hatte.

„Mumpitz! Alles Mumpitz!“ Cleeverbeck trommelte mit den Fingern auf den Tisch und sah einem schon recht betagten Freizeitkäpitän zu, wie der sein Schiff säuberte. Während er mit einem Schrubber das leicht schwankende Deck säuberte, umklammerte er mit der freien Hand krampfhaft die Reling. „Wenn der jetzt ins Wasser fällt und ertrinkt, werde ich „Hilfe, Hilfe“ rufen und „warum wirft ihm niemand einen Rettungsring zu!“ Das werde ich tun: So wahr mir Gott helfe!“

Er starrte auf seinen Kaffee, suchte vergeblich etwas und drehte sich zu einer älteren Dame am Nachbartisch um „Haben Sie Zucker? Nein, nicht Sie!… für den Kaffee!“ Die Dame hat und reicht es ihm mit versteinerter Miene.

„Also: Dieser IWF-Banker, Lenker der Geschicke von ganzen Nationen, bekannter Schürzenjäger und eventueller Präsidentschaftskandidat Frankreichs, verfolgt schwanzgesteuert in seinem Hotelzimmer eine schwarze Asylantin, die dort sauber machen will. Nicht zum ersten Mal – nein, das ist sein Hobby! Nach Abschluss der… äh… Tätigkeit packt ihn die Angst oder hat er gerade kein Kleingeld zur Hand – je nach Sachlage, über die man nichts weiß – und entschließt sich daraufhin spontan zur Heimreise . Wird am Flughafen festgenommen, zahlt 6 Millionen Dollar Kaution und 200.000 im Monat für eine standesgemäße Unterkunft bis zur Verhandlung. Sie putzt derweil weiterhin die Zimmer im diesem Hotel. Das ist ist die Ausgangsbedingung, von der aus Justitia blind zuschlägt!“

Cleeverbeck hatte sich etwas in Rage geredet, atmete tief durch und sah mich erwartungsvoll an.

„Mein lieber Cleeverbeck: Du wirst doch einsehen müssen…“ Soweit kam ich, bis er mir erwartungsgemäß ins Wort fiel. „Stell dich nicht dümmer als du bist! Diese Einleitung ist normalerweise der finale Beleg dafür, daß der Sprecher keinerlei Argumente mehr zur Verfügung hat! Ich muß gar nichts einsehen: Du hättest mich zu überzeugen… wenn dir das denn gelänge! Außerdem weiß ich ohnehin, was du sagen wolltest – ersparen wir uns das! Was glaubst du eigentlich, womit die Anwälte von Strauss-Kahn die Wochen bis zur Verhandlung verbracht haben? Sicherlich nicht, Belege für den untadeligen Lebenswandel ihres Mandanten zu suchen. Da wären sie bei der Suche nach dem Großneffen von Jesus schneller fündig geworden. Nein: Die haben dafür gesorgt, daß ihr Klient frei kommt. Wie sie das angestellt haben, wollen wir hier besser nicht fragen – wir reden ja schließlich hier nicht von Gerechtigkeit, sondern von einer der teuersten Anwaltskanzleien der Welt gegen eine mittellose, schwarze Asylantin aus Ghana. Da steht Justitia kopfschüttelnd daneben, verhüllt ihr Gesicht und weint „ich würde ja wollen, wenn man mich nur ließe“. Unschuldsvermutung? Aber immer doch: Wenn beide Seiten die selben Chancen haben, ihre Unschuld zu beweisen.
Und was macht diese kleine, unglückliche Schnepfe: Ruft ihren Kerl im Knast an und erzählt ihm, das nun alle Sorgen bald hinter ihnen liegen würden – dieser Bonze hätte Geld wie Heu. Wenigstens damit lag sie goldrichtig, auch wenn sie alles andere damit vergeigt hatte!
Gerechtigkeit? In den Kreisen Strauss-Kahns? Niemals! Die nehmen für sich alle Privilegien des allgemeinen Rechts in Anspruch und hantieren dann mit Mitteln, die jedem anderen Gerechtigkeitssuchenden nicht zur Verfügung stehen! Da ist keine Gerechtigkeit: Da ist Klassenjustiz. Basta! Und wenn das Bier nicht bald kommt oder der Kerl da drüben ins Wasser fällt und standesgemäß den Seemannstod stirbt, platze ich“

Das Bier kam nun doch noch und auch der Saubermann auf dem Schiffchen legte den Besen weg und setzte sich erschöpft, aber lebend auf einen Stuhl.

Etwas abseits an einem der entfernteren Tische stand eine alte Frau mit einem jungen Mädchen. Das Mädchen trug etwas Weißes, dazu Strumpfhosen. Die Leute am Tisch hoben abwehrend die Hände – es waren vielleicht Bettler, was auch immer. Das seltsame Paar sah sich suchend um, sah uns und kam an unseren Tisch. Die junge Frau hatte ein Ballerina-Kleid an, etwas verschlissen und nicht wirklich blütenweiß. Sehr schlank, kleiner Busen und die rotblonden Haare zu einem festen Knoten am Hinterkopf gebunden.

„Wenn Sie es wollen, kann ich für Sie tanzen! Meine Mutter…“ sie drehte den Kopf unmerklich in Richtung der alten Frau, die mit einem tragbare Cassettenrecorder etwas abseits stand, „würde dafür die Musik anschalten. Es ist aber ganz leise! Ich brauche die Musik eigentlich nicht, wissen Sie… aber die meisten Menschen müssen die Musik hören, wenn sie einen Tanz sehen.“

Cleeverbeck wollte etwas sagen, griff in die Jackentasche, sah aber wohl mein Gesicht und schwieg.
„Ja, ich würde mich freuen, wenn Sie für mich tanzen würden.“
„Dann werde ich jetzt für Sie tanzen. Es ist ein Teil aus Prokofjews Cinderella.“
Sie stellte sich zwei, drei Meter von unserem Platz auf, streckte ihren Körper und nickte ihrer Mutter leicht zu, die einen Knopf an dem Apparat drückte.

Das Mädchen stand da mit geschlossenen Augen, wie eine gebogene Stahlfeder mit ausgebreiteten Armen. Nach ein paar Takten begann ihr Tanz. Sie flog, bog sich, sprang, schwebte wie ein Blatt langsam zum Boden – sprang wieder auf. Pirouetten, wie ein kleiner, weißer Vogel flog sie vor uns.
Ihr Gesicht war angespannt, es war warm und ein paar Schweißtropfen waren auf ihrem Gesicht… nein: jetzt lächelte sie ganz sanft während einer ruhigen Passage der Musik und flog mit ihren Armen in ein Königreich des Tanzes – ihres Tanzes, von dem wir schweren, alten Menschen schon lange kein Teil mehr waren. „Seht mich an: Ich kann fliegen! Ich habe die Schwerkraft besiegt und das dünne, fade Leben. Ich tanze, ich tanze! Pirouetten um euch herum, Kreise über euren Köpfen und verneige mich vor der Musik – nicht vor euch“
Die alte Frau drückte erneut auf ihren Apparat und die Musik war zu Ende.

Die junge Frau ging zu ihrer Mutter, nahm ihr mit einer kecken Geste den Hut vom Kopf und hielt ihn mir hin. „Wenn es ihnen eine Kleinigkeit an Geld wert gewesen ist, würde es uns sehr freuen. Jede noch so kleine Spende ist hochwillkommen“ Sie lächelte selbstbewußt. Ich kramte in meinem Portemonnaie und gab ihr die Scheine, die ich in meiner Verblüffung und Aufregung in der Hand hatte.

„Nein, das ist zuviel!“ Sie nahm sich einen Schein. „Es war nicht so gut, wissen Sie: Der harte Boden – und ich vermisse einen Raum zum anvisieren, eine gerade Linie, einen Horizont. Aber ich habe gerne für Sie getanzt. Ich glaube, es hat ihnen ein wenig gefallen… ich sehe so etwas, ich tanze viel… wissen Sie… Vielen Dank und einen schönen Tag wünsche ich ihnen beiden noch“
Sie machte eine elegante Verbeugung und ich konnte sie riechen… sanfter Schweiß, nicht sehr teure Seife, Welpengeruch, wollte aufstehen, etwas sagen – ach, bleiben Sie doch zum Essen oder etwas ähnlich dummes, aber Cleeverbeck zog mich am Arm zurück und schob mir mein Glas zu.
„So, du solltest jetzt mal eine Zigarette rauchen und dich wieder beruhigen; wie ich dich kenne, wirst du bereits überlegen, ob das jetzt was zu bedeuten hatte… hatte es nicht, nebenbei: Hatte es nicht! “

Mutter und Tochter waren gegangen und ich sah meinen Freund an. „Cleeverbeck: Ich würde es dir hoch anrechnen, wenn du jetzt einfach mal das Maul halten würdest! Ich sehe dir nämlich an, daß du etwas sagen möchtest, was ich auf keinen Fall hören mag.“

„Kein Problem!“ Er lächelte mich nachdenklich, aber liebevoll an. „Ich wollte sowieso gerade… du bist doch so gut und würdest die Kleinigkeit… ?“
Cleeverbeck: Wenn ich dich im Moment so einfach loswerde, zahl ich auch dein Bier!

Es wurde langsam dunkel. Der Mann auf seinem Boot hatte die ganze Zeit scheinbar regungslos auf seinem Platz gesessen, stand jetzt auf und verschwand im Bauch seines kleinen Schiffes. Ein paar Augenblicke später leuchteten die Fenster seiner Kajüte.
Die anderen Gäste waren entweder gegangen oder saßen im Restaurant; hier am Wasser war ich alleine.
Aus den Augenwinkeln heraus bildete ich mir ein, etwas helles, weißes zu sehen, wollte danach greifen, aber da war nichts… nur als ich die Augen schloß, sah ich ein schmales Gesicht mit rotblonden Haaren, das mich etwas fragte… „Kannst du tanzen? Kannst du fliegen?“

Nein, ich konnte es nicht, legte Geld auf den Tisch und ging nach Hause.

Böser Fehler: Das Opfer Strauss-Kahns ist nicht aus Ghana, sondern aus Guinea! Ich bitte in aller Form um Entschuldigung. Das habe ich in einer Quelle so gelesen und nicht weiter nachgeprüft.

Das ändert zwar am Sachverhalt nichts, darf aber trotzdem auf keinen Fall passieren! Mit der nochmaligen Bitte um Verzeihung an alle Leser
Pantoufle

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0 Kommentare zu Cleeverbecks moralische Momente

  1. Fanny sagt:

    Ich bin aber sicher, Du kannst schon fliegen… Ich glaube, Du hast ein wenig heimlich geübt. Und ich hoffe… Nein, ich sag’s nicht. Ich drücke Dich lieber. Komm bald wieder.

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  2. der_emil sagt:

    Ich kam gerade erst jetzt zum lesen … Wenn es denn mal passen sollte, wäre ich gerne bereit, dem Herrn Cleeverbeck ein, zwei Bierchen zu spendieren und ihm gehörig übers Maul zu fahren oder an die Karre. 😉

    Seit ich nämlich das letzte Mal aufs Maul gefallen bin, weiß ich, ich kann fliegen …

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    • pantoufle sagt:

      Moin, Emil
      Schön, von Dir zu hören. Ich werde das mal ganz unverbindlich an Cleeverbeck weitergeben. Er ist zwar in der Regel entsetzlich beschäftigt, aber wenn sich mal die Gelegenheit ergeben sollte, würde ich ihn sicherlich überreden können… na ja: Und so weiter 🙂
      Das Du deiner demokratisch abgesicherten Meinungsfreiheit derselbigen Lauf lassen sollst, versteht sich natürlich von selber.
      Liebe Grüße
      Pantoufle

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