Cleeverbeck liest

„Was liest Du?“
„Leviathan oder die beste der Welten“
„Ach…“
Cleeverbeck legte das Buch beiseite und sah erwartungsfroh zum Fenster. „Du bist gekommen, um mich auf einen Wein einzuladen!“
„Nein, Cleeverbeck: Öffne deinen Kühlschrank und rück den Chardonay raus, den du heute Morgen gekauft hast. Ich weiß das – das Mädel aus dem Weinladen hat es mir erzählt! Und auch von den anderen Flaschen…“
„Verschwiegenheit ist eine vergessene Tugend!“
Während er sich stöhnend erhob und in Richtung Küche wankte – „sieh zu, das Du ein paar Gläser findest… die müssten da irgendwo stehen“ – sah ich mich um, was es Neues in seiner Wohnung zu sehen gab. Es gibt bei ihm immer etwas Neues. Nein, er sammelt nicht: es sammelt sich und nach einiger Zeit verschwindet es wieder.
„Der Schreibschrank… ist der neu?“
„So neu auch wieder nicht. Art Deco. Hat der Verkäufer jedenfalls gesagt. Den habe ich meiner Freundin vor einem halben Jahr geschenkt.“
„Ich dachte, sie hat dich… äh…“
„Ja, hat sie auch, die blöde Kuh! Aber da ist sie bei mir an den Falschen gekommen! Während sie noch gezetert hat, habe ich das Ding zur Türe gezerrt und gewartet, daß draußen jemand vorbeikommt; dem habe ich 10 Euro in die Hand gedrückt, daß er mit mir das Teil durch den Vorgarten bis auf die Straße schleppt. Dann habe ich Jens mit seinem Van angerufen und jetzt steht das Möbel hier. Nun bin ich wieder solo“
„Das wundert mich jetzt! Bei deinem Charme…“
Korkenzieher in der Rechten und die Flasche in der anderen Hand setzte er sich. „Und Du? Schreibste was?“
Nein, ich hätte nichts geschrieben – viel gelesen. Irgend wann einen Leserbrief in einem anderen Blog geschrieben. Nichts Bemerkenswertes, wäre darauf nicht eine Antwort gewesen, die mich in Erstaunen versetzt hätte:

„Wenn man vom Land und auch noch nahe von der Grenze kommt… da wird man sich ja wohl noch drüber aufregen dürfen.“

Das wäre immerhin eine bemerkenswerte Sichtweise. Egal, worauf diese Antwort gemünzt wäre: Sie passt eigentlich immer und auf alles. Der Satz hat in seiner geradezu vollkommenen Sinnlosigkeit schon etwas dadaistisches.
„Das wird dem Schreiber dieser bemerkenswerten Zeile nicht aufgefallen sein. Macht er so etwas öfter?“
Ja, das tut er wohl: Einer dieser Vielkommentierer, die ohne jeden Sinn auf alles, was ihnen auf dem Bildschirm begegnet, losdreschen. Da macht sich ein Anderer die Mühe und versucht etwas auszudrücken, etwas zu erschaffen und sofort sind sie da: Die Premium-Kommentatoren. Früher hieß das „…mit Schwertern und Eichenlaub“ – heute schimpft man das „Premium“! Solche wie er leiden nicht unter den Hieben, die sie austeilen. Sie werfen ihre Buchstabenwürfel und nennen es „Meinung“ – Meinungsfreiheit im Sinne von frei von…“.

„Wovon Du auf deinem Blog ja wenigstens gefeit bist. Sei froh! Es fehlt so etwas wie eine Gruppe 47 bei den Bloggern – findest Du nicht?“
Na ja… sagen wir: Wie die frühe Gruppe 47. als es nur um das lustvolle zermalmen unliebsamer Literatur ging. Als das im etablierten Chaos endete, hatte es schon viel Ähnlichkeit mit dem Betrieb, der sich jetzt im Internet abzeichnet. Nur das eben kein H.W. Richter einläd, sondern sich jeder selber die Eintrittskarte druckt. Außerdem: Es geht ja nicht um Literatur! Es geht um… Recht behalten? Ich weiß es nicht. Manchmal sitze ich vor den Tasten und überlege, was die Leser gerne hätten. Meine älteste Tochter hat eine dedizierte Meinung darüber, was sie gerne lesen möchte – mein ältester Sohn auch. Beide meinen weder Kafka, Max Brod noch Tucholsky. Peter Handke übrigends auch nicht. Na gut: Diesen ondulierten Nachkriegspoeten konnte ich noch nie leiden… wie die meisten nach 45 – vielleicht bis auf Stanislaw Lem, Uwe Johnson, Ingeborg Bachmann, Gottfried Benn… Blödsinn: Es gibt so viele Schreiberlinge, die ich liebe und verehre. Die wollen sie jedenfalls nicht! Pappi: Schreib doch mal was wie … wer hat diesen Schmonz mit dem Zauberlehrling mit der runden Brille geschrieben? Ich komme nicht auf den Namen!
Es ist auch nicht mehr so wichtig, seit ich in einer etablierten Tageszeitung (Printmedium) las, das Thilo Sarrazin das einflussreichste Buch der deutschen Nachkriegsgeschichte verfasst haben soll – mein persönlicher Traum, der legitime Nachfolger Arno Schmidts zu sein, endete mit dieser Bemerkung schlagartig.

Und nun ist Internet! Da darf jeder und siehe da – da gibt es ein paar, die gar nicht so schlecht schreiben und die Seele berühren; erst ihre eigene, dann die deine und es ist manchmal erstaunlich zu beobachten, wie sie es nach und nach selber entdecken. Und wenn es knistert, deine Sinne singen, du gleich verstehst und es wie Geschlechtsverkehr mit Buchstaben ist, dann kommt einer daher und verkündet:

„Wenn man vom Land und auch noch nahe von der Grenze kommt… da wird man sich ja wohl noch drüber aufregen dürfen.“

Die Poesie eines Walter Ulbricht, die zwingende Logik Edmund Stoibers und die Intelligenz Donald Ducks.

Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage:
Obs edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern
Des wütenden Geschicks erdulden oder,
Sich waffnend gegen eine See von Plagen,
Durch Widerstand sie enden? Sterben– schlafen–
Aber wenn man vom Land
und auch noch nahe von der Grenze kommt…
da wird man sich ja wohl noch drüber aufregen
dürfen.

„ Du solltest jetzt anfangen zu trinken“
Mein Freund Cleeverbeck nahm mich in den Arm und drückte mich auf den Sessel.
„Und Blogs solltest Du auch nicht mehr lesen – wenigstens nicht die Kommentare! Vielleicht solltest Du auch keine mehr schreiben. Das regt Du dich nur auf. “
Ich schlafe heute hier: Auf dem Sofa von C.C. Cleeverbeck! Doch vorher lese ich ihm noch was vor, von einem Freund, einem vertrauten, dem Puschkin:

XXXIII

Dem Feind mit scharfen Epigrammen
Zu Leibe gehen ist eine Lust;
Ein Labsal, wenn in Zornesflammen
Der Tölpel, seiner Schmach bewußt,
Sich schämt, zum Spiegel hinzublicken,
Weil ihn verdiente Hörner schmücken;
Und köstlich, wenn er wütend flennt
Und seine Fratze selbst erkennt!
Weit schöner noch, sich kühl zu rächen,
Dem Kerl die Maske fortzuziehn
Und vornehm schweigend über ihn
Gesellschaftlich den Stab zu brechen.
Doch seinen Gegner töten – nein,
Kann nimmermehr vergnüglich sein
Wie dann, wenn schwer von euch getroffen,
ein Freund dahinsank, todesbleich,
Nur weil er sorglos, allzu offen
Im Übermut sich gegen euch
Beim Wein ein keckes Wort erlaubte,
Vielleicht sich selbst beleidigt glaubte
Und blind vor Zorn euch fordern ließ?
Sagt, könnte eure Seele dies
Verwinden, wenn, die Brust durchschossen,
Er daliegt, ihr ihn sterben seht,
Sein letzter Atemzug verweht,
Und nun, die Lippen fest geschlossen,
Er starr und taub vor euch sich streckt,
Kein Schmerzensschrei ihn auferweckt?

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