Clara

»Es ist die Zündspule!« Die kleine, schmale Frau war bis zur Hüfte unter der Motorhaube verschwunden. »Du hast nicht zufällig Werkzeug dabei?«
Motorradfahrer haben immer Werkzeug dabei, vor allem und garantiert immer, wenn sie mit einem Dnepr-Gespann unterwegs sind.
Der uralte Fort Transit hatte es mit Mühe in die Parkbucht der Bundesstraße geschafft und dort beschlossen zu sterben.
»Es ist immer die Elektrik bei dieser Schüssel, immer diese Kabel. Zündspule! Bestimmt die Zündspule.«
Ob wildes Reißen an Steckern und Kabelbaum solche Probleme lösen, darüber gehen die Meinungen auseinander. »Ich versuchs noch einmal«. Sie krabbelte hinter das Lenkrad und drehte den Zündschlüssel. Der Anlasser brachte die Maschine kurz zum Husten und eine Wolke Benzindunst breitete sich aus. Ein Rinnsal Sprit lief zwischen Luftfilter und Vergasergehäuse auf den Motor.
»Es könnte durchaus sein, daß auch die Zündspule hinüber ist, aber das ist garantiert nicht alles!«

Ich holte das Werkzeug aus dem Beiwagen und begann, Luftfilter und Vergaser abzumontieren. Das erwies sich als einfacher als gedacht: Das Gestänge für die Drosselklappe und Kaltstart hatten so viel Spiel, daß man sie eigentlich gar nicht hätte abschrauben müssen. Alles fiel fast von selbst auseinander und nur eine dicke Schmutzschicht verhinderte, eine Handvoll Kleinteile aus den Tiefen des Motorraums angeln zu müssen.
»Aus erster Hand, werkstattgepflegt, Erstbereifung, Lack O.K., mit leichten Gebrauchsspuren, dem Alter entsprechend guter Zustand. Unverhandelbarer Festpreis!« dozierte ich, während ich den Vergaser auseinander schraubte. Aus dem Schwimmergehäuse schwappte eine braune, körnige Brühe über meine Lederhose.
»Das verfliegt… ist schließlich Benzin!« konterte sie.
»Ja, auch Spuren von Benzin ließen sich sicherlich finden«.
»Ich heiße übrigens Clara. Nett, daß Du angehalten hast. Maschinen sind nicht so mein Ding.« Captain Obvious nahm einen langen Anlauf, sprang vom Funkturm und drehte eine elegante Ehrenrunde über unseren Köpfen.
»Es könnte sich lohnen, in diesem Zusammenhang auch gleich mal einen Blick auf das Benzinfilter zu werfen.« Ich drehte den Vergaser auf den Kopf und ließ ihn erst einmal auf dem Gras ausbluten. Die Suche nach dem Filter erwies sich als kurz und unergiebig. Dort, wo es einmal gehaust hatte, fand sich lediglich ein Stück Gummischlauch und zwei verrostete Schellen aus dem Installationsbedarf. Bis sich etwas passendes fand, würde es sicher das Ersatzteil der Russentonne tun.

»Hast Du Durst? Ich könnte einen Tee machen. Oder besser Cola?« Clara hüpfte zur Hecktür und begann zu kramen. »Cola ist alle und Wasser auch. Bier ist aber noch da.« Sie kehrte mit zwei geöffneten Flaschen Becks zurück.
Ein paar Flaschen später erschien das Werkstück in einem Zustand, der einen neuen Startversuch als aussichtsreich erscheinen ließ. »Versuch noch mal!« Der Motor sprang nach ein paar Umdrehungen an.

Clara

Es wurde langsam dunkel, als der Transit in einen Feldweg einbog und nach ein paar Dutzend Metern stehenblieb. Ich war Clara mit dem Gespann gefolgt; zum einen um sicherzugehen, daß sie der Motor wenigstens bis zur nächsten Werkstatt bringen würde und andererseits, weil ich nichts besseres zu tun hatte.
»Ich werde hier übernachten« verkündete sie. »Willst Du auch hier schlafen?«
»Irgendwann muß man schlafen. Und dieser Platz ist so gut wie jeder andere.«
»Du schläfst aber nicht in diesem Beiwagen?«
»Na hör mal!« Ich kramte Zeltplane, Stangen, Schlafsack und die Isomatte hervor, baute mit ein paar Handgriffen das Zelt über Motorrad und eine kleine Flächen für mich. »So einfach ist das!« Clara schien beeindruckt und öffnete zum Vergleich die Hecktüre des Fords.
»Sehr praktisch! Und auch sehr schön! Kaum zu glauben, wieviel Platz in so einem Transit…« Clara hatte jeden Quadratzentimeter der Ladefläche optimal genutzt. Oder besser gesagt: Es hatte sich so verteilt. Über der Anhäufung von einem vollen Tischchen, einem Kühlschrank, einem Schemel, dem Bücherregal, einem Bild am Wandblech, einem Boxsack und verschiedenen anderen Artefakten thronte ein großzügiges Bett. Das Bett konnte man, so man die Einrichtung darunter nutzen wollte, mit einem Kettenmechanismus ins Dach ziehen, was sie auch gleich voller Stolz demonstrierte.
Das war also die Erklärung für die Höchstgeschwindigkeit von 85km/h gewesen. Nicht nur das Raumangebot, auch die Zuladung war bis zum letzten Gramm ausgenutzt worden.

»Wohin fährst Du eigentlich und warum mit diesem Beiwagendingens?« Frauen sind neugierig. Ich frage sie ja auch nicht. Oder jedenfalls nicht sofort.
»Ich fahre Motorrad. Jetzt gerade dieses, weil es so gemütlich ist.«
»Machst Du noch etwas anderes als Motorradfahren?«
»Nein, im Moment nicht. Das reicht ja auch als Beschäftigung. Man fährt immer dem Weg nach, paßt höllisch auf, daß man keinen Unfall hat und hält den alten, maroden Motor am laufen. Und reinigt den Vergaser von Clara, wenn es nötig ist. Sag jetzt bitte nicht, daß das nichts ist! Und was machst Du?«
»Man, bist Du neugierig! Na gut: Also meine komplizierte Kindheit überspringe ich mal und die Beziehungen danach auch. Vor allem die Letzte mit diesem Lebensabschnittspartnerblahblubb-Idioten. Ich weiß auch nicht, wie ich an den geraten bin. So in Trottel – wobei: Praktisch war er natürlich schon, aber auch ganz schön anstrengend auf die Dauer. Jedenfalls habe ich ihm einen Zettel auf den Tisch gelegt, auf dem stand, wo seine vier Kisten Becks, die 600 Euro, die Captain Hornblower-Sammlung, der Boxsack und ich geblieben sind. Weg!«

Clara räketle sich auf der Decke die sie ausgebreitet hatte und angelte nach einem Beck’s. »Du auch noch?« Nun war es wirklich dunkel geworden und ich konnte kaum mehr als die Umrisse ihre Körpers sehen, ihr Gesicht nur wie eine Bronze zu erkennen wenn sie mir nah kam.
»Und nun? Was willst Du in naher Zukunft machen? 600 Euro sind ein immerhin begrenztes Startkapital in eine goldene Zukunft. Genau wie vier Kisten Bier, erst recht wenn es nur 0,33l -Flaschen sind.«
»Ich werde Hure, habe ich beschlossen. Ein mobiles Bett habe ich ja, auch wenn es mir lieber wäre, die Kunden würden mich in ihr Haus einladen«.
»Was den potentiellen Kundenkreis bedauerlicherweise etwas einengt!«
»Wir werden sehen! Hübsch genug bin ich, leicht verdientes Geld und meine eigene Herrin – das reicht mir für den Moment.«

»Das klingt jedenfalls nach einem durchführbaren Plan, wenn auch…« Ich schwieg, weil moralische Bedenken ein Werkzeug ist, daß nur mit äußerster Vorsicht eingesetzt werden sollte. Aber was ging es mich an? Und hübsch war sie tatsächlich; sehr sogar.
»Streng genommen wäre es mir es mir äußerst unlieb, wenn sie in meinem Auto… Diese Unordnung hinterher und der fremde Geruch. Ich glaube, das will ich ganz und gar nicht!«
Clara gähnte, während sie ihr Geschäftsmodell ausarbeitete.
»Wir sollten jetzt vielleicht besser schlafen«. Ich war auch müde geworden, kroch in den Schlafsack und schloß die Augen.
»Gute Nacht, Du. Wie heißt Du eigentlich. Ich sag immer Du…«
»Pantoufle ist mein Name. Pantoufle. Das Känguruh, das nur die Kinder sehen können.«

Baisse

»Jetzt einen Kaffee! Aber das Wasser ist immer noch alle. Warum hast Du mich nicht gestern daran erinnert? Wir sind an mindestens drei Tankstellen vorbeigefahren!«
Wenn ich irgend etwas abgrundtief hasse, dann ist es, beim Aufwachen für etwas verantwortlich zu sein. Vor allem vor dem Kaffee.
»Ich habe mir überlegt, wir könnten ja für eine Weile zusammen weiterfahren. Du bist geschickt mit Motoren, erzählst nicht allzuviel dummes Zeug und ich mag Deine Gesellschaft. Heute würde ich erst mal etwas Geld verdienen und Du könntest zusehen, daß am Abend, wenn ich wieder zurück bin, etwas zu Essen da ist… und vergiss nicht, Wasser zu besorgen. Hier ist der Kanister!«
Es ist schön wenn jemand einen Plan hat. Gerade dann, wenn man noch über den Tagesablauf grübelt und an Langeweile verzweifelt, ist man für jeden Tip, für jede noch so kleine Aufgabe dankbar. Etwas zu Essen besorgen und etwas Wasser – das sollte möglich sein.
»Und Du machst was genau?« Clara wedelte mit dem großen Shell-Atlas und hielt mir eine aufgeschlagene Seite unter die Nase. »Dort treffen wir uns heute Abend wieder, wenn ich fertig bin und genug Geld verdient habe. Morgen gehen wir dann zusammen essen. Ich zahle!«

Ein paar Kilometer entfernt lag eine Kleinstadt, immerhin mit einem gelben Ortsschild und dem Wegweiser »Industriepark«. Dort hockten vermutlich der örtliche Blumenhändler, eine Käsemanufaktur und der Reifenhändler. Alle Treckergrößen auf Lager.
Ich wünschte Clara viel Glück, gute Geschäfte und packte meine faltbare Behausung in den Beiwagen.
Der Transit rumpelte rückwärts zurück auf die Straße, sie winkte kurz und dann war sie verschwunden. Für einen kurzen Augenblick fühlte ich mich beinahe einsam.

Den Treffpunkt für den Abend hatte ich mir in mein Navi getippt und fuhr erst einmal den Motor ein wenig warm. Nichts ist schlimmer als kaltes Öl, schieres Gift für Lager und Kolben und das Gewissen des verantwortungsbewußten Motorradfahrers. Etwas diese Straße entlang, dann eine Abkürzung über den Feldweg zur Abkürzung durch den Wald und zurück auf irgend eine andere Straße. Ohne daß ich es merkte, war es Mittag geworden und die Sonne stand schon hoch am Himmel. Ein kleiner Weiher am Waldrand, in dem ich ein Morgenbad nahm. Als ich mich gerade wieder angezogen hatte, trabte eine kleine Herde Schafe neugierig näher. Ich erschlug das kleinste von ihnen mit dem Engländer aus der Werkzeugtasche, nahm es aus, häutete es und verstaute die so vorbereiteten Teile im Beiwagen. Ein paar Karotten oder anderes Gemüse ließe sich auch noch finden und wenn ich jetzt noch den Kanister füllte, wäre mein Tagewerk eigentlich erledigt.

Beim fälligen Tankstopp fanden sich die gesuchten Karotten »Direkt vom Erzeuger! Aus nachhaltigem Anbau, Biohof Lattwerden« Auch noch Bio-Karotten! Wenn das nichts ist! Nur für den Fall, daß Clara eine Karottenallergie hätte, kaufte ich noch eine Packung Schoko-Kekse, saure Weingummis und Salzstangen. Hoffentlich hatte sie noch ein wenig Becks in ihrem Vorrat – die Preise an der Tankstelle hielten mich davon ab, den Vorrat aufzustocken. Oder doch noch wenigstens eine Flasche Sekt. Sie war nun Hure geworden und die trinken angeblich vorzugsweise so etwas.

Auf einem Kinderflohmarkt in einem kleinen Dorf erstand ich für ein paar Cents mehrere historische Ausgaben des großen Leopold von Rankes gesammelten Werken; in sehr gepflegten Zustand und offenbar aus dem Regal der Eltern gestohlen. Das war jedenfalls genug Lesestoff, um sich die Zeit bis zu Claras Rückkehr zu vertreiben.

Clara ließ sich Zeit. Sei es, daß die Geschäfte sie dazu nötigten oder daß sie Schwierigkeiten hatte, die von ihr benannte Stelle des Wiedersehens zu finden. Ich hatte bereits ein kleines Feuer entzündet, über dem zwei Keulen rotierten – wozu Zeltstangen doch nützlich sein können!
Pünktlich zum Essen rollte das rote Auto neben mein Gespann. Clara stieg aus und sah mich niedergeschlagen an. »Ach, ein Abendbrot – das ist gut. Du bist lieb!« Ich widerstand der Versuchung, sie nach ihrem Tag zu fragen. Einen Schlosser oder Dachdecker hätte man fragen können und wäre mit einem Schwall von Fachbegriffen überschüttet worden; bei einer Hure… ich war mir nicht ganz sicher, ob ich diesen Fachjargon vor dem Abendessen hören wollte.
Clara schwieg weiterhin und kaute auf einem Weingummi, während ich das Essen servierte.
»Also jetzt erzähl schon! Waren sie nicht gut zu Dir?«
»Ach… sie wollten mich nicht. Keiner!«
»Das verstehe ich nun beim allerbesten Willen nicht! Also wenn jemand wie Du… dann würde ich aber nicht lange überlegen!« Ich war mir keinesfalls sicher, die richtigen Worte gefunden zu haben. Niemand hatte sie gewollt. Das mußte ziemlich bitter für sie gewesen sein. »Vielleicht sind die Ehefrauen alle zu Hause gewesen und deshalb haben sie sich nicht getraut.«
»Meinst Du?«
»Ganz bestimmt!«
Ich stand auf und kramte in meinen Taschen. Zusammen mit den Münzen fanden sich knapp 30 Euro, die ich ihr hinhielt.
»Ich weiß, daß das nicht so viel ist. Ich kenne Deine Tarife ja nicht.« Clara zögerte bevor sie das Geld nahm. Ja, das sei nicht so viel, bemerkte sie. Mit der Hand könnte sie dafür oder ich könnte mich an ihr reiben.
»Ach, weißt Du: Vielleicht einfach nur zusammen essen und danach ein Bier… Sieh mal: Ich habe Sekt mitgebracht. Magst Du Sekt?«
Clara kicherte. Nein, das Zeug hätte sie noch nie gemocht. Aber sie würde die Geste sehr schätzen.

Das Lamm war trotz der fehlenden Gewürze ausgezeichnet, wenn man es abwechselnd mit den Salzstangen aß und die rohen Karotten rundeten unser Festmahl ab.
»Proppedickesaudummsatt!«
Clara lehnt sich gegen mich, nahm einen großen Schluck Bier und rülpste. Ich begann sie ernsthaft gerne zu haben.

Der Überfall

Das niedergebrannte Feuer und Clara unter einer Decke davor sahen mit dem Nebel auf den Feldern nach etwas zwischen Karl May und Endzeit-Melodram aus. Ein wunderbarer Morgen nach einer wunderbaren Nacht. Clara schien schon länger wach zu sein und hielt mir einen Becher Kaffee entgegen.
»Perfekt! Kaffee!«, stöhnte ich und rekelte mich neben sie auf die Decke.
»Wir brauchen einen Plan! Einen, mit dem man in ganz kurzer Zeit enorm viel Geld bekommt. Gleichgültig wie.«
»Ich kenne Dich ja nun erst 48 Stunden, aber das klingt so, als würde Dir etwas im Kopf schwirren.«
Es schwirrte. Und wie! Ein totsicherer Plan, der in kürzester Zeit enorm viel Geld ohne großes Risiko in die Kasse spülen würde. Sie hatte auch schon fast jedes Detail ausgearbeitet. Hatte sie überhaupt geschlafen?

»Pass auf. Ganz einfach! Wir überfallen die Wechselstube des Flughafens Kassel-Calden. Ich kenne mich dort recht gut aus. Sie schließen um 20:00; das ist noch vor dem Abendessen. Jeden Samstag in der Woche holen sie die Einnahmen ab, heute ist Freitag und der Airport nur knapp 50 km entfernt. Da sollte jetzt also jede Menge Geld herumliegen, das nur auf uns wartet.« Clara hatte sich ein Stück Papier genommen und begann, Linien, Gebäude und geplante Fluchtwege darauf zu zeichnen.
»Es kann praktisch nicht schiefgehen!«
Ich war etwas verwirrt, hatte aber volles Vertrauen auf die organisatorischen Fähigkeiten Claras.
»Du läßt das Motorrad hier und wir holen es später wieder ab. Der Transit ist das bessere Fluchtfahrzeug.«

Nicht, daß ich Bedenken wegen der Sicherheit ihres Planes gehabt hätte, aber Claras Fahrstil war etwas beunruhigend. Hätte ich doch wenigstens die Radmuttern vor Beginn unseres Unternehmens noch nachgezogen. Nervös, aber nun war es zu spät. Clara umklammerte konzentriert und zum Äußersten entschlossen das Lenkrad und trat das Gaspedal durch. Pünktlich und gemäß ihrer Planung hielt der Transit mit jaulenden Bremsen zehn Minuten vor Acht vor der Abfertigungshalle.
»Wir lassen den Motor laufen!« verkündete sie. »Besser ist das!«
Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Am Eingang der Büros hinter den Schaltern dann doch ein erstes Hindernis in Form einer uniformierten Wachhabenden.
»Wir wollen noch schnell Tickets nach Malle kaufen« rief Clara im Vorbeirennen.
»Wir haben aber gleich geschlossen und eigentlich dürfen Sie dort gar nicht…«
Clara warf die Tür hinter uns zu und wir rannten den kurzen Gang entlang.
»Wechselstubengeldsammelstelle» las sie vor. »Hier müssen wir rein!«

In dem fensterlosen Büro saß ein dicklicher, kleiner Mann, der die Geldscheine zählte, die in kleinen Häufchen vor ihm auf dem Tisch lagen.
Das wäre ein Überfall und das Geld hätte just in diesem Augenblick den Besitzer gewechselt. Ich hatte mir diesen Satz sorgfältig zurechgelegt. Der Geldzähler sah uns erstaunt an und stand auf. Wenn wir nicht sofort und umgehend sein Büro verließen, würde er die Wache rufen und dann würden wir schon sehen! Umgehend!
Clara öffnete ihre Bluse ein wenig und kam ihm mit einem bedrohlichen Gesichtsausdruck näher. Seine Hand schwebte über einem roten Alarmknopf auf dem Tisch, zitterte schon bedrohlich dicht darüber, als sie direkt vor ihm stand. Clara griff dem Männchen beherzt zwischen die Beine und drückte erbarmungslos zu.

»Du willst doch nicht unartig sein, mein kleiner Sklave?«
»Nein Herrin! Bestimmt nicht!«
»Ich müßte Dich sonst bestrafen, das weißt Du doch, oder?
Ihre Stimme schien eine Oktave tiefer zu sein als sonst. Der Kopf ihres Opfers drückte sich an ihre Brüste, als ihre Hand noch einmal nachdrücklich die Reihenfolge der Nahrungskette bestätigte. Sie sah sich hilfesuchend nach mir um und irrte mit den Blicken durch den Raum. Ich verstand. Den Stecker der Tischlampe aus der Dose gerissen und das Kabel mit dem Lethermann auf etwa einen Meter gekürzt – das sollte für den Moment reichen. Clara hatte ihren Sklaven in der Zwischenzeit mit Paketband auf den Stuhl gefesselt und ich reicht ihr die provisorische Peitsche.
»Los, mach!« Ich sammelte die Geldscheine auf dem Tisch und stopfte sie in eine Edeka-Jute-Einkaufstasche. Das Kabel der Lampe klatschte auf einen nackten Hintern.
»Dich werde ich lehren, Deiner Herrin nicht zu gehorchen. Auf – das – Wort!«
Sklave grunzte lustvoll – nun ja, jeder wie er es mag. Noch ein paar Schläge mit der flachen Hand und ein beruhigendes Streicheln über den Kopf. Clara stellte sich vor ihn, öffnete ihre Hose und steckte ihre Hand in den Slip.
»Na, das siehst Du Dir doch gerne an, was? Und jetzt warte geduldig, bis ich wiederkomme, hörst Du? Keinen Mucks will ich hören, sonst…«
Wir rannten zu Tür, den Flur entlang und an der Wachfrau vorbei. »Haben Sie noch die Tickets bekommen?«
»Ja, vielen Dank und noch einen schönen Feierabend!«
»Immer gerne wieder!«
Der Motor des Transit brummte immer noch beruhigend vor sich hin. »Ist doch ein gutes, altes, zuverlässiges Schlachtross, oder? Der Kerl im Büro ist erst einmal mit seiner Phantasie und Warten beschäftigt«

Der Ford erreichte unter Claras Druck beinahe 95km/h, während wir flüchteten. Nach einiger Zeit fuhr sie auf den Parkplatz eines Obi-Baumarktes, verschwand kurz und kam wenig später mit zwei Tüten zurück. »Um diese Uhrzeit kaufe ich am liebsten ein!« posaunte sie fröhlich und warf den Inhalt ihres Einkaufs vor den Transit. Zwei Farbrollen, zwei Dosen mattschwarzer Farbe und eine gelbe. »Nun komm schon, sitz da nicht dumm rum, sondern hilf mir!« Auf dem schon beinahe leeren Parkplatz lackierten wir das Fluchtfahrzeug in unauffälligem Schwarz bis auf ein leuchtend-gelbes Smiley auf der Motorhaube.

Verliebt

Das Dnepr-Gespann schien traurig auf mich gewartet zu haben, so schien es mir wenigstens. Aber auch ich war froh, es nach diesem erfolgreichen Abend so wohlbehalten vorzufinden. Kein Marder, der an seinen Kabeln geknabbert hatte oder eine Politesse, die ein Ticket für Parken neben dem Acker ausgeteilt hatte. Ein Bild des Friedens und der Ruhe.
»Hast Du das Geld schon gezählt? Ist es viel? Bestimmt! Immerhin ein Airport.«
»7500 Euro in etwa« Ich hatte, um mich von Claras Raserei abzulenken, schon einmal oberflächlich die Scheine in der Tüte addiert.
»Nicht schlecht für einen Domina-Job, oder? Ob mein Sklave immer noch wartet oder hat er sich schon bis zur Wachdame gerobbt?

Es hatte bereits vor einiger Zeit zu nieseln begonnen und nun regnete es sich langsam ein.
»Komm ins Auto. Wir müssen jetzt nicht mehr naß werden.« Eine Flasche Beck’s für sie, eine für mich – das hatten wir uns jetzt redlich verdient. Ich half ihr, das Bett herunterzulassen. Nun war kaum ein Platz zum Stehen, aber ein großzügiges Sofa mit einer Unmenge Kissen verfügbar.
»Komm! Kein falsche Scham – machs Dir gemütlich.« Wir kauten die Reste der Salzstangen, vertilgten die sauren Gummis und alberten herum. Nach einiger Zeit beruhigten wir uns; Clara lag in meinen Arm gekuschelt und gniggerte leise vor sich hin.
»Immerhin 30 Euro. Besser als gar nichts! Ach, weißt Du…«
Ich weiß nicht, warum ich überrascht über das Tattoo auf ihrem Rücken war. Ein kleiner Thorshammer – nichts weiter. Nur dieses eine Zeichen auf ihrer duftenden, makelosen Haut. Und sie summte, als sie neben mir kniete und mich streichelte, summte immer noch, als sie sich rittlings auf mich setzte und mich in sich aufnahm.
»Warum Mjölnir?«
»…bringt Glück!« Sie stöhnte leise.
»Außerdem summst Du«
»Das mache ich, wenn ich glücklich bin.«
»Ich bin es auch. Ich fürchte, ich habe mich ein wenig verliebt.«
»In wen denn?«
Ich warf sie von mir ab und küßte mich von ihren Brüsten zum Bauchnabel.
»Rate!«
»… Weiß nicht« und ein wenig tiefer. »…Weiß immer noch nicht« Sie war doch sonst nicht so begriffstutzig. Dann aber nahm sie meinen Kopf mit den beiden Händen und verbot mir, sie weiter raten zu lassen.
Sie summte ihr Liedchen weiter. Bis sie nicht mehr summte.
Sie hatte sich matt auf den Bauch gerollt, umklammerte eine Kissen und summte schon wieder. »Blattfedern« dachte ich, solange ich noch denken konnte. Aber das war nur ein kurzer Moment.

Abschied

In weiter Ferne bellte ein Hund. Nach dem Regen der Nacht war es kühl geworden und Clara kuschelte sich tief in die Kissen.
»Aufstehen! Kaffee! Geld ausgeben!«
»Das können wir erst einmal nicht, sonst kommen sie uns auf die Schliche!«
»Glaubst Du, die Scheine sind markiert?«
Auf jeden Fall sollten wir hier aus dieser Gegend verschwinden, dachte ich.
»Bevor wir weiterfahren, zeige ich Dir etwas. Das mußt Du wissen, das es hier ist. Es liegt auf dem Weg«
Auf welchem Weg und wenn auf auf unserem? Clara erhob sich energisch und zog sich hastig an. »Das Bett lass nur, wie es ist. Dann brauchen wir es heute Abend nicht herunterzulassen«.
Sie drehte sich zu mir um »Und das kann ich kaum erwarten. Diese Nacht bist Du dran!« Was immer das auch heißen sollte, so konnte ich ihre Vorfreude lebhaft teilen.

Das nun schwarze Auto polterte jetzt schon eine gute Weile über Feldwege und Landstraßen der untersten Ordnung. Hier links und dann noch einmal rechts… eine halbe Stunde weiter, bis sie endlich anhielt. Wir standen vor einem nicht allzu großen See mit einer kleinen Insel fast in der Mitte.
»Weil wir in Zukunft zusammen weiterfahren und dieses Land verlassen werden, muß ich Abschied nehmen. Komm«
Clara ging entschlossen auf ein paar Trauerweiden zu, unter der, von einer Plane geschützt, ein kleines Ruderboot lag. »Komm, hilf mir!« Wir schoben das Boot ins Wasser und Clara begann zu rudern. Ich war mir fast sicher gewesen, daß sie auf die kleine Insel wollte und genau dort legten wir tatsächlich an. Sie nahm meine Hand und führte mich zu einer sehr, sehr großen Eibe.
»Das ist Yggdrasil, der Weltenbaum.«
»Ach! Hier ist er.«
»Ja, hier. Überrascht?«
»Ja, ein wenig schon. Das ist etwa so wie „Gott wohnt in 24367 Appenhausen, Ringgasse 17, erster Stock, 3mal klingeln”«
»Mach keine Witze! Das ist wirklich Yggdrasil!«
Zwischen den Zweigen des Baumes saß ein Adler. Ich wollte nach seinem Namen fragen, schwieg aber. Ein paar welke Blätter fielen zu Boden und ein Eichhörnchen, das ich nicht mochte, sprang hektisch herum. Clara nahm auf ihre Art Abschied und ich nahm mir fest vor, nie wieder überflüssige Fragen zu stellen. Wir sollten gehen, es wäre hohe Zeit. Das sprach die Eibe zu uns.

Ich begann, mich an die todsicheren Pläne meines Weibes zu gewöhnen. In Wilhelmshaven angekommen, hatte sie entschieden, aus unseren Fahrzeugen das Unentbehrliche zu nehmen, um sie anschließend im Hafenbecken der Grauschiffe zu versenken. Etwas widerwillig hatte ich gehorcht und nun saßen wir an Bord eines gestohlenen Segelbootes. Clara hatte den Zaun zum Jachthafen mit einer Leiter bezwungen und uns ein Schiff ausgesucht. Einen Namen hatte es auch schon: Lilie. Schon wieder, dachte ich. Da war doch schon einmal eine Geschichte, die so endete.
Wie damals warf ich eine Dose Nutella in unser Kielwasser und sah sie langsam verschwinden. Ich holte das kleine Bild aus der Brusttasche der Lederjacke, das ich mir aufbewahrt hatte und betrachtete es.
»Wer ist auf dem Bild?«
Clara war und ist neugierig.
»Ach, das ist Tikerscherk, die mir den Auftrag gab, diese Geschichte zu schreiben und mir die Stichworte dafür gab. Und jetzt sind wir beide hier auf diesem Schiff«
Clara schwieg nachdenklich.
»Ist sie hübsch?«
»Ich weiß es nicht. Ich bin ihr nie begegnet.«
»Das sagst Du doch nur so! Du erschaffst doch nicht uns beide und willst sie nie gesehen haben.« Da war ein leicht spitzer Unterton. Sehr leise, aber durchaus wahrnehmbar. Ich steckte das Bild wieder ein und setzte mich neben sie.
»Lass uns noch etwas schweigen und zurückschauen. Bald ist dieses Land verschwunden, wo die welken Blätter fallen.«
Clara nahm mich in ihre Arme und wir sahen auf die schmale, graue Linie, die langsam im Dunst verschwand.

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14 Kommentare zu Clara

  1. tikerscherk sagt:

    “Nein”, sagte ich “Tikerscherk ist nicht hübsch, sie ist schön. Zwar bin ich ihr noch nie begegnet, aber ich weiss das einfach, es kann nicht anders sein. Wer mich dazu inspiriert eine derart gute Geschichte zu schreiben, in der ich uns beide, bzw. dich erfinde und zu Fleisch werden lassen kann, der muss einfach schön sein.”
    So, oder so ähnlich hättest Du Claras Frage beantworten können, dann wäre die Geschichte gar nicht mehr zu toppen gewesen. 😉

    Vielen Dank, ich freu mich!

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    • pantoufle sagt:

      Ja, das ist vollkommen richtig. Aber wie Du ja auch weißt, ist man immer erst nach zehn Minuten schlagfertig. Und da war die Geschichte leider schon alle. Nächstes Mal schreibe ich über Dich (natürlich unter einem PGP-kryptographierten Pseudonym, damit niemand eifersüchtig wird). Ich nenne Dich dann:

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      ykcUt7izqwWaXC81y1Vc80RxJRiFwAwtOUCai2ZXpbEcYViJcsvPjrwONT
      asmD6YhZvcaEdgSgDpPekEyproINtq37VKRY/BQPpV0Zo0F8ZW0OoRlTXJ
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      zdo+1JSizpsz+bnSdQFvd+i+Pd3fQH55mx2gCcXGLwnqqru7eUP8+CWGOs
      ZOitl0FQsSKgq4046a7pz0OFyzcSN/r5K7AUU6zlm3j/EZSsK3H15su6yz
      PQ8rvGGwmbNUnCmWcyIaOK+tbi83gFA5EMxRYL9edAlZnLbot7A7HrqQ2w

      —–END PGP MESSAGE—–

      Freust Du Dich schon?

      0

  2. flatter sagt:

    Mit dem gpg bist du für den nächsten Terroristenterroranschlag verantwortlich, ist dir schon klar, oder? Wenn die das sehen, machen die das nämlich sofort genau so und können dadurch Bomben schießen..
    (Ich wollte nur auch mal was weit am Thema vorbei gesagt haben, wo sich jemand damit herumschlagen muss, der nicht ich ist. Oder bist du auch ich? °|o)

    0

  3. pantoufle sagt:

    Moin Flatter
    Terror
    Ja, ich bin auch Querfront wie Du, nur habe ich leider das geheime Erkennungszeichen vergessen. Ich weiß einfach nicht mehr, wie der doppelte Jebsen genau zu springen ist.
    Egal! Bestimmte Dinge ist man einfach – da muß man gar nichts weiter zu machen.
    Terror
    Im Gegensatz zu Terror-Bombenbastelnanleitungen, um den Airport Kassel-Calden zu schädigen. Zuerst wollte ich ihn ja in die Luft sprengen. Nur fiel mir im Laufe der Geschichte auf, daß weder ein Überfall auf die Wechselstubengeldsammelstelle noch sein völliges Verschwinden ein Meldung wäre.
    Terror
    Wie aus gewöhnlich gut informierten Quellen zu erlauschen war, wurde auch der Pariser Anschlag wieder mit krypographierten Postkarten geplant: Public-Key »Helau!« (tätäätätäätätää)
    Terror
    Selbige Quelle weist zudem auf den jüngst entdeckten Übersetzungsfehler hin, daß die 72 Jungfrauen nicht für jeden, sondern für alle gedacht waren. Immer rein in die gute Stube.
    Terror
    An dieser Stelle ein solidarisches Blau-Weiß-Rot (0055A4, FFFFFF, EF4531)
    Terror
    Und Dir noch eine gute Nacht

    ohne Terror

    0

    • flatter sagt:

      Ach je, solange du gpg mit rgb verwechselst, ist ja noch Hoffnung. Ich werde derweil schnell ein Zeroday-Exploit in Maschinensprache machen *zwinkernicknack*.

      0

    • Joachim sagt:

      Jetzt, wo Du und Clara echte Verbrecher ™ sind und tikerscherk wohl der Anstifter war, da dürften ein paar Terror-Bombenbastelnanleitungen und verschlüsselte Nachrichten auch nichts mehr wirklich ausmachen.

      Diese subversiven Gedanken könnten der Dreierbande zum Verhängnis werden.

      Denn wie in den Köpfen darf es auch im Cyberspace keinen rechtsfreien Raum mehr geben. Denkt denn niemand an die Kinder? Wir beobachten Euch (natürlich, denn Internet is for xxxx – alle shades of gray). Gib mal die IP…

      (und nicht jetzt ::ffff:7f00:1 sagen. Sonst landet der Bundestrojaner

      tüüt tüüt, besetzt

      0

      • pantoufle sagt:

        Tikerscherk stiftet nicht, sondern ist Verbündete, Teil der Verschwörung. Nicht Theorie, sondern Verschwörungspraktiker der unausgesetzten Anti-Terroranschlägen. Unbezahlte Jubelperser, die die um zwei Stunden verspätete S-Bahn auf ihren Gebetsteppichen mit Lobgesängen begrüßen.
        EU-Fangkommission senkt Fischereiquoten. Der Kabeljau kann aufatmen!
        Weitere Nachrichten in Kürze.

        0

  4. Joachim sagt:

    Lange habe ich überlegt, ob ich was direkt zu der Geschichte sagen soll oder darf. Ich dachte, das tun Andere. Tun sie offensichtlich nicht.

    Da aber nun Mühe, Zeit und eine Menge “Selbst” in so einer Geschichte steckt und da keine Antwort irgendwie nicht unbedingt Zustimmung ist, also ein Autor ohne Feedback in der Luft hängt, hier mein Eindruck. Dabei ist vollkommen klar, dass ich das mit ganz anderen Augen sehe und sicher nicht verstehe. Darum geht es aber nicht. Auch ein Autor muss verstehen, dass seine Geschichten, einmal losgelassen, ein Eigenleben entwickeln.

    Eine Zeit lang habe ich viele Ami-Geschichten gelesen. Es gibt da (auch) echte Künstler, wenn man von einer seltsamen Romanik und naiven Sicht, manchmal sogar Hass (Irak-Krieg z.B) in einigen dieser Storys absieht. Jetzt, nach dieser Geschichte kommt mir die Idee, ob diese Amis nicht deutsche Vorfahren gehabt haben können. (Die schwedischen Vorfahren erkennt man sofort. Diese Geschichten sind anders). Clara erinnert mich an diese amerikanische Sicht einiger Autoren.

    Die Geschichte fließt, ohne Ziel, ohne Absicht und dennoch stetig, wie ein Fluss (mit einigen Spannungsklippen). Alles wirkt fast zufällig. Doch die Tatsachen zeichnen ein Bild, eine Einstellung, der nicht mehr widersprochen werden kann. Es ist, wie es ist und so geschehe es. So ähnlich ist diese Geschichte. Nur dass die US-Kleinstadt zur deutschen Kleinstadt wird. Sprachlich ist das nicht typisch deutsch, in dem Sinn, den man sich unter der Sprache der Dichter und Denker vorstellt. Erstaunlich, wenn man weiß, was der Autor selbst bevorzugt. Ich denke, die Sprache unterstreicht Authentizität, spricht direkt an, wenn der Inhalt “absurd” ist. Sprache soll hier, ähnlich wie in den US-Stories zu Identifikation führen. Absicht oder nicht, das geschieht jedenfalls. Da ist nichts abgehoben. Im Gegenteil. Der Protagonist ist selbst dann wortkarg und geheimnisvoll, wenn man seine Gedanken erfährt. Er wird dargestellt, wie in einem B-Movie.

    Da ist nichts abgehoben, bis auf den absurden Inhalt. Streichen wir einmal Sex. Den halte ich nicht für absurd. Lassen wir auch den Überfall, der natürlich “kreativ” und typisch für den Autor durchgeführt wurde. Kaum ein Tatort schafft das so intelligent. Was bleibt dann da?

    Ein Motorrad und ein Auto, die zwar “primitiv” doch beherrschbar sind. Eine Frau, die eine Hure sein will, doch ein gewitzter Engel und ein kleines Teufelchen gleichermaßen ist. Ein Teufelchen mit einem gelben Smiley auf der Brust (wie bei dem Ford). Das Auto passt zu ihr. Da kann man nichts “reparieren”. Man muss es nehmen, wie es ist – das Auto und die Frau (besser sagen, den Menschen). Mir kommt der Gedanke, Clara, das Motorrad und der Ford spielen die selbe Rolle. Doch kann man Menschen mit dem Schraubenschlüssel behandeln? Will man das überhaupt? Es ist, wie es ist. Motorränder sind wie sie sind. Menschen sind wie sie sind. Und beide sind wundervoll.

    Alles ist verbunden mit ein wenig Ami-Romantik, the lonesome rider, Road-Movie, Crime, 1..2 shades of gray und davon zu träumen, ein Segelboot zu klauen und endlich abzuhauen.

    Zugegeben, das ist schon eine Menge. Doch der letzte Punkt ist der Punkt…

    Nein, nein, mehr sage ich nicht. Es brauchte zu viele Zeilen, den Gedanken zu entwickeln. Nicht jeder dürfte bis hier gelesen haben. Doch vielleicht sieht jemand auf den Schluss.

    Es bleibt:
    Eine wunderbare kleine Geschichte eines unbändigen Geistes, der vom Reisen träumt. Von Reisen wie sie sein sollten. Wenigstens in den Träumen.

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  5. pantoufle sagt:

    Moin Joachim

    Vielen Dank erst einmal für die einfühlsamen Worte. Ein wenig gewundert hatte ich mich über die vollkommene Resonanzlosigkeit schon. Und dann ist der Effekt solcher Besprechungen beim Autor natürlich auch ein »Boa ey: Das habe ich auch noch alles geschrieben?« Mit stolzer Freude…

    Hatte ich mich wirklich gewundert? Eigentlich nicht. Es ist zu lang, obwohl ich es eigentlich um einiges ausführlicher ausbreiten wollte. Blogs taugen nicht zu Experimenten dieser Art; bleib kurz und knackig – die Aufmerksamkeitsspanne des Lesers in diesen Sphären ist begrenzt. Andererseits wird mir das zunehmend gleichgültig. Ich schreibe gerne, auch wenn es stilistisch noch hakelt. Egal! Da muß man dann durch. Die Frage, wer sich das tatsächlich von Anfang bis Ende durchgelesen hat, habe ich mir natürlich auch gestellt. Der eine oder andere wird es schon getan haben.

    Bei dieser Geschichte kamen nun ein paar Dinge zusammen. Tikerscherk hatte mir ein paar Stichworte hingeworfen mit der Aufforderung, etwas daraus zu machen. Ohne ins Detail zu gehen: Es standen unter anderem »Prostituierte« und auch »Ford Transit« im Pflichtenheft. Stellt sich nun zum einen die Frage, was Tikerscherk gerne lesen wollte – ich wurde ja bereits seit längerem gedrängt, mal was mit Sex zu schreiben. Ich selber hatte eigentlich sofort so ein Road -(B) Movie im Sinn. Mit allen Vorteilen, die das haben kann. Keine besonderen sprachlichen Anforderungen, Handlung zweitrangig (Hauptsache, es gibt was zu trinken, Fahrzeuge und Sex) und natürlich ein Verbrechen. Wenigstens ein kleines. Fahrzeuge liegen mir sowieso, und ohne groß daran zu feilen eine Geschichte zu erzählen, hat unbedingt etwas (man, was habe ich nachträglich gefeilt, bis das so klang!).

    Über all die anderen Kleinigkeiten darf sich der Leser den Kopf zerbrechen, so, wie das nun einmal ist, wenn man seine Geschichte losläßt. Und natürlich steckt die eine oder andere Andeutung drin, die gar nicht so schnodderig ist. Aber das ist ja das Schöne am Geschichten schreiben: Man erzählt es in erster Linie sich selber und erst dann einem Leser.
    So, wie man sich in Clara verliebt.

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    • Joachim sagt:

      Widerspruch:

      a) ist Clara nicht zu lang. Einige der US-Autoren schreiben deutlich länger (aber auch kürzer). Was nun nichts bedeutet, außer dass die Länge eben differiert. Clara steht für sich.

      b) Falls Du mich mit “Nicht jeder dürfte bis hier gelesen haben” missverstanden hast:
      Da ist kein Gedanke an “Clara sei zu lang”. Der Abschnitt bezog sich selbstkritisch auf mich selbst und sollte den letzten Satz, also das, worum es geht, in den Vordergrund stellen. Eine Art Entschuldigung dafür, das ich den Blog missbrauche, um meine “Gedanken” zu entwickeln.

      Mein(!!) Fazit: nein, nicht zu lang. Wenigstens ein paar Stellen dürften auch länger sein. Wenn ich dich recht interpretiere, dann siehst Du das selbst auch so.

      Und Mädels, hört auf Euch zu bedanken. Bitte! Ich fühle mich sonst nicht ernst genommen. Das aber kann man (frei nach Tikerscherk) auch direkt sagen, wenn dem so ist.

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  6. pantoufle sagt:

    Das mit der Länge der Texte ist schon ein interessantes Thema. Nach Untersuchungen des statistischen Bundesamtes für maximale Blogbeitragslänge Die gefühlte Länge der gefühlten Beiträge liegt bei höchstens 2 Seiten Libreoffice mit 12px Schriftgröße eines gemeinen MS-Satzes.
    Alles darüber hinaus scheint bäh zu sein. Ausnahmen bestätigen die Regel.

    Davon abgesehen finde ich die Form der Kurzgeschichte aber sehr reizvoll. Was mir in diesem Zusammenhang noch einfällt: Du meintest ja »Ami-Geschichten«. Ich sollte mal wieder mehr Lem lesen. Gerade seine Pirx-Geschichten haben vor allem sprachlich einiges, von dem man lernen sollte. Länge, Tempo und eben die Sprache. Erstaunlich einfach und ungekünstelt. In letzter Zeit habe ich einfach zuviel Schrott gelesen. Im Internetz von Menschen, die es nie lernen werden. Bersarin zum Beispiel: Da warte ich immer unter Hochspannung, wann der erste prominente Name fällt. Und werde nie enttäuscht! Nach spätestens 200 Zeichen ejakuliert er. »Nietzsche«, »Adorno«, Heidegger«. Und alle außer ihm haben falsch beziehungsweise gar nichts verstanden. »Nietzsche Nietzsche«, »Adorno Adorno«, Heidegger Heidegger«. Aber dafür gibt es ja ihn. Was für ein Clown – aber ich habe zugegeben viel Spaß an ihm.
    Jetzt bin ich aber sowas von abgeschwiffen (waswegmuß wird mir die Anleihe verzeihen)

    Was wollte ich sagen? Das mit der Länge ist so eine Sache. Man sollte seinem eigenen Taktgefühl vertrauen, wenn man die Melodie spinnt. »Die Leser« habe da gar nichts zu entscheiden – außer, lieber weiterzuhüpfen. Was auch eine Entscheidung ist und wie das Beispiel Bersarin zeigt, eine gute. Auch darin fühle ich mich mit ihm verbunden: Man kann immer noch als schlechtes Beispiel dienen, wenn einem sonst nichts mehr gelingt 😀

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