Chancengleichheit?

Londonurlauber kennen das: Der kilometerlangen „Einzelhandel“ in den billigeren Gegenden der Stadt. Ist der Tante Emme-Laden in Deutschland schon seit Jahren verschwunden, verdrängt von Aldi, Edeka und Spar, so hat diese Art des Einzelhandels in England überlebt. Neben dem unvermeidlichen „Inder“, dem Thairestaurant oder dem Kebabladen existiert das unvermeidliche Geschäft für drahtlose Telephone.
Ein Pakistaner hat eine Miniaturausgabe eines Supermarktes gegründet und verkauft Lebensmittel neben einem Geschäft für Möbel und der Autoreparatur im Hinterhof – alle Marken! Hin und wieder sieht man sogar eine Kamera an der Ecke – dafür so gut wie keine Polizei. Überwachungs-Kameras sind billiger! Ein kurzer Straßenzug, ein Viertel, in dem man jede Art von Ware oder Dienstleistung erwerben kann, die man im Allgemeinen von unserer Wohlstandsgesellschaft erwartet. Manchmal trifft man sogar einen „wirklichen“ Engländer – der Ausländeranteil der Bevölkerung ist aber dermaßen hoch, das man Kampfthesen wie „Deutschland schafft sich ab“ eines Sarrazins nur noch kopfschüttelnd zur Kenntnis nimmt. Würde man nur für eine Sekunde annehmen, das an den verwirrten Theorien solcher Rassisten nur ein Körnchen Wahrheit ist, hätte England bereits seit Ende der fünfziger Jahre aufgehört haben zu existieren.

Hier etwas Curry oder Gemüse, dort ein paar Drogen. Das nicht vollkommen legale Auto und ein paar Teppiche, die vom LKW „gefallen“ sind oder man reinigt die Straßen. Für das, was fehlt, muß das Sozialamt aufkommen.
Man überlebt: Gerade eben so. Man kann, so man will, die erstaunliche Luxusauto-Dichte auf den Straßen würdigen – der Blick zum Horizont wird verbaut durch die Hochhäuser der Banken, der Versicherungen und anderer international operierender Gesellschaften, die heuschreckenartig nicht nur dieses Land aussaugen. Man muß nicht sehr weit sehen: Da reicht es oft schon der Blick ans Ende der Straße. Der Glaspalast einer Bank liegt oft nur hundert Meter entfernt von den Müllbergen, die sich vor der Ausfahrt eines dieser Hinterhöfe auftürmen.
Geld zu verdienen gibt es hier nicht. Zwar suggeriert die Werbung von den Wänden, daß man ohne iPhone und Mercedes-Benz nicht wirklich glücklich werden kann, aber hier wohnt kaum jemand, der auf vollkommen legalem Weg imstande wäre, sich all das zu leisten – jedenfalls nicht, wenn er zusätzlich noch seine horrende Miete bezahlen will – England und speziell London sind sprichwörtlich „unbezahlbar“!
Wer hier lebt, bleibt hier. Das Märchen vom „Tellerwäscher zum Millionär“ ist für kleine Kinder.

Und man kann sicher sein: In den Glaspalast kommt keiner, der in so einem Viertel groß geworden ist. Dafür sorgt die englische Gesellschaft mit unerbittlicher Strenge.

Wer sehen will, wie es bei der Elite zu Hause aussieht, kann die „Sun“ oder ein anderes dieser unsäglichen Revolverblätter aufzuschlagen, die man für ein paar Cent an jeder Ecke kaufen kann. Das Trommelfeuer der Fernsehwerbung erzählt die Lüge, wie der Neoliberalismus sich den Wohlstand für alle vorstellt.

Um zu erfahren, wie es am anderen Ende der sozialen Nahrungskette aussieht, müsste wieder einmal ein Friedrich Engels durch die Behausungen in London, Leeds, Manchester oder Glasgow gehen. Diesmal nicht für die Lage der arbeitenden Klasse in England: Es ist die Lage der nicht Arbeitenden, denn das, was man an Arbeit verteilt, verdient den Namen nicht. Nicht dann nämlich, wenn man den materiellen Unterschied zwischen der wohlhabenden Oberschicht und dem Bodensatz betrachtet. Nicht dann, wenn man sich die der jeweiligen Klasse zur Verfügung stehenden Machtmittel ansieht – schon gar nicht, wenn man Selbstverständnis und Ideologie miteinander vergleicht. Da ist kein Ferdinand Lasalle in Sicht, kein Karl Marx oder August Bebel am Horizont. Keine politisch-soziale Idee, keine Gewerkschaften, keine Fürsprecher in den Parlamenten. Ein notdürftig ruhig gehaltener brodelnder Topf, von Kameras überwacht, den sozialen Einrichtungen vergessen und von der Politik verdrängt.

Das monströse Sparprogramm der Regierung Cameron bedroht die Existenz genau dieser Klasse. So wenig, wie man sich über die Ursache und Folgen der sogenannten Bankenkrise, für deren materiellen Flurschaden nun die Gesellschaft geradestehen muß, Gedanken gemacht hat, dachte man an etwaige soziale Folgen dieser „Einsparungen“. Die Gedankenspiele eines Premierministers, das Militär zur Bekämpfung der Unruhen der letzten Tage einzusetzen, erscheint aus diesem Blickwinkel nur folgerichtig. Hätte er den Vorschlag nicht gemacht, hätte man zugeben müssen, daß das komplexe Zusammenspiel von sozialer Ausgrenzung und Demütigung zu etwas geführt hat, das man als politische Unruhe interpretieren müßte.
Ginge es nach Cameron, sollte der Kulturkampf der geistigen und materiellen Elite Englands gegen die Verlierer des Neoliberalismus mit der Macht der Armee entschieden werden.
Die Macht der Gewehre dagegen kann sich nach einem demokratischem Selbstverständnis ja nur gegen etwas feindliches, kriminelles wenden – nicht gegen die eigenen Bürger. Voraussetzung dafür wäre natürlich ein gesellschaftliches Verständnis, das sich am zwanzigsten Jahrhundert orientiert und nicht an der Verfahrensweise der schlesischen Weberaufstände. Um wenigstens den Anschein zu erzeugen, man bewege sich im einundzwanzigsten Jahrhundert, sollen als flankierende Maßnahmen nun auch soziale Netzwerke und Nachrichtendienste zensiert, b.z.w. abgeschaltet werden; der letzte marginale Unterschied zwischen der ältesten Demokratie der Welt und einem totalitären System in Afrika wäre gefallen.
Die englische Politik hat sich für einen Rückfall ins neunzehnte Jahrhundert entschlossen, die Elite sagt dem plündernden Mob den Kampf bis aufs Messer an.

Es bleibt abzuwarten, ob man sich selber damit nicht einen Bärendienst erweist: Die Plünderungen und Brandstiftungen haben sich bis jetzt auf die ärmeren Viertel beschränkt – die Einkaufmeilen der Wohlhabenden wurden durch überwältigende Polizeipräsenz geschützt. Die vom Premierminister beschlossene Spaltung der englischen Gesellschaft könnte zu etwas führen, was der Politik gar nicht recht sein sollte: Daß die bis jetzt nur wahllos Plündernden sich als Klasse begreifen, nicht als Individuen, denen die vergangenen Nächte eine Jacke, einen DVD-Spieler oder ein paar Lebensmittel eingebracht haben. Hier ein wie auch immer geartetes politisches Bewusstsein zu unterstellen, wäre falsch – es könnte sich aber ändern! Die Spaltung der englischen Gesellschaft ist sehr viel tiefer, als es diese Krawalle glauben machen.

Noch überwiegt die Wut und der Zorn des „anständigen Bürgers“ über die sinnlosen Zerstörungen – wenigstens solange man selber noch materiell ein klein wenig über den marodierenden Jugendbanden steht. Den Grundstock dafür, daß das nicht mehr allzu lange so bleibt, hat die jetzige Regierung schon vor langer Zeit gelegt.

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