Bretter die die Welt bedeuten II

Da steht ein roter LKW auf dem Parkplatz kurz hinter der Ampel. Redburn-Transfer Ltd, England, Enfield EN3 7PH und er transportiert unsere Backline sowie die unvermeidlichen Devotionalien des Künstlers. Rot. Sehr rot. Mit einem weißen Streifen an der Seite, welches das Rot wirkungsvoll unterstreicht. Ein Siebeinhalbtonner nutzt die Ampelphase dunkelgelb, nimmt Maß und erwischt den Aufbau des Redburn so präzise, daß es mit dem Koffer auch noch den Rückspiegel zerlegt. Deutscher Kunststoff trifft englischen Stahl. Ein nicht alltägliches Schauspiel morgens um sieben in Bielefeld.

Hübsch gemacht haben sie das ja, dieses Bielefeld; das muß der Neid ihnen lassen. Die Häuser und Straßen sehen richtig echt aus. Das Riesenloch im Aufbau des Siebeneinhalbers auch. Da könnte man eine Kuh durchschieben. Schlingernd hält das Wrack an und zwei Unglücksraben steigen aus. Ja, was machen wir denn da? Warnblinker wären eine gute Idee. Und da ist auch schon die Polizei! Das Geschepper muß meilenweit durch die sonntagsleeren Straßen zu hören gewesen sein und die Behörde kommt auf einem nachhaltigen, biologisch abbaubaren Fahrrad. Der Fahrer des Redburn-Trucks ist – oh Wunder – Engländer und spricht leider kein Deutsch. »Macht nichts!« sagt der Polizist mit seinem ziemlich bescheuert aussehenden Helm. »Ich spreche englisch«. Das verspricht lustig zu werden und ich hole mir sicherheitshalber noch einen Kaffee. Henry, der Fahrer des roten Trucks, stammt aus Cornwall. Einen sehr interessanten Dialekt spricht man dort. Keltisch mit kleinen Einsprengseln des Englischen.

Der örtliche Veranstalter redet wie ein Wasserfall, während er mich am frühen Morgen durch den Ameisenbau der Spielstätte treibt. Als es mir zehn Minuten später endlich gelingt, ihn abzuhängen, lehne ich erschöpft an einem Geländer. Mal sehen, wieviel Prozent des Gesagten hängengeblieben ist: Ein Komma mit einer Null davor, gefolgt von einer zweistelligen Zahl im unteren Bereich. Zur Bühne eine Treppe hoch, dann links und dann die Tür rechte Hand. Daran glaube ich mich erinnern zu können. Strom haben sie auch und der Rigger kommt um halb Neun. Hinter der beschriebenen Tür finden sich Stühle und zwei Mülleimer. Treppe weiter rauf. Es riecht nach Kaffee. Den Geruch sollte man sich merken im Zusammenhang mit dem Türschild »Foyer 2«. Noch zwei Treppen höher durch einen kurzen Flur und ich weiß, wo sich für den Fall eines Großbrandes die Feuerlöscher befinden. Die Suche im Erdgeschoß führt in einen langen Gang, der links zu der verschlossenen Tür »Notausgang« und rechts zu einer sehr häßlichen Dame mit einem Herzen aus Gold führt.
Den Bühneneingang hätte ich nur um dreieinhalb Treppen verpasst und einen frischen Kaffee bekomme ich auch. Die gute Seele! Solcherart getröstet führen mich die beschriebenen dreieinhalb Treppen zum Getränkelager. Das sollte man sich nun wirklich merken! Im Gegensatz zum Notausgang ist diese Tür unverschlossen und Salzstangen gibt es dort auch. Glücklich kauend betrete ich die Bühne auf Stage Left. War eigentlich ganz einfach, wenn man dem Gang mit den Abwasserrohren folgt, bis man auf die Stahltür mit dem Hinweis »Zutritt strengstens verboten!« trifft. Darunter ein kleines Stück Tape, auf dem mit Edding gemalt »Bühne rechts« steht. Hello Cleveland! Hier kann ich sein, hier bleibe ich erst mal. Wenn’s die richtige Bühne ist, werden sie mich finden und vielleicht weiß dann auch jemand, wo das Catering ist. Was zum Teufel versprechen sich eigentlich die Hardcore-Fans der Bands von Backstage-Karten?

Wehe, die Veranstaltung ist bestuhlt. »He, Sie da, junger Mann!« Gefürchtete Momente im Rock’n’Roll. Der Kunde ist unzufrieden. Bestuhlte und unbestuhlte Shows unterscheiden sich in erster Linie durch die Lautstärke des dargebotenen Programm-Materials. Bestuhlt hat für die Techniker den Nachteil, daß das Opfer nicht so leicht weglaufen und sich die Veranstaltung schön saufen kann. Sonst heißt das »Ey Alder! Kannse ma die Gitarre lauter machen?«, »Ich werd’s weiter geben!« und die Sache ist erledigt. Bestuhlt ist kniffeliger. Ein T-Shirt mit der Aufschrift »Ist es Ihnen auch viel zu laut?« hilft für den ersten Moment und lenkt Beschwerden gleich in die richtige Bahn. Manchmal sind aber auch T-Shirts von Rock’n’Roll-Bediensteten in der Wäsche.
Es ist aber auch sonst nicht einfach: Als Zielscheibe der Kritik halten sich immer ein paar Figuren der Produktion im Saal auf und das mit volle Absicht. Der Künstler will nämlich, daß die Gitarre zu leise, das Licht zu rot und die Bassdrum zu wummerig ist. Er hat sich dabei etwas gedacht. »Ich setzte einfach ein paar Figuren als Blitzableiter ins Publikum, die überhaupt nichts daran ändern können, daß die Gitarre zu leise, das Licht zu rot und die Bassdrum zu wummerig ist!« Super Idee! Wäre der Künstler nicht so unanständig reich mit dem Spielen von zu leisen Gitarren geworden, sondern hätte eine Karriere als Kunstmaler eingeschlagen, so würde er sich auch nicht von jedem Arsch erzählen lassen, daß mit einer weiteren Tube roter Farbe das Bild erheblich gewinnen würde.
Bestuhlt schreit also nach Taktik. Fast immer hat bestuhlt eine Pause, damit das geehrte Publikum den Alkoholspiegel aufrecht erhalten und die völlig überteuerten T-Shirts, Kugelschreiber, Socken oder CDs des Künstlers kaufen können. Damit sie am nächsten Tag anhand der Aufschrift auf den Andenken noch wissen, warum das Portemonnaie so leer ist.
Also werden die verantwortlichen Techniker zusehen, daß in der Pause jemand anderer, als leicht erkennbarer Ansprechpartner dort sitzt. Vorzugsweise irgend ein Azubi in der typischen Tracht der Rock’n’Roll-Techniker: Halblange Hose mit Maurerdekolleté, am Gürtel martialisches Werkzeug und T-Shirt eines sehr, sehr bekannten Künstlers. Lässiges lümmeln hinter bedeutend aussehendem Gerät, um sich an die nächststehende Securette heranzuwanzen oder die hübsche Eisverkäuferin von der Arbeit abzuhalten. Von einem beschwerdefreudigen Besucher darauf angesprochen, daß man die Trompete überhaupt nicht hören könne, wird er die Entrüstung darüber mitfühlend teilen, um dann unauffällig zu einer anderen, weltbekannten Produktion überzuleiten. Diese sei nur durch seinen unerschrockenen Einsatz gerettet worden, als dem Trompeter das Instrument aus der Hand glitt und im Klo zu verschwinden drohte. Wäre er persönlich nicht zugegen gewesen und hätte geistesgegenwärtig tief ins… und dann ist die Pause zum Glück auch schon vorbei!

Das ist natürlich maßlos übertrieben und kommt im realen Leben fast nie vor! In Wirklichkeit schickt man die armen Tröpfe dorthin, um ihre Schlagfertigkeit und Indolenz zu schulen. Die wirklich interessanten Beschwerden werden ohnehin von Fachpersonal bearbeitet.
»Hey, Sie da! Ich will mich beschweren!«
»Jo, nur zu! Womit kann ich Ihnen behilflich sein?«
»Die Texte bei den Ansagen, die versteht man überhaupt nicht! Und die erzählt doch so viel da auf der Bühne.«
»Wo sitzen Sie denn? Ist Gesang und Sprache dort zu leise?«
»Nein, laut genug is’ ja. Aber ich kann kein englisch!«
Ein mitfühlender Blick muß erst mal reichen, solange man sich sammelt und die passenden Worte sucht.
»Also ich meine, wenn da einer was sagt und ausländisch singt, sollte da oben immer ein Video mit einer Übersetzung mitlaufen. Wie im Fernsehen.«
So geschehen im Jahre des Herren 2017 in Berlin. Eine passende Antwort ist in Arbeit.

Die Trucktüren sind zu, die Hands verabschiedet und die Produktion hat bereits das Weite gesucht und gefunden. Handtücher liegen im Produktionsbüro (Geschenke unterm Weihnachtsbaum). Wie immer. Ich zerre meinen Koffer durch die leeren Katakomben auf der Suche nach einer Dusche. Jazz. Hard Bop. Hard Bop? Irgend jemand hört hier Horace Silver. Überall offene Türen. Diese nicht, nein, diese. Ein Stilleben von Koffer, gebrauchten Handtüchern, einem angebrochenen Sixpack Heinecken-Bier und unserer Cellistin, die vor ihrem Laptop sitzt. Irgend ein Bottich ohne Wasser mit halbvertrockneten Schnittblumen.
»Ich bekomme die Flasche nicht auf! Kannst Du mal…?«
Aber natürlich! Jeden Tag hat sie mir mindestens einmal ein Lächeln ins Gesicht gemeißelt. Immer, wenn sie sich vor dem Soundcheck auf der Bühne einspielte. Man mag gar nicht glauben, was eine wunderschöne Frau mit mit einem Cello so anstellen kann. Ihrer Trommel, Stimme, Gitarre oder Flöte. Sie spricht durch ihr Instrument; selten habe ich das bei einem Musiker so intensiv wahrgenommen wie bei ihr. Jetzt sitzt sie vor dem Rechner und ihr Körper ist vollkommen auf der Bühne Ende der 60. Jahre. Etwas in ihr spielt mit, muß mitspielen.
»Du glaubst nicht, wie oft ich diese Aufnahme schon gehört habe!«
Doch, das will ich gerne glauben. Auch wenn es oberflächlich schwerfällt, ihre New-Age-Performance auf der Bühne mit dem Elvin Jones Trio und diesem Ausnahmepianisten in einen Zusammenhang zu bringen.
Wir stoßen an.
»Schade, daß es schon vorbei ist!«
Wirklich schade; ich hätte ihr so gerne noch eine meiner Lieblingsaufnahmen von Miles Davis vorgespielt. At the Olympia, 1960; John Coltranes Nacht war das. Die viel zu kurze Tour muß erst an ihre letzte Nacht kommen, bis sich zwei Bebop-Freunde treffen. Komm, noch ein letztes Heinecken – soll der Nightliner doch warten! Mein persönlicher VIP-Backstage-Pass. Unvergleichlich, unverkäuflich. Es gibt keinen »Musikgeschmack« – es gibt nur Musik und die Menschen, die sie machen. Die können einem dann sympatisch sein oder auch nicht.

So sitzen wir wir noch eine Weile, bis sich eine Hand auf meine Schulter legt und eine auf die ihre. Susi hat uns gefunden. Susi will zurück nach Schottland, nach Hause.
»Kommt, Ihr beiden. Der Nightliner wartet auf uns.«
Round Midnight.

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