Bretter die die Welt bedeuten

Es gibt noch Zeichen und Wunder! Der offensichtlich wohlhabenden Produktion gefällt es, den angemieteten Technikern einen eigenen Nightliner zu spendieren. Vier Fraggels auf einen Bus, auf dem normalerweise 10 – 12 Personen Sessel und Bett finden. Mehr Luxus ist kaum denkbar, zumal sich dadurch der Kontakt mit dem Künstler und seinem Anhang auf das unvermeidliche Minimum beschränkt. Das Leben ist schön in getrennten Bussen!

So schön, daß die zwei Azubis, die ihre erste Reise mit uns machen, in Wien um volle zwei Stunden verschlafen. Oder konkret: Als die beiden wie die angeschossenen Kaninchen auf die Bühne schleichen, steht schon alles spielfertig oder hängt in den Motoren von der Decke. Jetzt stehen die zwei mit hängenden Ohren vor mir und all die Sprüche, die ich mir während des späten Morgens überlegt habe, sind wie weggeblasen. Hoffentlich benutzt jetzt keiner von ihnen das Wort Wecker.
»Der Wecker hat…«
Tief Luft holen! Es gibt Dinge die es nicht gibt. Die Logik verbietet es. Ein offensichtlicher Tunneleffekt und das ausgerechnet in Österreich. Ob die beiden einer Erklärung über Quantenmechanik folgen können? Es sieht nicht so aus. Ein gelähmter Denk- und Bewegungsapparat nagelt sie am Boden fest. Mal sehen wie lange die Totenstarre andauert.
Auf der Bühne ist es verdächtig still geworden. Ganz, ganz still. »Wo ist Dein Mann?« belle ich den einen an und zu dem anderen ein »wir sprechen uns noch!«
Das war nun nicht besonders kreativ und weit entfernt von den zurechtgelegten Formulierungen, aber es paßt zur Situation, obwohl es gendermäßig vollkommen unkorrekt ist. Es ist nämlich gar nicht ein Mann, sondern eine Lichtfrau und eine besonders reizende obendrein.

Unser Trucker Manni heißt tatsächlich Manni. (Ich weiche dieses Mal von der eisernen Regel ab, Namen in meinen Geschichten abzuändern. Natürlich heißt er Manni) Heute stand er ausnahmsweise nicht vor uns am Loadingdock, sondern kommt eine Viertelstunde später. Österreich: Da kann er auf der Autobahn streckenweise nur 60 km/h fahren. Manni kommt auf den Hof gerollt, wo ich in der Einfahrt warte und meinen Fuß in die Luft halte um ihn zum Stehen zu bringen. Lichthupe und und zwei, drei tiefe Töne aus seiner Dampfpfeife. So tief und laut wie die eines Dampfers; jetzt wissen alle, daß er angekommen ist. Die Produktion, die Nachbarn und eigentlich auch die Azubis. Manni steigt ganz Cowboy mit einem Kaffeepott in der Hand aus seinem Volvo, Umarmung und erst mal Lagebesichtigung. »Da soll ich drunter passen?« Ich hole mein Laser-Distro aus dem Rucksack. 4,17m an der niedrigsten Stelle des Vordaches. Sein Trailer baut 4,10m hoch, aber vom Boden sieht das sehr knapp aus. Paßt aber. Der Laser wird schon richtig anzeigen und Mannis 4,10m werden auch stimmen.
Manni hat vor 1½ Jahren geheiratet. Eine gute Frau, wie er nicht müde wird zu betonen. Er würde alles für sie machen! Das Rauchen aufgeben, keinen Kaffee mehr trinken und die rumhurerei hat sich sowieso erledigt. »Ich werde will Dich lieben, achten und ehren, alle Tage meines Lebens und niemals meinen Truck (»Volvo! Nix anderes!«) aufgeben. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes.« Damit wird sie leben müssen.

»Winterschlußverkauf! Alles muß raus!« Die Rampe wird angelegt und ein dutzend lokale Helfer schieben das Material in Richtung Bühne.
Manni legt sich erst mal schlafen. Solange ist es mein Truck. Bis die Luken heute Nacht wieder geschlossen werden. Dann habe ich seine Ladung verstaut und gesichert, so, daß er keinen Ärger bei einer Kontrolle bekommt oder – was viel schlimmer wäre – etwas verrutscht oder gar zu Bruch geht. Ich will seinen schwarzen Volvo am nächsten Morgen ohne Kratzer einweisen, will ihn mit dem unvermeidlichen Kaffee in der Hand vom Bock klettern sehen. Ohne ihn und seine Ladung sind wir alle nichts. Ein paar Moleküle im Weltraum ohne Fahrkarte nach Hause.

Mein kanadischer FOH-Engineer Clive ist gut 10 Jahre älter als ich, weißhaarig und mit der Ruhe und Erfahrung eines langen Berufslebens gesegnet. Eigentlich ist er ja schon im Ruhestand, hat sich aber für diese Produktion noch einmal ein Bett im Nightliner ausgesucht. Von wegen »mit dem Alter läßt das Gehör nach!« Der hört alles, schummeln gilt nicht. Und pingelig ist er auch, so hat man mich schon im Vorfeld gewarnt. Natürlich! Pingelig! Es sind immer die selben Begriffe hinter denen die Faulheit lauert. Der Mann ist nicht »pingelig« sondern macht das, wofür er sein Geld bekommt. Den bestmöglichen Job und ein klein wenig darüber hinaus, was die Guten vom Durchschnitt unterscheidet. Immer höflich, immer korrekt und niemals fordernd. Wenn er die Resonanz bekommt, die für seine Arbeit wichtig ist, bedankt er sich für jeden Handgriff, für jede Idee oder Geste. Ist er unzufrieden, stellt er seine Teetasse ein klein wenig lauter auf den Tisch. Nur nur ein klein wenig, man muß schon sehr genau hinhören. Es ist ein winziger Unterschied dieses Geräusches, an dem man seine Stimmung ablesen kann. Nach dieser Zeit der Tournee ist es der einzige Indikator seiner Laune, den ich entdecken konnte.
Eine bemerkenswerte Art der Disziplinierung. Wenn er lächelt – und er hat ein wunderbares Lächeln; nicht nur sein Mund, seine ganze Haltung, der Körper lächelt – ist die Welt um exakt dieses Lächelns reicher. Das kann sehr viel sein. Und da ist ein unbändiger Stolz, wenn er fragt »haut das so hin?« und dein »Ja!« unkommentiert und vor allem ohne Überprüfung akzeptiert. Liebe.

Die Mühe, die verfügbaren Netzwerke und ihre Schlüssel von den Zetteln im Catering abzulesen, mache ich mir schon lange nicht mehr. Weiter als bis zur Tagesschau.de bin ich bisher nicht gekommen. Gibt es sonst noch was in der Welt?
Bestimmt hat jemand etwas über den Zustand der linken Kritik unter besonderer Berücksichtigung der Haltung von Zirkustieren geschrieben. Gibt es den Schreiberling tatsächlich? Existiert er physikalisch oder ist das nur eine Chimäre, ein Bot? Sie geben vor Menschen zu sein, aber gesehen habe ich sie nie. Nein, das stimmt nicht ganz. Ein paar kenne ich, habe ihnen die Hand gereicht, mit ihnen gelacht, getrunken und ihnen eine gute Nacht gewünscht. Ein paar. Es ist eigentümlich, wie sehr man diese Stimmen ernst nimmt und nicht die der anderen, deren Geruch man nicht kennt, niemals eine schweißnasse Stirn bei ihren offensichtlichen Lügen sah und kein Zeichen auf ein bürgerliches Leben hindeutet. Mit jedem Tag wird dieser Eindruck stärker. Das Menschsein der anderen ist eine Wahrnehmung, die sich auf Dauer nicht betrügen läßt. Irgendwann kommt der Moment, wo all die hohlen Phrasen nicht mehr zünden und  die Bedeutungslosigkeit nicht übertünchen können. Irgendwann dampft das Leben seine Protagonisten auf ihre tatsächliche Größe ein. Irgendwann kommt der Moment, wo man den Wecker hören sollte.

Auf diesem Abschnitt unserer Reise hat unser Bus einen Doppelfahrer. Doppelfahrerin, um genau zu sein. »Ich mag diese Singledecker nicht!« stöhnt sie. Irgend ein Zusammenhang mit Masse, Kupplung und Gewohnheit ist es, der sie stört. Einen Kaffee oder ein Mineralwasser möchte sie nicht. Danach fragt man den Fahrer aus Höflichkeit, wenn man sich um 7:00 Uhr morgens auf den Platz neben ihn setzen möchte. Einen Doppeldecker will sie. Die Kollegen schlafen noch, mit oder ohne Wecker. Den brauchen wir heute nicht. DayOff. Um Nürnberg herum wird es ungemütlich. Baustellen, Berufsverkehr und dumme PKW-Fahrer, die nicht wissen wie langsam diese großen Autos bremsen. Martina trägt den Bus gleichsam um die Kurven, so behutsam, daß ein volles Glas Rotwein vom letzten Abend auf dem Tisch nicht umfallen würde.
»Die haben doch alle Bretter vor der Birne!«
»Ja, und für einige bedeuten sie die Welt. «
Langsam lichtet sich der Nebel auf den den Feldern links und rechts von uns und wir träumen uns an den weißen Linien der Straße entlang.

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15 Kommentare zu Bretter die die Welt bedeuten

  1. Fluchtwagenfahrer sagt:

    Moin Pantoufle, schön wieder von dir zu lesen.
    War mal wieder schöne auch hintergründige Poesie, so muss das sein, fein.
    schönes Loch im Hemde

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  2. L´Andratté sagt:

    Ja, endlich mal wieder was in der Schrottpresse!
    Schmieröl und Liebe (und kaum Damen=Moden), eine köstliche Mische, wollt ich längst mal gesagt haben.

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  3. DasKleineTeilchen sagt:

    „Irgendwann dampft das Leben seine Protagonisten auf ihre tatsächliche Größe ein. Irgendwann kommt der Moment, wo man den Wecker hören sollte.“

    haha. *heul*

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  4. Stony sagt:

    Ein Text der mich schweigen macht. Auf eine gute Art.

    Danke.

    & Cheers!

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  5. tikerscherk sagt:

    Ich liebe Deine Prosa. Weisste ja.

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  6. flurdab sagt:

    Ein schöner Text, eine schöne Tätigkeitsbeschreibung.
    Ich möchte viel mehr darüber lesen was Menschen tun.

    Ich habe gerade ein interessantes Video bei Youtube gefunden, welches sich perfekt in Ackerschlepper Kleinbildzucht und Damenmode einfügt.
    Viel Spaß!

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  7. Pantoufle sagt:

    Moin allerseits.

    Tja, Tikerscherk. Prosa. Trotz einiger Nackenschläge empfinde ich das Leben gerade eben wieder als sehr poetisch. Dazu kommt, daß ich meine Arbeit wirklich liebe und feststelle, daß man das respektiert und anerkennt. Das ist schon verrückt: Selbst die unvermeidlichen Fehler werden dann anders bewertet. Das ist ein wenig wie…
    Gestern war die Beerdigung unserer Nachbarin. Ein echtes Biest und Haudegen und im engsten Familienkreis aus naheliegenden Gründen. Selbstverständlich waren meine Frau und ich dort und standen mit am Grab. Die »nahen Angehörigen« waren ehrlich überrascht und gerührt uns dort zu sehen. Warum eigentlich? Die Beerdigung ist doch eigentlich für die Freunde und Verwandten. Nicht für die Toten; sie sind doch nur der entfernte Anlass. Wenn wir uns außerhalb der Konventionen wahrnehmen.

    @fludab
    Ja, ich auch. Tätigkeitsbeschreibungen, etwas, was ich unter anderem bei Annika sehr schätze. Gab’s früher mal. Arbeiterliteratur nannte man das, auch wenn das in diesem Zusammenhang nicht präzise trifft. Ich weiß nicht, warum das unpopulär geworden ist. Vielleicht hängt es damit zusammen, daß allgemein gesellschaftliche und politische Aussagen wenig bis gar nichts mehr mit dem tatsächlichen Lebensinhalt zu tun haben. Beispiel: DIE GRÜNEN, aber auch das Getöse in den unsozialen Netzwerken, deren vorrangiger Sinn darin zu bestehen scheint, gerade das ins Schaufenster zu legen, was man nicht besitzt.
    Ablaßbriefe in einer Form, daß man immer das fordert, von dem man sich innig wünscht daß es niemals eintritt. Oder schlimmstenfalls nur für die anderen. Gar nicht so leicht, heutzutage noch politische Blogs zu unterhalten 🙂

    Sehr schönes Video übrigens, welches hervorragend hierher passt. Gutes, altes Handwerk! Vor allem die Frage eines harmonisch in die Komposition integrierten Auspuffs ist vorbildlich gelöst. Zu denken gibt lediglich der äußerst optimistische Drehzahlmesser mit 1800 R/PM… Upps! Nein! Ich sehe gerade: 6 PS/1500 Umdrehungen. Das hätte ich der Dame gar nicht zugetraut! Und immerhin mit Vorkammerzündung für seidenweichen Lauf des 550 ccm Treibsatzes.
    Das sollte bis auf die wackeligen Euro-0,5-Werte zulassungsfähig sein!

    [Warum in Dreiteufelsnamen habe ich eigentlich Damenmoden in den Header geschrieben? Ein Thema, bei dem man sich nur in die Nesseln setzen kann. Jedenfalls mit meinem Geschmack]

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    • flurdab sagt:

      Damenmoden gehen eben immer!
      Und irgendwann wirst auch du etwas dazu schreibe, ganz sicher.
      Allein die Wertschätzung in „Damen“- Moden.
      Das hat Charme, das hat Esprit.
      Unbedingt bei behalten.
      Damen brauchen kein UNI- Klo.

      Grüße

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  8. Martin Däniken sagt:

    Warum gibt es sowenig „Clives“ an den Rädern der Macht…
    Weil sie wissen was sie tun und das können sie gut
    -und weil sie wissen das es gebürtige Unbelehrbare gibt
    und die anderen,die Hoffnung machen.
    Und sie kennen den Unterschied zwischen Gefallen und gefällig sein,
    was Mächtigen oder solchen,die sich dafür halten, nicht so offenbar ist oder schlicht egal.
    Und einem „Clive“ ist es nicht egal, aber lässt sich nicht (mehr) davon aus der Ruhe bringen.

    Ich bin jetzt Fünfzig und habe wenige „Clives“ kennen gelernt
    und meist im nachinein erkannt wen ich kennengelernt habe!

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    • Pantoufle sagt:

      Das ist gut beobachtet: »…und habe wenige „Clives“ kennen gelernt
      und meist im nachhinein erkannt wen ich kennengelernt habe!«
      Schön, daß es Dir dann doch noch aufgefallen ist. Den allermeisten geht diese Kerze niemals auf. Es ist doch seltsam, daß die meisten ihre ganze Energie dahingehen verschwenden, das Schlechte zu finden, ein einziges Haar in der Suppe, den Pickel im Nacken. Zusammen mit einer gehörigen Portion Selbstmitleid verkleistert es nach kurzer Zeit jede Art von Wahrnehmung.

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  9. daMax sagt:

    Schöner Text. Fröhlich und melancholisch zugleich. Mag ich. Überhaupt schön, mal wieder was vom Großmeister der wohlfeilen Worte zu lesen. Deine Essays sind ein zuverlässiger Leuchtturm im trüben Nebel des deutschsprachigen Weltennetzes.

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    • Pantoufle sagt:

      Papperlapapp! Tränendrüsiger alter Mann greint, weil die Tour schon wieder vorbei ist. Die nächste steht schon in den Startlöchern und das wird gar nicht gut. Soviel weiß ich schon. Jim Pandzko hat ja echte Vorbilder; diese schnell verdrängte Tatsache kann schnell zum Fluch der Techniker werden.

      Den Affen in Gelsenkirchen, die nicht in dem Musikvideo zu sehen sind, die Böhmermann aber im „Neo Magazin Royale“ zeigte, um den Entstehungsprozess des Hits zu erklären, scheint die Abwechslung gefallen zu haben: Schimpansen brauchen ständige Beschäftigung, wie Sabine Haas vom Gelsenkirchener Zoo sagt. „Das Kamerateam und die ganzen Leute – das war für die Affen wie Fernsehen.“

      Horizont

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      • daMax sagt:

        Hihi, ja die Jim Pandzko Nummer habe ich gestern Abend auch angeguckt. Echt super.

        Und nix papperlapapp, nimm ein Kompliment einfach mal an, ich verteile sie nur selten und immer berechtigt 🙂 Und wenn dich deine nächste Tour in Köln vorbeiträgt: bitte VORHER anmelden. Ich bin nicht mehr so spontan wie ich mal war :-/

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        • Pantoufle sagt:

          Wir sind auch in Köln. Aber da willst Du nicht hin: Weder spontan noch in Handschellen. Ich melde mich über einen abhörsicheren Kanal. Wahrscheinlich abhörsicher. Kiswahili mit PGP. Oder Linearschrift A. Kobolz völlig ohne Klassen. Irgendwie sowas!

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