Bottrop also

_DSC6426_1Sag mir keiner, daß es vollkommen langweilige und nichtssagende Ort gibt! Jeder Ort jede Stadt hat ihre Ecken und Winkel und kleine, reizvolle Plätze, an die der Reisende in den Erinnerungen sein Herz hängen kann.
Bottrop also. Beim durchwandern der Fußgängerzone ein Déjà-vu: Hier warst Du schon einmal! Irgendwann, zu irgend einer Gelegenheit, bei der man dich ebenfalls aus einem vergessenen Grunde in dieser Stadt abgeparkt hatte. Dieses türkisches Restaurant – an das konnte ich mich erinnern. Es sieht nicht nur anders aus als sich türkische Gaststätten im Allgemeinen darstellen sondern schmeckt auch anders. Man isst ausgesprochen gut dort, halal und demzufolge ohne Beck’s.

Überhaupt Frömmigkeit: „Die These, daß das Alte Testament in der christlichen Kirche keinen kanonischen Status haben sollte, wurde zum letzten Mal von nationalsozialistischen Theologen vertreten. Sie wurde durch den jüdisch-christlichen Dialog nach 1945 glücklicher- weise schnell überwunden.“
Christoph Markschies, Präsident der HU zu Berlin zwischen 2006-2010

Nanu, wer stört denn den Frieden an der HU? Zur Abwechslung sind es dieses Mal keine Gender-Spezialistinnen, sondern die die theologische Fraktion der Universität. Also keine skurrilen Sprachanpassungen, sondern die knallharte Fakten des alten Testamentes. Notger Slenczka, Professor des Fachgebietes »systematische Theologie mit Schwerpunkt Dogmatik«, rüttelt 2015 an der Kanonizität genau derer. Oder in dürren Worten: Das alte Testament der Bibel wäre nicht mehr glaubensverbindlich für den modernen Christen, apokryph wie so vieles andere, was keine offizielle Aufnahme in die alte Schrift fand – das Buch Genesis bis Maleachi ein Fall für die Wertstoffsammlung.
Neu ist die Idee tatsächlich nicht. Bereits 1933 waren die »Deutschen Christen« bei einer Kundgebung im Berliner Sportpalast zu der Einsicht gelangt, das Alte Testament (bei den Juden Tanach genannt) wäre »undeutsch« und von daher abzulehnen.
Kein Wunder also, daß die Diskussion an der HU schon nach wenigen Momenten auf Nazivergleiche, genauer der Unterstellung eines klassischen Antijudaismus hinauslief.

Nun ist der Krawall um des Lärmes wegen an Universitäten nicht unbekannt. Ebensowenig die Tatsache, daß jede noch so bescheidene Theorie irgendwann von irgend jemandem wieder lauwarm aufgetischt wird. Man fragt sich allerdings schon, ob dieser Disput tatsächlich für die Probleme der Theologie des 21. Jahrhunderts stehen soll. Da sind sogenannte Islamisten doch schon weiter, wenn sie sich unter Berufung uralten Sagen ins Bewußtsein der Menschheit bomben.

Aber wir waren ja bei Bottrop. In besagtem türkischen Speiselokal bekam ich zum ersten Mal türkischen Honig serviert zusammen mit einem Kaffee, der es wert war, neben das beste italienische Gebräu gestellt zu werden. Das alles ist schon Jahre her, aber das Restaurant gibt es immer noch. Da sag noch einer, die Menschheit würde nichts dauerhaft Gutes betreiben!

cc by NASA

cc by NASA

Der Betrieb des Weltraumteleskopes Hubble zum Beispiel jährt sich nun zum 25. Mal. Für den Gelegenheitssterngucker Pantoufle ein bemerkenswertes Jubiläum. Darum also einen herzlichen Glückwunsch an das Teleskop und seine Erbauer. Trotz der Startschwierigkeiten und der amerikanischen »jetzt aber schnell!« Mentalität, mit der es ins All geschossen wurde. Bei der Ausschreibung für die Hauptlinse des Teleskops waren damals auch Zeiss/Oberkochen und Lichtenknecker/Hasselt im Gespräch. Herr Ruhland, damals CEO bei Lichtenknecker, bemerkte zum Liefertermin, daß dieser vom denkbaren Zeitpunkt der Auftragsvergabe gar nicht einzuhalten wäre. Das Glas hätte während und nach dem Schliff Ruhepausen benötigt, um die erforderliche Präzision einhalten zu können. Glas lebt wie jedes andere Material auch, vor allem, wenn es sich dabei um einen Spiegel von 2,4m Durchmesser und ca. 800kg Gewicht handelt. Technisch gesehen also eine eine Unmöglichkeit, die auch mit modernsten Methoden nicht zu ändern wäre. Die Firma PerkinElmer versprach sich von allermodernsten Methoden Abhilfe mit dem bekannten Ergebnis: Das Teleskop benötigte eine Brille, da der Hauptspiegel missraten war.
Zur Überraschung aller wurden die massiven Fehler der Optik erst im Orbit bemerkt – wer hätte damit rechnen können (Außer Lichtenknecker und Zeiss vielleicht)? Genau! Da hatte sich der Spiegel nämlich »gesetzt«. Das geschah nicht nur über den gesamten Durchmesser, sondern auch über den Hohlräumen der Honeycomb-Struktur, die hier zum ersten Mal bei einem Spiegel dieser Größe und technischen Bedeutung verwendet wurde. Die daraus folgenden Komafehler und sphärische Aberration konnten erst nach insgesamt fünf Wartungsmissionen korrigiert werden.

Ein Anruf bei Mijnheer Ruhland in Hasselt hätte viel Geld gespart. Der mitthin bescheidene 1,2m Spiegel in Honeycomp-Technik lag dort bereits ein Jahr im Regal und wollte und wollte sich nicht beruhigen. Der war auch nur aus dem bekannten Material Zerodur (Schott) gefertigt und nicht aus einer neuen Glassorte mit weitgehend unbekannten Eigenschaften. Beim Schliff hatte man auch auf das bewährte Foucaultsche Schneidenverfahren zurückgegriffen und nicht auf unerprobte Lasertechnologie. Und ein Distanzfehler zum Primärspiegel von immerhin 1,6mm wäre auch kaum unentdeckt geblieben. 1.6 mm klingen nicht allzu viel, sind es aber doch, überlegt man für einen Moment, daß optische Spiegel auf Nanometer genau geschliffen werden. Das ist optisch sozusagen der Tritt in die Magengrube.

Wie auch immer: Hubble läuft und läuft und hat den Erdenbewohnern eindrucksvolle Bilder geschenkt von der Majestät und Schönheit des Weltalls, dessen winziger Teil auch Bottrop ist.

Bottrop also! Ein Museum hat Bottrop natürlich auch. Es heißt Quadrat und ist dem Künstler Josef Albers gewidmet.

quadrat

»Bottrop« / Copyright by Schrottpresse

 

Sehenswert auch der kleine, aber gepflegte Stadtpark vor dem Museum. Naherholungsgebiet für geplagte Bottropper auf der Größe eines Fussballfeldes.

Fussball…

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0 Kommentare zu Bottrop also

  1. da]v[ax sagt:

    Ich lese das morgen. Oder am Sonntag. Aber heute schon mal das hier: kommste nach Bottrop kriegst aufn Kopp dropp.

    😀

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  2. altautonomer sagt:

    Wenn Euer Merkwürden gestatten, mal etwas Lustiges aus dem Pott: “Bottroper Bier” von meinem alten (verstorbenen) Kindheits- und Jugendidol Adolf Tegtmeier:

    PS: Erwohnte in meiner Nachbarstadt.

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    • pantoufle sagt:

      Merkwürden gestatten seffaständlich Merkwürdigkeiten. Auch wenn ich in Bottrop nur Köpi trank, was ja nun aus Duisburg ist. Das war aber auch nur, um dem regionalen Gesöff die Ehre zu erweisen. Für den langen Hotelabend fand sich noch das Survival-Kit in Form einiger Beck’s Buddeln im Auto.

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