Betreten der Baustelle verboten: Kinder haften für ihre Eltern!

Nach 5 Tagen Verhandlungen sind die Beratungen der höchstbezahlten Politiker Europas am Sonntag in Brüssel zu einem vorläufigen Ende gekommen. Merkel und Sarkozy traten zusammen vor die Kameras der Presse und verkündeten die Geburt ihres gemeinsamen Kindes: Hosianna! Es ist eine Baustelle!
Konkrete Ergebnisse wurden erwartungsgemäß nicht präsentiert – die Stimmung war deutlich sichtbar gereizt. Die berechtigte Festellung eines französischen Journalisten, der Sarkozy vorwarf „ seit 2 Jahren reden Sie von einer gemeinsamen, ehrgeizigen, nachhaltigen Lösung. Und jedes Mal scheitern Sie – jedes mal wird es schlimmer“ beantwortete jener mit: „Ich glaube, hier in diesem Saal fehlt wirklich Sauerstoff!“ Das fügte sich nahtlos in den Eindruck des porösen Nervenkostüms ein, das der französische Präsident schon ahnen lies, als er den britischen Premier Cammeron mit einem „Sie haben eine große Möglichkeit verpasst, die Klappe zu halten“ zurechtwies.

Außer diesen sprachlichen Höchstleistungen hatte man wenig zu vermelden. Die überraschende Erkenntnis, daß Griechenland mehr als den ursprünglich geforderten Betrag zum Weiterleben braucht, kann man nicht als wirkliche Überraschung sehen: Man stelle sich einfach eine beliebige Regierung auf der Welt vor, die auf die Frage „wieviel hättet Ihr denn gerne?“ nicht mit stündlich steigenden Zahlen antworten würde. Als wenn es nur um Griechenland ginge – der Name des italienischen Ministerpräsidenten Berlusconi wird seit geraumer Zeit nur noch zusammen mit dem Adjektiv „schillernd“ genannt und da sind ja auch noch Portugal, Spanien, Frankreich… Frankreich? Ja genau! Frankreich! Dort steht einigen der großen Geldverbrennern das Wasser ebenfalls bis zum Hals. Offensichtlich mittlerweile so hoch, das selbst die Ermordung Gaddafis und das dadurch vorläufige Ende des Krieges in Libyen nicht die erwartete Siegesparade in Paris zur Folge hatte. Das überrascht einigermaßen, war doch außer diesem Triumphzug wenig anderes zu erreichen gewesen – vom Händereiben der ölverarbeitenden – und Waffenindustrie vielleicht abgesehen.

Eine ungefähre Idee, wie man sich eine Lösung vorstellt, die der jahrzehntelangen Misswirtschaft und dem Raubbau am Sozialgefüge einen wahrscheinlich kurzen Aufschub beschert, sah man bei dem kurzen Besuch der Kanzlerin am Sonnabend beim Deutschlandtag der Jungen Union (JU) in Braunschweig. Dort verkündete Merkel, daß „das Leben auf Pump vorbei (wäre)“, womit die Frage der Bezahlung erst einmal geregelt ist. Kommunen und Gemeinden – jahrelang dem Saus und dem Braus verhaftet – hätten in Zukunft die Gürtel enger zu schnallen; ebenso wie der gemeine Bürger, der ja ebenfalls seit der Nachkriegszeit und speziell die letzten 10 Jahre unter zunehmendem Völlegefühl leidet. Diese vermeintliche Revolution von oben wurde von den Anwesenden mit „Angie, Angie“-Rufen honoriert. Die vermutlich letzte Gnadenfrist für die Heuschreckenschwärme der Banken und Investmentfonts, der Spekulanten und Steuergladiatoren vom Schlage Rösler&Co.

Völlig unbeeindruckt davon gab „Mr. Dax“ Dirk Müller am 19.10. der Financial Times Deutschland ein recht interessantes Interview, das mit folgender Feststellung begann:

Frage: „Herr Müller, die europäische Schuldenkrise erreicht immer neue Dimensionen. Nichts scheint mehr ausgeschlossen: eine Insolvenz Griechenlands, ein gewaltiger neuer Rettungsschirm und weitere Banken, die verstaatlicht werden müssen. Welchen Ausweg sehen Sie aus dem Schuldenschlamassel?“
Dirk Müller: „Keinen. Unser Finanzsystem ist am Ende. Aus meiner Sicht – das klingt jetzt aggressiv –, sind Staatspleiten seit Jahrhunderten Teil des Systems. Wobei ich sie eher Reset nennen würde.“

Der Eurorettungsgipfel tobte davon unbeleckt weiter in der Hoffnung, wenigstens für eine kurze Zeit noch die alten Machtverhältnisse aufrecht erhalten zu können. Die bewährten Seilschaften werfen sich im freien Fall über Bord gegenseitig die Rettungsringe zu – im kalten Wasser der Nordsee hat ein Schwimmer eine Überlebenszeit von 15 Minuten. Er ertrinkt aber nicht: Er erfriert!
Offensichtlich hatte Müller unverantwortlicherweise die Rettungsbemühungen Merkels und Sarkozys nicht mitverfolgt oder ihnen nicht die gebührende Aufmerksamkeit gewidmet. „Mr. Dax“ zuckte mit den Schultern und verkündete: Das wars – vergesst das einfach, was ihr da vorhabt, aus, vorbei; Rien ne va plus! Zurück auf Start! Leider ist nichts davon bekannt, ob Dirk Müller sich anschließend vor die Tür der Börse auf den Asphalt setzte; zusammen mit den anderen der Occupy-Bewegung. Es wäre ein guter Zeitpunkt gewesen.

Vorläufiges Fazit: Nach den Jahrhunderten der Kriege in Europa – aus deutscher Sicht speziell nach den letzten beiden Völkerschlachtungen – ist das Geschenk eines geeinten Europas gar nicht hoch genug einzuschätzen. Die Grenzbäume sind gefallen, man besucht sich nicht mehr mit der Flinte in der Hand, sondern handelt miteinander, besucht ohne Pass den Nachbarn in Holland, Spanien, Italien. Es könnte der Beginn einer Zeit sein, in der man sich nicht mehr mit „Ich bin aus Deutschland“ vorstellt, sondern als Heimatland „Europa“ angibt. Viele haben die Angst gehabt, das die nationalen Merkwürdigkeiten, Eigenheiten verloren gehen. Wie schwach aber muß der Glaube gerade daran sein, wenn das mit der Erkenntnis einhergeht, das es diese Besonderheiten auch in Frankreich oder Luxemburg gibt – sich davor zu fürchten, ist schon recht dünnhäutig! Aber auch das kann vorbeigehen, wenn man der Zeit nur ihren Lauf ließe.

Dieses Geschenk der Geschichte wird gerade auf einem Altar geopfert, über dem in großen Lettern der Satz leuchtet: „Wir müssen das Vertrauen der Märkte zurückgewinnen!“ Das Blut des Lammes, was da geschlachtet werden soll, dient dazu, altersmüde Vampire ein paar Tage länger am Leben zu erhalten: Was für ein hoher Preis für so etwas Nutzloses.

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0 Kommentare zu Betreten der Baustelle verboten: Kinder haften für ihre Eltern!

  1. der_emil sagt:

    Ich liebe Deine Glossen …

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    • pantoufle sagt:

      Glosse!!! Das war eine flammende Anklage! J´accuse! Ich… ähh…
      …habe heute morgen ausnahmsweise in die örtliche Tageszeitung gesehen, während der Rechner hochfuhr. Was man da so sieht, traut sich im Netz keiner mehr zu veröffentlichen. Das kann man nur auf Papier in der Überzeugung, daß das kein Schwein liest. Und die Merkel hat das tatsächlich gesagt. Die Zitate sind alle echt. Gott sei Dank muß ich mir nicht mein Geld als Kabarettist verdienen: Ich wäre schon längst verhungert.
      Liebe Grüße
      Pantoufle

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