Berühmte Zitate

»Fröhliche Ostern!«

Jesus v. Nazareth

Noch eine kleine Anmerkung zum Thema Türkei:

An dieser Stelle stand dazu etwas länger nichts mehr. Das hat nicht mit Desinteresse zu tun. Eher mit einer geradezu perversen Lust am Vorhersehbaren. Und vorhersehbar kann auch etwas sein, was nicht mit dem grobmaschigen Raster »Wie bei Hitler!« erklärbar ist. Das klingt für den einen oder anderen vielleicht komisch – ist aber so.

Was ist eigentlich passiert?
Es gab einen inszenierten Putsch. Die reinste Schmierenkomödie, so unbegabt und dilettantisch in Szene gesetzt, daß man sich fragt, wie man vor den Medien der Welt damit überhaupt durchkommen kann. Ein paar völlig orientierungslose Soldaten, die sich widerstandslos festnehmen lassen, eine handvoll Panzer malerisch an strategisch unwichtigen Punkten geparkt (Zivil-Flughafen!) und ein Präsident Erdoğan, der mit lange im Vorfeld erstellten schwarzen Listen aus dem Urlaub in Istanbul eintrifft. Beginn des Putsches 22:05 Uhr, offizielles Ende 04:07 Uhr. Angebliche sechs Stunden Aufstand des weltweit putscherprobtesten Militärs seit ’45.

Es raucht noch in einigen Ecken, da beginnen bereits die »Säuberungen« in Verwaltung, Justiz, Militär, Presse und oppositionellen Parteien. Jetzt zeigt sich deutlich, wer da gegen wen putscht. Geadelt wird dieses Vorgehen weltweit durch »die Medien«, deren Interesse offensichtlich darin besteht, den »strategisch wichtigen Partner« bei Laune zu halten. Da vergisst man auch schnell die Anführungszeichen beim Wort Säuberung – da muß vorher etwas dreckig gewesen sein und nun schwingt eben jemand den Feudel! Flüchtlings-Auffangbecken, NATO und Wirtschaftsinteressen: Es gibt genügend Gründe, die Putschisten nicht allzusehr unter Druck zu setzen. Nicht einmal zu der naheliegenden Frage, wer tatsächlich hinter dem Aufstand gegen die türkische Republik steckt, reicht es. Die Erklärung des türkischen Präsidenten, sein ehemaliger Verbündeter Gülen habe das alles angezettelt, wird niemals ernsthaft hinterfragt. Es hätte auch das böse Krokodil sein können: Simplifizierte Gründe haben Konjunktur, egal ob der Feind IS, internationaler Terrorismus oder Islamismus heißt.

Dabei wäre die Frage nach den Drahtziehern durchaus interessant. Es gibt nur zwei Alternativen. Entweder der im Exil lebende Fethullah Gülen ist tatsächlich verantwortlich für den »Putsch« oder der nunmehr erfolgreiche Recep Erdoğan. Einen Alleingang des Militärs und seiner Generäle kann man getrost ausschließen; dagegen spricht der Dilettantismus und die vollkommene Planlosigkeit. Wie man einen Putsch erfolgreich in Szene setzt: Wer wüßte das besser als das türkische Militär?
Für die Beteiligung oder Urheberschaft Gülens gibt es nicht den Hauch eines Beweises, auch wenn der türkische Präsident wiederholt die Veröffentlichung »unwiderlegbarer Dokumente« ankündigte. Für Erdoğan ist der Exilant in den USA außerdem nützlicher als ein Schauprozeß im Kasperletheater, weshalb mittlerweile weder Erdogan noch die US-Regierung auf diesem Thema herumreiten. Ein Prozeß gegen Gülen würde genau diese Frage aufwerfen: Wenn Gülen nicht dafür verantwortlich war, wer ist es dann? Allein der Anschein des Zweifels könnte für Erdoğan gefährlicher sein als jeder innen- und außenpolitische Parforceritt, den er seit dem Putsch reitet.

Stichwort Parforceritt: Ausgerechnet das türkische Militär hastet seit dem angeblichen Putsch wieder glorreichen Zeiten entgegen. Ob im Krieg gegen das kurdische Volk (nunmehr befreit von Kinkerlitzchen wie der Genfer Konvention) oder dem fadenscheinigen Engagement gegen den islamischen Staat: Wer oder was wurde dort eigentlich »gesäubert«? Generäle, die nicht an einem osmanische Reich in den Grenzen von 1870 interessiert sind? Was wiederum zur Frage nach denjenigen führt, die ein fundamentales Interesse an genau diesem Putsch haben.

Wie es sich für eine Diktatur gehört, steht unter allem, was passiert der Name des Diktators. Das hat Tradition und fällt auch in historischen Betrachtungen nicht mehr weiter auf. Selten, daß die Namen der Handlanger genannt werden. Die eines Heydrichs, Eichmanns oder Keitels. Oder wenn wir schon bei Nazivergleichen sind: Eines Oetkers, Quandts, der Krupps, Hugo Boss oder Porsches. Die unvermeidlichen Profiteure und Handlanger, ohne die eine Diktatur kaum länger als eine Woche überleben würde.
Hätte es Interessenten gegeben, die bereit gewesen wären, Recep Tayyip Erdoğan wirtschaftlich das Wasser abzudrehen oder auf andere Art die Daumenschrauben anzulegen, wäre das ganze Unglück bereits Geschichte. Ganz gleich, ob im eigenen Land oder den für die Türkei unverzichtbaren Handelspartnern um Ausland. Auch die schlimmste Diktatur kann im 21. Jahrhundert nur mit Duldung von innen und außen existieren. Und jetzt steht sein Name unter dem Referendum für ein Präsidialsystem in der Türkei, welches Erdoğan faktisch unbegrenzte Macht verleiht, ihn zum Diktator auf Lebenszeit machen kann. Geduldeter und gewünschter Diktator, gegebenenfalls auch bis zu seinem Tod, eine immerhin variable Größe.

Das Referendum vom Ostersonntag: Eine reine Formsache. Wie das Ergebnis auch ausgefallen sein mag, ändert nichts daran, daß sich der zukünftige Alleinherrscher am Bosporus bereits vor dem amtlichen Endergebnis als Sieger erklärt. Betrachtet man das bisherige Vorgehen Erdoğans, gibt es keinen Zweifel daran, daß die Zahlern für ihn sprechen werden – ganz gleich, wie sie zustande gekommen sind. Nach den Aufräum- und Umbaumaßnahmen des vergangenen Dreivierteljahres von einer freien Wahl zu sprechen, verbietet sich ohnehin. Die Strukturen, unabhängige Instanzen, die das überprüfen könnten, gibt es nicht mehr, sowenig wie eine Justiz, die imstande wäre, das Referendum für gescheitert zu erklären oder nur Zweifel an seiner Rechtmäßigkeit zu formulieren. Eine Atmosphäre der Angst mag das übrige tun.
Erdoğan kann die Türkei in Zukunft ohne parlamentarische oder juristische Kontrolle führen. Wie diese Herrschaft im Detail aussehen mag, verrät die Ankündigung des nächsten Referendums, dieses Mal über die Todesstrafe. Genauer: Es handelt sich dabei nicht um ein Referendum, sondern ist die Ankündigung einer Tatsache. Es wird dafür eine Mehrheit geben – irgend eine Mehrheit. Der neue Alleinherrscher kümmert sich nicht einmal um den Anschein von Legitimität.
Das braucht er auch nicht, wenn sich diejenigen, die diese Diktatur verhindern könnten, auf Plattitüden wie das drohende Ende der EU-Beitrittsverhandlungen, ein »belastetes Verhältnis« oder Ratschläge wie ein beherztes Zugehen auf die Opposition beschränken. Denn in einem Punkt hat Erdogan tatsächlich recht: Die EU ist eine verrottete Institution, unfähig zum Handeln. Das müßte seit Victor Orbán jedem klar sein. Das Äußerste an politischem Handeln wird sein, Erdoğans Todesstrafe mit dem Attribut »umstritten« zu verzieren.
Der Sultan und seine Profiteure werden es mit einem Schulterzucken quittieren.

Wie immer findet Rainer Balcerowiak von Genuss ist Notwehr deutliche Worte zum aktuellen Spektakel des Niedergangs.

 

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26 Kommentare zu Berühmte Zitate

  1. Danke!
    Das einzige, was mir in Ihrem großartigen Blog fehlt, ist ein Detail zum „weltweit putscherprobtesten Militärs seit ’45„: das hat Erdogan schon seit 2011 in der Tasche, als die Militärführung geschlossen vor der AKP kapitulierte und zurücktrat.

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  2. Pingback: Feynsinn » Endlich nicht wissen

  3. Pantoufle sagt:

    Moin, Dame von Welt

    Dank für die Blumen und meine besten Wünsche für einen sonnigen Ostermontag.

    Das türkische Militär! Auf dessen Rolle in den vergangenen Jahrzehnten wäre ich gerne ausführlicher eingegangen, aber das käme einer Doktorarbeit gleich. Und ich bin doch so entsetzlich faul…
    Mit der Formulierung »…hatte seine Generäle in der Tasche« tue ich mich allerdings ein klein wenig schwer.

    Der Rücktritt des Generalstabes 2011 steht für den Endpunkt einer Entwicklung, in der das türkische Militär seine Rolle als Erbwächter des politischen und laizistischen Charakters der Republik von Kemal Atatürk endgültig verliert. Das ist eine Rolle etwa vergleichbar des Selbstverständnisses des kaiserlichen Offizierskorps bis 1918. Hundert Jahre später in Deutschland kaum vorstellbar, aber die Nachwirkungen reichen in der Türkei bis zum heutigen Tage nach.
    Eine Umfrage der Agentur TSM-Piar aus dem Jahr 2008 nach den vertrauenswürdigsten Institutionen der Türkei ergab:
    86,5 % : Die türkischen Streitkräfte
    71,8 % : Die Polizei
    66% : Das Verfassungsgericht
    53,8 % : Der Staatspräsident
    42,6 % : Der Premierminister

    Weit abgeschlagen dahinter die politische Parteien. Die Streitkräfte also als sicherer Garant für Stabilität und Demokratie – weit vor dem politischen Betrieb! Oder richtiger: Die Streitkräfte als stabiler Anker innerhalb der Politik.

    »In den 1990er Jahren betrieben die Holdings des türkischen Militärs Supermarktketten, Immobiliengeschäfte, Fabriken und Finanzunternehmungen. Das Militär investierte in 55 joint-ventures mit der privaten Wirtschaft, so daß die Interessen der militärischen, ökonomischen und staatlichen Eliten auf das Engste verflochten waren«
    (Institut für Nahoststudien, Nr 8, 2011)

    Der forcierte Rückzug einer Generalität 2011, der vielleicht keiner war, sondern der Anfang einer Umorientierung, einer Anpassung an die neue Zeit. Diejenigen, die sich aus ihrer traditionellen Rolle nicht lösen konnten oder wollten, blieben auf der Strecke – die Geschäftsführung ging in die Hände der Jüngeren. Das alles spricht für mich eher nach einem Arrangement – nicht nach einem »in die Tasche stecken«. Erdoğan kann nicht ohne das Militär und vice versa. So wenig wie sich das preußische Offizierskorps nach dem November 1918 in Luft auflöste. Die diskreditierten Köpfe verschwanden – und sei es nur aus den Schlagzeilen – während sich eine neue Generation auf den nächsten Krieg vorbereitete. Das ist (bei aller Holperigkeit des Vergleichs) etwa das, was ich meine dort zu erkennen.

    Was noch ein Grund wäre, warum ich nicht an einen Putschversuch des Militärs glaube. An eine Beteiligung an dem Erdoğans ja, aber an keinen des Generalstabes.

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    • Danke für die Umfrage, die ist interessant! Es bleibt die Frage offen, wie sie auch nur einzwei Jahre später oder heute ausfallen würde, der Anfang der Umorientierung in der Türkei war genau 2008. Eine wichtige Rolle bei der „Umorientierung“ des türkischen Militärs spielen die Ergenekon- und Balyoz-Prozesse (damals saßen ebenfalls extrem viele Journalisten im Gefängnis) – heute lautet der Totschlagvorwurf ‚Nähe zur Gülen-Bewegung‘, damals ‚tiefer Staat‘. AKP/Erdogan verschafften außerdem noch vor dem Rücktritt der Militärs der Polizei sehr viel mehr Macht und besetzte deren Schaltstellen mit seinen Getreuen – die Militär-Rücktritte fanden aus Protest gegen die ewige Inhaftierung von 250 Offizieren wegen angeblicher Verschwörung statt. Aber Sie haben recht, Erdogan hatte nicht das Militär, sondern die Macht im Inneren in der Tasche.

      Ich finde es in jedem Fall, hmnuja, gewöhnungsbedürftig, wenn ausgerechnet das Militär die Rolle des Garanten für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit spielt. Vergleichbar wäre das evtl. mit Ägypten, wo sich das Militär ebenfalls in großem Umfang privatwirtschaftlich betätigt und Stabilität garantiert und wo die EU auch sehr gern über zahllose Menschenrechtsverletzungen hinwegsieht – solange alles so schön nützlich ist.

      Grüße zurück und einen angenehmen Rest-Oster-Abend!

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      • Pantoufle sagt:

        Bei den Göttern meiner Ahnen: Selbstverständlich steht Militär niemals und unter keinen Umständen für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit! Da fehlt ein geschmettertes »in der Wahrnehmung des Volkes«. Genau wie die Zahlen dieser Umfrage eher Gefühlswerte darstellen, ist auch das Gefühl von Sicherheit beim Anblick eines Schutzmannes ein ephemeres. Oder das eines Stahlhelmes.

        Man kann bei der Wahl seiner Worte gar nicht vorsichtig genug sein 🙂

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        • Scusi, ein Mißverständnis! Ich wollte Ihnen auf gar keinen Fall unterschieben, daß Sie das Miltär als Garanten für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Stabilität betrachten.

          Es gab in meinem Umfeld den einen oder anderen Kemalisten, der diese Auffassung vertreten hat. Und mich bringt es regelmäßig zum Würgen, wie viele unserer Wirtschafts- und Politik-Protagonisten vom Militär gestützte oder initiierte Diktaturen in anderen Ländern liebend gern in Kauf nehmen. Die Wahrnehmung des Volkes erklärt sich – auch – daraus, Fisch, Kopf usw.

          ———————————————–

          Mich wundert an Rainer Balcerowiaks Blog (neben einigem an Zustimmung), daß er auf einmal die Turmstraße mit anderen Augen sieht und mißtrauisch gegenüber Kopftuchträgerinnen und Zeitungshändlern wird, daß er sich über vergleichsweise Privilegierte und Gebildete unter den Ja-Wähler zu wundern scheint und daß er annimmt, in Deutschland seien Religion und Staat strikt getrennt. Ich käme auch nicht auf die Idee, meine Ratlosigkeit als Ausbürgerungswunsch zu formulieren – schon gar nicht unter der Verwendung von ‚wir‘ und ‚man‘ und im Wissen, daß weder die Einmischung des türkischen Staates in innere Angelegenheiten der BRD noch die üblichen Alltagsrassismen ab nächste Woche Montag aufhören werden.

          Ich wundere mich über seine Verwendung doppelter Standards – bei ihm bleibt eine entscheidende Frage ungefragt: wie in Deutschland/von deutschen Expats unter vergleichbaren Voraussetzungen gewählt würde.

          Ganz ohne Ausnahmezustand hätten laut der letzten Mitte-Studie (S. 32) rund 25% der Deutschen wenig bis gar nichts gegen einen Führer einzuwenden, „der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert„, rund 50% glauben mehr oder weniger, „Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert.

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        • GrooveX sagt:

          danke d.v.w.
          der kruscht müsste meines erachtens ganz anders verhackstückt werden – allerdings ohne mich, da die grundlage für ne diskussion völlig vergiftet ist und man so nen tüpen wie den erdoğan unmöglich verteidigen kann und noch nicht mal in die nähe einer solchen verteidigung gebracht werden will.

          was’n mit meim nick passiert???

          [kann ja mal passieren! Der Säzzer]

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  4. Pingback: Diktatür | -=daMax=-

  5. da]v[ax sagt:

    Wohlinformiert und gut geschrieben wie immer. Auch der Link zu Genuss ist Notwehr ist ein guter, allerdings finde ich Blogs ohne Kommentarfunktion immer noch total doof und dem eigentlichen Bloggedanken abträglich. Naaaaja.

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  6. Annika sagt:

    Auch ich habe deinen Text gern gelesen, unterfüttert er doch mein „Gefühl“, dass bei der Entscheidung zwischen ja und nein wahrscheinlich gefälschte Ergebnisse veröffentlicht werden, mit handfesten Informationen.

    Der Link zu „Genuss ist Notwehr“ trifft ebenfalls meine Gemütslage. Und doch stellt sich mir die Frage: was denn nun? Sind die Wahlen gefälscht? Dann darf man den angeblichen ja-Sagern nicht raten, sich heim ins Reich zu begeben. Sind sie nicht gefälscht, dann frage ich mich auch, weshalb Menschen ihre „Daheimgebliebenen“ in eine Diktatur schicken, inklusive befürworteter Todesstrafe und allem anderen Pipapo, aber dann doch wohl lieber hier leben.

    Nach allem, was ich gelesen habe, wurde auf die Türken hier in Deutschland erheblicher Druck ausgeübt, ich drücke es mal vorsichtig aus. Ich mag mir nicht ausmalen, was hinter den Kulissen alles gelaufen ist und noch läuft und laufen wird.

    Bin ratlos.

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  7. Pantoufle sagt:

    Moin Annika

    Schön, Dich mal wieder zu lesen!

    »Sind die Wahlen gefälscht?«
    Die Frage an sich ist eventuell falsch gestellt. Betrachten wir doch mal die Situation, in der das Referendum stattfand: Ausnahmezustand, führende oppositionelle Politiker, Journalisten und Juristen in Haft (neben vielen, vielen anderen) und offene Repression im Alltag. Allein die Bedingungen, unter dem es stattfand, diskreditieren jedes Ergebnis – ganz gleich, welche Zahlen dabei herauskommen. Immerhin ging es um den Komplettumbau der Verfassung und nicht um die Genehmigung einer Autobahnbrücke.
    Das sind keine regulären Bedingungen. Bums, aus , fertig!

    Das wäre der Ansatz, wenn man es sich leicht machen will. Ich mache es mir gerne leicht. Folgt man diesem Gedankengang, so hat das Referendum niemals stattgefunden.

    Warum darf man den Ja-Sagern nicht eine Türkei-Reise empfehlen? Das wollten sie doch so und nicht anders. Ich kann Rainer in diesem Zusammenhang schon sehr gut verstehen. Den Jubelpersern geschieht dort ja nichts. Im Kern geht es ihm (und mir) um etwas weitergehendes als ein paar hirnlose Protestwähler, die nicht im Ansatz überblicken, was sie da angerichtet haben.
    Die Türkei mausert sich zu einem verbrecherischen System und betreibt erfolgreich Propaganda im Ausland, unter anderem auch in Deutschland. Dem muß man sich entschieden im Rahmen der deutsche Rechtsprechung entgegenstellen.

    »Im Gegenzug sollte man politisch verfolgten Türken und Kurden in ihrem Heimatland signalisieren, daß sie in Deutschland willkommen sind und ihre Asylanträge wohlwollend geprüft werden.

    Natürlich müssen wir dann auch unsere Hausaufgaben machen, also jeglicher Diskriminierung von Menschen auf Grund ihrer Herkunft und ihres Aussehens konsequent entgegentreten. Und auch jedem Muslim freundlich aber bestimmt verdeutlichen, daß in Deutschland zwar Religionsfreiheit herrscht, aber auch strikte Trennung von Kirche und Staat, was jeglichen Anspruch auf eine gegenüber den Gesetzen übergeordnete Gültigkeit religiöser Prinzipien ausschließt.«

    Rainer Balcerowiak

    Das muß man wohl so sehen: Erdoğan ist nur durch die Triefnasigkeit westlicher Politiker und Lobbyisten dorthin gekommen wo er jetzt hockt. Rainer fordert ja nichts anderes, als nun endlich einmal Fahne zu zeigen.

    »Leider wird das alles nicht passieren. Und was gibt es nun zu trinken? Riesling, was sonst, wenn kein Spargel im Haus ist.«

    Und auch darin stimmen wir völlig überein!

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    • Rainer fordert ja nichts anderes, als nun endlich einmal Fahne zu zeigen.

      Da lese ich ihn anders, sein Mißtrauen gegen „Kopftuchmädchen“ und „Gemüse- und Obsthändler“ wirkt auf mich reichlich sarrazinaesk.

      Fahne-Zeigen wäre ganz zweifellos notwendig. Für richtiger als alles Erwartbare hielte ich, wenn der ohnehin verbrecherische EU-Türkei-Deal mit sofortiger Wirkung gekündigt würde. In der Türkei leben zwischen 2,5 und 3 Millionen Flüchtlinge unter z.T. üblen Bedingungen, deren Aufnahme – politischer Wille vorausgesetzt – für die EU ein müdes Arschrunzeln wäre. Die EU/Deutschland würden sich dadurch weit weniger durch Erdogan erpressbar machen, die Nato-Mitgliedschaft der Türkei reicht mir persönlich übergenug. Ich hätte auch rein gar nichts dagegen einzuwenden, wenn die DITIB verboten würde und damit die Einflußnahme der Türkei auf innere Angelegenheiten in Deutschland deutlich verringert würde.
      Viel zuviel Konjunktiv!

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      • Pantoufle sagt:

        Hmmm! Dann bin ich wohl auch hin und wieder etwas sarrazinaesk. Wenigstens kann ich sein Gefühl nachvollziehen, daß sich einstellt, wenn man bei Spaziergang durchs eigene Viertel anfängt zu überlegen, ob sich »der Türke« wohl oder »die Türkin« für eine faschistische Diktatur ausgesprochen haben. Das geht mir mittlerweile auch nicht anders: Beruflich bin ich mit großen Menschenmengen geschlagen und sitze ebenfalls mit der Überlegung im Hinterkopf herum, wer von den sich amüsierenden Zuschauern vor mir wohl die deutschen Faschisten wählt. Der Unterschied ist natürlich, daß es erheblich leichter ist, politisch korrekt eine Herde Deutsche als Nazis zu verunglimpfen als einen türkisch geprägten Kiez.

        »Man wird misstrauisch, wenn man zum deutschen Supermarkt, zum Gemüsehändler, zum Fleischer oder zum Zeitungsladen geht. Man würde gerne wissen, wie die vielen Einheimischen ticken, die bei Heimspielen des Regionalligisten Borussia-Dortmund in der Kurve der Borussenfront im Stadion sitzen. Man bekommt einen anderen Blick auf die vielen nuttigen Schmuck oder Leggins tragenden Frauen, die den Alltag auf der Turmstraße ( der größten Einkaufsstraße Moabits) stark mitprägen.«

        (und schon regt sich niemand mehr auf 🙂 )

        Wie Rainer gehe ich instinktiv davon aus, daß der Zugang zu Bildung und Geschmack eine natürliche Bremse gegen die Dompteure der niedrigen Instinkte darstellen, obwohl ich weiß, daß es nicht stimmt.

        Mich beschleicht langsam das Gefühl, daß wir alle (Ich, Du, die Türken die mit Ja gestimmt haben, die Willkommenskulturpessimisten, Integrationsweichspüler)… wir alle eben, einen grandiosen Denkfehler machen – Trump-Wähler und Brexitbeführworter eingeschlossen. Ich wünschte formulieren zu können, welchen. Es ist das Gefühl, daß wir einen Schlußstrich ziehen müssen. Alles auf Null. Keine Protestwähler, sondern welche die den Ernst ihrer Stimme begreifen. Keine Sozialromantiker, sondern welche, die den Finger mit offenem Herzen auf schwärende Wunden legen können. Kein krampfhaftes Suchen nach dem letzten politisch unkorrektem Komma, sondern lässige Hemdsärmeligkeit, die Ärmel hochgekrempelt. Behutsame Scheuklappen – man muß nicht alle Umstände kennen, wenn das Elend direkt vor den eigenen Füßen liegt.
        Wenn ich es nur formulieren könnte! Es würde vermutlich ein recht brauchbare Pamphlet dabei herauskommen und dann inhaltlich durchfallen, weil ich nicht ProfesX.*innen sondern Negerkönig geschrieben habe.

        Ich werd’s lassen.

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        • Und schon wieder ein Mißverständnis – wenn es mir um irgendetwas NICHT geht, dann um oberflächliche und überflüssige Wortkosmetik. Immer her mit dem Pamphlet…;-)…

          Es ist das Gefühl, daß wir einen Schlußstrich ziehen müssen. Alles auf Null.

          Genau das ist, was mich auch bei Rainer Balcerowiaks Ausweisungswünschen stört: ist ein Schlußstrich. Es ist nicht so, daß ich sein Gefühl nicht nachvollzöge – es zeugt aber davon, daß er auch vorher mit den Türken in seinem Hometurf nicht allzu viel zu tun gehabt haben kann.

          Entgegen landläufiger Meinung klappt es aber weder mit doppelten Standards noch mit Schlußstrichen noch mit über mehrere Bande gespielten Denkzetteln in Form von AfD- oder Evet-Wahl, denn es wird nicht alles wieder gut!
          Obwohl ich mir damit unter Linken keine Freunde mache: es gibt ungeachtet dessen meist eine ganze Menge Richtiges im Falschen. Vorhandene Stärken sollten gesehen und gestärkt werden – das u.a. verstehe ich unter hochgekrempelten Ärmeln und lässiger Hemdsärmeligkeit.

          Mich überrascht es im Gegensatz zu Balcerowiak null, daß es unter den Türken auf der Turmstraße auch Erdogan-Wähler, amtliche Faschisten wie die grauen Wölfe, Youngster im Testosteronrausch, Frauen-, Juden- und Homosexuellenhasser usw.usw. gibt. Was womöglich damit zu tun hat, daß ich, solange ich denken kann, mit Türken zu tun und dementsprechend viele Erfahrungen gesammelt habe. Die Mehrzahl meiner Erfahrungen waren und sind gut.

          Anekdotisches Beispiel: ich wurde vor Jahren von einer mutmaßlich zwangsverheirateten Kopftuchträgerin mit wenig Deutschkenntnis (bei der ich nicht überrascht wäre, wenn sie Erdogan gewählt hätte – weil der so erfolgreich ist) über mehrere Wochen hingebungsvoll gepflegt – sie brachte mir mehrmals am Tag liebevoll zubereitetes Essen, wusch mich, putzte hinter mir her und kümmerte sich. Aus komplizierten Gründen hatte ich damals keine Krankenversicherung und als es mir so schlecht ging, daß ich eigentlich ins Krankenhaus gemußt hätte, organisierte sie eine Ärztin aus ihrer Verwandschaft, die täglich einen Hausbesuch machte und der ich auch später kein Geld dafür geben durfte.
          Und dabei kannte sie mich gar nicht, von zwei Begegnungen im Treppenhaus einmal abgesehen, ich war kurz davor neu eingezogen. Von ihr habe ich später viel gelernt, u.v.a.m. Strenge und Konsequenz im Umgang mit besagten Youngstern, statt Scheißegal-Toleranz, Ängstlichkeit und Geschwafel von NoGo-Areas. Aber ich schweife ab…

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        • Mich beschleicht langsam das Gefühl, daß wir alle (Ich, Du, die Türken die mit Ja gestimmt haben, die Willkommenskulturpessimisten, Integrationsweichspüler)… wir alle eben, einen grandiosen Denkfehler machen – Trump-Wähler und Brexitbeführworter eingeschlossen. Ich wünschte formulieren zu können, welchen. Es ist das Gefühl, daß wir einen Schlußstrich ziehen müssen. Alles auf Null.

          Bei SPON hat das der Migrationsforscher Serhat Karakayali so formuliert:

          Das erinnert an den Umgang mit kritischen Linken in der alten Bundesrepublik. Denen hat man auch gesagt, wenn es euch hier nicht gefällt, dann geht doch rüber. Aber man muss sich ja nicht absolut mit einem Land identifizieren, um darin leben zu dürfen. Das ist ein Verständnis von Gesellschaft, das auf der Homogenität und Uniformität aufbaut, die Erdogan und seine Leute sich für die Türkei wünschen.

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  8. Annika sagt:

    Haste doch aber schon sehr schön gemacht 😉

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  9. Pingback: Aufgelesen und kommentiert 2017-04-18 – "Aufgelesen und kommentiert"

  10. R@iner sagt:

    Mal grundsätzlich zu eurer Diskussion über Parteien, Wahlen und den den ganzen Stuss. Die Aussagen Dutschkes sind altbekannt, anarchistisch und heute noch richtiger als damals:

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  11. Fluchtwagenfahrer sagt:

    Moin Pantoufle,
    auch von mir ein Dankeschön für deine kleine Anmerkung.
    Zum Thema Reinigung innerhalb des Militärs kann ich nur folgendes sagen: Sie dauert, weiterhin, an. (mittleres Management)
    Zum Thema Todesstrafe, nun ja da ist sie DIE ROTE LINIE (mother mürkel say´s).
    Da geht bei ihr als Cheflobbyistin aber die rote Lampe an, wenn deutsch. Rüstungskonzerne vorher abnicken natürlich.
    Aber ich bin mir sicher da wird sie einen weiteren „Türken bauen“
    Ach ja, Fahne, die haste nach dem Riesling, der gesuchte Begriff heißt „Flagge“
    „Bei den Göttern meiner Ahnen: Selbstverständlich steht Militär niemals und unter keinen Umständen für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit! “
    Auah, das tat weh.
    Im Kulturkreis Türkei kann man das sehr differenziert betrachten.
    Auf das Sammelsurium deiner Gedanken und mögl. Lösungen warte ich ebenfalls.
    Aber man muss ja nicht immer alles alleine machen.
    Pamphlet=Spottschrift oder Wahlprogramm der übl. Verdächtigen.
    LG

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  12. Stony sagt:

    Von Riesling ’ne Fahne? Sachen gibt’s…

    Wobei, die wichtige Frage wäre doch, @Pantoufle: steinig oder fruchtig? (Und sage er jetzt nichts falsches!)

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