Beinahe geschafft

_DSC7638Wir schenken uns dieses Jahr nichts. Gar nichts. Außer vielleicht eine handvoll selbstgebackener Kekse und Schnapspralinen. Sohn2 (12) hat vermutlich wieder etwas gebastelt – zum Glück nur aus Pappe (recyclebar) und selbst angemalt. Darauf lassen jedenfalls die Farbspuren an der Türe schließen. Er selber bekommt natürlich eine Kleinigkeit, weil er noch zu klein ist, den Unsinn des vulgärkapitalistischen Brauches des Geschenketerrors zu begreifen. Irgend etwas nützliches, pädagogisch Wertvolles. Etwas mit Star-Wars oder Pokemon.

Der Rest der großen Familie schenkt sich aber nichts bis auf die oben erwähnten Kleinigkeiten.
Natürlich gibt es einen Baum. Ökologisch angebaut und vom Quotentürken des Dorfes am offiziellen Baumtag gekauft. Wie üblich der schönste Baum ever und nach spätestens einer Woche hoffentlich wieder verschwunden. Genau so verschwunden wie das Riesenpaket (1,50m x 0,4m x 0,4m, 25kg, erst Heiligabend öffnen), das den Zugang zu meiner Werkstatt seit ein paar Tagen blockiert. Aber wohin soll man mit dem Trümmer?
Schnell verschwinden wird gleich heute Abend das traditionelle Weihnachtsessen. Das heißt: Traditionell ist es nicht – dieses Jahr gibt es einen Bruch. Von Haus aus und den letzten Jahrzehnten ist der Hausherr Pastete mit Ragout fin gewohnt. Das geht schnell, macht keinerlei Mühe und schmeckt… na ja, so wie jedes Jahr eben! Dieses praktische und bewährte Mahl – von anderen Familienmitgliedern leider abschätzig »Moppelkotze« genanntes Lebensmittel – soll dieses Jahr durch mehrheitsfähigen Grünkohl mit Pinkel ersetzt werden.

Nun ja! Ich bin ja grundsätzlich gegen alles, was anders als vorher ist und sehe dem Abend mit gemischten Gefühlen entgegen. Wir werden sehen und außerdem ist es noch lange nicht soweit. Erst einmal wird vorbereitet und dazu muß ich leider noch mal mit dem Motorrad in die große Stadt. Eigentlich hatte ich ja alles an den Vortagen besorgt bis auf die Kleinigkeiten, die ich vergessen habe.
Ist eigentlich schon einmal eine wissenschaftlich fundierte Untersuchung über Konzentrationsschwierigkeiten in der Vorweihnachtszeit erschienen? Nicht? Wird Zeit!

Gestern war ich auch schon den halben Tag unterwegs. Allerdings nur, um dem Photohändler meines Vertrauens die Aufwartung zu machen und einen befreundeten Motorradschrauber in seiner Höhle zu besuchen. Lustvolles herumgondeln, bei dem man ganz nebenbei noch etwas Klüngelkram einkaufen kann: Motorrad = Parkplatz!
Jetzt scheint die Sonne und das sollte man ein wenig ausnutzen bevor der Heilig-Abend-Stress beginnt. Außerdem hatte ich gestern noch was vergessen; man verbummelt immer so viel Zeit in anderer Leute Werkstätten.
Das Haus ist noch ganz still. Schade eigentlich, sonst könnte ich den Schuldigen zur Sau machen, der meinen Nierengurt unter irgend welchen schweren Pappkartons vergraben hat. Im Helm steckt eine Rolle buntes Packpapier – ich glaube mein Schwein pfeift! Wüßte ich nicht, daß wir uns dieses Jahr nichts schenken, würde mir Übles schwanen. Sohn2 vermutlich, die Träne!

Vielleicht eine kleine Weihnachtsgeschichte schreiben? So was richtig total bescheuertes wie »Meine Maschine aus Madrid hatte Verspätung, aber in der Lounch erreichte mich die Nachricht von Chantalle, daß auch ihr Flug aus Kairo vermutlich nicht pünktlich sei. Hätte sie sich doch bloß nicht darauf eingelassen, einen Linienflug zu buchen… Wie lange hatten wir das schon nicht mehr gehabt: Heiligabend zu Hause und nicht in Nizza oder Lomé!« Noch einen alten Vater (Mütterlein) oder Kind aus dem Internat (England) und der Abend ist gelaufen. Hedwig Courths-Mahler.

Oder Achilleus jagt die heiligen Könige dreimal um die Scheune von Bethlehem herum, bevor es richtig was aufs Maul gibt. Das wäre dann für die Kleinen, denen die ganze Show sowieso viel zu langweilig und ohne Aktion ist. Geschenke! Aber dalli-dalli!
Nichts da. Einige von ihnen müssen zu allem Überfluß vorher noch in die Kirche. Ein übles Ding. Aufstehen, hinsetzen, aufstehen, beten und mitsingen. Wen die Götter besonders auf dem Kieker haben, muß etwas vortragen. Geige spielen zum Beispiel, mindestens 2 Strophen als Rache der Eltern an einem Schicksal, das den Nachwuchs nicht zum Genie werden ließ. Vollkommene Abwesenheit von Talent trifft dumpfe Wut des Geigenbedieners.
»Frau Pastorsche: Wenn ich das Balg dort jetzt erschlage… das ist doch nicht wirklich Sünde, oder?«
»Doch, ist es! Jesus hing für uns länger am Kreuz als es dort jetzt fiedelt! Vergleichbare Tortur, aber viel kürzer!«

Pantoufle geht heute Abend nicht in die Kirche.
Das Herumstreifen mit der Yamaha hat gutgetan, alle am Straßenrand haben so freundlich gelächelt oder gar gewunken. Keine Besorgungen mehr, kein Geschenkestress und gleich gibt’s Grünkohl. Zu dritten Male aufgewärmt, schwimmt im eigenen Saft und Schmalz. Götterspeise, wenn man es zufällig mag und zum Schluß gibt es den obligatorischen Schnaps als Trost für den Magen. Mediterrane Diät: Ich hab einen Zweig Rosmarin dazu gegeben.

Oh Tannenbaum! Welcher Affenarsch hat dort die vielen kleinen Päckchen unter die Zweige gelegt? Sind ja nur Kleinigkeiten, aber immerhin! Wir hatten doch…
Aber natürlich freue ich mich doch über die Gesamtausgabe von Aki Kaurismäkis Filmen. Vorsichtshalber habe ich natürlich auch die eine oder andere Kleinigkeit besorgt oder gebastelt. Zum Beispiel die Front von Tochter1 neuem PC, den sie von ihrem Freund bekommt: Da leucht das Auge! Vor allem die der Gasmaske beim Einschalten mit den red-superbright-LEDs.
Schnell noch eine Schleife um das Riesenpakt »erst an Heiligabend öffnen« und dann geht es los. Mit meiner großen Familie, Nigel Kennedy und den vier Jahreszeiten, Death-Metal und Miles »Kind of blue«. Und ganz viel später, zwischen den halbvollen Weingläsern, den Keksen und Schnapspralinen, Schokoladenherzen und Motörhead (Lemmy wird heute 70!) denke ich auch ein wenig an die Schrottpresse. An die Leser; die, die Laut geben und die stillen. Auf daß sie diese kleine Geschichte nicht anklicken, weil jetzt mal die wirkliche Welt dran ist. Die Liebste, die Kinder oder Freunde, Eltern, Omas und Nachbarn. Etwas ohne Strom und Bildschirm. Das wünsche ich ihnen jedenfalls aus tiefstem Herzen.
Euch allen eine gute Weihnacht.

Propaganda Posters of Soviet Space Program 1958-1963 (31)

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Kommentare zu Beinahe geschafft

  1. pantoufle sagt:

    Fröhliche Weihnachten!

    0

  2. Heute gefunden. Von mir für dich (obwohl wir uns ja diesmal nichts …) – und für Johnny Pansen:

    0

  3. DasKleineTeilchen sagt:

    die PC-front ist schon geil…

    schöne sonnenwende, alter 😉

    0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *