Bankrott der Autorität

Guten Morgen, liebe Leser!
Eigentlich wollte ich ja über etwas ganz anderes schreiben, aber im Laufe der Nacht ist mir aufgefallen, daß ich außer einer Mordswut im Bauch eigentlich gar keine »druckreife« Meinung zu dem geplanten Thema habe. Die Geschichte, die mir im Magen liegt, kann man bei Flatter auf Feynsinn in den Kommentaren verfolgen, Meine eigene Meinung (wenn man sie so nennen will) ist eigentlich eher ein Gefühl und Alltagspraxis, also nichts, mit dem oder über das man diskutiert. (Ach ja: Es geht um Zuwanderung und Migranten.)
Es ist ziemlich schwer, dazu etwas neues und originelles zu schreiben, zumal ja eigentlich jeder bereits eine feste Meinung darüber zu haben scheint. Vor allem diejenigen, denen die Abschiebung und Abschottung gar nicht schnell genug gehen kann. Das ist zwar wenig originell, aber so griffig, daß es auch der dümmste abnickt.
»Jeder einzelne Migrant stellt eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit und ein Terrorrisiko dar.« Das ist stark verkürzt die Meinung eines Kommentators bei Flatter und ganz nebenbei auch ein Zitat von Ungarns Ministerpräsident Victor Orban.
Was soll man dazu schreiben?

Um mich etwas von meinem schmerzenden Knie abzulenken, habe ich also heute Nacht ein wenig in der Weltbühne geschmökert. Genauer: In der letzten (unveröffentlichten) Ausgabe vom 17. Januar 1933. Warum die nicht erschienen ist, erkläre ich vielleicht später einmal – mag gerade nicht.
Warum hier und heute Carl v. Ossietzky? Mit den angedeuteten Namen hat der eine oder andere vielleicht Schwierigkeiten wie auch mit den historischen Zusammenhängen des Themas. Aber da ist etwas anderes, was den Artikel Ossietzkys lesenswert macht. Es ist der Ton und die Austauschbarkeit des beschriebenen; das Gefühl, daß es auch aus einem der besseren Artikel von Zeit.de von letzter Woche stammen könnte. Vielleicht geht es Euch auch so… lest es mal. Schmunzeln erlaubt.

Bankrott der Autorität

von Carl v. Ossietzky, geschrieben für die Weltbühne am 17. Januar 1933

Als Herr Bracht im vergangenen Sommer die preußische Regierung ins Privatleben schickte, setzte auf der Rechten ein begreiflicher Triumph über das Ende des „Systems“ ein.
Dieses „System“ hat nur in seiner besten Zeit seinen Namen verdient, seit den Tragen Brünings lag es siech und krank auf seine Ablösung wartend.
Wir haben auch in den Glanztagen des parlamentarischen Regimes niemals zu den Zufriedenen gezählt sondern ihm immer Mangel an Haltung, Energie und Zugriff vorgeworfen. Wenn man indessen die Leistungen des gegenwärtigen präsidialen Regiments betrachtet, wird man leicht geneigt sein, dem Andenken auch des schwächsten demokratischen Kabinetts eine dicke Wachskerze zu spenden. Angeblich wird nach autoritären Prinzipien regiert, in Wirklichkeit bemerkt man weder Autorität noch Prinzip. Es gibt zwar einzelne Ressortminister, die sich mehr schlecht als recht mit den Wortführern der lnteressentenhaufen herumschlagen, die einmal aufgedrehte Verwaltungsmaschine läuft noch automatisch weiter, aber regiert wird nicht mehr.
Der parlamentarische Kuhhandel war kein herzerfreuender Anblick, ging jedoch auf offenem Markte vor sich, und selten nur verlor die Öffentlichkeit völlig die Kontrolle.
Seitdem jedoch die Aera der Autorität eröffnet ist und ein Reichspräsident unmittelbar von der Vorsehung bedient wird, hat ein obscurer Wettlauf eingesetzt, an deren Stelle zu treten und die erleuchtenden Formeln unmittelbar ins allerhöchste Ohr zu flüstern. Die Politik hat sich in eine Reihe von nichtsnutzigen Kabalen aufgelöst. Programme sind durch persönliche Betriebsamkeit ersetzt – es gibt überhaupt nur noch Persönliches, nur noch Kapitäne, die sich gegenseitig den Rang abzulaufen trachten, dazwischen freundliche Vermittler mit größenwahnsinnigen Provisionsansprüchen. Das Volk ist ausgeschaltet, sein Schicksal wird hinter dichten Schleiern entschieden. Von der ganzen Politik ist nichts geblieben als eine Serie unbegabter gespielter Mantel- und Degenstücke.

Tagtäglich berichten die Blätter, über neue Geheimkonferenzen, neue Tastversuche, Ballons d´essai werden mit dem Scherenfernrohr gesichtet und Vermutungen über ihre Richtung vorsichtig geäußert. Ob Adolf oder Gregor oder Franz, ob sie miteinander oder gegeneinander, ob wer gegen wen: Das ist der Inhalt der deutschen Politik geworden. Die souveräne Nation macht indessen „Rührt euch“ und wartet geduldig, daß die Herren endlich zu Stuhle kommen.
Wir brauchen nicht lange zu versichern, wie herzlich uninteressant das ist und daß wir keine Ambitionen haben, uns an dem Rätselraten zu beteiligen. Ausgesprochen muß nur werden, daß dieser Zustand eine ungeheure Blamage für Deutschland bleibt, daß diese Männer, die sich zu Lenkern seines Geschicks aufgeschwungen haben, nichts mitbringen als eine durchschnittliche Pfiffigkeit und sehr viel Qualm, daß sie weder durch Originalität noch durch Intelligenz hervortreten.Charakteristisch sind sie nur für den Grad der geistigen Erschöpfung Deutschlands. In keinem anderen Lande könnte Mangel an Qualität solche Rolle spielen. In England, zum Beispiel würde man die Gregorianer und die Franziskaner, wo sie sich in die Politik zu drängen versuchten, an das Sonntagspublikum im Hyde Park verweisen.
Die Demokratie hat viele schwer verzeihliche Sünden begangen und büßt dafür. Das Regime der Autorität ist ein einziger Marasmus. Welch eine Hilflosigkeit in allen Dingen, die außerhalb des Bereichs der Intrige liegen! Selbst wenn Herr Bracht weiterhin mißliebige Beamte in die Wüste schickt, so hat man dabei kaum das Gefühl ,eines planmäßigen Handelns sondern einer nervösen Improvisation. Wer könnte auch sonst auf die groteske Vorstellung kommen, Herrn Klausener von der Katholischen Aktion, die noch eben ihre reaktionäre Zuverlässigkeit in dem Randal gegen das Drama von Julius Hay bewiesen hat, zu den zersetzenden republikanischen Elementen zu rechnen?

Herr von Schleicher wird von seinen Freunden noch immer für einen großen Mann gehalten, und auch die demokratischen Blätter suchen die Fiktion eines über den Durchschnitt begabten Politikers etwas mühselig aufrechtzuerhalten. Wie es um das Ingenium des Kanzlers stehen mag, er ist um ein halbes Jahr zu früh gekommen. Er schwebte ja schon lange wie ein Fatum über den großen Wassern und jetzt, wo dieses eher im Steigen begriffen scheint, wirkt er nur noch wie eine Fatalität. Er mag es sich recht schön ausgerechnet haben: Wenn Franz Gentleman sich noch bis zum Frühjahr hält und alle notwendigen unpopulären Dekrete erläßt und die Ökonomisten recht behalten, die jetzt das Krisentief für überschritten erklären, dann komme ich als der Letzte, als der Mann der Sanierung, dem die Lorbeerblätter zufallen, nachdem die Anderen nur Stockprügel bezogen haben.

Diese Kalkulation hat sich nicht erfüllt. Im Gegenteil, Schleicher kommt grade in das dickste Getümmel der Interessenkämpfe. Industrielle und Agrarier geraten sich in die
Wolle, die Wirtschaftspolitik des Reichs zeigt ihre Brüchigkeit. Schleicher ist ,grade rechtzeitig an die Szene getreten, um den von Herrn von Sybel auf einer Mistforke überreichten Bundschuh entgegenzunehmen. Der General, der alle Stände mit jovialem Händedruck versöhnen wollte, erhält von überall Kriegserklärungen.
Die Agrarier haben am wenigsten Anlaß zur Klage. Die Osthilfe erinnert mehr und mehr an die vergeudeten Ruhrgelder. Die Osthilfe ist das echteste Kind der Aera Hindenburg. Sie wäre in diesem Umfang ohne den Reichspräsidenten nicht möglich gewesen. Bricht sie zusammen, so zieht das augenblicklich Hindenburgs Resignation mit sich. Der Landbund weiß, was er riskieren kann. Er weiß, daß selbst eine Fronde gegen den Reichspräsidenten vom Kanzler ausgebadet werden muß. Deshalb beschränkt sich die Gegenwehr der Regierung auch auf den einstweiligen Abbruch der gesellschaftlichen Beziehungen zum Landbund. Eine weitere Änderung tritt nicht ein. Das

Selbstverständliche wären die agrarischen Subventionen und alle andern rechtlichen und wirtschaftlichen Liebesgaben für die Junker, die ohnehin eine grelle Verhöhnung der hungernden Städter darstellen, augenblicklich zu suspendieren. Der Konflikt bleibt durchaus innerhalb der gewohnten Herrenklub- und Casino-Allüren. Der Kanzler kann beschwichtigen, kann kitten, kann in der gleichen Bahn weitermachen. Er kann nur nicht herrschen. Vielleicht verflucht er heimlich die Dummheit der großen Interessenmächte, die ihm keine Ellenbogenfreiheit läßt. Aber das ändert auch nichts an der harten Tatsache: er ist als Säbelträger in sein Amt berufen, und den Säbel kann er nur gegen die andre Klasse führen, nicht gegen die eigne.
In dem Pronunciamento des Landbundes steht der angenehme Satz, keine marxistische Regierung hätte das den Agrariern zu bieten gewagt. Man muß davon die Übertreibung gegen Schleicher abziehen, dann stimmt der Satz durchaus. Alle republikanischen Regierungen halben nach der Rohrpfeife des Landbundes getanzt, nicht eine hat ein entschiedenes Nein gewagt. Alle haben sie die Anmaßungen der grünen Demagogen hochgepäppelt, die Zentrumsleute haben Hermes beigesteuert, die Demokraten Dietrich, die Sozis Baade. Hätten die Volksbeauftragten im Herbst 1918, als alles wieder zur Diskussion stand, mit einem Federzug die Enteignung der Latifundien vollzogen, so wäre die Geschichte der Republik anders verlaufen.

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6 Kommentare zu Bankrott der Autorität

  1. derda sagt:

    Der Wind dreht sich und die Fähnchen flattern fröhlich im Wind.

    Warum wunderst du dich eigentlich? Ne eigene Meinung und Standing war schon immer selten.

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  2. Fluchtwagenfahrer sagt:

    Moin Pantoufle, ab hier beginnt frenetischer Applaus……………………….
    Wie du ja weißt diene ich bei einem Subunternehmer für Weltsicherheitsfragen und konnte aufgrund meiner Ausbildung (Burg) auch das Gelesene sehr gut verstehen. Der Kaiser würde sagen „Jo mei is denn das Jahrhundert scho wiedä um“
    Mordswut, Magen. Der Minusmann würde sagen, hier outet sich ein Krankenkassen schmarotzender, potenzieller Gefährder, uijuijuijui
    Zum Thema Knie kann ich vielleicht helfen.
    Tipp: Boden ab polstern und nicht auf veganem Sisal rumhühnern.
    p.s. Die Agrarier werden heutzutage auch mittels EEG Umlage subventioniert.
    Herr Ober! Mehr Schnaps bitte!!

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  3. Joachim sagt:

    Hi Pantoufle (nach langer Zeit mit geänderter EMAIL mal wieder),

    den Ossietzky kann ich jetzt (momentan) zwar nicht lesen (Zeit, sorry, später), doch zur Gefahr von Emigranten kann ich was sagen. Ich hab da letztens auch so einen gesehen. Du hast das falsch verstanden. Irgenwo in Spanien hat jemand eine Zähluhr aufgestellt, dass die Ertrunkenen zählt. Die fängt etwas untertrieben jetzt bei 3xxx an zu zählen, für jeden Ersoffenen. Bestimmt meinte der Kommentator also die Gefahr unserer öffentlichen Sicherheit für ihr Leben.

    Nicht? Ja, ja ich verstehe. Es stimmt schon. Die sind echt gefährlich. Wieso? Ist doch klar.

    Da wird dein Bruder erschossen, deine Schwester vergewaltigt und deine Mutter ist Witwe. Deinem besten Freund fehlt ein Bein und jede Nacht wachst Du auf aus Angst vor Bomeneinschlägen und Hubschraubern. Demokratie ist ein lange vergessenes Fremdwort und Allah ist so wenig zu sehen, in den Gesichtern, wie unser Gott. Und um Gott zu schaffen, um einmal zu lächeln fehlt Dir jeder Grund, wenn Du zunächst einmal irgend etwas zu essen besorgen musst. Langsam, ganz langsam wirst Du verrückt.

    Und dann kommt ein Erlöser. Elfunddupsig Jungfrauen, etwas zu essen, Kleidung, auch wenn es eine art Uniform ist, Leute die so sind wie Du geben Dir Gott zurück. Oder Du bildest Dir das alles nur ein, wenn Du hier in Deutschland sitzt oder in Frankreich oder sonstwo. Politik, Internet und Stammtische erklären dich zum Feind, wo Du doch immer bemüht warst, freundlich zu sein und die Bäckersfrau anzulächeln. Sie wird das später im TV bestätigen, wie unauffällig du doch warst.

    Der Nebel nimmt zu. Einer erschießt 40. Einer, der was tat, was auch immer es war. Einer der von den Kumpels gefeiert wird. Und dann möchtest Du was tun, auch wenn Du übersiehst, dass der „Held“ überhaupt nichts mit Deinem Problem und schon gar nicht mit Gott zu tun hatte… Doch nur einmal willst Du ein Held sein, einmal Respekt erfahren. Nur ein mal und dann

    … Bang.

    Ich frage mich nur, ob die Überwachuntskamera persönlich vom Mast hüpft um die Explosionsenergie abzufangen. Und ich frage mich, ob falscher Glaube nicht auch das ist, was die Werte einer ganzen Gesellschaft in Frage stellt, indem man nun z.B. die Bundeswehr mit der Polizei üben lässt um langsam das Trennungsgebot aufzuweichen. Oder indem Medien wörtlich dümmsten Terror (genauer omipräsente Terrorpanik) verbreiten.

    Liebe Politik, meint ihr Masern anmalen zu können, um die Krankheit zu bekämpfen? Wie wäre es mit minimalem Wissen. Der nahe Osten hat eine Geschichte. Die sollte man kennen, wenn man von Terror redet. Dinge haben Ursachen. Und außerdem, so nebenbei, es handelt sich da um Menschen. Und das steht sogar ausdrücklich unter dem Zähler der Ertrunkenen da in Spanien – ganz als müsste man das irgendwie noch erwähnen. Wer hier gefährlich ist, wer unter kognitiver Dissonanz leidet (oder besser nicht leidet sondern sie lebt), ich glaube das ist sehr eindeutig schon alleine an den Opferzahlen auszumachen.

    Könnte es sein, dass mehr auf der Flucht gestorben sind, als es Terroropfer in der gesamten sogenannten westlichen Welt gibt? Könnte es sein, dass Anstrengungen, dagegen etwas zu tun nur einen Bruchteil der Terrorstrategien der Politik kosten, doch die Möglichkeit eröffnen, diese Welt für mehr Menschen lebenswert zu machen? Könnte es sein, dass Freunde keine Bomen werfen, so verrückt oder anders sie auch sein mögen?

    Könnte das sein?

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    • Stony sagt:

      OT: Habe Dich vermisst. Schön, dass Du wieder da bist. 🙂

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      • Joachim sagt:

        Wieso wieder? „Ich war es und ich werde es immer sein…“ 😉
        Ich muss Dir unbedingt mal schreiben…

        Und an Pantouffle: zu Ossietzky würde ich, wäre ich da kompetenter, Einiges sagen. Sicher hat er Recht und die Parallelen sind erschreckend. Was mir jedoch nicht gefällt ist sein „Pauschalismus“, seine einseitige und absolute Sicht (auch wenn er absolut und bis heute Recht hat und mich das erschrecken würde, wäre mir nicht klar, dass sich gar nichts ändert).

        Wahrheit ist Pluralismus. Wahrheit ist niemals uniform. Deuten viele unterschiedliche Meinungen auf ein Ergebnis, so ist das Ergebniss wahrscheinlich korrekter, als eine uniforme Meinung, die auf ein (oftmals sogar Wunsch-) Ergebnis hindeutet. Wirkliche Aussagen hängen von (impliziten) Prämissen ab. Wir verstehen Aussagen nur, wenn wir diese Grundlagen erkennen.

        Wir werden (m)eine gemeine Lösung finden ist jedoch eine Pseudolösung und „verarsche“. Dann schon lieber eine offene Scheuklappen (Wortspiel; Scheuklappen sind nicht wirklich offen). Kompromisse sind wie ein Trike: Das Schlechteste aller Welten…

        Ja, natürlich, das alles bezieht sich auf heute und Merkels Pressekonferenz kürzlich, auf Terror und auf Flüchtlinge und „Sicherheit“ (oh, Ossietzky sagte es ja…).

        Aber klar, ich würde mir widersprechen, würde ich Ossietzky widersprechen wollen. Beispielsweise habe ich versucht „Ob Adolf oder Gregor oder Franz, ob sie miteinander oder gegeneinander, ob wer gegen wen: Das ist der Inhalt der deutschen Politik geworden.“ in das Jetzt zu beamen. Oh… omg…

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  4. pantoufle sagt:

    Moin Joachim

    Stonys Bemerkung schließe ich mich an: Sehr schön, mal wieder etwas von Dir zu lesen!

    Ossietzkys apodiktische Beschreibung der Zustände muß natürlich unter Berücksichtigung der Umstände seiner Entstehung gesehen werden. Es war gerade erst ein paar Tage her, daß er aus dem Gefängnis entlassen wurde (wo er wegen des »Weltbühne-Prozesses« gut ein dreiviertel Jahr inhaftiert war) und 11 Tage vor seiner erneuten Verhaftung (28.2.33). Da stellen sich erst einmal ganz andere Fragen als die nach Pluralismus – manch einer hätte nicht einmal seine Unterschrift unter eine Wäscherei-Rechnung gesetzt, geschweige denn einen Artikel in der Weltbühne veröffentlicht.

    Und dann wäre da natürlich noch das Datum an sich, knapp zwei Monate vor den Märzwahlen. Wahrlich nicht mehr der Zeitpunkt für übertrieben differenzierte Diskussionen.
    Es ist ja nicht nur Ossietzky: Man lese einmal in dieser unveröffentlichten Ausgabe der Weltbühne quer – es gab einige Journalisten, die eine sehr konkrete Vorstellung davon hatten, in welche Richtung der Zug fährt. Wie schwierig das damals war, ist auch heute wieder gut sichtbar, vor allem dann, wenn man den Begriff Pluralismus in dem Sinne mißdeutet, daß alle Stimmen das selbe Gewicht haben. Du weißt ja, die Schrottpresse pflegt einen durchaus selektiven Umgang mit dem Wort Meinungsfreiheit: Nicht jeder, der darf, sollte.
    Ganz abgesehen davon, daß es sich aus rein praktischen Gründen nicht empfiehlt, jeden noch so abseitigen Redebeitrag im persönlichen Kalkül zu berücksichtigen. Eine Erkenntnis, die bereits Wilhelm von Okham (1288 – 1347) in seiner Formulierung der »Entia non sunt multiplicanda sine necessitate« niederschrieb. Das ist in Zeiten von Twitter und Facebook noch etwas entscheidender geworden.

    Gerade unter diesen Aspekten ist der Artikel Ossietzkys umso beeindruckender; glücklicherweise nicht flankiert durch eine 140-Zeichenmeldung mit diversen Hashtags und/oder der Facebookgruppe »Ossietzky-Watch«.

    »Deuten viele unterschiedliche Meinungen auf ein Ergebnis, so ist das Ergebnis wahrscheinlich korrekter, als eine uniforme Meinung, die auf ein (oftmals sogar Wunsch-) Ergebnis hindeutet.«

    Das Stichwort dabei liegt beim Begriff »Deutung«. Allzu konsequent sollte man deinen Satz nicht anwenden, sonst kommt man auf so groteske Konstrukte wie Erdoğans Forderung nach der Todesstrafe, weil es »das Volk« ja so will. Ethik ist keine Mengenlehre: Todesstrafe oder das Recht auf Asyl sind nicht auf Druck der Schlagzeilen verhandelbar. Ganz gleich, wie man die Stimme des Volkes deutet. Das ist eben ein grundsätzliches Problem der Politik, auch gegen eine Mehrheit gewisse Grundsätze zu verteidigen. Man kann die Weisheit der Verfasser des Grundgesetzes für die Einführung der Ewigkeitsklausel gar nicht genug bewundern. Bestimmte Prinzipien müssen auch vor dem Zugriff einer Mehrheit in Schutz genommen werden – da gibt es nichts zu deuten.

    »Ossietzky-Watch«: An dem Begriff kaue ich jetzt. Das ist gar nicht einmal so verkehrt. Gut, damals war es nicht ein Herde hirnamputierter Verschwörungstheoretiker, sondern eine Gruppe Krimineller, die man zu recht bei den Nürnberger Prozessen verurteilte (oder das wenigstens versuchte). Aber im Grunde gibt es wenig Unterschiede darin, Volkes Stimme zu generieren, um daraus eine »überwiegende Meinung« zu generieren. In dieser Hinsicht kann man Angela Merkel direkt dankbar sein, daß sie die Rufe des Mobs auf eine unverbindliche Forderung eines »erhöhten Sicherheitsgefühls« zusammenstreicht.

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