Aus fremder Feder

Eigentlich war ich gerade dabei, mir Gedanken um das nächste Gedicht am Dienstag zu machen, als ich so beim Vormichhinlesen (wieder einmal) über Klabund stolperte. Der Dichter und Schriftsteller, Mitarbeiter der Weltbühne, uneigentlich Alfred Henschke, hat ein so großartiges Werk hinterlassen, daß einem schwindelig werden könnte. Gedichte, aber eben auch Prosa und genau das wollte ich mal eben vorstellen. Eine Miniatur, Kürzestgeschichte und so ganz und gar großartig geschrieben.
Ein schönes Wochenende allen Lesern und sollte Euch der Weg an einer Buchhandlung vorbeiführen: Klabund, ganz einfach zu merken – die Mischung zwischen Klabautermann und Vagabund.

Der Kriegsberichterstatter

Siegfried Silbermann, der schon den Buren- und den Balkankrieg als Kriegsberichterstatter der »Neuen Freien Trompete« mitgemacht hatte, wurde telegraphisch in das Hauptquartier von Exzellenz Eydtkuhnen, Oberbefehlshaber Nordost, berufen – jenes Feldherrn, der erst anläßlich dieses Krieges in so glänzende Erscheinung getreten ist.
Schon ehe er das Auto des Pressestabes bestieg, wurden Siegfried Silbermann mit einem dunklen Tuch wie einem Parlamentär die Augen verbunden, damit er auf der Fahrt nach der Front ja nichts zu sehen bekäme, was sich im geringsten als militärisches Geheimnis darstellen und von ihm vielleicht als Anlaß zu einer seiner hinlänglich bekannten Plaudereien benützt werden könne. Es gehörte zur seelischen und beruflichen Eigenschaft des Kriegsberichterstatters, daß er nichts, aber auch rein gar nichts vom Kriege sieht:hin und wieder nur wird ihm die Binde abgenommen, und er fühlt sich erstaunt vor einem toten Pferd oder einem niedergebrannten Haus. Darüber darf er dann als »Augenzeuge« berichten. Wendet er seinen Blick von dem toten Pferd oder dem niedergebrannten Haus ein wenig empor und in die Weite, so sieht er nichts als ein graues, ödes, endloses Feld, das sich viele Meilen bis an den Horizont erstreckt. Das nennt er dann die »Leere des modernen Schlachtfeldes«.
Siegfried Silbermann schlug die Augen auf und fand sich einem ältern, stattlichen Herrn gegenüber, dessen Brust mit Orden und Ehrenzeichen übersät war. Breite rote Feldmarschallsbiesen funkelten herrisch an seinen gestrafften Beinen. Er zwirbelte nachdenklich an seinem braun-melierten, altertümlichen Bart.
Silbermann zog seinen Notizblock und notierte: martialisch.
Exzellenz Eydtkuhnen, der große Feldherr – denn er war es in eigener Person – legte seine große, knochige Hand schwer auf Siegfried Silbermanns schwankende Schulter.
Silbermann zitterte.
Er feuchtete den Tintenstift leise an der Zunge an und notierte: leutselig.
Silbermann wagte endlich, die nähere Umgebung prüfend zu betrachten.
Um ein riesiges rauchiges Lagerfeuer hockte malerisch gekrümmt eine Anzahl höherer und niederer Offiziere. Es war der Stab des Feldherrn. Sie rauchten eine Pfeife, die reihum ging: die sogenannte Friedenspfeife. Über dem Feuer wurde ein Ochse von mehreren Ordonnanzen am Spieß gedreht. Man traf Vorbereitungen zum Mittagsmahl.
»Wollen Sie mit uns speisen?« sagte Exzellenz Eydtkuhnen. Des Feldherrn Stimme rollte in gutturalen Kehllauten.
Silbermann notierte: nicht nur die Tatze, nein, auch die Stimme des Löwen…
»Ich habe mit dem feindlichen Heerführer ausgemacht, daß die Schlacht erst nach dem Mittagessen, sobald der Kaffee abserviert ist, beginnt.«
Silbermann notierte: humane Kriegführung.
Es war nur ein Feldstuhl vorhanden.
Silbermann notierte: spartanische Lebensweise…
»Wollen Sie sich nicht setzen?« lächelte Exzellenz Eydtkuhnen. »Das Schreiben und Denken im Stehen ermüdet.«
»Bitte, nach Ihnen, Exzellenz«, verbog sich Silbermann devot.
»Oh,« wehrte die Exzellenz ab, »ich stehe schon so lange im Felde, daß ich ruhig noch ein wenig länger stehen kann.«
Silbermann notierte: Beharrlichkeit… Ausdauer… germanische Zähigkeit… Oben in den Lüften begann es zu pfeifen und zu surren, zu schnauben und zu knallen.
Exzellenz Eydtkuhnen murmelte erheitert: »Feindliche Aeroplane… sie haben es auf mein Hauptquartier abgesehen… aber beruhigen Sie sich, lieber Silbermann: sie treffen nie etwas. Höchstens, wenn man sich etwa auf neutralem Boden befände, könnten sie einem gefährlich werden.«
Krrrrrrrtz… knautz… rum… eine Fliegerbombe platzte in fünfzig Schritt vor Silbermann.
Silbermann konnte gerade noch: Kaltblütigkeit notieren, dann fiel er in Ohnmacht. Exzellenz Eydtkuhnen winkte, und Silbermann wurde von den Ordonnanzen, die eben noch den Ochsen gebraten hatten, ins Auto des Pressestabes geschafft. Auf der Redaktion der »Neuen Freien Trompete« war es, wo er wieder zur Besinnung kam. Noch die Abendausgabe der »Neuen Freien Trompete« brachte auf ihrer ersten Seite Silbermanns nachgerade so berühmt gewordenes Interview des Oberbefehlshabers Nordost Exzellenz Eydtkuhnen.
Vier Wochen später erschien bei der Verlagsbuchhandlung Brösel & Co. »Die eiserne Mauer«, Eindrücke und Expressionen, Erlebtes und Erschautes von der Nordostfront, von Siegfried Silbermann – ein stattlicher Band in Lexikonformat.

Klabund/Kunterbundgang des Abendlandes

Das Massengrab

Wenn ich Ihnen mein Zimmer beschreiben soll, so ist dasselbe drei Meter lang, drei Meter breit, fünf Meter hoch. Ein Tisch, ein Bett, ein Stuhl, ein mehr symbolischer als wirklicher Schrank vervollständigen sein Mobiliar. Außer mir wohnen in dem Zimmer noch ein älteres Perlhuhn, ein trächtiges Meerschwein und ein lahmes, syphilitisches Kaninchen. Das Kaninchen hat mit dem Meerschwein, das Perlhuhn mit dem Kaninchen ein öffentlich nicht diskutables Verhältnis. Bloß ich bin sozusagen ganz allein da. Nur aus dem Bedürfnis heraus, gleichsam mit mir selbst ein Verhältnis anzufangen, in ein Verhältnis zu mir zu kommen, schreibe ich Bücher, welche dann später gedruckt und so der Öffentlichkeit nahegebracht werden. Die meisten Kritiken, die in den Zeitungen darüber erscheinen, sind von mir. Ich schicke sie unter falschem Namen hin, indem ich die Signatur meiner Zimmergenossen verwende: Joseph Perlhuhn, Isabella Meerschwein, Isidor Ben Kanin Chen. Ich pflege mich teils heftig zu loben, teils heftig zu tadeln, um so eine längere Diskussion in den verschiedenen Blättern hervorzurufen, welche ich ganz allein bestreite. Wenn Sie meine Lebensführung als überaus traurig und fast idiotisch bezeichnen, so haben Sie nicht so ganz un recht. Aber was soll ein lebender Mensch heute anfangen, das nicht böse oder niederträchtig endet? Der Tod ist das einzig Erfreuliche am Leben. Ich habe mir im Garten eine Familiengruft selbst gegraben und hergerichtet: vier Gräber nebeneinander: für mich, für das Perlhuhn, das Meerschwein und das lahme syphilitische Kaninchen. Ein gemeinsames Kreuz wird sich über dem Massengrab erheben, auf dem in goldenen Lettern die fromme Inschrift angebracht ist: Hic Rhodus, hic salta!

Klabund/Kunterbundgang des Abendlandes (Alfred Henschke; * 4. November 1890 in Crossen/Oder; † 14. August 1928 in Davos)
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0 Kommentare zu Aus fremder Feder

  1. tikerscherk sagt:

    Schöne Miniatur. Die Geschichte ist vor meinem inneren Auge abgelaufen, wie ein Comic.

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