Aus den Jugendtagen eines Trolls

Schule ist nicht nur langweilig – es ist gelegentlich bedrohlich. Klein-Karlchen sitzt nun schon eine geschlagene halbe Stunde und malt bunte Kringel. Eigentlich habe sie Mengenlehre oder sowas. Blaue Kringel, rot und auch nun auch einen grünen. Überlappend, bunt und nutzlos. So wird das nichts mit der Klassenarbeit und langsam wird das auch Karlchen klar.
Zu allem Überfluß wurde auch noch sein Lieblingslehrer pensioniert. Wenn Karlchen wieder einmal auf ganzer Linie versagte, konnte er bei ihm mit dezenten Hinweisen auf Verfehlungen der Klassenkameraden den Notendurchschnitt etwas glätten. Nun ist der Alte weg und Kameraden hat er auch keine mehr. Wenn man wenigstens beim Nachbarn… Aber der schiebt sofort den Arm vor das Heft, als er merkt, daß Karlchen nur wieder abschreiben will.

»Den blauen Kringel nenne ich mal die 1« Karlchen hat leider nicht den blassesten Schimmer, was er da macht. »Und wenn der rote nun eine 2 ist, dann…«
Wenn es doch nur endlich klingeln würde! Ein paar wahllos verstreute Buchstaben und Zahlen. Vielleicht geben sie mir ja eine bessere Note, wenn da nur viel steht? In einem verstaubten Winkel seines kleinen Gehirns ballt sich die Erkenntnis, daß sie nicht wohl nicht werden. Weil kein Zusammenhang.
Das ist schlecht!

Hans-Peter hat neulich in einem Buch gelesen. Bestimmt standen da die Lösungen für irgend eine Arbeit drin. Vielleicht sogar für diese! Wie hieß bloß das Buch nochmal? Es war furchtbar dick und hatte eine nur leicht bekleidete Dame auf dem Schutzumschlag.
Karlchen überlegt krampfhaft: Irgend was mit »Chatterly`s…«. Bestimmt was Verbotenes. Aber der Titel fällt ihm so wenig ein wie jemand, bei dem er Hans-Peter damit anschwärzen könnte.
Was geht der Alte auch in Pension! Ohne daß Karlchen es merkte, hat er »Hans-Peter ist doof« geschrieben. Herrje: Tinte und Buntstifte kann man nicht radieren und dann sieht das noch schlimmer aus als wenn… aber bis dahin liest der Lehrer sowieso nicht, wenn er die Arbeit korrigiert. Der wird schon bei den bunten Kringeln aufgeben.
»Ungenügend! Thema nicht nur verfehlt, sondern nicht im Ansatz begriffen! Versetzung gefährdet. Wieder mal!«
Also nicht radieren.

Alles ist unfair! Die anderen treffen sich nach der Schule, machen zusammen Hausaufgaben und reden miteinander. Hinter seinem Rücken und die ganze Zeit über ihn. Nur! Natürlich sind sie deswegen auch besser in der Schule. Ihm gegenüber sitzen Anne und ihr Freund und tuscheln. Als Karlchen das gerade petzen will – ein letztes verzweifeltes Aufbäumen gegen die Erkenntnis, daß er schon wieder verloren hat – stehen die beiden aber schon auf und geben dem Lehrer ihre Arbeit. Streber! Kommt Annes Vater nicht immer erst ganz spät nach Hause? Der macht mit Sicherheit etwas Verbotenes. Wahrscheinlich ist er Berufsverbrecher oder Kommunist, nach seinen Beobachtungen allerdings beides. Karlchen hat sich viele Nächte um die Ohren geschlagen, um das alles haarklein aufzuschreiben. Immer frierend am Fenster, übermüdet, aber sicher, daß sich eines Tages jemand findet, der daran interessiert ist.

Ein paar Tage später steckte er damals seine gesamten Aufzeichnungen in einen Briefumschlag und schickt ihn an den Direktor der Schule. »Dann schmeißen sie Anne mit Sicherheit raus!« Ein paar Tage darauf erschien Anne nicht zur Schule. Ein Festtag! Ein Traum wurde wahr! Es war der Tag, als sein Brief wieder im Briefkasten lag: »Empfänger unbekannt/Adresse unleserlich.« Und es war der Tag vor dem darauffolgenden Tag, an dem Anne nach ihrer Erkältung wieder zum Unterricht erschien. Dieser Tag war nicht ganz so schön.

Und jetzt hat sie ihre Arbeit auch schon abgegeben! Anne! Auch so eine Niederlage! Über ihren angeblichen Freund hatte er vor langer Zeit genügend belastendes Material gesammelt, um, wie er meinte, ihre Hochachtung zu erringen. Das mußte sie einfach von seinen Qualitäten überzeugen. Sie würde sich zu ihm setzen, sich geduldig seine Theorie der bunten Kringel erklären lassen und er würde dabei ganz unauffällig seinen Arm um ihre Schulternlegen. »Die roten Kringel, weißt Du…« Ach!
Ein richtiges Dossier, was er da zusammengetragen hatte. Wenigstens für den Besuch des Eiscafés sollte es reichen, vielleicht auch für einen Spaziergang am Bach – kühne Gedanken, mit denen er sich trug. War Anne nicht das anerkannt hübscheste Mädchen der Schule? Leider verhielt sich Anne nicht ganz nach Wunsch. Nachdem er endlich einen Moment abgepasst hatte, ihr die unwiderlegbaren Beweise zu übergeben, nahm sie ihm mit spitzen Fingern die Blätter aus der Hand, drehte sich um und ging sehr schnell zurück in die Klasse, wo Karlchen keinesfalls von ihr das Dossier zurückfordern konnte. Nicht vor aller Augen!

Die Zeit, die vom Klingeln bis zum Erscheinen des Lehrkörpers verging, war die entsetzlichste, an die sich Karlchen erinnern konnte. Bestand sein bisheriges Leben aus einer ununterbrochenen Folge von Niederlagen und Peinlichkeiten, so war diese Viertelstunde – und so lange dauerte es mindestens – der Tiefpunkt seines bisherigen Lebens. Anna hatte natürlich nichts besseres gewußt, als Karlchens glühende Anklageschrift ohne auch nur eine Sekunde zu zögern ihrem Liebsten zu zeigen. Die beiden kicherten und prusteten, daß erst die Sitznachbarn und wenig später die ganze Klasse neugierig wurde.
Oh diese Schmach, als Anna aufstand und die Erkenntnisse, auf die Karlchen so viel Mühe und Arbeit verwandt hatte, laut und nur durch Lachanfälle unterbrochen, mit vollkommen falscher Betonung vorlas. Höhepunkt ihrer Darbietung, die sie offensichtlich genoß, war der kleine gelbe Zettel, den er an die letzte Seite geheftet hatte »Willst Du mit mir ein Eis essen gehen? Ich lade Dich auch ein. Auf eine Kugel jedenfalls«
Die Kunstlehrerin hatte ihre liebe Not, die Schüler, die röchelnd und hechelnd über den Tischen lagen, zu einem halbwegs anständigen Unterricht zu bewegen. Nur einer lachte nicht und das war Karlchen. Er saß wie immer stumm da und malte bunte Kringel.
Aber das war man ja von ihm gewohnt.

Jetzt würde gleich die Klingel ertönen und Karlchen hat immer noch nichts zensurenwürdiges auf dem verschmierten Block. »Wenn man mit dem Rücken zur Wand steht, hat man nichts zu verlieren!« Heroismus tröstet für eine weitere Minute. Und die Versetzung ist nicht nur gefährdet, sondern bereits hinfällig. Das weiß er aber noch nicht. Es steht aber in dem Brief, den sein Vater gerade aufmacht. Zuhause. Das ist da, wohin er sich gleich auf verwundenen Wegen schleichen wird. Damit er den anderen nicht begegnet, denn davor hat er Angst. Wie sich in der Vergangenheit herausstellte zu Recht.
Es hatte ihn nie interessiert, warum sie ihn schlugen und so nahm er auch die Schmerzen in Kauf, wenn sich nur am nächsten Morgen ein Zettel auf dem Tisch des Lehrers fand, auf dem mit krakeligen, ungelenken Buchstaben »Hans-Peter hat mich wieder verhauen!« stand.
Auf dem Tisch des so frühzeitig pensionierten Lehrers. So wurde gelegentlich aus der »6« eine »5« oder gar ein liebevolles »Befriedigend«. Was für ein Glück aber auch, daß der in den Ruhestand getretene sich partout nicht mit Hans-Peters Vater verstand. Eine alte Männerfeindschaft, in der ein Mädchen eine Rolle… aber das ist eine andere Geschichte.

Die Klingel! Endlich! Alle haben ihre Blätter abgegeben. Nur Karlchen noch nicht. Er wartet immer, bis die anderen die Klasse verlassen haben. Strategie nennt er das. Und er kann noch ein paar Worte mit dem Lehrer wechseln, der ihn etwas angewidert ansieht. Nicht nur sein Vater weiß bereits, daß Karlchen wieder einmal sitzenbleibt. »Nächstes Jahr muß sich jemand anderes mit diesem Stück… Hauptsache, ich bin ihn los!« Karlchen startet einen letzten Versuch: »Wenn ich Ihnen beweisen könnte, daß Anne heute geschummelt hat? Sie hat einen Spickzettel…«
»Raus!«

Karlchen muß nun gehen, endgültig. Jetzt gibt es keine Ausreden mehr. Auf den Weg nach Hause machen, auf dem so viele Gefahren lauern, weil ihn alle, alle kennen. Dann wird er wieder vor sich hinträumen. Von einer Welt ohne falsche oder unleserliche Adressen, wo niemand seinen Namen kennt und sein Gesicht. Eine Welt, wo eine Anschuldigung auch ohne Beweise ihr Auskommen hat, wo sich die Behauptung zur Tatsache verwandelt wie die graue Larve in einen Schmetterling, wo… Karlchen würde es Internetz nennen!

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind weder beabsichtigt noch für das Verständnis dieser kleinen Geschichte erforderlich 🙂

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