Aufgewacht und mitgemacht/Nachschlag

putsch?

Augen geradeaus meldet gerade einen Militärputsch in der Türkei… oder sowas in der Art. Tagesschau und FAZ leisten noch Trauerarbeit, aber Thomas Wiegold scheint mehr zu wissen.

»ANKARA:
A group within Turkey’s military has attempted to overthrow the government and security forces have been called in to “do what is necessary”, Prime Minister Binali Yildirim said on Friday.

“Some people illegally undertook an illegal action outside
of the chain of command,” Yildirim said in comments broadcast by private channel NTV. […]
Earlier, gunshots were heard in the Turkish capital of Ankara on Friday, a Reuters witness said, as military jets and helicopters were seen flying overhead.

Tribune

Group in military attempted uprising, Turkish PM says, top general may be held hostage

Hurriyet Daily News.com

Aha, die Tagesschau ist auch aufgewacht:Ministerpräsident Yildirm betont, die Türkei werde niemals erlauben, daß „eine Initiative die Demokratie unterbricht“.

Das ist eine sehr amüsante Randbemerkung, einen Militärputsch als Initiative zu bezeichnen und der Gebrauch des Wortes »Demokratie«. Aber spannender fände ich ja die Presseerklärung des Militärs morgen früh. Mal sehen, an welcher Stelle dort dieses Reizwort auftritt.

23:19 Uhr.

Binali Yıldırım hat sich umentschieden. Jetzt doch Militäputsch. Initiative war einfach nicht griffig genug.

1Scheiße! Ich habe da eine liebe Freundin. Hoffentlich ist sie o.k.

CNN Türk meldet, Präsident Erdogan sei in Sicherheit. Ärgerlich.

23:27 Uhr

Ein »Rat für Frieden im Land« erklärt die »Machtübernahme zur Wiederherstellung der Rechtsstaatlichkeit«. Ausgangssperre, blah, blah, Der König hat eine Bataille verloren. Jetzt ist Ruhe die erste Bürgerpflicht. Ich fordere alle Einwohner Ankaras…

2Au weia! Hoffentlich geht das gut!

Klaus Baum macht sich zu Recht Sorgen um das vorzeitige Ende des Böhmermann-Prozesses. Die Schrottpresse muß wohl doch mal wieder fernsehen. Die nächste Böhmermannsendung verspricht interessant zu werden.

3Der Aufruf des Führers der Türken an sein Volk ist aber sehr eigenartig. Entweder, das ist eine Aufzeichnung oder der hässlichste Wohnwagen Europas. (Danke Annika)

4Hoffentlich wissen die Putschisten das auch.

Wenn Erdoğan diese Nummer politisch überlebt, kann ihn nichts und niemand mehr stoppen. Jetzt ruft er erst einmal seine Anhänger auf die Straße, damit sie ihren Kopf für seinen Machterhalt hinhalten. »Ich rufe unser Volk auf, sich auf den Plätzen und am Flughafen zu versammeln. Sollen sie (die Putschisten) mit ihren Panzern und ihren Kanonen machen, was sie wollen.« Schäbig genug – schlimmer, daß er mit diesem Appell wohl auf offene Ohren trifft.
Natürlich ist ein Militärputsch das genaue Gegenteil von Demokratie und Freiheit. Da gibt es nichts zu erklären oder zu relativieren! Das aber muß man auch all denjenigen erklären, die durch das Regime Erdoğan in Gefängnissen sind, Opfer von Zensur oder eines verbrecherischen Bürgerkriegs gegen die Kurden sind.
Die Geschichte der modernen Türkei war auch immer eine des Militärs in der Funktion als Hüterin der kemalistisch-säkularen Prinzipien der Republik. Die letzte Gewaltherrschaft unter General Kenan Evren zwischen 1980 – 1989 hat ihre Spuren hinterlassen: Zahllose Regimegegner, Journalisten, Gewerkschafter, Kurden und Menschenrechtsaktivisten wurden gefoltert oder blieben spurlos verschwunden. Das ist Militärputsch, so sieht er aus und vernünftigerweise will niemand dahin zurück. Im Zuge der juristischen Aufarbeitung der Verbrechen des Evren-Putsches ab 2010 wurde das türkische Militär zunehmend entmachtet. Die von ihr stets verdrängte islamisch-konservative Schicht gewann an Einfluß und ermöglichte maßgeblich den Aufstieg Erdoğans.

Daß der jetzige Putschversuch nach dieser weitgehenden Entmachtung überhaupt stattfindet, ist verwunderlich. Und auch nicht das Militär putscht, sondern soweit bekannt, Teile davon. So kämpft im Moment auch Militär gegen Militär: »Mit dem Putsch sollten unter anderem die verfassungsmäßige Ordnung, die Demokratie und die Menschenrechte wiederhergestellt werden«, so die die Putschisten. Mit »unter anderem« wird sicherlich auch ein Ende dieser schleichenden Entmachtung gemeint sein. Von der Fragwürdigkeit solcher Aussagen aus uniformiertem Mund abgesehen: Aus ihrer Sicht haben sie ja sogar recht. Worin besteht denn die Alternative? Die Wiederauflage eines mittelalterlichen, absolutistischen Kalifats? Das blutleere Gerede der NATO-Verbündeten von Demokratie und Verfassung unterschlägt bewußt die Tatsache, daß es spätestens bis zur nächsten Wahl in der Türkei keine demokratischen Verhältnisse mehr geben wird – wenn das nicht schon jetzt der Fall ist. Da macht es aus rechtsstaatlicher Sicht  keinen Unterschied, ob das Militär oder Erdoğan herrscht.

02:02 Uhr. Ministerpräsident Yildirim behauptet, »die Lage wäre unter Kontrolle«. Mag sein – irgend jemand wird sie sicherlich kontrollieren. Gut möglich, daß der Spuk heute Morgen schon vorbei ist, mit einem in Drachenblut gebadeten Erdoğan. Gott ist groß und er ist wieder da.
Das wäre dann schlimmer als jeder Putsch. Heute Nacht hat Erdoğan seinen Reichstag angezündet.

5

Der Morgen: War was?

Irgend etwas ist komisch an diesem Putsch. Man läßt Demonstranten die Todesstrafe für Putschisten fordern. Die Menge skandiert spontan den Wunsch nach der Todesstrafe. Na schön! Eine Nacht der langen Messer ist natürlich integraler Bestandteil eines jeden anständigen Putsches. »Ein Geschenk Gottes, daß die Reinigung des Militärs ermöglicht.« Diese fadenscheinigen Satzfetzen: Die Fetulla Gülen- Bewegung stecke dahinter (das klingt etwa so glaubwürdig wie »Finanz-Judentum«).
Vermutlich ist das wieder einer dieser unseligen Übersetzungsfehler wie »Es gibt aktuell Beispiele [für ein erfolgreiches Präsidial-System] in der Welt und auch Beispiele in der Vergangenheit. Wenn Sie an Hitler-Deutschland denken, haben Sie eines.«.
Wenn das ein Militärputsch war, so war es zumindest der lausigste der letzten 50 Jahre weltweit.
Das war sie also, die große, ruhmreiche türkische Armee vor ihrer Umwandlung in Erdogans Leibgarde.
Der eigentliche Putsch beginnt gerade erst und sei es nur, um davon abzulenken, daß ihn viele bereits jetzt für eine Inszenierung halten. Konnte Erdogan eigentlich etwas besseres passieren als diese Nacht?

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35 Kommentare zu Aufgewacht und mitgemacht/Nachschlag

  1. Stony sagt:

    Dieser Böhmermann wieder, schreckt vor nix zurück!1!! (scnr)

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  2. Stony sagt:

    BBC-Ticker

    „23:15 Continuing to read the military’s statement, the TRT announcer says Turkey’s democratic and secular rule of law has been eroded by the current government, Reuters reports. The country is now run by a „peace council“ that will ensure the safety of the population, the announcer adds. A new constitution will be prepared „as soon as possible“.“

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    • pantoufle sagt:

      Danke. Ich quäle mich gerade mit hurriyetdailynews.com. Rauf, runter, rauf, runter… fast wie bei einem Putsch

      Ah, Zeit.de kopiert BBC und übersetzt es gleich ins Deutsche. Netter Service.

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  3. pantoufle sagt:

    Tikerscherk! Was treibst Du Dich denn noch so spät herum?

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  4. Annika sagt:

    Auf NTV ist Erdogan per Face Time auf Sendung. Vor schlimmen Gardinen sitzt er.

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    • pantoufle sagt:

      Habe gerade erfolglos versucht, über Twitter eine Jemandin zu erreichen. NTV? Schlimme Gardinen?
      Mal sehen… Danke !
      UpDate:
      Ja, ziemlich zonal. Der Preis der Sicherheit. Seine goldenen Kindersitze haben mir besser gefallen. Ihm vermutlich auch.

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      • waswegmuss sagt:

        Ich dachte, der Junge ist gerade mit der Perle der Uckermark in der Mogolei um das Jurtenvolk gegen Russland klar zu machen.

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        • pantoufle sagt:

          … oder auf der Flucht nach Deutschland. Eine Nacht im Auffanglager Dresden. Turnhalle, morgentliche Entlausung und dann zum Integrationskurs.

          »Ja, guten Morgen Gerda. Ich hab hier jemanden, der behauptet Erdowahn oder so ähnlich zu heißen. Hat aber keine Papiere… ne, Geld auch nicht… ja, … schade eigentlich!«

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  5. annika sagt:

    Jetzt steht er vor der Kamera, scheinen aber alte Aufnahmen zu sein. Vor der Gardine sah er aus wie Ceausescu in seinen letzten Stunden

    Ach nee, jetzt sagen die, dass das aktuelle Bilder von ihm sind. Wer’s glaubt

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  6. Annika sagt:

    Jetzt sagen die, dass der Präsident auf dem Weg nach Ankara ist. Mal sehen wann er ankommt, bei all den Staus, den geschlossenen Flughäfen und den gesperrten Brücken. Vielleicht nimmt er die Balkanroute.

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    • pantoufle sagt:

      Du kennst aber häßliche Worte! Balkanroute…
      Ich bin ja ganz hin- und hergerissen: Auf der einen Seite eine unwiederbringliche Chance den Kerl loszuwerden, auf der anderen das Militär.
      Leider findet der weitaus größte Teil der Bevölkerung Erdogans Kurs große Klasse, was den Ausgang des Putsches mindestens ahnen läßt.
      »Head of religious authority Görmez: Protesting against the coup attempt targeting the nation’s will is a religious obligation #Turkey«

      Andererseits: Wenn Erdogan das überlebt, kann ihn keiner mehr stoppen. Dann macht er endgültig, was er will. Das sollten all die Oppositionspolitiker, die gerade Statements abgeben, im Hinterkopf behalten

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  7. Annika sagt:

    Wohl wahr, bei einem Wechsel von Diktator mit demokratischen Anstrich hin zur Militärdiktatur kann man ja nicht wirklich von Verbesserung sprechen. Von Pest zur Cholera.
    Mal sehen, ob er das überlebt.

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  8. pantoufle sagt:

    … und da ist sie auch schon! Ich will eine Stellungnahme! Ich will eine Pressekonferenz! Ich will Steffen Seibert!
    https://edelfeda.files.wordpress.com/2016/07/7.png

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  9. R@iner sagt:

    Mich würde mal interessieren, wie hoch die Zahl der funktionalen Analphabeten in der Türkei ist. In D-land gehe ich von ca. 7,5 Millionen aus. Jemand Ahnung?

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    • pantoufle sagt:

      Tja… Fragen, die das Leben an uns stellt!
      Ich würde zum Beispiel gerade gerne wissen, wieviel eigentlich 30 Silberlinge inflationsbereinigt an heutiger Kaufkraft darstellen.

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  10. Ich hatte heute beim Essen in einer Brauereigaststätte eine „Wurstblume“ auf dem Teller, ein auf halbem Weg in vier Teile gespaltenes Würstchen. Sehr lecker, keine Frage. Aber ich habe mir nach dem Essen dann doch gedacht: Es nimmt mit der Menschheit kein gutes Ende.

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  11. pantoufle sagt:

    @Matthias
    *tieflufthol*
    Hatte ich gestern. Rumsteak mit Pfifferlingen. Ohne Sahne von wegen Cholesterin oder wie das heißt. Vielleicht auch, weil ich denen eine menschenwürdige Soße nicht zugetraut habe.
    Nun habe ich den ganzen Tag gewartet, daß außer stupiden regierungs- und demokratiezugeneigten Aufrufen irgend etwas kommt. Irgend eine Stellungnahme, eine Idee, ein Entsetzen. Und alles was kommt ist…

    https://edelfeda.files.wordpress.com/2016/07/verblc3b6det.png

    Um das mal ganz, ganz diplomatisch zu formulieren: Wie unfaßbar naiv und vollkommen verblödet muß eigentlich eine Person sein… ? Was glauben eigentlich solche degenerierten Vollidioten*inen, was da gerade passiert?
    Da brennt der Reichstag, die Richter werden verhaftet und alles was denen einfällt ist: »Na, das ist jetzt aber eher unschön!« Dagegen war das deutsche Volk am 28. Februar 1933 geradezu links-revolutionär gestimmt. Das ist ein bitterer Vorgeschmack darauf, wie der Prenzlauer Berg und Geistesverwandte auf die öffentliche Verbrennung des Grundgesetzes reagieren werden. Genau so! Genau mit diesem blöden, hilflosen Grienen »auch das ist jetzt ein Putsch!… irgendwie… ja, dürfen die das denn?«
    Na ja: Hauptsache, die Kinderkrippe ist morgen noch offen! Und der Biomarkt!

    ICH KOTZE!!!!

    Wie lange dauert bei dieser Spezies eigentlich der Winterschlaf? Von 2014 – Juli ’16???

    https://edelfeda.files.wordpress.com/2016/07/tiefschlaf.png

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    • @ Pantoufle

      So hat Politik doch immer funktioniert: Das Volk bekommt Info-Leckerlies direkt vor die feuchte Schnauze gestreut, die Chefs regeln die Dinge. In meinem Freundeskreis habe ich einen Sozialkundelehrer am Gymnasium – und selbst der rafft das Spiel nicht.

      Wir können bei allem nur fassungslos zuschauen und ich bin froh, dass ich keine Kinder habe, die mich irgendwann mal fragen werden: „Warum habt ihr eigentlich damals nix dagegen gemacht?“

      Ich hoffe, du hast eine gute Antwort für diesen Moment ;o)))

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    • DasKleineTeilchen sagt:

      ich versuch gerade, mir das kotzen abzugewöhnen und jetzt fängst ausgerechnet du damit an…

      jens bergers neuster erguss, 2ter absatz:

      „Es gibt wohl am heutigen Tage nichts Undankbareres, als ausgerechnet Recep Erdoğan vor – im Kern natürlich berechtigten – Anfeindungen in Schutz zu nehmen.“

      „im kern“. ohmann. ab da habe ich aufgehört zu lesen; ich will mir ja schliesslich das kotzen abgewöhnen

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