Auf den letzten Metern

Ein Jahresrückblick? Nein, das haben andere schon besser gemacht – da muß ich mich nicht auch noch reinhängen. Der verehrte Friedrich Küppersbusch zum Beispiel in der TAZ, meiner erklärten Lieblingskolumne jeden Sonntag. Aber es juckt dann doch ein klein wenig, wenn…

Das Angela Merkel den ehemaligen Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück seit Monate in ihr Nachtgebet einschließt, ist offensichtlich. Was dieser sogenannte Sozialdemokrat in immer kürzeren Abständen fallen lässt, ist öffentliche Selbstverstümmelung. Immer, wenn man dachte, es kann nicht schlimmer kommen, fällt Peer noch ein Körperteil ein, den er sich abhacken kann. Das Ganze erinnert ein wenig an Monty Pythons schwarzen Ritter aus dem Film »die Ritter der Kokosnuss«.
Bis hierher war es ja noch ganz lustig – bei der Betrachtung der Gesamtlage fällt einem allerdings eher »Brasil« von Terry Giliam ein. Und das ist dann nicht mehr so witzig, womit wir bei der Neujahrsansprache des Merkel wären.

Wie immer gibt es die übliche vorveröffentlichte Kurzfassung, damit keiner sagen kann, er hätte von nichts gewusst:

“Wir brauchen für unseren Wohlstand und unseren Zusammenhalt die richtige Balance”.
“Wie wichtig diese Balance ist, das zeigt uns auch die europäische Staatsschuldenkrise.”

Der Missbrauch des Wortes »Balance« ist in diesem Zusammenhang kaum anders zu verstehen als in der Heiligsprechung aller Verursacher dieser Krise. Andernfalls hätte es sinngemäß lauten sollen: »Die europäische Schuldenkrise ist der schlagende Beweis dafür, daß die Balance zwischen Politik, den kriminellen Heuschreckenschwärmen des Kapitals und dem Volk völlig aus dem Ruder gelaufen ist.« Aber genau das ist es, was die Kanzlerin eben nicht  meint. Frau Merkel (erwiesenermaßen frei von jeglichem Frauenbonus) meint tatsächlich:

“Wir leben ja in einer Demokratie und das ist eine parlamentarische Demokratie und deshalb ist das Budgetrecht ein Kernrecht des Parlaments und insofern werden wir Wege finden, wie die parlamentarische Mitbestimmung so gestaltet wird, dass sie trotzdem auch marktkonform ist.”

Das Zitat ist bekannt, die realen Folgen davon auch. Eine dieser Auswirkungen ist das tödliche Rennen zwischen dem Untergang Griechenlands und der Bezahlung der sogenannten Gläubiger. Gelingt es, genügend Gelder für die Deutsche Bank und andere Bankster freizuschaufeln, bevor Griechenland im Bürgerkrieg versinkt? Die Zeit wird knapp, die Argumente jeden Tag fadenscheiniger. Während Krankenhäuser wie auch andere soziale Einrichtungen längst kollabiert sind, wird jeder griechische Bäckermeister, der 5000€ illegal ins Ausland schafft, als finaler Sargnagel dieses Landes angeprangert. Noch glauben es die meisten… In fünf Jahren, wenn die Leichen von den Straßen geräumt sind, kommt dann irgend ein Bundespräsident vorbei und nimmt ein Baby auf den Arm: »Kürzlich hat mir eine griechische Mutter in einem Flüchtlingswohnheim ihr Baby in den Arm gelegt.« – wozu auch immer…
Und für alle, denen es aus dem Gedächtnis verschwunden ist: Es war der sozialistische Ministerpräsident Giorgos Papandreou, der am 19. Juni 2011 im Parlament die Vertrauensfrage stellte – in Verbindung mit einem Referendum, in dem die Bürger Griechenlands selbst über ihr Schicksal entscheiden sollten. Und es war Frau Merkel, die in zutiefst böser Absicht diesen zutiefst demokratischen Gedanken torpedierte, mit Hilfe von Sarkozy und anderen demokratiefeindlichen Kräften marktkonformen Demokraten.

So lasset uns also all das vergessen und den fadenscheinigen Mantel der Gleichgültigkeit darüber breiten.
Den anderen und natürlich speziell meinen lieben Lesern wünsche ich ein geräuschloses Sylvesterfest. Genießt die Gesellschaft der Freunde, des Alkohols und anderer Lustbarkeiten – möge der Kater am nächsten Morgen ein kleiner sein

Mit vielen Grüßen

das Pantoufle

Nachtrag

Die finale Predigt der Frau Merkel hat absolut nicht zum Inhalt gehabt, was es der Mühe wert gewesen wäre, zu meinem Artikel hinzuzufügt zu werden. Die vernagelte Weltsicht einer ehemaligen FDJ-Sekretärin mit dem Anspruch, den Inhalt des »Goldene Blatt« mit der Weihnachtspredigt des Bundespräsidenten zu kreuzen. Das Ergebnis war eine groteske Schmierenkommödie. Diese Kanzlerin löst nicht die Krise – sie und ihresgleich sind die Krise.

Das war mein letztes Wort zum neuen Jahr

0
Dieser Beitrag wurde unter Polemik abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

0 Kommentare zu Auf den letzten Metern

  1. Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit

    “…den Kreditausweitungen zwischen 1970 und 2009, in Höhe von 1.596 Mrd. Euro, standen in der gleichen Zeit Zinszahlungen des Staates in Höhe von 1.562 Mrd. Euro gegenüber! D. h., nutzbar für Staat und Bürger waren in diesen 39 Jahren nur jene 34 Mrd. Euro, die sich aus der Differenz zwischen Kreditaufnahmen und Zinszahlungen ergeben. – Profitiert hat also alleine jene Bürger-Minderheit, die dem Staat ihr Geld geliehen hat: Sie ist um 1.562 Mrd. Euro reicher geworden.” (Helmut Creutz, 2011)

    Eigentlich bedarf es keines weiteren Beweises, dass Politiker keine Volksvertreter sind, sondern nur Erfüllungsgehilfen der Zinsumverteilung von der Arbeit zum Besitz. Dabei ist zu beachten, dass die “hohe Politik” (Machtausübung) nicht aus “bösem Willen” handelt,…

    “Um zu wissen, wie wir der Dummheit beikommen können, müssen wir ihr Wesen zu verstehen suchen. Soviel ist sicher, daß sie nicht wesentlich ein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt ist. Es gibt intellektuell außerordentlich bewegliche Menschen, die dumm sind, und intellektuell sehr Schwerfällige, die alles andere als dumm sind. … Dabei gewinnt man weniger den Eindruck, daß die Dummheit ein angeborener Defekt ist, als daß unter bestimmten Umständen die Menschen dumm gemacht werden, bzw. sich dumm machen lassen.
    …Daß der Dumme oft bockig ist, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß er nicht selbständig ist. Man spürt es geradezu im Gespräch mit ihm, daß man es gar nicht mit ihm selbst, mit ihm persönlich, sondern mit über ihn mächtig gewordenen Schlagworten, Parolen etc. zu tun hat. Er ist in einem Banne, er ist verblendet, er ist in seinem eigenen Wesen mißbraucht, mißhandelt. So zum willenlosen Instrument geworden, wird der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig, dies als Böses zu erkennen.” (Dietrich Bonhoeffer, 1943)

    …sondern dass die ganze politische Seifenoper wirklich nicht weiß, was sie tut, solange die Religion (Machterhalt) nicht erklärt und damit wegerklärt ist:

    Der Weisheit letzter Schluss

    0

  2. Schwarzes_Einhorn sagt:

    “Ehemaliger Kanzlerkandidat…” *grins* Offensichtlich habe nicht nur ich diesen Herrn bereits abgehakt.

    (Und eigentlich ist es ja nicht komisch, aber lassen wir das…)

    0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *