Auf dem Nachttisch II

Julia Schramm ist durchgehechelt. Bettina W. aus H. auch. Als nächster Verlag hat Klett-Cotta die Marktlücke “pupertierende Piraten” entdeckt. Im März des kommenden Jahres soll ein neues Werk die Literaturszene bereichern, das wiederum von einer aufstrebenden Jungpolitikerin dieser Partei verfasst wurde. Mein Glückwunsch zu diesem Finderglück!

Mit Bestürzung hat es der Verlag vernommen, daß nach dem Debakel von Frau Schramm die Neuentdeckung Marina Weisband ihr Buch ohne Kopierschutz auf den Markt werfen will – gute Inhalte werden angeblich trotzdem bezahlt. Gute Inhalte sicherlich. Um es den Damen und Herren des Verlages Klett-Cotta ganz deutlich zu sagen: Ich werde dieses Buch nicht kaufen. Weder ohne Kopierschutz noch mit Hardcover.

Weder die literarische Welt, die Informatik noch die Schrottpresse wartet auf das Buch einer 24jährigen, die einem die Welt erklären möchte. Frau Weisband ist eine sympathische, wahrscheinlich integere Person, der ich auf keinen Fall das Recht absprechen möchte, ein Buch zu schreiben. Nur lesen werde ich es nicht; dafür fehlt mir die Zeit. Ich interessiere mich für Informationstechnologien, Politik und veränderten sozialen Bedingungen der Menschen einer neuen Zeit – Themen, die bei der Partei der Piraten denkbar schlecht aufgehoben sind. Vor allem bei Autoren einer Couleur, die noch die Schule besuchen oder sie gerade verlassen haben.

Deswegen liegt nicht nur seit heute Stanislav Lem auf dem Nachttisch.
Was kann man als durchschnittlich gebildeter Mensch schon groß über den alten weisen Mann aus Krakow schreiben? Vorsichtshalber gar nichts… man schweige besser. Was man aber sollte, ist, den Einfluss zu würdigen, den er auf einen persönlichen Werdegang gehabt hat.

Lem nannte das Gebiet, welches er beackerte, einmal den „Ramschladen der Phantasie“; irgendwo zwischen billigen Science Fiction und wissenschaftlicher Methodik. Mit dem Begriff „Science Fiction“ hatte er ohnehin ein grundsätzliches Problem: Er passt nach 20 Zeilen eines beliebigen seiner Bücher ohnehin nicht mehr zu Perry Rhodan oder Raumschiff Orion. Ebensowenig zu Arthur C. Clark, Isaak Asimov oder anderen technisch-visionären Schriftstellern. Mit der linken Hand zerpflückte er in zwei Nebensätzen Asimovs Robotergesetze, diese vieldiskutierten Regeln, die unter anderem Hollywood in der Volkstheateraufführung „I, Robot“ krachend in Szene setzte – Jahrzehnte später als Problemfilmchen zu einer obsoleten Fragestellung.
Clarks durchaus ehrenwerter Vorhersage und wiederholte Forderung nach Kommunikations-Satelliten überging Lem desinteressiert mit eigenen Überlegungen, was einen Roboter zum Freeclimbing im Hochgebirge bringen könnte oder nach welchen Kriterien eine Schwarm-Intelligenz in der Realität agieren wird.

Gab es etwas Schöneres, als im Bett zu liegen – Aschenbecher zur Linken, Flasch Wein auf der anderen Seite -, um die Geschichte einer künstlichen Intelligenz zu lesen, die die Menschheit in ihrem Wahn, die Krone der Schöpfung darzustellen, zurückpfiff? Allein die Vermessenheit, eine solche Geschichte zu schreiben und dann den positiven Beweis anzutreten. Der Versuch, eine dem Menschen überlegene Lebensform zu beschreiben und sprechen zu lassen, scheiterte bis zu diesem Buch jedes Mal grandios: Lem gelang er überzeugend.

Das alte, zerfledderte Exemplar von Summa Technologiae, der neuzeitliche Gegenentwurf zu Thomas von Aquins Summa Theologica, eines der wichtigsten seiner Werke. Von all meinen Büchern hat es die bemerkenswerteste Sammlung von Flecken, Rissen und sonstigen Dingen, die nicht zu Büchern gehören (Keine Randnotizen! Es ist bei bleibender Leseunfähigkeit strengstens verboten, in Büchern herumzuschmieren!)
Das Thema ist scheinbar simpel: Wie lauten die Fragen, wenn die Technologien alle Antworten gegeben haben, die man ihnen abverlangen kann.
„Pappi, Pappi: Können wir entweder nur wir selber sein oder niemand?“ Wir haben unseren Eltern einfach die falschen Fragen gestellt. Die Frage, warum die Ente auf dem Teich schwimmt, war nicht nur blöd – sie wurde auch mit Sicherheit falsch oder unvollständig beantwortet.
Wie alle guten Bücher beschreibt Lem den Weg, nicht die Antwort. Deswegen liegt das Buch auch immer in Griffnähe. Seit Jahren; das Buch für die Insel.

Wahrscheinlich ist Lem einer der wichtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Diese Erkenntnis hat sich leider nicht allgemein durchgesetzt. Als verbilligte Volksausgabe bestimmt unter anderem die Partei der Piraten die technisch-soziale Diskussion, wenn man nicht gleich die Werbetexte der Lobbyisten 1:1 übernimmt. Das es dabei zu keinen verwertbaren Antworten kommt, wundert nicht – es reicht nicht einmal für die Fragen, obwohl die schon vor langer Zeit vollendet gestellt wurden.
Stanislav Lem zu lesen ist die Freude, die Fragen und ihre Analyse bereits zu kennen und die Verbitterung, daß es niemanden interessiert. Es scheint, als würde Zenon recht behalten. Während die Schildkröte in hektischem Endspurt das Zielband zerreißt, flegelt Archill im Sonnenstuhl und googelt nach „Infinitesimalrechnung+Schildkröte“.

Immer ist es die Kultur und das Individuum, das bei Lem im Vordergrund steht. Höchst unzeitgemäß in einer Zeit, wo die Dauer von Wahrheiten in Wochen und Tagen gezählt werden, wo die Showmaster den endgültigen Sieg über die Philosophen davongetragen haben.

5.4541
Die Lösungen der logischen Probleme müssen einfach sein, denn sie setzen den Standard der Einfachheit.Die Menschen haben immer geahnt, dass es ein Gebiet von Fragen geben müsse, deren Antworten – a priori – symmetrisch, und zu einem abgeschlossenen, regelmäßigen Gebilde vereint liegen.Ein Gebiet, in dem der Satz gilt: Simplex sigillum veri.

Nicht Stanislav Lem, sondern Ludwig Wittgenstein. Lem hat sich aber immer daran gehalten.
Nein, der Einwand „die Showmaster auch“, hat keine Geltung, denn es gilt:

4
Der Gedanke ist der sinnvolle Satz.

Also sprach Lem.

Man ist geneigt, zu behaupten, die gegenwärtige Schwemme von Biographien und anderer selbstischer Aufsätze würde nur noch noch durch ihre Belanglosigkeit übertroffen. (Dieser Satz steht ein Komma von Rekursion entfernt) Aber das stimmt nicht – die Seuche ist älter. Das perfide Vergnügen, die Verwandtschaft – und , je nach Fähigkeit oder Impertinenz des Verlegers auch andere – dadurch gegen sich aufzubringen, indem man sie mit Selbstgeschriebenem traktiert, ist alles andere als neu. Bis zum jetzigen Zeitpunkt ist es aber so, daß man niemandem verzeiht, wenn nicht ein kleiner Rest des Geheimnis bleibt, das jeder Existenz anhaftet. Der Versuch, dieses Geheimnis zu offenbaren, ist gesellschaftlich geächtet, nach dem Empfinden der Allermeisten „unanständig“. Es ist nicht nur der Unterschied zwischen Pornographie und Erotik – es ist auch der, der ein gutes Buch von dem einer Julia Schramm und ihrer gleichgesinnten Geister unterscheidet. Die Halbwertszeit von Pornographie in der Literatur ist recht kurz – es sei denn, sie hat ein Geheimnis – dann ist sie aber nicht mehr sie selbst.
Es besteht also auch hier noch Hoffnung.

Wie fühlt sich ein englischer Seekadett an seinem ersten Tag auf einer Fregatte seiner Majestät? Die Fregatte hat noch Segel, ist aus Holz gebaut und wird von einigen hundert Mann belebt. Geht man einen der Niedergänge herab, schlägt einem ein unfassbarer Gestank entgegen. Auf einer Schiffslänge von 45, 50 Metern werden bisweilen 500 Mann zusammengepfercht, die sich den nichtvorhandenen Platz für Monate teilen müssen. Geprügelt von den Profossen und unter der gnadenlos blutigen Disziplin der Offiziere; die Möglichkeit, dieses Gefängnis als Leiche über die Bordwand geworfen zu verlassen, ist erheblich höher als jede wünschenswerte Alternative.
Freiwillig sind die wenigsten an Bord. Die Presskommandos, die nicht nur die Hafenstädte in Kriegszeiten durchziehen, entführen jeden Mann, der für die Arbeit auf einem Segelschiff tauglich erscheint. Wer nicht schnell genug auf den Beinen ist, keine Warnung verstand oder einfach nur Pech hatte, findet sich am nächsten Morgen in Uniform auf einem Kriegsschiff als Matrose wieder. Das Empire braucht jeden Mann, auch wenn er erst 12 Jahre alt ist.
Ein Kadett ist ein Offiziersanwärter; auf einem Segelschiff seiner Majestät besetzen sie die unteren Offiziersränge. Ein solches Kriegsschiff wird jeden Tag zeitweise von 12- 16jährigen kommandiert, während sich die höheren Ränge dem hingeben, was ein Kriegsschiff dieser Zeit an sozialem Leben bieten kann. Gemessen an den Verhältnissen, in denen die Mannschaft lebt, ist es empörend – aus heutiger Sicht hat das Elend nur winzige graduelle Abstufungen.

Einer dieser Kadetten ist Lieutenant Horatio Hornblower und es ist sein erster Tag auf einem Schiff. Freiwillig? Dieser Begriff ist immerhin dehnbar: Seine Eltern sind tot, etwas Vernünftiges gelernt hat er auch nicht, also schickt ihn sein Vormund zur See – ein nicht unübliches Verfahren, um das Schicksal über den Wert eines Menschen entscheiden zu lassen und unnütze Esser vom Tisch zu bekommen. Immerhin: Er kann lesen und schreiben; seine Fähigkeiten im Bereich der Mathematik sind überdurchschnittlich. Was ihn von seinen Zeitgenossen aber unterscheidet, ist seine Sensibilität für die Brutalität dieser Zeit, die von den meisten als gottgegeben und unabänderlich hingenommen wird.

Die Karriere eines Offiziers vom ersten Tag bis zu der Neuigkeit – Hornblower ist schon lange pensioniert – daß es schon wieder einen Napoléon gibt, den er doch ein Seemannsleben lang bekämpft hat. Diesmal ist es der „Bürgerkönig“ Charles Louis Napoléon, der Neffe des alten Gegners. Ein akribisch nachgezeichnetes Leben, in dem alle Seiten des Daseins ihren Platz finden. Die Liebe und der Kampf, Kameradschaft und Hass und immer wieder der Zweifel, der einem diese Figur so nahebringt. Hornblower überlebte den Krieg nicht nur körperlich, er überlebte als Mensch und Individuum. Das war nicht nur zu damaligen Zeiten bemerkenswert; das ist es auch heute noch.

Als ich die Abenteuer Hornblowers das erste Mal las, war ich wohl im Alter des Kadetten. Worin besteht der Reiz, der nur vordergründig nach Karl May klingt? Ein ehemaliger Leser, der mich leider verließ, hat es in einem Brief anlässlich seines Geburtstages einmal so formuliert:

„Cecil Scott Forester wird mit mir den Abend verbringen – ein Engländer der so english ist, dass das ganze Empire noch heute sentimental wird. Sollten Sie einmal Gelegenheit haben ihn zu lesen, meine Empfehlung, die Zeit vergeht wie im Fluge. Sie werden ein Großbritannien kennenlernen, das nie war, noch wird, aber den Schlag des englischen Herzens gut dokumentiert.“
Derek Jefferson

Dem ist nichts hinzuzufügen, außer, wenn es an dieser Stelle gestattet sein darf, meine damalige Replik:

„C.S.Forester? Den kenne ich wohl! Mit ihm habe ich als 12jähriger meine erste Weltumrundung gemacht. Wir waren auf den westindischen Inseln, haben während langer Wintermonate französische Häfen belauert, um westlich von Ouessant die spanischen Galeonen abzufangen. Natürlich ohne Interessen an Prisengeldern – wir beide waren nur verpflichtet dem Ruhm der Navy seiner Majestät. Die lange Flucht durch Frankreich, Marie und der gütige Graf. Raketen auf Riga und Brown als Stütze im Alter.
Mein Stolz, als ich die Passagierboote in Birmingham wiedererkannte, mit denen er und seine erste Marie die Reise über die Kanäle nach London unternahmen, bei der er so nasse Beine bekam wegen dem betrunkenen Treidelkutscher. Ich stand hinter Hornblower, als er auf die Taucher wartete, die den Silberschatz der Speedwell bargen – ich stahl mit ihm die “Witch of Endor”… alle Abenteuer, die großen und die kleinen russischen Lieben habe ich mit ihm durchlebt und tue es von Zeit zu Zeit immer noch.

Später fuhr ich selber zur See und begriff die Idee eines Seeoffiziers. C.S. Forester? Muscheln an Holzplanken, die man im Salzwasser liegen lässt. Ideen für Geschichten. C.S.Forester? Einer meiner Helden – vielleicht auch einer der Gründe, die mich nach England trieben.
Heute ist Ihr Geburtstag, zu dem ich Ihnen alles Gute wünsche, einen Mantel gegen den kalten Wind und den Regen. Und selbstgestrickte Handschuhe. Einen Sherry auf Ihr Wohl!

Hochachtungsvoll“

Man verzeihe mir das lange Zitat, weil es schließlich um Horation Hornblower geht, eine Jugend – und Erwachsenenliebe. Und, wie ich ausdrücklich  bemerken möchte, die Erinnerung an einen für mich äußerst wertvollen Gedankenaustausch mit Mr.Jefferson. Meine aufrichtigen guten Wünsche begleiten ihn.

Ach ja… eine Buchbesprechung – Rezension kann man diese Ode ja schlecht nennen. Ich spreche von Cecil Scott Foresters Hornblower. Die Geschichten – elf an der Zahl – sind chronologisch nicht ganz konsistent erschienen; man muß ein wenig sortieren.
Ein letztes Buch ist unvollendet; der Autor starb leider 1966, bevor er es fertigstellen konnte . Es gibt gelegentlich Bücher, von denen man behauptet: Wenn Du mich verstehen willst, musst Du das gelesen haben.
Dieser Satz hat in diesem Fall uneingeschränkte Gültigkeit. Pantoufle ist nämlich ausgesprochen sentimental.

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0 Kommentare zu Auf dem Nachttisch II

  1. pantoufle sagt:

    Emil: Du hast Dir das aber nicht alles durchgelesen. Oder??

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