Alle Jahre wieder

Gedanken zum 20. Juli.
Jedes Jahr hat seinen 20.Juli, jedes Jahr sieht seit Ende des zweiten Weltkrieges seinen Gedenktag an die Verschwörer und ihren ausführenden Attentäter Graf Schenk v. Stauffenberg. Als humoristisches Beiwerk wird dieses Gedenken gerne mit öffentlichen Gelöbnissen junger Rekruten der Bundeswehr verbunden. Ein Volksbrauch, der nach der Umwandlung in eine Berufsarmee und fragwürdigen Auslandseinsätzen widersprüchlicher denn je geworden ist.

Muß man den 20.Juli 1944 jetzt noch mal wiederholen? Attentat auf Hitler mißglückt, Verschwörer werden verhaftet, hingerichtet und nach 1945 kanonisiert. Ende der Geschichte – auch in Deutschland hat es also Widerstand gegen Hitler gegeben.
Gab es in jedem Land, das in den Krieg Hitlers involviert war, eine »Résistance«, so gestaltete sich die Suche nach einem anderen, anständigen Deutschland als mühselig.
Tat man sich am Anfang auch schwer, die Verschwörer anders als Eidbrüchige und Landesverräter anzusehen, so änderte sich diese Betrachtungsweise mangels politisch korrekten Alternativen in relativ kurzer Zeit. Die soziale Zusammensetzung des Verschwörerkreises, der heute vor allem mit dem Namen Stauffenberg in Verbindung gebracht wird, hat sicher dazu beigetragen, die gesellschaftliche Akzeptanz zu erhöhen. Es waren Offiziere, Adlige und Diplomaten, waren die Kreise, die zum Teil maßgeblich für das Scheitern der Weimarer Republik verantwortlich waren und die einen Hitler erst möglich machten. Entsprechend unterschiedlich stellen sich auch die Ziele dar, die man mit dem angestrebten Putsch verfolgte.

War es also ein »anderes Deutschland«, welches im allerletzten Augenblick das Ruder herumreißen wollte; schon zu spät – nach den Massenmorden, einem durch und durch verbrecherischen Krieg?
Neben Verschwörern von hoher Moralität standen Kriegsverbrecher wie Eduard Wagner, Arthur Nebe oder Wolf-Heinrich von Helldorf. Ein Admiral Canaris, der unter anderem für die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknecht verantwortlich zeichnete neben alten preußischen Adel eines Henning von Tresckow. So durchwachsen die Zusammensetzung, so diffus die Ziele für die Zeit nach Hitler. Von einer Übergangsregierung unter dem vorläufigen Vorsitz Hermann Görings über die Wiedereinsetzung der Monarchie bis zu einer Militärdiktatur war alles vertreten.
Ein gemeinsames Programm für die Zeit nach Hitler existierte nicht. Der Kreis um Goerdeler wollte eine deutsche Großmachtstellung um jeden Preis erhalten, der Kreisauer Kreis mit Helmuth James Graf von Moltke setzten auf eine europäische Verständigung.
Alles mit Ausnahme dessen, was die Zeit Weimars an demokratischen Errungenschaften gebracht hatte – unendlich weit von dem entfernt, was die Zeit nach dem Krieg wenigstens an Ideen versinnbildlichte. Vieles war vertreten: Nur wenig demokratische Gesinnung (der Kreisauer Kreis sei hierbei ausdrücklich ausgenommen; seine liberalen Vorstellungen wären auch in heutigen Zeiten der Alternativlosigkeit brisant – damals war es die reine Utopie).

Der Widerstand der Offiziere kam nicht unerwartet. Hatte man 1933/34 noch die Aufkündigung des Versailler Vertrages gefeiert, verflüchtigte sich die Sektlaune im Frühjahr 1938 während der Blomberg-Fritsch-Krise. Hitlers Entmachtung der Wehrmachtsführung rüttelte nachhaltig am Selbstwertgefühl dieser Kaste. Hätte es nicht die unerwarteten militärischen Erfolge im Polen- und Frankreichfeldzug gegeben: Ein zweites »Wunder an der Marne« wie im ersten Weltkrieg hätte Hitlers Karriere nicht nur als Oberbefehlshaber der Wehrmacht durchaus beenden können.
Man akzeptierte zähneknirschend einen erfolgreichen Oberbefehlshaber, wenn auch immer im Bewußtsein, das Hitler keiner von ihnen war – spätestens 1943 aber war vielen klar denkenden Militärs bewußt, daß der Krieg verloren war; eine Ahnung, die 1944 zur Gewißheit wurde. Dieser Krieg, der schon lange keiner mehr war: Ein Vernichtungsfeldzug, der lediglich dazu diente, das unausweichliche Ende möglichst lange hinauszuzögern.

In völliger Verkennung des außenpolitischen Verhandlungsspielraums des deutschen Reiches entschloß man sich erst jetzt, ernsthaft an die Beseitigung Hitlers zu denken. Die einen, weil die eigenen Verbrechen sie den Sieg der roten Armee fürchten ließ – andere, weil das Maß der Greueltaten selbst ihren Gewissen zu groß geworden war.
Es kam zu einigen erfolglosen Anschlagversuchen. Für einen Berufsstand, der sich der Tötung von Menschen verschrieben hatte, muß man einen bemerkenswerten Dilettantismus feststellen – erfolglos letztlich auch der Versuch des Grafen von Stauffenberg, der das Ende der Verschwörer besiegelte.

Hat es im Juli 1944 die Chance eines Staatsstreiches gegeben, der den Krieg beendet und Millionen Menschenleben gerettet hätte?
Wohl kaum. Das konservativ – reaktionäre Militärregime, das als wahrscheinliche Folge eines erfolgreichen Attentats im Raum stand, wäre alles andere als ein Garant für das Ende des Krieges gewesen.
Nicht nur die Vorstellungen der beteiligten Generäle und Militärs kreisten um eine Spaltung der Alliierten, die es ermöglicht hätte, den Krieg im Osten fortzusetzen. Bereits auf der Teheran-Konferenz 1943 war von den Alliierten aber die bedingungslose Kapitulation Japan und Deutschlands als unabdingbares Ziel festgehalten worden, ein Ergebnis, das die Möglichkeit eines Separatfriedens mit den Westmächten äußerst unwahrscheinlich werden ließ. Genau das aber geisterte als Chimäre durch die Köpfe vieler der Verschwörer.
Waren die außenpolitischen Handlungsspielräume schon sehr begrenzt, so bestand im Falles eines erfolgreichen Putsches zudem die Möglichkeit von bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Vor allem die SS hätte durchaus Möglichkeiten gehabt, den Staatsstreich zu kontern. Um dem entgegenzuwirken, wäre es in Folge wenigstens mit der Besetzung hoher und höchster Ämter mit genau diesen Leuten gekommen.
Ohne das »Genie« des Führers hätte sich allerdings schnell gezeigt, daß keinerlei staatlich Ordnung für eine Zeit nach Hitler existierte. Sebastian Haffner schrieb dazu:

Hitler hatte 1938 keinen Nachfolger und es gab keine Verfassung, nach der ein Nachfolger hätte gewählt werden können, und keine Institution, die das unbezweifelte Recht und die unbezweifelte Macht gehabt hätte, einen zu stellen. Die Weimarer Verfassung galt längst nicht mehr, sie war aber auch nie durch eine andere ersetztet worden. Dem Staat fehlten folglich alles Organe, durch die er sich ein neues Oberhaupt hätte geben können. […] Alles in allem ein staatliches Chaos, das nur durch die Person Hitlers zusammengehalten und verdeckt wurde und durch den Wegfall dieser Person schonungslos enthüllt worden wäre. ¹

Beste Voraussetzungen also für eine Militärdiktatur. Selbst im unwahrscheinlichen Fall eines einseitigen Waffenstillstandes an der Westfront wäre der Krieg gegen Russland nicht beendet worden – so wenig wie 1918/19, als marodierende Freicorps den Krieg im Osten bis 1919 fortführten. Als Kadetten des Kaisers groß geworden und erniedrigt mit der Niederlage 1918 wollten diese Offiziere zwei Dinge niemals wieder: Versailles und die Weimarer Republik. Einer totalen Niederlage des Naziregimes hätten sie sich kaum weniger energisch entgegenstemmt als ihr oberster Befehlshaber.

Wenig Grund also, die Offiziere des 20.Juli als ein »besseres Deutschland« zu feiern und schon gar keine Veranlassung, beim Gedenken daran öffentliche Gelöbnisse junger Soldaten abzuhalten. Gerade die Militärkaste hat in historisch unvergleichlichem Umfang versagt und eine Schuld auf sich geladen, die mit den Opfern des 20. Juli nicht reingewaschen wird.

Die totale Niederlage des Nazi-Regimes hat in beiden Teilen Deutschlands zu dem positiven Ergebnis geführt, das die Kaste des Militärs und ihr politischer Einfluß verschwand. Die Zeiten des preußischen Leutnants sind für immer vorbei.
Ein Unbehagen bleibt. Ein erfolgloser Militärputsch mit reaktionärer Zielsetzung als Vorbild des Widerstandes? Bundespräsident Gauck nutzt die Gunst der Stunde und beschwört:

»Unsere Demokratie tut sich nicht leicht damit, Soldatinnen und Soldaten in bewaffnete Einsätze zu schicken. […] Aber gerade unsere Geschichte sagt uns doch: Wir dürfen uns nicht aus der Verantwortung stehlen.«

Als hätte die Geschichte nicht unübersehbar gezeigt, daß der Militarismus niemals Verantwortung übernahm. Weder 1918 noch 1945 noch danach. Schuldig waren immer die anderen. Von hinten erdolcht, verführt oder schlicht unterfinanziert.

Das Ende all derer, die sich am Putsch beteiligten oder auch nur im Verdacht standen, war das Gefängnis Plötzensee. Es war nicht »das andere Deutschland«, das von entmenschlichten Henkern an Fleischerhaken aufgehängt wurde. Es waren Individualisten – sie standen nicht repräsentativ für irgend eine Gesellschaftsschicht. Von einem Freisler zusammengeschrien, den Wärtern gefoltert und schlimmer als Vieh getötet. Das war der nackte, gequälte Mensch. Gleich, ob er Offizier, Lehrer, Adliger oder Arbeiter gewesen war. Opfer des Blutdurstes eines Irren und seiner so willigen Helfer.

Diesen Opfern soll man gedenken. Ganz still und leise. Keine Uniformen und keine Musik. Ganz, ganz leise. Vielleicht hört man es dann, das Murmeln aus den Gräbern: Nie wieder – nie wieder.

Schweigen Sie still, Herr Gauck!

¹Sebastian Haffner: Anmerkungen zu Hitler. ISBN 3-463-00719-3, S. 57ff

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0 Kommentare zu Alle Jahre wieder

  1. Monique sagt:

    Naja, ich neige dazu, alle Opfer von Gewalt zu bedauern und auch alle Attentäter gegen Tyrannei zu bewundern. Seien es die Attentäter gegen rechte Tyrannei oder gegen linke millionenfache Mörder. Es hatten sich nach Versaille die Rechten durchsetzen können und nicht die linken Tyrannen und ihre Helfer und Mitläufer. Als Nichtdeutsche ist es seltsam zu beobachten, dass man sich traut, linke Ideologien zu befürworten, aber friedliche Patrioten diffamiert. Es muss sich viel ändern, aber linke und rechte Ideologien brauchen wir ganz sicher nicht mehr im 21. Jahrhundert.

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  2. Charlie sagt:

    @ Monique: Dein Kommentar zeigt, dass Du der ständigen kapitalistischen Propaganda vollkommen erlegen zu sein scheinst – anders ist diese groteske Gleichsetzung von “rechten Tyrannen” und “linken Tyrannen” nicht zu erklären. Noch einmal zum Mitschreiben: Ein “linker Tyrann” ist per definitionem etwa so sinnvoll wie ein “blutjunger Greis” oder das “staubtrockene Wasser”. Wenn beispielsweise ein Stalin sich “Kommunist” nannte oder nennen ließ, ist das in etwa ebenso sinnvoll wie die DDR “demokratisch”, die USA einen “freiheitliche-demokratischen Rechtsstaat” oder Frau Merkel “christlich” zu nennen, um nur drei willkürliche Beispiele zu nennen.

    Im Übrigen solltest Du einmal erklären, was Du im Kontext dieses Textes über den 20. Juli mit (“rechten” oder “linken”) Ideologien meinst?

    Patriotismus indes ist nach meiner ganz persönlichen Meinung eine der Grundwurzeln des menschlichen Elends und ständigen Scheiterns. Er wurde und wird von elitärer Seite stets gerne instrumentalisiert, und das funktioniert seit Jahrhunderten prächtig. Patriotismus ist nichts anderes als der stumpfsinnige und letzten Endes immer kontraproduktive Versuch einer bestimmten Menschengruppe, sich von anderen Menschengruppen ab- bzw. jene auszugrenzen – er ist steinzeitlich, dumm und extrem gefährlich, weil er stets missbraucht werden kann – und wird.

    Liebe Grüße!

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    • pantoufle sagt:

      Moin Charlie
      Na, der Hitze des Sommers zum Rechner entflohen? Schöner Artikel nebenbei mit der Kennzeichenüberwachung.
      Das Gleichsetzen von Links und recht erspart viel Denkarbeit. Auch steckt nicht unbedingt böser Wille dahinter, sich nicht positionieren zu müssen. Der Drang zur Mitte als weltanschauliche Thermodynamik des kleinen Mannes sozusagen.
      Die natürliche Faulheit des Menschen begünstigt Pauschalurteile: Stalin, Hitler, Pol Pot, Mao, Idi Amin (kennt den noch jemand?) – alles eine Soße. Dazu braucht es keine kapitalistische Propaganda. Es reicht die Komplexität, um die gewünschte Verwirrung zu schaffen.

      Was mich allerdings auch etwas verwundert, ist der Vorwurf linker Ideologie – ich habe eigentlich von einem verhältnismäßig konservativen Standpunkt argumentiert.

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      • Thelonious sagt:

        Du meinst doch nicht etwa Seine Exzellenz, Präsident auf Lebenszeit, Feldmarschall Al Hadji Doktor Idi Amin Dada, VC, DSO, MC, Herr aller Kreaturen der Erde und aller Fische der Meere und Eroberer des Britischen Empires in Afrika im Allgemeinen und Uganda im Speziellen?

        Der Mann, der sich den Uniformrock verlängern ließ, damit alle Orden, die er sich selbst verliehen hatte, draufpassten.

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        • pantoufle sagt:

          Öhhh… doch, genau den. Der am Victoriasee ein Denkmal Adolf Hitlers aufstellen wollte.
          Bei einigen Namen weiß man ja nie, wie weit sie sich im Gedächnis der Menschen gehalten haben.
          An der Antwort auf die andere Post kaue ich noch…

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  3. pantoufle sagt:

    Moin Monique

    Was die Opfer betrifft, so wollte ich das im vorletzten Absatz zum Ausdruck bringen. Mein Mitleid gilt den Menschen, nicht ihren Anschauungen.

    Wenn Du Dich hier ein wenig umsiehst, wirst Du feststellen, daß es sich um eine »linke« Web-Site handelt. Ideologischen Vorbehalten gegen links wird hier also mit leichtem Misstrauen begegnet. Das soll Dich aber nicht stören – nur als Hinweis.

    Ein kleiner historischer Exkurs: Nach Versailles haben sich nicht die Rechten durchgesetzt – sie blieben schlicht an der Macht. Und das nicht gegen »linken Tyrannen und ihre Helfer und Mitläufer« sondern gegen ganz normale Arbeiter, Soldaten und deren Familien. Wären die nicht gegen diesen Krieg, der schon lange verloren war, auf die Straßen gegangen – das Elend wäre ungleich größer geworden, als es ohnehin schon war. Wenn Du die Gegner von Tyrannei bewunderst: Sieh Dir die Geschichte der Kieler Matrosen an, der Räterepublik und den millionenfachen Widerstand gegen einen sinnlosen Krieg. Die Widerständler? Das waren die Mütter, die ihre Kinder in Zeitungspapier wickelten und mit Brot fütterten, das mehr aus Sägespänen als aus Mehl bestand. Sieh Dir die Bilder aus der Zeit an und dann wiederhole, daß das linke Tyrannen und ihre Helfer waren.

    »Seien es die Attentäter gegen rechte Tyrannei oder gegen linke millionenfache Mörder«

    Das ist ein ganz schmales Brett, auf das Du Dich begibst. Die Zahl der getöteten Soldaten und Zivilisten im zweiten Weltkrieg wird mit ca. 55 Millionen angenommen, die Opfer deutscher Verbrechen auf etwa 13 Millionen Menschen. Auch hinter »rechter Tyrannei« verbirgt sich eine Zahl dieser Größenordnung. Die Auseinandersetzung zwischen links und rechts darf nicht auf Zahlenkolonnen reduziert werden. Es hat zu diesem Thema in Deutschland in den achtziger Jahren den sogenannten Historikerstreit gegeben, bei dem Ernst Nolte, Michael Stürmer und Andreas Hillgruber genau diesen revisionistischen Standpunkt vertraten (was jetzt eine unzulässige Vereinfachung des Streits darstellt). Um bei der Vereinfachung zu bleiben: Es ging darum, die Tatsache des Holocaust dadurch zu relativieren, daß man die Verbrechen Stalins, des Pol-Pot und andere Regimes gegeneinander aufrechnete.
    Beschäftige Dich einmal mit dem Streit – es steht Dir frei, Dich auf eine der Seiten zu stellen. Von Seiten des Betreibers dieses Blogs spricht vieles dagegen, die Einzigartigkeit der Nazi-Verbrechen zu relativieren.

    »Als Nichtdeutsche ist es seltsam zu beobachten, dass man sich traut, linke Ideologien zu befürworten, aber friedliche Patrioten diffamiert«

    Ich habe in meinem Text niemanden ungerecht diffamiert. Die deutsche Generalität der Jahre 1933- 1945 als friedliche Patrioten darzustellen, geht an den historischen Tatsachen vorbei. Patrioten mögen sie gewesen sein, wobei selbst das fraglich wird, setzt man als Parameter die Liebe zur Heimat an. Patriotismus (im positiven Sinne) und Nazismus sind schwerlich in Einklang zu bringen. Sinn des Artikel war, welchen Effekt der »Aufstand der Generäle « hätte haben können. Es steht Dir auch hier frei, dazu Deine Meinung zu äußern. Friedliche Patrioten verfehlen das Thema – bei aller Liebe!

    Das Befürworten linker Ideologien? Oh, das ist ganz einfach. Es kommt eigentlich fast automatisch beim Lesen von Geschichtsbüchern.

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  4. Oliver sagt:

    Guten Tag! Eine interessante Diskussion und eine alte Frage. Die Linken sind die Guten, die Rechten sind die Verbrecher. Eine etwas einseitige Sicht auf unsere Welt und auf Stauffenberg. Gut, über die Rechten braucht man sich hier nicht zu streiten, Glückwunsch. Aber wenn man die Realität des Kommunismus auf den Punkt bringt, dann ist man ein Opfer von Propaganda? Zwei Denkanstöße: Die Rede an den kleinen Mann von Wilhelm Reich, die neben anderen Themen auch konstatiert, dass der kleine Mann, sobald er an die Macht kommt, noch größere Tyrannen ausbildet, als die, die er ablösen will. Die zweite Sache: Ein altes und hoch spannendes Interview mit einem KGB Überläufer über die Realität des Sozialismus lange nach Stalin, das aktueller nicht sein könnte: http://www.youtube.com/watch?v=y3qkf3bajd4. -Die SU war kein Kommunismus, China auch nicht, Kuba auch nicht, Vietnam, Nordkorea, die DDR? Alles nicht so schlimm? Entschuldigung, aber die Legitimationsformeln aller Tyrannensysteme klingen irgendwie ganz gut. Das ändert aber nichts an den Tatsachen, dass Sozialismus 1. Unfreiheit und 2. eine politische Klasse benötigt. Mir leuchtet als Arbeiter/Angestellter nicht ein, warum es besser sein soll, von einem Staat zu 80 % ausgebeutet zu werden als etwa zu 55 % (hoch gegriffene Kapitalisierung der Arbeit 5 % plus fast 50 % Staatsquote heutzutage) im Kapitalismus mit Sozialsystem. Werdet endlich erwachsen. Prüft Thesen außerhalb der eigenen Community. Nutzt Euren Intellekt, werdet Unternehmer, zahlt Steuern, greift den sozial Schwachen unter die Arme. Die Ironie ist doch, dass es den Linken im Sozialismus wesentlich schlechter ginge als in der sozialen Marktwirtschaft – Kann mir jemand auch nur ein sozialistisches System ohne Bodenschätze nennen, dass nicht ökonomisch kollabiert ist? Vergesst linke Ideologie. Ja, unser politisches System ist ebenfalls ungerecht, es ist aber immer noch fairer als der Sozialismus. Wir brauchen sozialmarktwirtschaftliche Reformen und keine Ideologie.
    Viele Grüße!

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  5. pantoufle sagt:

    Moin Oliver
    Also irgend etwas habe ich falsch formuliert: Der Text ging eigentlich um ein gedachtes Szenario, das mir schlüssig erschien für den Fall, das Attentat auf Hitler am 20. Juli 44 wäre erfolgreich gewesen. Aus irgend einem Grunde scheinen einige daraus ein Wahlkampfaufruf für DIE LINKE abzuleiten. Ganz nachvollziehen kann ich es ehrliche gesagt nicht.

    Aber wie auch immer: Warum links und nicht in der goldenen Mitte der sozialen Marktwirtschaft? Wenn man hier gerne darüber diskutieren möchte – immer doch!
    Erst mal zu meiner Person: Ich etwas über 50, seit Ewigkeiten Selbstständiger (und zahle Steuern und das nicht zu knapp), partizipiere durchaus vom Kapitalismus und brauche mir eigentlich nicht mehr raten zu lassen, erwachsen zu werden. Ich bin es.

    Der Satz von Wilhelm Reich gilt in beide politischen Richtungen – gefährliches Zitat.
    Brauchen wir Ideologien? Natürlich. Ideologien sind die Summe von Vorstellungen. Man könnte es auch Weltanschauung nennen. Wir brauchen sogar dringender denn je – sie werden zur Mangelware, sie sind nämlich in Verruf gekommen in dem Augenblick, wo sie sich nicht unmittelbar in eine konvertierbare Währung umrechnen lassen. Die soziale Marktwirtschaft ist übrigens auch eine Ideologie (in etwa: Der Kapitalismus basiert auf der merkwürdigen Überzeugung, daß widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Motiven irgendwie für das allgemeine Wohl sorgen werden. John Maynard Keynes)

    Nennen wir das, was in unserem Lande herummarodiert für einen Augenblick soziale Marktwirtschaft. Der gebricht es seit einigen Jahren massiv an Ideen – Ideologien -, die ein gesundes Verhältnis zwischen den beiden Worten herstellt, aus denen dieser Begriff gebildet wird. Sozialismus (socialis – kameradschaftlich) wäre kein schlechter Denkansatz, wäre da nicht die unselige Tendenz, alles und jedes, was dieses Wort beinhaltet, durch den Begriffsschredder neoliberaler Geisteshaltung zu zerren. Wie lange wollen wir uns noch die Zeit damit stehlen, beim Wort Sozialismus als nächstes Stalin zu nennen? Und wie lange erblöden, Sozialismus für ein Wirtschaftssystem zu halten? Das ist es erst einmal gar nicht – bei aller Unifferenziertheit, die diesem Begriff anhaftet. Nehmen wir einmal folgende Definition:

    eine auf die Deutung, Analyse, Kritik, Idealvorstellung und/oder praktische Gestaltung bestimmter gesellschaftlicher Verhältnisse gerichtete sozialökonomisch, politisch, philosophisch, pädagogisch bzw. ethische Lehre

    Auch nicht abschließend, aber ich denke, damit könnten sich die meisten Sozialisten anfreunden – ich könnte es jedenfalls. Den Satz »[…] dass Sozialismus 1. Unfreiheit und 2. eine politische Klasse benötigt.« kommentiere ich aus diesem Grunde nicht.

    Mao, Lenin, Stalin und Co lassen wir einmal solange beiseite, wie keine verläßlichen Zahlen darüber vorliegen, wie die ökonomische Bilanz des realen Kapitalismus aussieht, wenn man die weltweiten Schäden mit berücksichtigt. Nicht das Bruttoinlandsprodukt ist dafür maßgeblich, sondern auch der wirtschaftliche Schaden, der außer Sichtweite der zufriedenen Bürger und der Natur angerichtet wird. Das ist nicht mit sozialmarktwirtschaftliche Reformen zu bereinigen – da muß gehörig umgedacht werden.
    Ach ja: Ich spreche von der Gegenwart und nicht der Vergangenheit – sonst könnten wir konsequenterweise gleich beim Manchasterkapitalismus weitermachen.

    »Die Ironie ist doch, dass es den Linken im Sozialismus wesentlich schlechter ginge als in der sozialen Marktwirtschaft«
    Da ist wirtschaftlich gesehen einiges dran – Um zu diesen Verhältnissen zu kommen, hat der Kapitalismus aber eine rekordverdächtige Aufholjagt gestartet und liegt dabei schon klar in der Punktewertung. Nicht nur das Beispiel China könnte zum Grabstein für diese Behauptung werden. Da kommt noch etwas anderes auf den ach so goldenen Westen zu: Das sind keine Kolonien mehr; man eifert nicht mit jeder Faser der alten Welt nach. Die werden ihre eigene Sicht der Welt finden. Und egal, wie sie sie nennen werden, täten wir gut daran, uns daran zu gewöhnen. Das Exportmodell Demokratie&Marktwirtschaft hat in sehr vielen Ländern bereits ausgedient. Das Beispiel des Westens war wohl zu abschreckend.

    Vergesst die linke Ideologie? Nein, warum sollte ich. Wenn ich in der Werkstatt stehe und eine Aufgabe lösen muß, nehme ich jedes Werkzeug, das dafür nützlich ist. Ich lehne den Hammer nicht aus ideologischen Gründen ab so wenig wie ein Schweißgerät.

    Zum Schluß noch einmal John Maynard Keynes:
    »Ich glaube, daß die Zukunft mehr vom Geiste Gesells als von jenem von Marx lernen wird. Das Vorwort zu »Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld« wird dem Leser, wenn er es nachschlägt, die moralische Höhe Gesells zeigen. Die Antwort auf den Marxismus ist nach meiner Ansicht auf den Linien dieses Vorwortes zu finden.«
    Falls Du es noch nicht bemerkt hast: Ich kein Marxist, sondern Anarchist.

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  6. flatter sagt:

    @Oliver: DIe Invasion geht weiter …. von Leuten, die keine Ahnunng haben und denen Differenzierungen ebenso zuwider sind wie eine nachvollziehbare Begriffsbildung. “Sozialismus” und “Kommunismus” sind dann Diktatur. Das istzwar vollkommen absurd, ebenso wie es völlig absurd ist, China als nicht kapitalistisch zu betrachten, aber es macht sich halt gut, um jede Alternatvie gedanklich zu unterdrücken.
    Keine Ahnung, weil die Diskusssion in der Linken um Meilen weiter ist, weil hier differenziert wird zwischen einem paradoxen Staatssozialismus und einer subsidiären Gesellschaft, zwischen einem korrupten System zur Erhaltung von Macht und dessen exaktem Gegenteil, dem Versuch, Macht systemisch zu begrenzen. Hinzu kommen die immanente Kritik des Kapitalismus, aus der hervorgeht, dass er in seinen unvermeidbaren Phasen (“Krise”) autoritäre Strukturen zwangsläufig hervorruft. Es ist das, was wir derzeit live erleben.
    Aber das könnt ihr nicht sehen, weil die kapitalistischen Diktaturen für euch keine sind, weil ihr die Hungertoten unter Stalin zählt, nicht aber die seit WK II, weil Afrika euch egal ist und Griechenland und Spanien und Portugal und Ungarn und überhaupt alles, was ihr nicht sehen wollt, bis es auch die Visage eintritt, ihr Narren.

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  7. pantoufle sagt:

    So kann man es auch formulieren 🙂

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  8. In der DDR war nicht alles gut, beispielsweise die autobahnen. Eines jedoch war sie mit sicherheit nicht: Ein »tyrannensystem«.

    Im obenstehenden artikel ging es allerdings überhaupt nicht um den realsozialismus, sondern um den Hitlerattentäter Claus Graf Schenk von Stauffenberg. Vielleicht habe ich den artikel nicht richtig verstanden oder irgendwas überlesen. Es ist interessant, daß es immer mehr menschen offenbar nicht mehr möglich ist, über Hitler oder seine attentäter zu diskutieren ohne im gleichen atemzug »Stalin!« sagen zu müssen.

    Claus Graf Schenk von Stauffenberg war alles andere als ein »friedensengel«. Der war ein erzreaktionärer millitarist, der gegner der Weimarer Republik gewesen war und befürworter Adolf Hitlers ernennung zum reichskanzler.

    Erst als es zu spät war, entschloß er sich, widerstand gegen Hitler zu leisten. Zum antifaschisten macht ihn das nicht und zum demokraten auch nicht. Gegen die faschistische diktatur hatte der höchstwahrscheinlich nicht das geringste. Der Stauffenberg wollte den Hitler weghaben, weil er befürchtete, daß wenn der so weitermacht, Deutschland von der landkarte verschwindet.

    Im gegensatz zu Claus Graf Schenk von Stauffenberg waren personen wie Ernst Thälmann oder Dietrich Bonhoeffer neben ungezählten christen, humanisten, anarchisten, sozialdemokraten und kommunisten tatsächlich menschen, die sich antifaschistisch organisierten und politisch verfolgt wurden.

    Der fromme bundesprediger erinnert an diese menschen nicht, sondern nur an den »guten generalstabsoffizier«, der ab einem gewissen zeitpunkt nicht mehr bereit war, mitzumachen.

    Es läßt tief blicken, wie der widerstand gegen Hitler im öffentlichen geschichtsbild aussieht. Die menschen, die sich illegal organisierten und dafür politisch verfolgt wurden, kommen darin überhaupt nicht vor. Paßt schließlich nicht zum bild des »sauberen« BRDstaates, daß ein teil dieser leute in der jungen Bonner Republik gleich wieder politisch verfolgt wurde und teilweise von den selben richtern, die sie im Nazireich eingelocht hatten, erneut ins zuchthaus gesteckt wurden.

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  9. pantoufle sagt:

    Moin Mechthild

    Nein, Du hast absolut nichts überlesen: Das Thema lautete tatsächlich 20.Juli und seine Offiziere. Und ich gehe auch davon aus, daß die fraglichen Kommentatoren mit den Zielen und Diskussionen des Kreisauer Kreises nicht im Ansatz vertraut sind. Selbst wenn sie es wären : Die Überlegungen von der Versöhnung von Christentum und Sozialismus dieser Leute fand auf einem so hohen Niveau statt, daß es sich mit einem flotten Dreizeiler auf diesem übel beleumundeten Blog keinesfalls erledigt hätte.

    Den Punkt, um den es mir geht, hast Du ja bereits angesprochen: Es ist empörend, auf welch tristen Niveau sich die Darstellung des (kärglichen) Widerstandes darstellt. Keine rote Kapelle, kein Thälmann… dafür der »konservative Widerstand«, der sich in der Summe eher als ungutes Gefühl darstellt. Einer der Gründe für meine Überlegungen über das Thema war Bemerkung, das Elsners Attentat auf Hitler – als individualistische Aktion – nicht vergleichbar gewesen war, da Elsner keine Idee für »die Zeit danach« gehabt hätte. Als wenn das eine Rolle gespielt hätte – oder vergleichbar zu den Perspektiven der Militärkaste wäre.

    Was die Person Stauffenbergs angeht, bin ich nicht ganz Deiner Meinung. Ich halte ihn nicht (im Gegensatz zu vielen seiner Mitverschwörer) für einen erzreaktionären Militaristen. Meiner Einschätzung nach kommt er aus einer anderen – nicht unbedingt besseren Ecke – und zwar aus den männerbündlerischen Kreisen um Stefan George, dessen Anhänger Stauffenberg war. In der Wikipedia gibt es einen groben Überblick über George. Ein vergessenes, aber sehr interessantes Thema. Wenn man für die Gründe des Widerstandes Stauffenbergs sucht, wird man hier eher fündig als in den fruchtlosen Überlegungen von Eid und Gehorsam seiner Militärkaste. Auch das ein Grund, warum die Ehrungen speziell bei ihm etwas am Thema vorbeischrammen.

    Das unser Soldatenseelensorger auch hier wieder unangenehm auffällt, hat ja beinahe schon Tradition. Wo immer die Marschmusik spielt und sich eine Uniform zeigt, kann man sicher sein, das Gauck in den Startlöchern steht. Peinlich. Nur noch peinlich.

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  10. pantoufle sagt:

    Manchmal fragt man sich sowieso, worüber man eigentlich noch reden soll: Mein Highlight des Tages kommt aus dem Stern. NSU-Prozess, irgend ein ein Fascho, ein Typ wie tausend andere:

    »Über Politik habe man nie gesprochen, sagte der Zeuge. Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters gab er aber zu, dass auf dem Fernseher in seinem Keller ein Bild von Adolf Hitler stand. Das habe für ihn jedoch keine politische Bedeutung gehabt, sondern sei ein Andenken an einen verstorbenen Nachbarn gewesen. Zschäpe habe sich an dem Bild nie gestört, sonst auch niemand.«

    Wie hieß der Nachbar? Heinrich Himmler?

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