Alle Jahre wieder

Alle Jahre wieder trifft sich irgendwo in Deutschland ein Gemenge von offensichtlichen Neonazis, Revanchisten und Geschichtsklitterern, um öffentlich, mit Unterstützung der Landesregierung, Werbung für ihre kruden Ideen zu machen.

Die Rede ist vom sogenannten „Deutschlandtreffen der Schlesier“. Auch dieses Jahr gab es wieder das übliche Wettrennen zwischen dem Bundesvorsitzenden Pawelka und dem jeweils eingeladenen Ministerpräsidenten, zu welchem politisch opportunen Zeitpunkt der Eingeladene das Treffen verlässt. Während es dem ehemaligen Ministerpräsidenten Christian Wulff meist gelang, vor Pawelkas Rede das Weite zu suchen, verlor dieses Jahr sein Nachfolger David McAllister das Rennen klar mit einer Runde Rückstand.

Die nachgeschobene Erklärung, man hätte einen dringenden Folge-Termin, konnte also nicht darüber hinwegtäuschen, daß McAllister die Rede Pawelkas gehört haben musste. Für alle, die zufällig nicht auf dem Treffen in Hannover waren, empfehle ich die Seite „Paukenschlag (Gott, Ehre, Vaterland)“, wo die Rede Pawelkas in vollem Wortlaut nachzulesen ist.

Unter dem Motto „Darf man Siegerjustiz nicht hinterfragen“ wurde erneut ein Weltbild propagiert, das man nur laut äußern kann, wenn man die Seiten der Geschichtsbücher zwischen 5.3.1933 und 8.5.1945 schwärzt oder gleich ganz herausreißt.
Wenn es in der offizellen Presseverlautbarung heißt, McAllister hätte den Saal während einer bestimmten Passage der Rede verlassen, mit der er nicht einverstanden war, würde mich schon interessieren, um welchen Teil es sich dabei genau gehandelt hat. Gleich zu Beginn des Vortrags stand die Formulierung „Auch 66 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg wird 90-jährigen der Prozess gemacht, um dem Recht Genüge zu tun. Man fragt sich, was ist das für ein Recht, das Kriegsverbrechen der anderen Seite völlig ausblendet?“ Da hätte bei McAllister schon mal eine rote Lampe aufleuchten können. Spätestens aber bei dem folgenden „Die Vertreibung als solche stellt schon für sich ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar. Vertreter des NS-Staates mussten sich wegen eines vergleichbaren Delikts bei den Kriegsverbrecherprozessen in Nürnberg verantworten“ wäre es endgültig Zeit zum Aufbruch gewesen. Wann ist er also gegangen? Oder besser: Warum ist er eigentlich erst gekommen?

Die „Landsmannschaft der Schlesier“ wie auch die ganzen anderen spaßigen Trachtengruppen, die unter dem Namen „Vertriebenen“-Verbände vereint sind, belasten seit Jahrzehnten die politischen und kulturellen Beziehungen zu Staaten wie Polen, Ungarn oder Tschechien in unerträglicher Weise. Der Stimmenfang für den nächsten Wahlkampf scheint aber das Interesse, mit den Nachbarn in Frieden zu leben, zu überwiegen.

Wenn diese Interessenverbände in irgend einer Form öffentlich auffallen, dann dadurch, das bestimmte Teile ganz offen durch Neonazis übernommen wurden, Menschen wie Erika Steinbach behaupten, Polen hätte gegen das deutsche Reich mobil gemacht oder mit Behauptungen wie „der Zweite Weltkrieg habe die Möglichkeit geschaffen, das umzusetzen, was man vorhatte – nämlich die Verfolgung der Deutschen.“ (Pawelka auf dem Schlesiertreffen 2007).

Keine Behauptung ist da zu krude, keine Geschichtsklitterung zu absurd, als daß man sie nicht von irgend einem Vertreter dieser Vereinigung zu hören bekommt – unerträglicheweise meist wohlwollend kommentiert von einigen Vertretern arrivierter Parteien.

Wer zum Zeitpunkt der „Vertreibung“ nach Kriegsende volljährig war, ist zum jetzigen Zeitpunkt mindestens 87 Jahre alt. Höchste Zeit also, zurück nach Polen oder Ungarn zu gehen. Da diese Länder mittlerweile der europäischen Union angehören, dürften sich die Formalitäten in Grenzen halten! Ach: Die wollen gar nicht? Die wollen einfach weiterhin Lärm machen und auf Entschädigungszahlungen hoffen? Na, dann aber mal schnell ran an die Töpfe, solange es noch einen einzigen lebenden „Vertriebenen“ gibt.

Den „Vertriebenen“-Verbänden ist diese kuriose Situation und die Gefahr des vorzeiten Aussterbens schon lange bewusst: Bis 1992 war das Attribut „Vertriebener“ erblich, solange die Betroffenen vor diesem Datum geboren waren; die Verbände selber sind beim Neueintritt von Mitgliedern deutlich kulanter: Es reicht das Bekenntnis zu den „deutschen Ostgebieten“! Das macht es zumindest verständlicher, warum diese staatlich geförderten Vereine ein Sammelbecken für Revanchisten und andere ewig Gestrige sind.

 Im Zuge der Potsdamer Konferenz 1945 wurden unter anderem grundlegende Entscheidungen über Entmilitarisierung Deutschlands, die Entnazifizierung und die Festlegung der Grenzen Deutschlands beschlossen. Das Ergebnis war die europäischen Nachkriegsordnung . Die Aussiedlung der Deutschen aus den betroffenen Gebieten als „Unrecht“ zu bezeichnen, wäre ein Schlag gegen die Gesamtheit der Ergebnisse dieser Konferenz, die maßgeblich das heutige Gesicht Europas geprägt haben. Von der Unsinnigkeit solcher Bestrebungen einmal ganz abgesehen: Ausgerechnet Menschen wie Pawelka und Steinbach sollen an dieser Stelle die Geschichtsbücher revidieren?

 Daß der niedersächsische Ministerpräsident McAllister solche Treffen durch seine Anwesenheit aufwertet, ja: nur genehmigt, halte ich für unentschuldbar. Die Geschichte ist über alles, was diese Verbände fordern, schon seit langem hinweg gegangen. Nach den Verbrechen der Deutschen gerade im Osten und den Folgen des verlorenen Krieges konnte und wird es nie einen noch so unbedeutenden Rechtsanspruch auf das geben, was da Jahr für Jahr erneut gefordert wird. Die einzige Chance, daß sich dieses Blatt eines Tages doch noch unerwartet wenden sollte, besteht in der kollektiven historischen Amnesie der Beteiligten. Wenigstens wäre das erfahrungsgemäß eine realistische Möglichkeit.

P.S. Der Link auf die Seite “Paukenschlag” führt zu einer eindeutig rechtsradikalen Seite, deren Inhalt ich angeekelt und schaudernd ablehne! Wie leicht für jeden Leser nachvollziehbar, billige oder befürworte ich selbstverständlich nicht eine Silbe, die dort zu lesen ist. Das ist eigentlich vollkommen überflüssig zu erwähnen, sei aber der Vollständigkeit halber angemerkt.

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