Gedenktage

»Sie sind eben in unsere Stadt gekommen. In wenigen Minuten werden sie in unserem Haus sein. Wenn jemand dieses Gebetbuch finden sollte, so bitte ich ihn, meinen Bruder zu verständigen.«
Und nach einem größeren Zwischenraum auf dem selben Blatt, offenbar in großer Hast geschrieben:
»Vergesst uns nicht! Und vergesst auch unsere Mörder nicht! Sie…«
Dann bricht die Aufzeichnung ab. Das Gebetsbuch mit diesen Zeilen fand ihr Bruder kurz nach dem Krieg in der Nähe von Salzburg. Seine Schwester war in Treblinka ermordet worden.

»Wann wurden sie in Auschwitz geboren?«
»1926«
»Auschwitz war ein Städtchen mit vielen jüdischen Einwohnern?«
»Ja, fast alle in der Stadt waren jüdisch. Alles hier in Auschwitz hat den Juden gehört. Sie haben vor allem Geschäfte gehabt.
Als der Krieg begonnen hatte und die Deutschen hier einmarschiert sind, wurden alle Juden ins Lager verschleppt. Und jeder hat gewußt, was dort passiert ist. Ich wußte, daß man dort die Menschen umbrachte. Sie wurden in die Gaskammer gejagt. Diejenigen, die dort gearbeitet haben, haben es gesehen, haben viel Rauch gesehen, viel Feuer, und sie wußten, daß dort Menschen verbrannt wurden. Man hat es auch gerochen.«

Nachdem am Vormittag des 27. Januar 1945 das Hauptlager Auschwitz-Monowitz durch sowjetische Truppen befreit wurde, erfolgte die Befreiung des Stammlagers Auschwitz und Auschwitz-Birkenau am frühen Nachmittag des selben Tages.

Die Zahl der Todesopfer nicht nur dieses Vernichtungslagers war lange Zeit ein Spielball von Spekulationen. Während Sowjetische Quellen von 3,5 – 4 Millionen Ermordeter sprachen, liegen jüngere Schätzungen bei ca. 1,3 Millionen. Die Unterschiedlichkeit der Zahlen als rein propagandistische Auslegung zu betrachten, greift zu kurz: Sieht man sich die aktuellen Schätzungen an, fällt die Zahl russischer Kriegsgefangener auf, die mit 15.000 Toten geradezu grotesk niedrig scheint gegenüber den Verlusten der Roten Armee durch Gefangennahme (eine Gefangennahme, die in der Regel mit dem Tod endete). Nicht nur dieser Aspekt sorgte lange Zeit für Diskussionen, deren ideologische Nutznießer unter anderem das Heer der Holocaust-Leugner waren und immer noch sind.
Die heutigen Zahlen können als weitgehend gesichert gelten – die Dunkelziffer der Ermordeten entzieht sich selbst der Phantasie.

Seit 1996 gibt es den »Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus«. Die Zahl der Opfer des Neofaschismus hat seit dem nicht abgenommen – das Gegenteil ist der Fall. In Italien äußerte der ehemalige Ministerpräsident Berlusconi an diesem Gedenktag seine Sympathie und Hochachtung gegenüber Benito Mussolini, in Ungarn gab es die Anfrage des Abgeordneten Márton Gyöngyösi der faschistischen Partei Jobbik, wieviel jüdische Abgeordnete Mitglied des Parlaments seien. Die Reihe solcher Beispiele ließe sich beliebig  weiterverfolgen.

Der Name dieses Gedenktages wurde durch den damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog bewußt weit gefasst. Er soll nach seinem Wortlaut an alle Opfer des Nationalsozialismus erinnern: Juden, Christen, Sinti, Roma, Behinderte, »politisch Andersdenkende«, den (spärlichen) Widerstand, Homosexuelle, Zwangsarbeiter, Journalisten, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und andere Verfolgte. Diesem Gedanken wird der Gedenktag in seiner jetzigen Form nicht gerecht, kann ihm nicht gerecht werden Aufgrund der Ungeheuerlichkeit dieses Verbrechens. Durch seinen Schwerpunkt auf den Massenmord an den Juden verwischen sich die Grenzen dessen, was als »Konzentrationslager« begann und als Vernichtungslager endete. Dabei wäre gerade diese Unterscheidung einen näheren Blick wert, sieht man sich die Funktion der frühen Konzentrationslager als Instrument gegen den politischen Gegner an. Der qualitative Unterschied zwischen einem Guantanamo oder dem KZ Sachsenhausen ist gering. Sachsenhausen und Buchenwald diente in der sogenannten ersten Phase (1933-35) in erster Linie zur »Unterbringung« von Häftlingen aus dem politischen Bereich, also Kommunisten, Sozialdemokraten und zu einem geringeren Teil Juden und Christen. Gerade die Verfolgung und Ermordung tausender Kommunisten und Sozialdemokraten nimmt im Gedenken des Jahre 2013 einen geringen Stellenwert ein. Das ist zwar angesichts des Völkermordes am jüdischen Volk verständlich, verstellt aber den Blick darauf, daß es nicht erst eines Völkermordes bedarf, um Analogien zu heutigen Einrichtungen oder den Tendenzen dazu festzustellen; Beispiele dafür finden sich weltweit.

Ob es Guantanamo ist oder die Verfolgung Homosexueller in Russland, die Blindheit Deutscher Behörden gegenüber rechten Gewättätern oder der islamophobe Geifer, den Politiker dann vergießen, wenn es um die Schaffung eines neuen Feinbildes geht: Man gedenkt der Toten des Holocaust und führt Krieg gegen den Islam und soziale oder politische Minderheiten; vorerst nur vereinzelt mit eigens dafür geschaffenen Lagern.

So wichtig das Gedenken an die jüdischen Opfer des Holocaust ist: Die Verfolgung politisch Andersdenkender findet weltweit statt; auch in Deutschland. Und wie damals sind die Verfolgten nicht im rechten Spektrum zu finden. Auch dafür sollte dieser Gedenktag dienen, eine Rolle, der er wieder einmal nicht gerecht wurde.

Opferzahlen über Auschwitz

die Zitate stammen aus Simon Wiesenthals »Doch die Mörder leben« und aus Rosh/Jäckel »der Tod ist ein Meister aus Deutschland«

Nachtrag:
Wie Jan gerade zu Recht bemerkt, ist Buchenwald und Sachsenhausen ein falsches Beispiel: Diese Konzentrationslager wurde später erbaut. Esterwegen oder Börgermoor wären als Beispiel bezüglich des genannten Zeitraumes treffend. Mein Fehler.

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0 Kommentare zu Gedenktage

  1. Jupp. Und jetzt warten wir darauf, wie lange es dauert, bis jemand dich für diesen Text einen “Antisemiten” nennt.

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  2. pantoufle sagt:

    Moin, Rauskucker
    Au ja: Dantons Tod bitte 🙂

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  3. Danke für diesen text. Ich hatte mich vor einigen tagen über die berichterstattung zum »gedenktag der opfer des nationalsozialismus« geärgert. Da ist von antisemitismus die rede. Man kann es wohl nicht in abrede stellen, daß es den bis heute gibt.

    Von homophobie, islamophobie, vorurteilen gegen sinti, roma oder jenische, dem allgemeinen fremdenhass und dem antikommunismus war nicht die rede. Ich war mal eng mit einem befreundet, dessen vater (überhaupt nicht jüdisch) seine schönen jugendjahre im KZ Buchenwald (u.a.) verbracht hatte. Die familienlegende lautete, daß er keine entschädigung bekommen habe, weil es zu spät gewesen sei, einen antrag darauf zu stellen. Damals habe ich das geglaubt. Ost-West geschichte und so.

    Heute bin ich sicher, daß er nichts bekommen hat, weil er nicht bloß juden bei der flucht oder sich zu verstecken geholfen hat, sondern im untergrund und kommunist war und die in der BRD bis heute gut beraten sind, sich unauffällig zu verhalten.

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    • pantoufle sagt:

      Moin, Mechthild
      Ein Kardinalproblem mit dieser Art von Gedenken in Deutschland wird wohl immer sein, daß es zu keiner Zeit in der Ära des Nationalsozialismus so etwas wie eine »Résistance« im eigenen Land gegeben hat. Über Jahrzehnte galt – wenigstens in der BRD – das Attentat Graf Staufenbergs als »Maß der Dinge«. Die ebenso idealisierte Variante von DDR-Historikern ist im nachherein auch nicht dazu geeignet, den relativ gesehen spärlichen Widerstand innerhalb des damaligen Deutschen Reiches aufzuarbeiten.
      Wie sich das Gedenken heute darstellt, so hat sich die »BRD-Variante« mit geringen Korrekturen durchgesetzt. Auffallend dabei ist die Darstellung von Widerständlern wie den Geschwistern Scholl oder Georg Elsner, die eigenartig unpolitisch und fast schon naiv dargestellt werden. Von Mitgliedern der roten Kapelle ist anscheinend außer einigen Briefmarken aus der ehemaligen DDR fast nichts geblieben, was des Gedenkens wert wäre.
      Nun ist dieser Gedenktag nicht den Widerständlern, sondern den Opfern zu gedenken – wenn auch die Genannten zu Opfern wurden.
      Es gibt aber eine Tendenz, das Gedenken insgesamt zu entpolitisieren. Was dabei herauskommt, erinnert mehr an einen »Volkstrauertag«, also dem Tag, der » der Toten zweier Kriege an den Fronten und in der Heimat, an die Opfer der Gewaltherrschaft aller Nationen« gedenkt. Ein Rundumschlag an Trauer, der in seiner Breite jeden Sinn verliert.

      Vielleicht ist Jans Idee die Themen zu separieren ein guter Ansatz, wenn auch unklar bleibt, wie man andere Opfer wie genannte Sinti und Roma, Homosexuelle und Andere davon trennen will. So geht es jedenfalls nicht: Man kann den Holocaust nicht unpolitisch darstellen.
      http://www.jungewelt.de/2013/01-30/057.php

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  4. Jan sagt:

    Der Unterschied zwischen Guantanamo und Sachsenhausen ist himmelweit.

    1. werden in Guantanamo keine “politischen” Gegner gefangen gehalten, sondern Gegner. Mag sein, daß aus Versehen ein oder zwei dabei sind, die zum Zeitpunkt, als sie eingesperrt wurden, (noch) keine Gegner der USA waren, aber um die ging es nicht. Guantanamo ist unentschuldbar, aber es ist nicht vergleichbar mit Sachsenhausen.

    2. In deutschen KZs saßen Gewerkschafter. In Guantanamo sitzen keine amerikanischen Gewerkschafter ein. Kann sein, durch Zufall ist ein Gewerkschafter unter den Gefangenen, aber bei seiner Gefangennahme ging es nicht um seine Gewerkschaftszugehörigkeit.

    3. Amerikaner, die etwas gegen die Art und Weise haben, wie Gefangene mit unklarem völkerrechtlichen Status in Guantanamo ohne rechtliches Gehör, ohne daß ihnen dargelegt würde, was man ihnen vorwirft, ohne Rechtsmittel einlegen zu können, ohne zu wissen, was aus ihnen werden soll, gegen jeden in Amerika geltenden Rechtsgrundsatz festgehalten werden, diese Amerikaner können in Amerika frei herumlaufen und laut dagegen protestieren.

    4. Ohne Erfolg bislang, geschenkt. Aber Sachsenhausen war voll mit Leuten, die nichts anderes getan hatten, als zu protestieren. In Deutschland hätte Jon Stewart längst im KZ gesessen. Für seine Fernsehsendung, nicht dafür, daß er Jude ist.

    5. Und natürlich dafür, daß er Jude ist. In Amerika könnte er mit beidem Präsident werden. Naja, als Jude vielleicht doch (noch) nicht. Aber trotz seiner Fernsehsendung.

    6. Guantanamo gibt es seit Januar 2002. Als Sachsenhausen den 11. Geburtstag feierte waren mehrere zehntausend Häftlinge dort ermordet worden. In Guantanamo gab es in 11 Jahren 5 Tote und 41 Selbstmordversuche. 5 Tote zuviel und 41 Selbstmordeversuche zuviel. In Sachsenhausen jedoch gab es eine Genickschußanlage. 18 000 sowjetische Kriegsgefangene wurden dort gemordet.

    7. Guantanamo steht unter permanenter Überwachung der internationalen Öffentlichkeit. Das mag der verantwortlichen Verwaltung nicht recht sein, aber es ist so. Die internationale Öffentlichkeit, die die KZs überwachte hieß IRK und war vergleichsweise schon dagegen machtlos, daß man ihr potemkinsche Muster-KZs vorführte, wenn sie Inspektionen durchführte. Daß sich deutsche Gerichte mit der Rechtmäßigkeit von KZs auseinandergesetzt hätten, wie amerikanische es mit Guantanamo tun, ist völlig undenkbar.

    8. Bis 2009 waren lt. Wikipedia über 550 Gefangene aus Guantanamo entlassen worden, nicht in die USA, sondern in Drittländer. Die “Schutzhäftlinge”, die aus deutschen KZs entlassen wurden (das gab es), waren alle nach Deutschland entlassen worden. Wenn sie wußten, was gut für sie war, versuchten sie, über die Grenze zu kommen. Wenn sie es versuchten, machten sie sich strafbar.

    9. Guantanamo ist nicht eins von hunderten von Lagern und Polizeigefängnissen, sondern die absolute Ausnahme.

    10. Aber jetzt, O-Ton Pantoufle: “Der qualitative Unterschied zwischen einem Guantanamo oder dem KZ Sachsenhausen ist gering.” – Gering?? – Das _kann_ nicht Dein Ernst sein! In Guantanamo hat es Folter und Übergriffe durch die Wachmannschaften gegeben, keine Frage – sie sind sofort skandalisiert worden, auch von der amerikanischen Opposition. In Sachsenhausen waren Folter und Übergriffe durch die Wachmannschaften Teil des Designs. Wenn in Guantanamo Häftlinge daran gehindert werden, ihren religiösen Verpflichtungen nachzukommen, z.B. sich vor dem Gebet zu reinigen (es wird ihnen das wasser abgestellt), dann ist das eine bodenlose Sauerei, aber lies doch bitte einmal nach (in Wolfgang Langhoffs ‘Moorsoldaten’), was in der Lichtenburg (einem der Vorgänger-KZs von Sachsenhausen) einem Zeugen Jehovas passierte, der _seinen_ religiösen Verpflichtungen nachkommen wollte (er weigerte sich, mit ‘Heil Hitler’ zu grüßen. Als sie mit ihm fertig waren, weigerte er sich nicht mehr).

    11. Natürlich wäre es wünschenswert, der von den Nazi ermordeten, gefolterten, unterdrückten und vetriebenen Kommunisten, Sozialisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter und anderer zu gedenken. Hindert Dich einer daran? – Nein. – Warum also nicht dafür lobbyieren? – Gewiß, die Sozialdemokraten werden nicht zusammen mit den Kommunisten geehrt werden wollen, und die Kommunisten schon gar nicht zusammen mit den Sozialdemokraten; die Gewerkschafter werden sich nicht entscheiden können, mit welcher Sorte von Kommunisten sie gemeinsam geehrt werden wollen, den gewerkschaftlich orientierten oder den anderen? Es wird also kompliziert. – Aber wieso sollte es dadurch einfacher werden, daß man die offen herumliegenden Unterschiede unter den Ist-doch-eh-alles-eins-Teppich kehrt?

    12. Wenn der Name des Gedenktages die Unterscheidung nicht hergibt, dann war das ein Fehler von Herzog. Man hätte die Gedenktage terminlich entzerren sollen. Trotzdem glaube ich nicht, daß es das Gedenken an die jüdischen Opfer der Deutschen ist, welches den Blick auf die nicht-jüdischen Opfer der Deutschen verstellt. Der Sohn eines Sozialdemokraten mußte immer damit rechnen, daß sein Vater aus dem KZ nicht zurückkam. Er mußte aber nicht damit rechnen, daß man ihm den Knüppel über den Kopf haute und ihn aus dem Fenster warf. Der Sohn eines Juden mußte ganau damit rechnen. Die Tochter auch.

    Auch das sollte man bei der Würdigung im Hinterkopf behalten.

    Jan

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    • pantoufle sagt:

      Moin Jan
      Dein Hinweis, daß nicht alles was hinkt ein Vergleich ist, stimmt natürlich. Unabhängig davon halte ich es eigentlich auch aus Gründen der politischen Korrektheit (ganz ohne Ironie) für nicht geboten, das System deutscher Konzentrationslager durch unangemessene Vergleiche zu verharmlosen. Und natürlich ist mein Vergleich eine Provokation.
      Daher auch meine Einschränkung auf den Zeitraum 1933-1935 und zu Punkt 6.) : Die höchste Zahl von Gefangenen inklusive der »wilden« KZ erreichte in dem genannten Zeitraum maximal 20.000 Personen; sie sank 1935 auf ca. 4000, bis die SS faktisch die Kontrolle über die Konzentrationslager übernahm (Auflösung der »wilden« Lager, bauliche und organisatorische Systematisierung).
      1.) In Guantanamo werden nach amerikanischer Sicht »ungesetzliche Kombattanten« eingesperrt. Mit diesem Begriff haben die USA nach 9/11 einen rechtlichen Status erschaffen, dem die Nichteinhaltung der III Genfer Konvention zugrunde liegt. Dieser Status findet außerhalb der USA nirgends Anwendung oder auch nur Anerkennung.
      Die UN-Menschenrechtskommission, der Europa-Rat und selbst oberste Gerichtshof der USA haben übereinstimmend Verstöße gegen die Genfer Konvention, das US-Militärrecht und die amerikanische Verfassung verurteilt. Der Europarat stellte einen eklatanten Verstoß gegen die Menschenrechte fest.
      Das ist das, was ich als einen »rechtlosen Raum« bezeichnen würde.
      2.) Die Bezeichnung dessen, was damals als »Feinde des Reiches« angesehen wurde, hat sich offenbar geändert. Wer Aufgrund der zitierten (Un)Rechtsgrundlage Kriegsgefangenen jeden Rechtsanspruch aberkennt, muß sich fragen lassen, welche Bezeichnung er anstelle dessen bevorzugt. Gut: Es sind keine Gewerkschafter , aber die bisherigen bekannten Details legen nahe, daß es auch keine »Terroristen« waren. Man verhaftete offenbar alles, was gerade nicht weglaufen konnte. Das konnte ein Gewerkschafter oder Bäcker sein.
      3.) Die Bürger der USA können selbstverständlich dagegen protestieren. Guantanamo aber liegt auf Kuba, einem Territorium außerhalb der US-Gerichtsbarkeit.
      7.) Die Überwachung durch die entsprechenden Behörden mag stattfinden, aber welche potemkinschen Dörfer sie zu sehen bekommen, entzieht sich ebenso unserer Kenntnis wie vor 80 Jahren. Daß die rechtliche Diskussion in der Öffentlichkeit stattfindet, steht außer Frage – daß es aber eine Diskrepanz gibt, wenn die Geheimdienste vieler Länder dabei helfen ein Gefängnis füllen, von dem sich ihre Regierungen aus menschenrechtlichen Gründen distanzieren, ebenso.
      8.) Was aus den freigelassenen ehemaligen Insassen wird, wird sich bei der nächsten Flughafenkontrolle zeigen. Das Beispiel von Murat Kurnaz steht dafür, daß der Angeklagte neuerdings seine Unschuld beweisen muß, nicht umgekehrt.
      9.) Guantanamo verstehe ich als Beispiel für vieles, was nach der Zeit der Nürnberger Prozesse möglich war. Dieses Lager ist vielleicht ein spektakulärer Fall, aber bei weitem nicht das einzige Lager für politische Gegner oder ethnisch Verfolgte nach 1946. Statement des amerikanischen Politologen Andrew Denison: »In der Tat steht Guantanamo für Folter. Guantanamo ist Amerikas neues Alcatraz, mancher würde sogar sagen ein Gulag, auf jeden Fall ein Zeichen, dass Amerika in die Irre gelaufen ist.«
      Die Behauptung, daß Guantanamo das einzige Lager ist, halte ich für gewagt.

      Guantanamo mit Sachsenhausen zu vergleichen, hinkt an vielen Stellen – das ist wahr. Es steht aber auch als Beispiel für das, was schon wieder in einem sogenannten Rechtsstaat möglich ist. Nimmt man das Beispiel Guantanamo für die legalistische Variante dessen, was in der Vergangenheit (nach 1946) möglich war, erhöht sich die Zahl der Lager und der betroffenen Gruppen schlagartig. Das beginnt mit südamerikanischen Folterlagern, geht über afrikanische Diktaturen bis in den Kosovo. Je nach Lage der politischen Bündnisse wurde das mehr oder weniger angeprangert, kam mehr oder weniger ins öffentliche Bewusstsein.
      Sehen wir es doch einmal so: Das Beispiel der Konzentrationslager der Nationalsozialisten hat Schule gemacht – wenn es schon nicht die originäre Erfindung der SS war, so haben sich Merkmale und Elemente davon bis in unsere Zeit gehalten.
      Der Holocaust des Nationalsozialismus ist nicht vergleichbar; mit nichts und niemandem. Den Satz auszusprechen fällt umso schwerer, sieht man sich die killing fields der roten Khmer an oder die Massenmorde im Kosovo. Es fällt schwer, wenn man bedenkt, das General Franko erst 1975 starb, die griechische Militär-Junta von 1967 bis 1974 herrschte – mitten in Europa – was zu der Zeit die wenigsten daran hinderte, in diesen Ländern »Urlaub« zu machen. In den Kellern wurde gefoltert, am Strand vergnügten sich die Touristen; eine Praxis, die sich bis heute hält, wenn sich die Reiseziele auch geändert haben. Was sich geändert hat, ist der offizielle Sprachgebrauch: Man spricht nicht mehr von Massenmord, sondern von »ethnischen Säuberungen«, was ich für erheblich zynischer halte als den Vergleich Sachsenhausen-Guantanamo.
      Insgesamt wurden in den 6 Lagern von Guantanamo zeitweilig bis zu 1000 Gefangene eingesperrt und gefoltert. Davon sind bisher lediglich 6 Personen rechtskräftig (wenn man der Militärgerichtsbarkeit auch nur einen Hauch von Rechtsstaatlichkeit unterstellt) verurteilt worden. Der Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus sollte auch daran erinnern, das die Lehren dieser Vergangenheit keineswegs von allen verstanden wurden. Deshalb der durchaus provokante Vergleich.

      Pantoufle

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      • Jan sagt:

        Hallo Pantoufle,

        danke für Deine Antwort. Wenn ich geglaubt hätte, daß du die deutschen KZs verharmlosen wolltest, würde ich nicht geschrieben haben, sondern aufgehört, zu lesen.

        Sachsenhausen ist erst 1936 in Betrieb genommen worden, und ist, laut Wikipedia, das erste KZ daß von einem SS-Architekten entworfen worden ist. In das also die Erfahrungen, die man in den wilden KZs gesammelt hatte, einflossen, Wenn Du also nur auf die ersten 3 Jahre hinauswolltest, ist Sachsenhausen vielleicht einfach nur der falsche Name, und Esterwegen oder Börgermoor wären treffender gewesen. Aber darum geht es mir nicht: ich wollte darauf hinaus, daß wir es in Deutschland – anders als anderswo – mit einem geplanten und schließlich zur Perfektion geführten System zu tun hatten. Auch das System der “wilden KZs” war gewollt. Der böse Wille war von Anfang an da, und die Lager waren dessen Produkt.

        Ich werde Dir nicht bestreiten, daß es überall auf der Welt die Praxis gibt, Andersdenkenden, Anderswollenden, Andersmeinenden auf die Mütze zu geben und sie zu knasten und im schlimmsten Fall zu ermorden und zu foltern. Aber ein provozierender Vergleich kann auch einfach ein unfairer Vergleich sein, und das ist er in meinen Augen dann, wenn er die Gemeinsamkeiten benennt, aber die Unterschiede unter den Tisch fallen läßt. “Selbst der oberste Gerichtshof der USA”, schreibst Du, habe festgestellt, daß Guantanamo “gegen die Genfer Konvention, das US-Militärrecht und die amerikanische Verfassung” verstößt. Und “selbstverständlich” könnten die Bürger der USA dagegen protestieren.

        Siehst Du, und dieses “selbst” und dieses “selbstverständlich” provozieren mich. Das ist eben genau der Unterschied zu Deutschland: ein Roland Freisler würde es niemals festgestellt haben, daß eine Maßnahme Himmlers gegen deutsches, internationales oder Menschenrecht verstieß. Was es tat. Aber daß die Deutschen nicht dagegen protestierten, nicht protestieren konnten, nicht protestieren durften, weder ‘selbstverständlich’ noch überhaupt, dürfte zumindest zum Teil eine Folge des Unterdrückungssystems sein, dessen Teil die KZs waren. Und die Rechtsbeugung à la Freisler (Rückdatierung von Gesetzen u.ä.). Von denen jedermann wußte, und auch wissen sollte. Damit er wüßte, was ihm im Falle eines Falles blühte.

        Mag sein, daß sich Elemente und Merkmale der Nazi-KZs bis heute gehalten haben, das will ich nicht ausschließen, kann es aber auch nicht übersehen. Aber zu dem folgenden Satz möchte ich doch noch etwas sagen, auch wenn es sich wiederum um Widerspruch handelt: KZs sind nicht gleich Holocaust. Holocaust ist ein Wort, daß erst in der Folge einer adaptierten amerikanischen Fernsehserie in die deutsche Sprache Eingang fand. Es kam ganz passend, denn es erlaubte einem, daß, was vorher unnennbar war – “Judenmord” ging nicht so flott von den Lippen, und “die Sache mit den Juden” wirkte immer etwas verdruckst, oder “‘die Juden'” gar, das war die pure Hilflosigkeit oder aber bereits in Gärung übergegangene Schuldverlagerung – in einem bündigen Begriff zu kapseln und nicht mehr näher anzusehen. – Laß den Holocaust außen vor, bitte! Der Tenor deines Posts war ja, daß Du der Widerständler und politischen Häftlinge und Opfer Gerechtigkeit im Gedenken angedeihen lassen wolltest. Deren Ermordung ist ein Verbrechen, daß Du jederzeit mit gleichgelagerten Fällen irgendwo auf der Erde vergleichen kannst. Die Einzigartigkeit des Holocaust – hin oder her – hat damit nichts zu tun, denn politische Verfolgung ist nicht gleich Völkermord.

        Also vergleich die Nazi in der Hinsicht immer mit der griechischen Militärjunta. Oder mit Salazars Portugal. Oder mit wem immer du willst, es ist ja nicht so, daß wir in der Beziehung Mangel litten. Von mir aus auch mit den USA. – Aber vergiß bitte nicht, auch die Unterschiede zu benennen.

        Oder sei meiner Opposition versichert.

        Schönen Gruß
        Jan

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    • daMax sagt:

      Äh….

      zu 1) was ist der Unterschied zwischen einem Gegner und einem politischen Gegner? Siehste.

      zu 2) in Guantanamo sitzen auch keine Aliens ein. Was beweist das?

      zu 3) jaaaa okay, man darf dagegen demonstrieren. Noch. Trotzdem bleibt Guantanamo (und Abu Ghraib und die anderen Geheimlager in Osteuropa und sonstwo auf der Welt) ein MASSIVER Verstoß gegen die Menschenrechte.

      zu 5) WOT? Jetzt wirds immer abstruser. Ein Jude kann also Präsident werden. Schön. Abre was beweist das? Ein Muslim wird niemals Präsident der vereinigten Staaten werden. Bla.

      zu 6) oh ja, jetzt werden wieder Menschenleben gegeneinander aufgerechnet. Das machen sie bei der Musterung auch immer. Lustiges Spiel, leider TOTAL bekloppt und nicht der Rede wert.

      zu 7) das glaubst du selbst nicht, ne? Tolle Öffentlichkeit haben wir da. In Guantanamo werden MENSCHEN TOT GEFOLTERT; raffst du das nicht oder WILLST du das nicht raffen?

      zu 9) falsch. Es gibt diverse geheime Folterbasen der Amis. In Osteuropa ebenso wie in Pakistan, Saudi-Arabien, Jemen, you name it. Ich bin aber zu faul, dir dafür Links raus zu suchen, du würdest mir ja eh nicht glauben.

      Ach ich hab keinen Bock mehr. Schönes Leben noch.

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  5. daMax sagt:

    Du hast mitbekommen, was die Islambrüder dazu gerade rausgehauen haben?

    http://blog.fefe.de/?ts=aff6391c

    Bei der Gelegenheit kann ich auch mal wieder auf den tollen und beklemmenden Comic MAUS von Art Spiegelman hinweisen, denn auf den kann man nie genug hingewiesen haben.

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