Der geheime Geheimvertrag des Ausstiegs aus dem Ausstieg

Am 6.September 2010 unterschrieb die schwarz-gelbe Koalition ein von den Energiekonzernen vorbereitetes Papier, das eine Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken zwischen 8 – 12 Jahren vorsah. Für einen beherzten Griff in die Portokasse kauften sich die Energieversorger das Recht, sicherheitsrelevante Nachrüstungen auf eine „mittel- bis langfristig“ lange Bank schieben zu können. Zu den beschlossenen sicherheitstechnischen Sofortmaßnahmen reichten vorläufig ein neuer Anstrich der Gebäude und ein neuer Bildschirmhintergrund auf den Werbeseiten der Betreiber – vorzugsweise blühende Landschaften. Im selben Atemzug strich man die Investitionen für erneuerbare Energien kräftig zusammen und sorgte dafür, daß alle trotzdem anfallenden Kosten auf die Kunden abgewälzt wurden. Sie nennen das, glaube ich, eine „win-win“ Situation.

Wolfgang Renneberg, ehem. Abteilungsleiter Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium:Denn wenn das Wirklichkeit wird, was in diesen Dokumenten steht, dann verdienen diese Papiere nicht die Überschrift Nachrüstung. Das hier ist genau das Gegenteil. Es ist letztlich nichts weiter als ein Geschenk an die Betreiber, was dazu dient, ihnen wirklich richtig nachhaltige und teure Nachrüstungen, insbesondere für die alten Anlagen zu ersparen.“ ARD-Monitor 9.9.10 . Wie bekannt, wurde es wahr.

Nun ist also das passiert, was nur einmal in 100.000 Jahren passiert. Sechs Richtige für die Statistiker – ein Tritt in die Weichteile für die Anhänger der Laufzeitverlängerung. So sah die Öffentlichkeit eine Kanzlerin mit ihrem Außenminister bei der abschließenden Pressekonferenz, deutlich sichtbar betroffen geschminkt, und hörte die Satzbausteine, die in diesen Fällen vorgeschrieben sind. Es begann sinngemäß mit der Feststellung, daß es tatsächlich einen Störfall im Hochtechnologieland Japan gegeben hätte, der aber in Deutschland nicht vorkommen könnte, weil „unsere“ Atomanlagen sicher wären. Trotzdem könnte eventuell es nicht schaden vielleicht mal ein Auge darauf zu werfen.

Die Frage der Laufzeitverlängerung stand natürlich nicht zur Debatte. Vermutlich hatten ihr die Vertreter der Energiekonzerne zugetragen, daß man dieses Thema nicht auf der Agenda sehen wollten, da man sonst ihren Arsch dermaßen aufreißen würde, das ein Leopardpanzer darin wenden könnte und sie wolle doch nicht die nächsten Wahlen in den Sand setzen…

Damit auch dem Dümmsten klar wurde, worum es tatsächlich geht, gab es noch eine Wort-Emission Westerwelles, der klarstellte: „Jetzt sollten keine parteipolitischen Debatten im Vordergrund stehen.“ Das sollte vermutlich so klingen wie „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“, tat es aber nicht. Das könnte ihnen so passen: Erst fahren sie gemeinsam eine vernünftige Energiepolitik gegen die Wand und dann beginnt die kollektive Amnesie. Bei jeder Panne und jedem Unglück, das bekannt geworden ist, haben sie uns daß gleiche Theater präsentiert. Jedes Ereignis sei das Ergebnis von nicht vorhersehbaren Bedingungen und wie in seiner Form einzigartigen Rahmenbedingungen, könne so also nur an diesem speziellen Ort stattfinden. Das gilt nach dem Wortlaut aber auch für jeden Autounfall. Die Wahrheit ist sehr, sehr simpel. Die einen haben gesagt, das könnte niemals passieren, die anderen haben recht behalten.

Inzwischen holt die Wirklichkeit die Protagonisten ein: die Dinge sind außer Kontrolle. In der Tagesschau vom 12.3.11,14:57 gibt es ein Interview mit Prof. Alexander Lerchl, Mitglied der Strahlenschutzkommission des Bundestages, der resigniert feststellt, daß der größte anzunehmende Unfall wohl stattgefunden hat und – im Bildhintergrund der explodierende Kraftwerkblock – man sich darauf beschränken müsse, „daß der Austritt von Radioaktivität, mit welchen Mitteln auch immer, begrenzt wird.“ Natürlich sind diese Prognosen Aufgrund einer spärlichen Quellenlage entstanden, aber abgesehen von der Hoffnung, daß die Techniker die Katastrophe noch irgendwie in den Griff bekommen: Es ist ein Desaster, wie man es sich schlimmer kaum vorstellen kann. Eine Bankrotterklärung aller, die von menschenmöglicher Sicherheit von Atomkraftwerken fabulieren.

Das Wort, was uns in nächster Zeit nachhaltig die Laune verderben wird, lautet „Instrumentalisierung“. Perfide genug: Die menschlichen Schicksale, um die es geht, werden in den nächsten Wochen in der Berichterstattung über Börsennotierungen, Weltwirtschaft und Kernkraftdebatten überdeckt werden – zudem wird in einigen Bundesländern gewählt. Den Befürwortern von Kernkraft gehen die Argumente endgültig aus. Was liegt also näher, jede Diskussion über dieses Thema, was linken/grünen Parteien Zulauf sichern würde, mit der Keule „Instrumentalisierung der menschlichen Schicksale“ zu drohen?

Frau Merkel: Sie haben im Zusammenhang mit der Guttenberg-Affäre den Satz gebraucht: „Wir müssen uns nicht erklären lassen, was Anstand und Ehre sind“.

Ich werde es trotzdem einmal versuchen. Zu Ehre und Anstand gehört es unter anderem, einzusehen, daß man Fehler gemacht hat und jene korrigieren will. Ich weiß, das es Ihnen überraschend vorkommt, daß man Fehler nicht nur aussitzen oder ignorieren, sondern auch korrigieren kann, aber es entspricht nachweislich den Tatsachen. Im Grunde beruht unsere Kultur unter anderem darauf. Es steht ihnen also völlig frei, sich im Bundestag hinzustellen und zu sagen: „Ich habe mich von den Energieerzeugern billig über den Tisch ziehen lassen, habe den nichtigen Argumenten gekaufter Berater vertraut und inkompetente Minister mit der Bearbeitung des Themas betraut. ICH WAR EIN TROTTEL! Aber es ist noch nicht zu spät: Wir rollen das Thema noch einmal ganz von Vorne auf und werden uns bei der Gelegenheit gleich mit dem Problem der Endlagerung ausnahmsweise einmal ernsthaft auseinandersetzen“. (Text nur als Rohfassung gedacht)

Frau Merkel, sie werden sehen, daß es ganz einfach ist, es wird Ihnen danach erheblich besser gehen wird und Sie werden als Nebeneffekt in den Geschichtsbüchern als „Angela Merkel, die diesen Unsinn beendet hat“ und nicht als „ach – das Merkel!“ auftauchen. Ist doch auch ganz nett, oder? Na los: Springen Sie über den Schatten ihres Hosenanzuges und legen Sie los!

Den Segen dazu gibt ihnen

das Pantoufle

P.S. Ist Optimismus eigentlich ein tumorartige Veränderung von Zynismus?

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