Das Supergrundrecht, Unsinn zu reden

Was verbindet SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi und Hans-Peter »Schredder« Friedrich? – abgesehen von der Freiheit, Unsinn zu reden.

Außer brennenden Fähren und spurlos verschwindenden Verkehrsflugzeugen tut sich nichts und unter dem Weihnachtsbaum haben so einige ja ganz verrückten Ideen. Der ehemalige Bundesinnenminister und jetzige »irgend was mit Europa«-Koordinator der CSU spinnt leise dräuend vor sich hin: Merkels »Linksruck« mache AFD und Pegida erst möglich. »Hätten Sie mich vor ein paar Jahren gefragt, hätte ich gesagt: Wir putzen die weg, indem wir ihnen die Themen wegnehmen.« Wie er sich das konkret vorstellt, sagt er zwar nicht, aber was er im Laufe seiner Karriere vor laufenden Mikrophonen von sich gab, gibt wenigstens einen Hinweis.

Um den angeblichen Missbrauch von Sozialleistungen von Einwanderern zu unterbinden, meinte der Ex-Minister »[…] daß wir ihnen eine Einreisesperre für eine bestimmte Zeit auferlegen, damit sie am nächsten Tag nicht wiederkommen können.«
Der »Haßprediger« H.P. Friedrich (Bernd Riexinger, die Linke) war stets der erste im Aufspüren »gefährlicher Islamisten«.
Die wegen ihrer methodischen Schwächen kritisierte Studie »Lebenswelten junger Muslime in Deutschland« gab er vor allen anderen der Bild-Zeitung zur Analyse und einseitigen Darstellung: »Schockstudie – jeder fünfte Muslim will sich nicht integrieren lassen!« Der Islam gehöre nun einmal nicht zu Deutschland – eine von Friedrichs unzähligen Phobien, die zu Boykott-Aufrufen der Islamkonferenz führte oder zu Werbefeldzügen mit kindischen Postkarten gegen Extremismus – vorzugsweise in Stadtvierteln mit Opfern des NSU.

All das ist schon ziemlich Pegida – da hätte der Mob in Dresden arge Mühe, sich rechts vorbeizudrängeln. Es wäre interessant zu erfahren, wie sich Friedrich eine Steigerung vorstellt und warum »[…] wir in der Vergangenheit mit der Frage nach der Identität unseres Volkes und unserer Nation zu leichtfertig umgegangen sind.«
Seine Rolle als Law and Order – Innenminister gab Friedrich bis zur Lächerlichkeit und darüber hinaus, geschasst wurde er wegen seiner völligen Unfähigkeit, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden. Nicht zum ersten Male, aber spätestens nach seinen Tölpeleien während der Snowden – Affäre war der Minister ohne Anstand unhaltbar geworden; Jahre zu spät.
Wie H.P. Friedrich die rechts-außen-Ecke der Union stärken will – ob mit Herdprämien, Wahlzwang, geschlechtergetrennten Gymnasien und Hochschulen oder was auch immer – sagt er nicht. Daß er sich die Aussagen von AFD und Pegida unter konservativem Dach wünscht, sagt viel über das offenbar stark angegriffene Selbstverständnis des Konservatismus aus. Wenig aber über die Verlorenheit derjenigen, die sich bei den Parteiautomaten und verlogenen Wahlen nicht wiederfinden.

Yasmin Fahimi ist nun enttäuscht von einer durchschnittlichen Wahlbeteiligung von ca. 50% und würde – ginge es nach ihr – den Wahltag auf eine Woche ausdehnen. Vermutlich mit Schießbuden, Bratwurst und öffentlicher Ziehung der Lottozahlen mit anschließender Stimmenabgabe.
Die Begeisterung auf diesen Vorschlag war nicht ganz so einhellig wie erwartet. Einwände kamen von vielen Seiten – eine sehr hübsche vom Tagesspiegel:

»Wenn Frau Fahimi etwas für die Akzeptanz des politischen Systems tun möchte, sollte sie aufhören, diese gestanzte, auswendig gelernte Politikautomaten-Zombiesprache zu verwenden, wie man sie gerade von ihr häufig hört. Nicht wenige unserer Politiker klingen inzwischen so faszinierend wie Erich Honecker, ich meine damit den Stil, nicht die Inhalte. Werden Sie halt ein Mensch aus Fleisch und Blut, Frau Fahimi. Gehen Sie ins Risiko, sagen Sie etwas Überraschendes. Sagen Sie zum Beispiel: „Dazu habe ich noch keine fertige Meinung”.«

Sicherlich eines der Mittel, zur Verbesserung der Wahlmüdigkeit beizutragen. Es ist eben nicht wie Fahimi behauptet die Faulheit, die den Wähler vom Gang zur Urne abhält, sondern eine explosive Mischung zwischen Ablehnung des zur Verfügung stehenden Wahlmaterials und dem, was es aus diesem Land gemacht hat.

Es waren nicht die 300 Meter bis zur nächsten Wahlkabine, sondern Politiker wie Hans-Peter Friedrich, die genügend Menschen davon abhielten, diese Mischpoche noch zu wählen. Wenigstens genug, daß selbst diejenigen das zur Kenntnis nehmen, die von dem Volk, das sie regieren sollen, nur aus der Tagesschau Kenntnis haben. Wenn überhaupt. Wenn Fahimi die Macht der Nichtwähler zaghaft zur Kenntnis nimmt, besteht ja noch Hoffnung; auch wenn denen erst einmal Faulheit unterstellt wird.

Die Idee der SPD-Generalsekretärin ist also noch nicht ganz gestorben. Sie ist ausbaubar: »Wenn Ihr alle zu unserer Wahlwoche ab nächsten Montag kommt, versprechen wir Euch Bratwürste, Freibier, vegetarisches Döner und daß wir kein hintergrundloses Gestammel auf Euch niederprasseln lassen! Außerdem gibt es keine Politiker wie H.P. Friedrich, A. Merkel, [unglaublich lange Liste. Der Säzzer] zu wählen, sondern wir haben für Euch ein paar engagierte Spezialisten ausgesucht. Martin Sonneborn hat sich freundlicherweise bereitgefunden, das Amt des Bundespräsidenten – solange er Lust dazu hat – zu übernehmen.«

Mit diesem Supergrundrecht, Unsinn zu reden, all meinen Lesern einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Schlechter Verlierer

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0 Kommentare zu Das Supergrundrecht, Unsinn zu reden

  1. Duderich sagt:

    Nun, die Griechen haben gewählt – aber mit dem ‘falschen’ (sic) Ergebnis.

    Nachzulesen hier:
    http://aufzeichnungen-eines-gutmenschen.blogspot.de/2014/12/linksradikale-armutsbekampfung.html

    [Entschuldige die Eigenwerbung]

    Wünsche Dir einen (nicht auf Glatteis basierenden) guten Rutsch!

    Grüße, Dude

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  2. waswegmuss sagt:

    Der Knappe Friederich….

    Ja, das alljährliche CSU-Großereignis nähert sich mit Riesenschritten. FJS, nur FJS ließ dorten jedes Jahr eine Bombe hochgehen. Damals waren es noch Bomben mit Feuer, Schwefel und viel Rauch. Die stoibersche Entmachtungsinszenierung wurde dorten vorgetragen – es hat halt etwas gedauert mit der Entmachtung weil keiner in Wirtschaft dieses Sieb wollte. So durfte er dann bei Europa zwischen drei Vorschlägen von Consultingfirmen auswählen und das wurde dann als seine Leistung verkaffeefahrt.
    Nun steht die öffentliche Klausurtagung im Wildbad Kreuth wieder vor den drei Königen und die S(ch)auringer reden sich schon mal warm.
    Nur der “Kann-das-Wasser-nicht-halten-Friederich” prescht schon mal vor. Er scheint die tiefe Schlucht für sich gepachtet zu haben.
    Jetzt noch etwas Kultur, diesmal ersonnen vom bayerischen Staatsanarchisten auf Ewigkeit – Karl Valentin:

    Ging ein Ritter mal auf Reisen,
    Legt’ er seine Frau in Eisen,
    Doch der Knappe Friederich,
    Der hatte einen Diederich.
    Ja, so warn’s, ja so warn’s,
    ja, so warn’s die alten Rittersleut’.
    Ja, so warn’s, ja so warn’s,
    die alten Rittersleut’.

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    • waswegmuss sagt:

      Edit: verkaffeefahrtet.

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    • pantoufle sagt:

      Valentin und Friedrich… eigentlich gar kein schlechter Vergleich. Vermutlich hält sich jede Zeit ihre eigenen Clowns. Bei Friedrich muß es unter anderem sein ceterum censeo »…und deswegen brauchen wir die Vorratsdatenspeicherung!« gewesen sein, wenn wieder jemand bei Rot über die Ampel ging.
      Allerdings würde ich das Flachland der Trivialität nicht als Schlucht, sondern eher als Feuchtgebiet bezeichnen.

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  3. Pingback: As Time Goes By (1) | kreuzberg süd-ost

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