18 Jahre

Triumph

Ah, er wohnt noch hier! Bei welchem Bewohner kann man das schon so treffsicher sagen, es sei denn, es handelt sich um einen unheilbaren Messie. Pantoufle ist hinter das Haus gerollt und schaltet den Motor ab. Der Herr des Hauses steht auf dem Hof, Bermuda-Shorts und Wolljacke: »Pantoufle???« Mit drei Fragezeichen. »Nee, nich?« 15 Jahre her oder sind es 18? Aber das läßt sich sicherlich im Laufe des Tages klären.

Gut sieht er aus. Der Bart ist nun endgültig weiß wie auch die stoppelkurzen Haare, Bauch – aber den hatte er eigentlich immer schon – und nur ein paar Falten im Gesicht sind dazugekommen. An den richtigen Stellen. Na ja, so schwer war das nun nicht mit den äußerlichen Lebenszeichen des alten Kumpels; des sehr alten Kumpels! Da steht immer noch der alte Deutz-Trecker und der alte Benz. Typ L323, Kurzhauber. Irgendwann hatte der dem Roten Kreuz oder THW gedient, jetzt restauriert und fit gemacht für den Tag danach, den nach der Apokalypse.

An die Wand gelehnt das Gehäuse einer Rakete. Mannshoch und in liebevoller Arbeit geschweißt: So sollte eine Rakete aussehen! Nicht so schmal und mickerig wie die anderen, sondern ordentlich dick damit auch ordentlich Sprengstoff reingeht. Oder Treibstoff – na ja: Eine echte Rakete eben sehr zur Freude der Kinder der Nachbarschaft und (etwas weniger) deren Eltern. Keine Zäune und kein Schild an der Tür. Aber eine Rakete, damit jedermann klar ist, wer hier wohnt.

Das Wiedersehen der alten Männer. »Daß Du aber auch…«. »Und Du erst!« »Fahren tust Du also immer noch. Wie heißt sie denn?«. Steht doch an der Verkleidung! »Diese hier heißt Teilchenbeschleuniger.« Teilchenbeschleuniger paßt vom Aussehen her gut zum behutsam modifizierten VW-Polo auf dem Rasen im augenschmeichelndem Endzeit-Look. »Geile Lackierung! Dose oder Rolle?« »Rolle natürlich! Man muß ja auch an die Umwelt denken, heutzutage!« Als Extrem-Mülltrenner hatte ich ihn eigentlich weniger in Erinnerung. Es gluckst und die Falten um die Augen werden tiefer. Für einen Polo sieht das Gefährt recht aufregend aus und auch die Munitionskisten an Pantoufles Teilchenbeschleuniger wissen zu gefallen. »Dose! Das geht schneller nach dem Winter statt putzen.«

OSL

»Wolln wa gleich in die Werkstatt?«

Dort haben wir damals zusammen ohnehin die meiste Zeit verbracht, auf dem alten Fabrikgelände in der großen Stadt. Seine neue Werkstatt dagegen… oh Mann, ist das ordentlich hier – da kann man sich noch mehrere Scheiben von abschneiden! Noch ein Benz, selbes Modell wie auf dem Hof und teilzerlegt. Er hat zwei Söhne und der Tag danach wird kommen.

An die Wand gelehnt sein Melder-Krad. Triumph BDG, ohne Hinterradfederung, vorne Parallelogramm, also vor 1952. Erstklassig restauriert und in den Modefarben der Saison lackiert. Panzergrau, deutsch, RLM 66 (RAL7017). Sein Ältester hat auch eines »Bei der zweiten Restaurierung wird ja immer alles ein klein wenig besser.« Letzte Jahr ging es zum Triumph-Treffen, 750km ohne Federung, nur die groben Stollenreifen und etwa 12PS. Dagegen verblassen moderne Extremsportarten zu Pausen-Gymnastik.

Halb verborgen hinter dem Mercedes-LKW das Langzeitprojekt, an dessen Anfänge ich mich noch dunkel entsinne: Die NSU 501 OSL als wettbewerbstaugliche Straßenrennmaschine. Hubraumvergrößerung, höhere Verdichtung, Rennkerzen, Spezialbenzin – was man eben so macht. (Ja, das ist genau die, von der ich vor Urzeiten mal schrieb) Was geblieben ist, ist »Maschine«; mangels Gegner wird sie wohl allein um Punkte und das oberste Treppchen kämpfen. Ihre Gegner sind ausgestorben. Verschrottet auf die eine oder andere Weise, im Museum oder in den Händen privater Sammler, die niemals schmutzige Fingernägel haben. Wieso habe ich die jetzt schon wieder? Ich hab doch gar nichts angefasst? Oder bestenfalls vorsichtig berührt; unten am Kurbelgehäuse, ob’s tropft oder wie er den Doppelport der OSL zu einem einzigen umgebaut hat. Strömungsoptimiert natürlich. »Das wurde ja früher gerne gegeben wegen der zwei Pötte, ist aber nach heutigen Erkenntnissen eher kontraproduktiv. Die Gase gehen nämlich beim Auslass… und die Saugwirkung! « Was ist eine Maschine, die man nicht begreifen kann? Und dann bekommt man eben schmutzige Finger.

Keine Gegner mehr, konkurrenzlos sozusagen! Oder glaubt irgend jemand im Ernst, pickelgesichtige Jüngelchen mit ihren plastikverkleideten Freizeit-Apparaten hätten den Hauch einer Chance gegen diesen Maschinenbau? Jedenfalls, nachdem der Motor warmgefahren ist und die Rennkerzen reingeschraubt wurden?

Anschieben und dem Klang lauschen ist leider gerade nicht. Der Rahmen hat eine neue Schwingenaufnahme bekommen. Größerer Durchmesser mit mehr Platz für die Edel-Nadellager und die neue Achse aus feinstem Stahl; selbstgedreht auf heimischer Drehbank, versteht sich! Für noch mehr Stabilität und höhere Kurvengeschwindigkeiten. Konkurrenzlos.

Da liegt er nun auf das Vorbereitetste und wartet auf seine Einbrennlackierung. Solange muß es die BMW mit ihren angsterzeugenden Dosen-Deckelbremsen tun. »Ich halte ja immer viel Sicherheitsabstand! Aber diese bescheuerten Autofahrer! Überholen, ziehen kurz vorm Vorderrad rein…« Jeder Motorradfahrer kennt das.

Teilchenbeschleuniger ist ja auch schon neue Generation und zählt eigentlich gar nicht. Aber es ist ja so entsetzlich praktisch!

»Das wir uns endlich mal wieder…!« Ja, und das nächste Mal werden es keine 18 Jahre werden. Es gibt sie noch. Ihn und das Melder-Krad, die Motoren und den Stahl (»mach es groß! Dann hält es länger!«). Die Zeit, die uns noch bleibt und den Rest des Benzins sollten wir mit richtigen Maschinen verbringen und im Kreis der weißhaarigen Helden von damals.

Schmierplan

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Ein Kommentar zu 18 Jahre

  1. Thelonious sagt:

    Och, wie schön. Wohl dem, der so ein Projekt herumliegen hat. Das gibt doppelt und dreifach Spaß. Ein Freund von mir ist gerade dabei, seinen T2 wieder auf Vordermann zu bringen. Zusammen bauen wir einen neuen Boden ein und ein Hochdach. Glanzstück wird jedoch der Motorwechsel sein. Aus dem Iran haben wir tatsächlich einen fabrikneuen OM 314 mit Turboaufladung bekommen. Zusammen mit den größeren Rädern und den länger übersetzten Getriebe sollte dann eine Höchstgeschwindigkeit von etwa 115 km/h drin sein.

    Im Moment liegt das Maschinchen noch wohlbehütet in einer Kiste mit viel Schaumstoff drin. Aber wenn wir dann unser Feierabendbierchen trinken, linsen wir gerne hinein und freuen uns auf die Jungfernfahrt. Das dauert noch ein wenig. Aber wir haben ja Zeit.

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