Das Pferd

Photo by Tina Ronge, S-team-art.de *

Mit dem Flixbus zur Weide? Nein, soweit geht die Liebe nicht. Stundenlang mit einer Pomeranze die Bank teilen, die nach einer Viertelstunde ihr Butterbrot auspackt. Eine Tomate dazu oder eine Gurke. Spreewald. Bestimmt würde sie anfangen zu sprechen. Erst darüber, was sie zu Hause alles vergessen hat, wie sehr sie es schon jetzt vermisst und damit würde sie bis zum Ziel der Reise nicht aufhören. Schlimmer noch: Sie würde zu mir sprechen. Ich aber will nichts mehr sagen.
Busse, Eisenbahnen und ähnliches leiden unter dem Mangel, daß man nicht selber reist, sondern gereist wird. Mit allem Übel, was damit zusammenhängt: Man kann nicht trinken wenn man durstig ist, nicht essen oder nur einfach nur alleine an der Straße stehen und irgendwohin blicken. Von dort komme ich ich und – sich langsam umdrehend – in dieser Richtung befindet sich irgendwo mein Ziel. Keine Art zu reisen, so gereist zu werden.

Leicht war es mir ohnehin nicht gefallen, mein Heim aufzugeben. Also verreise ich nicht – ich reise. An einen Ort den, ich nicht kenne, zu Menschen, von denen ich nur einen Nebel von Ahnungen haben wer sie sein könnten. Allein deswegen ist es besser, alleine zu fahren um sich dem Ernst der Reise besser hingeben zu können.
Aus einer Laune kam es, daß ich mich dazu entschloß, mein Leben und den Beruf hinter verhangenen Fenstern und verriegelten Türen zu lassen. Ob das Telephon wohl gerade in diesem Augenblick klingelt? Man weiß ja nie. Es liegt auf dem Tisch und dann wiederum auf dem Brief mit einer Einladung, dem Grund der Reise. Wer immer an das klingelnde Telephon gehen mag und den Anruf annimmt…»nein, er ist nicht da, weiß nicht… nein« und dann die kurze Notiz findet, mag sich so seinen Reim darauf machen. Sie brauchen ja immer irgend eine Erklärung. Die Rubrik der Morgenzeitung »Suche Arbeitslosen – biete Arbeit« der Morgenzeitung war nicht nur viertelseitig, sondern ausgesprochen unattraktiv. Grund genug.

Pension Alberdina, oder ein Gartenhaus? Das Gute an Motorrädern ist unter anderem, daß sie ihren Weg schon finden. Wie Hunde, die im Zickzack ihre Weg erschnüffeln oder Katzen, die mit ihrer inneren Uhr die Zeit der Fütterung kennen. Die Sonne wird noch hell scheinen, früher Nachmittag, aber keine Uhrzeit wenn ich ankomme.
Eine oszillierende Strömungsmaschine auf der linken Seite der Autobahn. Es gibt nicht viel, auf das man sich verlassen kann – die Naturgesetze aber gehören dazu. Als Pferdemechaniker bei Tiker, Dame und Annika – Poetry Slam lebenslänglich? Auch eigenartige Ideen verdienen es in Angriff genommen zu werden. Aus dem familienfreundlichen Kastenwagen vor mir winken Kinder, er hat bestimmt Hybridantrieb und Fahrräder auf die Rückseite geschraubt. Ab Werk und nicht entfernbar, diebstahlsicher. An ihm kommt man nur rechts vorbei. Er will mir damit etwas zu verstehen geben, das ich nicht verstehe. Ein wunderbares Wetter – so richtig zum Helden zeugen. Als ich auf Höhe des Kastenwagens bin, beginnt er ebenfalls nach rechts zu ziehen. Wieder etwas, was ich nicht verstehe. Warum einige Motorradfahrer auf ihrem Weg Musik hören müssen ebenfalls  nicht. Noch etwa 12 Liter Benzin zwischen meinen Beinen. Ist der Tank vollständig gefüllt, ist es immer so schön kühl an den Schenkeln. Was Alberdina wohl ist?
»Obenöl, der Herr?« Aus meiner Sammlung gedruckter Kuriositäten erinnere ich mich an einen Ratgeber für den Automobilisten der 50er Jahre. Die Frage wurde gelegentlich vom Tankwart (Menschen, die auf Tankstellen gegen ein Trinkgeld die Fahrzeuge betankten) gestellt. Man kippte einen Schuß Motoröl auf das Benzin. Es sollte dem Rostschutz des Tanks dienen. Es ist genau wie Tankwärter aus der Mode gekommen. Es gibt auch kein Trinkgeld mehr.
Es denkt sich so hübsch bei laufendem Motor.

Ein Schwenk zum blauen Schild, kurzes Anbremsen und ein wenig hänge ich mich heraus, weil die Kurve der Ausfahrt sich schnell zusammenzieht bis zur Ampel.

Die Verwirrung der ersten Minuten, weil der Weg nicht nur mehr geradeaus ging und die Freude über das Flüßchen an dem ich entlang fuhr. Schlaglöchern begegnet man am besten mit dem Fleischerhundanteil seiner Seele. Was wohl Aberdina…?

Die Straße endete recht abrupt auf einem kleinen Platz neben einem Bootsanleger. Ein kleiner Binnenschlepper lag dort vertäut und das offenbar schon recht lange. Wunderbare Zeichen der Verwahrlosung, wie sie nur Schiffe an sich haben konnten. Der Geruch von nassem Tauwerk, Rost und stumpfe Fensterscheiben, ein Blumenkübel mit braunen Stengeln, ein altes Fahrrad auf dem langen Heck. Schleppgeschirr und die anderen Gerätschaften eines Schleppers hatte man offenbar schon vor langer Zeit entfernt. Ein Rettungsring immerhin, der Schornstein mit einem gelben Band und einer schwarzen Gösch. Am Bug stand, oft übermalt und etwas aus der Form geraten sein Name: Alberdina. Meine Pension, ich hatte mein Heim gefunden.
»Wir sind übermorgen wieder da, Pferde kaufen, Hafer und Hufeisen, Liebe Grüße, T-Punkt. Den Schlüssel für die Alberdina wirst Du schon finden.«
Ich entfernte sorgfältig den Zettel von der Tür des Steuerhauses und öffnete sie. Der Schlüssel steckte wie vermutet im Schloß auf der Innenseite.

Alle nautischen Einrichtungsgegenstände waren bis auf das nötigste entfernt worden. Dafür gab es einen Gaskocher und auf dem kleinen Tisch in der Mitte stand eine Schale mit Obst, unter der ein weiterer Zettel lag.
»Hoffentlich magst Du es hier. Bestimmt magst Du es!«
Ja, ich mochte es. Sehr sogar. Der Niedergang neben der improvisierten Küchenanrichte führte geradeaus zum kleinen Maschinenraum und seinem Deutz-Diesel. Für weitere Entdeckungen lag genügend Werkzeug in ein paar Kisten an der Bordwand. Die Back enthielt eine gemütliche Koje mit frisch bezogener Decke und Kopfkissen, einen Tisch und zwei Stühle. Von den Dingen, die man zum Leben benötigte, fehlte nichts. Sogar Gardinen gab es vor den großen, runden Bullaugen, sorgfältig nach links und rechts zurückgebunden. Nachdem ich mein Gepäck verstreut hatte, sah es bereits so aus, als hätte ich seit Wochen hier gewohnt.

Das wenig Fehlende fand sich in meinen Habseligkeiten. Der Riesling vom Robert Weil aus dem Rheingau und ein Feuerzeug für den Ofen, wenn es in der Nacht oder bei unfreundlichem Wetter kühler sein sollte. Erst einmal aber wollte ich mich nach diesem herzlichen Willkommen dem widmen, was der eigentliche Grund für meine Reise gewesen war. Mein neues Leben als Pferdemechaniker bei Tikerscherk, Annika und einer mir noch unbekannten Dame.

Man unterschätze nicht den Aufwand, sich von grundauf in eine vollkommen neue Materie einzuarbeiten! Auch wenn das Pferd im Gegensatz zu einer FJ1200 wenig geeignet ist, auf der linke Seite der Autobahn erfolgreich mitzumischen, folgt es doch den Regeln der Natur, die wollen beachtet werden wollen. Darum hatte ich mich mit vorsorglich mit Grundlagenliteratur eingedeckt, die umfassend über die mechanischen, elektrischen und quantenphysikalischen Vorgänge des Pferdes informierten. Didaktisch behutsam aufbereiteter Lehrstoff für lange Abende auf einem alten Schlepper.

»Ein Pferd galoppiere beschleunigt (a = 3 m/s^2) auf ein anderes, stehendes Pferd aus bestimmter Entfernung zu (v0 = 0 m/s). Bei dem auftretenden unelastischen Stoß werden 90% der kinetischen Energie in Verformungsarbeit umgesetzt. Konstante: P(Pferd) = 400 kg. Berechne die Verformungsarbeit in Abhängigkeit vom Anlaufweg s und stelle den Zusammenhang grafisch dar.«

Aufgaben aus der Praxis für die Praxis! Meine Zuversicht stieg. Auch die folgende Aufgabe war mit Hilfe eines Rechenschiebers rasch gelöst:

»Ein Pferd beiße in den elektrisch geladenen Weidezaun (U = 70 V). Ein Strommeßgerät registriert durch das Pferd einen Strom von I = 1.25A. Um wieviel Fahrenheit erwärmt sich das Pferd bei einer Verfahrensdauer von 100 sek? Betrachte den Widerstand des Tieres als rein ohmsche Last.«

Die nächsten Fragen dagegen waren bereits kniffeliger.

»Schrödingers Pferd: Ein Mensch sperrt ein Pferd in einen Atombunker, aus dem keine Information nach außen dringt. Für den Beobachter ist das Pferd dann quantentheoretisch sowohl tot als auch lebendig.
1.) Erkläre den scheinbaren Widerspruch.
2.) Könnte sich das Pferd aus dem Atombunker tunneln?«

So verging die Zeit, die Sonne erleuchtete eine entfernte Weide, bevor sie endgültig hinter ihr unterging und ich grübelte über einer der letzten Aufgaben, die sich als schwieriger als erwartet erwies.

»Berechne die De-Broglie-Wellenlänge eines Pferdes, das mit v = 10 m/s auf der Weide galoppiert. Das Betragsquadrat der Welle beschreibt dabei, mit welcher Wahrscheinlichkeit sich Teilchen zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort befinden.
1.) Bis zur welchen Größenordnungen könnte man mit dieser Welle in der Mikroskopie Strukturen auflösen?
2.) Wieso benutzt man in der Strukturforschung keine Pferde?«

Ich war müde geworden, nahm noch einen letzten Schluck Wein, nicht ohne vorher einen letzten Satz aus dem dicken Lehrbuch mit in die Koje zu nehmen: »Bei einer Widerristhöhe zwischen 1,4m – 1,8m ist die Gravitation keine Vermutung, sondern ein Gesetz!« Formeln und Diagramme schwirrten in meinem Kopf, als ich mir die Decke über den Kopf zog. Aber ich konnte sicher sein, wenigstens theoretisch auf meinen ersten Tag als Pferdemechaniker vorbereitet zu sein!

tbc

* ) Das wunderbare Photo im Header hat Tina Ronge gemacht und es ist auf der großartigen Seite  S-team-Art.de zu sehen, wo noch ganz viele genau so schöne Bilder zu sehen sind.

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2 Kommentare zu Das Pferd

  1. Annika sagt:

    Herrlich! Ich warte gespannt auf die Fortsetzung, du Hochbegabter!

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